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Verlegung von Stolpersteinen in Krefeld

"Der Stein auch denen gewidmet, die sich dem System widersetzt haben"

Verlegung von neun neuen Stolpersteinen im November in Krefeld. In der Stephanstraße erinnerten Schülerinnen und Schüler des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums in Fischeln an Johannes Böckling. Hier ihre Texte.

Schülerinnen und Schüler bei der Verlegung des Stolpersteins durch Gunter Demnig. Foto: Bettina Furchheim LupeSchülerinnen und Schüler bei der Verlegung des Stolpersteins durch Gunter Demnig. Foto: Bettina Furchheim

Johannes Böckling wurde als Widerstandskämpfer wegen „Hochverrat“ 1937 verhaftet und verstarb 1943 in Haft. Der Stein wurde von Familienangehörigen gespendet. Der Neffe von Johannes Böckling dankte den Jugendlichen und betonte: "Es wollten damals nicht alle in die Hitlerjugend. Der Stein ist auch allen denjenigen gewidmet, den 30 Prozent in Krefeld, die sich dem System widersetzt haben."

Dies ist der Beitrag, den die Schüler*innen des Geschichts-LKs (QII) während der Verlegung des Stolperstein durch den Künstler Gunter Demnig präsentiert haben:

Die Biographie

Johannes Böckling wurde am 16.6.1906 in Krefeld geboren und wohnte mit seiner Familie in einem Haus auf der Gerberstraße 30.Nach einem Aufenthalt in München kehrte er 1931 zurück nach Krefeld und wollte sich dort engagieren. Dazu trat er der katholischen Pfadfinderschaft Westmark bei.

Aufgrund seiner tiefen Verwurzelung im katholischen Glauben wollte Johannes Böckling nicht, dass Gruppen wie die Pfadfinderschaft verboten werden. Die Pfadfinderschaft musste sich aber letztendlich auflösen und wurde in die HJ überführt. Es bildete sich insgeheim eine Widerstandsgruppe, in der Kommunisten, Sozialisten, Nationalisten und gläubige Katholiken vertreten waren. Sie alle hatten eine Gemeinsamkeit: Sie waren gemeinsam gegen Hitler und für die Freiheit Zudem wollten sie die Folgen der Nazi-Herrschaft darlegen und aktiven Widerstand leisten.

Der Widerstandsgruppe wurde vorgeworfen, ein Attentat geplant zu haben, bei dem Hitler anlässlich der Eröffnung der Krefelder Rheinbrücke ermordet werden sollte. Hitler selbst erschien an diesem Tag jedoch nicht. Er ließ sich durch Goebbels vertreten.
Die NS-Regierung nahm diesen Vorwurf als Vorwand, um ein hartes Urteil gegen Johannes Böckling zu fällen.

Bei einem Treffen mit dem Holländer Hillmar Aalders, im Jahr 1935, wurde Johannes Böckling verraten und verhaftet. Er kam ins Gerichtsgefängnis in Düsseldorf. Da er eine Führungsposition innerhalb der Widerstandsgruppe hatte, gehörte er zu den Hauptangeklagten. Die Anklage lautete ,,Vorbereitung zum Hoch- und Landesverrat“. Auf Grund der Anklage und des Vorwurfs, ein Attentat geplant zu haben, war für Böckling die Todesstrafe vorgesehen. Dr. Ebeling, ebenfalls eine Führungsperson innerhalb der Gruppe, organisierte große Protestkampagnen in Belgien, Großbritannien und den Niederlanden, die zur Untersuchung des Prozesses durch die britische Regierung führten. Dadurch kam es zu einer Abänderung der Strafe Böcklings. Anstelle zur Todesstrafe wurde er zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.


Während der Verhöre wurde der Häftling Johannes Böckling ausgefragt und wann immer seine Antworten nicht zufriedenstellend waren, fielen die SS-Leute über ihn her.
Sie entblößten ihn, fesselten seine Hände, zogen ihm ein Handtuch über den Mund und machten es hinten an seinem Nacken fest. Die Vorderseite seines Körpers wurde über die Tischkante gezogen, woraufhin die SS-Leute ihn schlugen und mit einer großen Dompteurpeitsche auspeitschten, bis er vor Schmerz ohnmächtig wurde. Dann wurde der Häftling mit eiskaltem Wasser übergossen, damit er wieder zu sich kam und der Vorgang wiederholt werden konnte. Im Januar 1943 verstarb Johannes Böckling im Zuchthaus in Folge schwerster Misshandlungen und Hunger.

Wir befinden uns hier, an der Stephanstr. 62, da er hier mit seiner Ehefrau gelebt hat. Eine Dame, die ebenfalls ein Mitglied dieser Widerstandsgruppe war und ihre Wohnung bedenkenlos für Treffen der Gruppe zur Verfügung gestellt hat.


