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Gedenken an den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo

"Wachet und Betet!"

... Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind! - unter dieser Überschrift stand der Gedenkgottesdienst am 13. Juli für den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der genau vor einem Jahr in chinesischer Haft starb.

Die Gruppe aus Kempen für den Gedenkgottesdienst (v.l.n.r.): Dennis Ewert, Karl-Georg Kreft, Isabel Schrodka, Roland Kühne, Chiara Kühne, Sarah Kühne, Johanna Thyssen, Roland Zerwinski. Foto: Bettina Furchheim LupeDie Gruppe aus Kempen für den Gedenkgottesdienst (v.l.n.r.): Dennis Ewert, Karl-Georg Kreft, Isabel Schrodka, Roland Kühne, Chiara Kühne, Sarah Kühne, Johanna Thyssen, Roland Zerwinski. Foto: Bettina Furchheim

Sie hatten ihn initiiert, den Gedenkgottesdienst in der Gethsemanekirche in Berlin: Pfarrer Roland Kühne und Schüler/innen des Rhein-Maas Berufskolleg in Kempen. Gemeinsam geplant und vorbereitet mit Tienchi Martin-Liao, Autorin und Präsidentin des unabhängigen chinesischen PEN-Zentrums, und Liao Yiwu, Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Der Gottesdienst fand statt im Rahmen der Initiative "Freiheit jetzt!" der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord. Passend in der Gethsemanekirche, die Oppositionellen in der DDR Zuflucht gewährte und ein Zentrum des Widerstands war. „Wir glauben, dass die Gethsemane-Kirche als Gedenkstätte des Kampfes für Menschenrechte und Demokratie ein sehr bedeutsamer Ort ist, um einen Gedenkgottesdienst für einen Menschen zu veranstalten, der sich bis zu seinem Tod für diese Werte eingesetzt hat,“ schrieben die Veranstalter in ihrer weltweiten Presseankündigung Ende Juni.

Zu der Zeit sollte der Gottesdienst gleichzeitig ein Appell für die Freiheit von Liu Xiaobos Witwe Liu Xia sein, die zu der Zeit noch unter Hausarrest in China stand. Die Künstlerin und Autorin Liu Xia stand seit 2010 unter Hausarrest und wurde vor einer Woche freigelassen. Sie befindet sich nun in Deutschland. Ihr Bruder lebt jedoch weiterhin in China, unter Beobachtung.

So wurde der Gedenkgottesdienst für Liu Xiaobo gleichzeitig zum Dankgottesdienst für die Freilassung von Liu Xia. Viele nahmen am Gottesdienst teil: der frühere Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, der Berliner Propst Christian Stäblein, Hieh Jhy-Wey, Taiwans Vertreter in Berlin, Freunde von Liu Xiaobo und seiner Witwe Frau Liu Xia, Menschenrechtler, viele Chinesen, Reporter aus aller Welt.

Viele waren zum Gotttesdienst gekommen: der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, der Berliner Propst Christian Stäblein, Hieh Jhy-Wey, Taiwans Vertreter in Berlin, Freunde von Liu Xiaobo und Liu Xia, Menschenrechtler, u.v.m. Foto: Bettina Furchheim LupeViele waren zum Gotttesdienst gekommen: der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, der Berliner Propst Christian Stäblein, Hieh Jhy-Wey, Taiwans Vertreter in Berlin, Freunde von Liu Xiaobo und Liu Xia, Menschenrechtler, u.v.m. Foto: Bettina Furchheim

Prominente Beteiligung: Liedermacher Wolf Biermann, Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, Schriftsteller Liao Yiwu, Pulitzer-Preisträger Ian Johnson, Schriftsteller Herbert Wiesner, ...

Prominente gestalteten den Gottesdienst, den Pfarrer Roland Kühne leitete, mit: Wolf Biermann, der 82jährige Büchner-Preisträger, war unermüdlich im Einsatz für die Freilassung des Ehepaares. Er sang das Lied „Gedenken an Jürgen Fuchs“, weil ihn der Tod Liu Xiaobos an seinen alten Freund Jürgen Fuchs erinnert, der 1976 heimlich verhaftet und im Gefängnis Gammastrahlen ausgesetzt wurde, was schließlich zu seinem Krebstod führte. Wolf Biermann sieht auch Liu Xiaobo als eine vergleichbare universale Figur eines tapferen Kämpfers. Und für die Freilassung Liu Xias präsentierte er noch ein zweites Lied „Du, lass dich nicht verhärten“.

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller las Gedichte von Liu Xia, die sie aus dem Englischen übersetzt hat. "Die Gedichte sind unausweichlich poetisch, unausweichlich dokumentarisch", meinte Müller, "sie sind wie eine Mischung aus Eisen und Seide. Manche Sätze sind sachlich und verzweifelt zugleich. Man friert innerlich, wenn man den Satz liest ´Es muss schlimm sein, mein Bruder zu sein´, aus dem Gedicht ´Großer Schnee´, das Liu Xia für ihren Bruder zum 44. Geburtstag schrieb." Müller engagierte sich ebenfalls seit langem für die beiden prominenten Chinesen, ebenso auch für viele andere politische Gefangene und Exilanten.

Tief bewegend war auch das Stück, „Liu Xiaobos letzte Stunde“, das Liao Yiwu, langjähriger Freund von Liu Xiaobo und Liu Xia, auf einer chinesischen Langflöte und Fabian Lukas Rothschild auf der Geige gemeinsam spielten. Es vertont den Bericht von Liu Xia der letzten Stunde ihres Mannes: Er habe zuletzt über eine Stunde ununterbrochen mit den Beinen gezittert. Er habe ihr damit zeigen wollen, dass sie fortgehen sollte. „Ununterbrochen … er hat nicht mehr sprechen können, aber seine Beine sind noch gegangen, ununterbrochen …“

Liu Xiaobo dürfe nicht vergessen werden, mahnte Pulitzer-Preisträger Ian Johnson, langjähriger China-Korrespondent: "Liu kannte seine historische Verantwortung, wie er in einem Essay 1988 über Einsamkeit schrieb." Herbert Wiesner, früherer Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland, betonte im Hinblick auf die Freilassung von Liu Xia: "Dieses Mal haben wir Glück gehabt, aber vielleicht treffen wir uns demnächst hier wieder zu einem Bittgottesdienst für den Bruder."

Isabel Schrodka aus Straelen, ehemalige Schülerin des Rhein-Maas Berufskollegs, sang mit „Donna, Donna“ das Lied, das Liao Yiwu in einem Telefonat Liu Xiaobos Witwe vor einigen Monaten vorgespielt hatte. Ein jiddisches Lied, das aus dem jüdischen Ghetto in Warschau stammt und das durch Joan Baez und Donovan in den Sechzigern berühmt wurde. In den Refrain stimmten die Gottesdienstbesucher mit ein.

„Der Himmel geht über allen auf“ wurde als Schlusslied gesungen. Als der Gottesdienst geplant wurde, wussten alle, Liu Xia ist unter uns, ganz weit weg, erklärte Pfarrer Roland Kühne, „aber jetzt unter dem Himmel von Berlin.“

Pfarrer Roland Kühne in der Gethsemanekirche Berlin. Foto: Bettina Furchheim LupePfarrer Roland Kühne in der Gethsemanekirche Berlin. Foto: Bettina Furchheim

"Tu deinen Mund auf!"

Seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo 2010 fuhr Pfarrer Roland Kühne jedes Jahr mit Schülern und Lehrern des Rhein-Maas Berufskollegs in Kempen nach Berlin, um vor der Chinesischen Botschaft für dessen Freilassung zu demonstrieren. Im vergangenen Jahr demonstrierten erneut knapp 300 Schüler in Berlin, dieses Mal für die Freilassung von Liu Xiaobos Witwe, Liu Xia.

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Hier die Predigt, die Pfarrer Rooland Kühne im Gedenkgottesdienst hielt:

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus Christus bittet flehentlich seinen Freunde im Garten Gethsemane: “Wachet und betet!” Aus der hebräischen Bibel wird uns zugerufen: “Tu deinen Mund auf, für die Stummen und für die Sache aller, die verloren sind (sic. Sprueche 31:8).” Wir haben um Liu Xiaobo getrauert. Wir haben geweint. Wir waren über die Maße wütend, waren verzweifelt; ganz besonders seine Frau Liu Xia. Nach einem Jahr dürfen wir aber ein “Aber” sprechen. Wir dürfen nicht bei der lähmenden Trauer bleiben. Das könnte den Herren der Welt ja so passen!

Es gibt ein Vermächtnis der zu Tode gebrachten. Ob es die Studenten auf dem Tian'anmen Platz sind, Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, die Ermordeten in den Gaskammern, die flüchtenden Menschen, die im Mittelmeer ertrinken.