Respekt und Anerkennung

Die Tatsache, dass Johannes Böckling sich immer für seine Vorstellungen und Überzeugungen und ebenso für seine Kameraden einsetzte, sorgt für großen Respekt meinerseits. Er flüchtete nicht aus Deutschland und ließ die Anhänger des Widerstands nicht im Stich, sondern setzte sich für sie ein und unterstützte sie auch weiterhin. Im Zuchthaus blieb er bis zum Schluss bei seiner Überzeugung, dass man gegen Hitler vorgehen müsse, und ließ sich nicht beeinflussen. Hans Böckling hat meine vollste Anerkennung dafür, dass er sein Leben für etwas geopfert hat, was von Beginn an aussichtslos schien. Er protestierte gegen den Eintritt in die Hitler-Jugend, sorgte für die Verteilung von aufklärenden Printmedien und nahm eine Führungsposition im Widerstand ein. Ich kann mir nicht vorstellen, welche Befürchtungen er gehabt haben muss, denn bei jeder einzelnen Tat, bei jedem einzelnen Versuch war die Chance groß, verhaftet und zum Tode verurteilt zu werden. Hans Böcklings Geschichte zeigt uns, dass wir für unsere Sache einstehen sollten, unsere Überzeugung kundtun sollten, uns politisch interessieren und engagieren sollten. Er sorgte dafür, dass vielen Menschen die Augen für die Wahrheit geöffnet wurden und dass sie ebenfalls versuchten, etwas gegen die Nationalsozialisten zu tun. Er gab ihnen Hoffnung und Mut in aussichtslosen Zeiten.

Stolperstein für Johannes Böckling. Foto: Bettina Furchheim LupeStolperstein für Johannes Böckling. Foto: Bettina Furchheim

Was ist Freiheit?

Freiheit ein Zustand, in dem man die Möglichkeit hat zu tun und zu lassen, was man will, innerhalb der von der menschlichen Gesellschaft erarbeiteten Rahmenbedingungen.
Die Menschheit hat in den letzten 200 Jahren viel erlebt und auch viel gelernt. Wir wissen, welche Handlungen wozu führen, und deswegen wissen wir auch, welche Handlungen unterbunden werden müssen. Man hat einen Konsens im Sinne des friedlichen Miteinanders gefunden. Deswegen kann man es z.B. auch nicht als Beschneidung der Freiheit sehen, wenn fremdenfeindliche Kommentare in sozialen Medien gelöscht werden. Erschreckend ist, dass es Menschen gibt, die dieses von der Gesellschaft entschieden abgestoßene Gedankengut wieder vertreten, und sich dann in ihrer Freiheit beraubt fühlen, wenn man es unterdrückt. Die Redewendung "History will teach us nothing" scheint sich ein weiteres Mal zu bewahrheiten.

Was ich an der Geschichte von Hans Böckling, um wieder auf ihn zurückzukommen, so spannend fand bzw. finde, ist, dass zu diesem Zeitpunkt seines Widerstands für ihn die Freiheit im Prinzip der wichtigste Wert war, den es zu schützen galt. Er hat gemerkt, dass durch die Nationalsozialisten seine personelle Freiheit eingeschränkt wird, indem bspw. Pfadfindervereine mit der HJ gleichgeschaltet werden sollten. Ihm war seine und anderer Freiheit so wichtig, dass er sich mit Menschen völlig unterschiedlicher politischen Ausrichtungen zusammen tat. Mit Kommunisten, Sozialisten, Nationalisten und Katholiken haben sie versucht, sich gemeinsam den Nationalsozialisten zu widersetzen. Im Jetzt haben sie sich vereint und für einen Moment die Vergangenheit und die Zukunft der politischen Ausrichtungen außer Acht gelassen.


Unser Auftrag

Wer Johannes Böckling war, wie er sich wiedersetzt hat und für welche Überzeugungen er einstand, haben wir bereits gehört. Für seinen Kampf für die Freiheit wurde Johannes Böckling inhaftiert, gefoltert und starb letztendlich in der Haft.

Seine Geschichte ist beeindruckend, weil sie in eindrucksvoller Weise darlegt, wie gut wir es heute haben. Jede und jeder Einzelne von uns kann fast alles, ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen, sagen. Diese Meinungsfreiheit macht den größten Träger unserer heutigen Demokratie aus und keiner von uns kann sich eine Welt ohne sie vorstellen. Aber Herr Böcklings Geschichte kann uns an eben solch eine Zeit, ohne Meinungsfreiheit, erinnern.

Wir müssen dringend aufhören, die Demokratie als einen gegebenen Zustand anzusehen. Ich sehe, wie viele Menschen heute die Demokratie nur noch als den Gang zu Wahlurne ansehen. Und gleichzeitig sehe ich Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen, einen Anstieg der antisemitischen Kriminalität und die Wahlerfolge einer Partei unter einem gerichtlich bestätigten Faschisten.

Das ist unglaublich traurig. Denn es bedeutet entweder, wir haben nichts aus der Geschichte gelernt oder wir haben sie schon vergessen. Und genau dagegen müssen wir ankämpfen. Wie es Herr Böckling tat, müssen auch wir mit Worten und Argumenten gegen Ignoranz und Intoleranz vorgehen. Ob auf Demonstrationen, in Bürgerdialogen oder einfach im persönlichen Gespräch. Wir müssen einfach alles daransetzen, dass wir nie wieder in einem Staat enden, in dem man für seine Überzeugungen hinter Gittern verenden kann.

Und deshalb ist es so wichtig, den Gedanken an Menschen wie Johannes Böckling hoch zu halten, der uns eine Mahnung für die Zukunft ist, nie wieder die Fehler der Vergangenheit, zu begehen.

 

 



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