Und das Vermächtnis lautet: Ihr habt als Menschen zu wachen. Ihr habt als gläubige Menschen zu beten. Ihr habt als Menschheitsfamilie die Aufgabe: “Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.” Jesus sehnt sich nach Freunden. Er wünscht sie sich an seiner Seite. Er braucht sie als wache Freunde, die ihn im Gebet vor Gott bringen. “Bleibt wach, seht hin!”, “Tu deinen Mund auf!,” - es ist geradezu ein Befehlston. Und Dietriech Bonhoeffer, für den dieses Wort so wichtig war, konnte danach sagen: Wir sind nur Kirche, wenn wir für Andere da sind. “Wachet und Betet!” ist und wird in der Stunde der Not zu einem Gemeinschaftprojekt. Zu einem Gemeinschaftsprojekt des einfühlenden Anteilnehmens. Und diese Aufforderung ist nicht in einem theologischen Seminar entstanden, sondern in der Not, in der Einsamkeit. Aus der Einsamkeit heraus wird sie dann zu einem gemeinschaftlichen Projekt. Und ich habe das Gefühl, Liu Xiaobo ruft uns nicht nur etwas zu, sondern ich habe das Gefühl, er schubst uns geradezu an: “Lauft doch los, wir sind alle eine Familie!”

Wenn wir wirklich eine menschliche Familie sind, wie es in der Präambel, der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gesagt wird – (Pfr. Roland Kühne hält die allgemeine Erklärung der Menschenrechte auf einem DIN A 4 Blatt hoch) mehr sind sie nicht, die Menschenrechte, nur eine Seite - für alle Menschen auf der Welt. Meinen Schülern sage ich: Neben das Bett gehört die Bibel oder ein anderes theologisches Buch, und an die Wand, hängt ihr die Menschenrechte. Wir brauchen sie, für uns sind sie da. Für jeden. Und wir müssen dann gemeinsam gegen jegliche Art der Ungerechtigkeit und Isolation anwachen, anbeten, aufstehen.

Liu Xiaobo ruft uns zu: Kämpft für Gerechtigkeit! Literaten, spitzt eure Federn! Sänger, ölt eure Stimmen! Musiker, stimmt eure Instrumente! Und Journalisten, verbreitet die Wahrheit! Menschen, Schwestern und Brüder der Weltfamilie, die heute noch in Freiheit leben, die heute in dieser wunderbaren Kirche sind, wir sind eine Gemeinschaft. Erhebt eure Stimmen gegen Machtmissbrauch. Dafür müssen wir auch mal vor die Kirche treten. Hier tanken wir auf, hier holen wir Luft, lassen uns begeistern, wachen und beten für den Protest draußen, auf den Straßen und Plätzen, vor den Botschaften und vor den Regierungsgebäuden. Und dort protestieren wir für die Menschen, die jetzt in diesem Moment eingesperrt sind, isoliert. Sie werden jetzt gefoltert und sie werden jetzt getötet. Denn es ist die Welt der Menschen, Gottes Welt, unsere Welt, nie und nimmer die Welt der Oligarchen, mögen die auch sonst wo in der Welt wohnen.

Liu Xiaobo ruft uns zu: “... die Menschheit hat Spuren, Spuren des Wunders, wie etwa die Anhänger von Jesus das Schwert der Cäsaren besiegten. Das war eine durch Liebe aufgewertete Gerechtigkeit. Wir haben die Siege, die der Widerstand der Anhänger von Gandhi und Martin Luther King errang. Es sind historische Wiedergeburten, in denen die Gerechtigkeit über die Macht gesiegt hat. Deshalb wurde Jesus zu einem Idol der gerechten Sache. Angesichts der Verführung von Macht, Geld und Schönheit, sagte Jesus NEIN. Selbst angesichts der drohenden Kreuzigung, bleibt Jesus bei seinem NEIN. Noch wichtiger ist, dass Jesus Nein sagt, ohne den Hass und die Rachegelüste eines Auge um Auge, Zahn um Zahn, sondern voll grenzenloser Liebe und Toleranz. Er ruft nicht dazu auf, der Gewalt mit Gewalt zu begegnen, sondern hält fest an seinem gewaltlosen Widerstand. Er nimmt das Kreuz auf sich, und sagt ruhig NEIN. Ganz unabhängig davon, wie säkularisiert und pragmatisch die Welt noch werden wird, solange Jesus, der Sohn Gottes, da ist, solange gibt es auf der Welt Begeisterung, Wunder und Schönheit.” Geschrieben im August 1998 in der Besserungsanstalt von Dalian.

Und der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. Amen.

 



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