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Pfarrkonvent zu Besuch bei den Evangelischen in Siebenbürgen/Rümanien

"Solange es die Kirche dort noch gibt"

Jedes Jahr sind die Pfarrkonvente der Kirchenkreise Krefeld-Viersen, Koblenz, Saar-Ost und Niederlausitz gemeinsam „auf den Spuren des europäischen Protestantismus“ unterwegs. Für 2012 schlug jemand vor: Siebenbürgen: „solange es die Kirche dort noch gibt“

Die Kirchenburg in Birthälm/Biertan gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: Ollesch LupeDie Kirchenburg in Birthälm/Biertan gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: Ollesch

Jedes Jahr sind Pfarrerinnen und Pfarrer der Kirchenkreise Krefeld-Viersen, Koblenz, Saar-Ost und Nieder-lausitz einige Tage lang gemeinsam „auf den Spuren des europäischen Protestantismus“ unterwegs. Wohin sollte es im Jahr 2012 gehen? Nach Siebenbürgen, schlug letztes Jahr jemand vor: „solange es die Kirche dort noch gibt“…

So sind wir jetzt also in Hermannstadt (rumänischer Name: Sibiu) und Umgebung zu Besuch gewesen – und haben erlebt: Keine Klagegesänge, keine Trauerstimmung, keine Depression (und Grabesstille schon gar nicht), sondern ganz viel Leben, Mut, Optimismus und Fantasie.

Die „Evangelische Kirche Augsburgischen Bekentnisses in Rumänien“, die lutherische Kirche der deutschen Minderheit, in der Reformationszeit entstanden, hatte beinahe 300.000 Mitglieder. In den letzten Jahrzehnten ist die Mitgliederzahl dramatisch geschrumpft. Der Massenexodus nach Deutschland begann bereits in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, während der kommunistischen Ära. Nach dem blutigen Ende des Ceaucescu-Regimes hat die Auswanderung rasant zugenommen. Auch 80% der Pfarrer sind ausgereist. Geblieben sind nur die Alten und die Idealisten, sagt einer. Jetzt hat die Kirche etwa 13.000 Mitglieder.

Kann eine so kleine Kirche eine Zukunft haben? Das war in der Tat die Frage nach der Wende von 1989/90. Aber 1995 – so Bischof Reinhardt Guib – war klar: „Die Kirche lebt weiter.“ Die Gemeinden haben sich stabilisiert. Auswanderung ist kein Thema mehr. Und die Kirche versucht in ganz unterschiedlicher Weise, sich auf die völlig veränderte Situation einzustellen. Siebenbürger Sachsen, die jetzt aus Deutschland zu Besuch in ihre alte Heimat kommen, haben manchmal Schwierigkeiten, ihre Kirche wiederzuerkennen. (Übrigens waren es gar keine Sachsen, die der ungarische König im 12. Jahrhundert als Kolonisten ins Land rief, sondern Menschen vom Rhein und aus Flandern.)

Die Gemeinden sind viel kleiner geworden; die Hälfte von ihnen hat weniger als 20 Mitglieder. In vielen Dörfern gibt es nur einzelne Evangelische. Da kann in zahlreichen Kirchen kein Gottesdienst mehr gehalten werden. Die Gemeindemitglieder müssen mit dem Kirchenbus zusammengeholt werden. „Jeder Pfarrer ist auch Fahrer“. Und seit 1995 gibt es auch Pfarrer-/Fahrer-innen. Alle haben sonntags drei Gottesdienste zu halten, es können aber auch vier oder fünf werden.

Die Zahl der rumänisch-deutschen „Mischehen“ hat zugenommen. Deutsch ist weiterhin die Amtssprache in der Kirche, aber immer häufiger kommt es vor, dass Teile des Gottesdienstes auch auf Rumänisch gehalten werden. Oder auch auf Ungarisch; es gibt in Siebenbürgen ja auch eine ungarische Minderheit. Wir müssen da sehr flexibel sein, sagt ein junger Pfarrer lächelnd.

Ein großer Teil der Gemeindeglieder ist alt. Aber man hat sehr gezielt mit Kinder- und Jugendarbeit begon-nen. In Birthälm z.B. wird das Pfarrhaus zum Jugendhaus umgebaut. Und großer Aufmerksamkeit wird dem evangelischen Religionsunterricht an den Schulen gewidmet. Es gibt zahlreiche deutsche Schulen. Sie werden von weitaus mehr rumänischen als deutschen Schülern besucht; das Interesse daran, Deutsch zu lernen, ist sehr groß in Rumänien. Und so sind auch 90% der Kinder im evangelischen Religionsunterricht rumänisch-orthodox.

Kirchenführungen für ein neues Kirchendach

Johann Schaas, Kurator der Kirchenburg in Reichesdorf/Reichis. Foto: Ollesch LupeJohann Schaas, Kurator der Kirchenburg in Reichesdorf/Reichis. Foto: Ollesch

Ein großes Problem sind die vielen Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser, die nicht mehr benötigt werden und nicht unterhalten werden können. Manche werden verkauft. Einnahmen für die Gemeindearbeit kann auch der Tourismus bringen. Das gilt besonders für die Jahrhunderte alten Kirchenburgen – Teil des Weltkulturerbes der Unesco. In der Kirche Reichesdorf treffen wir den Kurator (Küster) Schaas, der durch Kirchenführungen bereits 200.000 Euro für ein neues Kirchendach verdient hat. In Hammersdorf soll die Kir-chenburg mit dem benachbarten Schulgebäude zu einem Zentrum für Jugend und ökologische Bildung umgebaut werden. 18 weitere Kirchenburgen sollen mit EU-Mitteln saniert und für den Tourismus erschlos-sen werden.

Auch im diakonischen Bereich stellen sich der Kirche drängende Aufgaben. In den Gemeinden sind die Strukturen zusammengebrochen. Die Bruderschaften, Schwesternschaften, Nachbarschaften in den Dörfern gibt es nicht mehr. Sie hatten sich der Kranken angenommen, Gaben für die Hochzeit gesammelt, Gräber geschaufelt und die Hinterbliebenen getröstet. Das ist Vergangenheit. Und die Wirtschaftskrise ist an Rumänien nicht vorübergegangen. Die Armut ist groß. So kümmert sich die Kirche um Alten- und Krankenküchen, Kleiderkammern, um die Behindertenarbeit. Wenn montags in Hermannsburg die Medikamen-tenausgabe öffnet, bildet sich eine lange Menschenschlange. Viele können sich keine Medikamente leisten. Krank werden darf man in Rumänien auf keinen Fall, bemerkt jemand.

Ausbildung übernimmt das Altenheim selbst

Das Altenheim Dr. Carl Wolff in Hermannsburg/Sibiu. Foto: Ollesch LupeDas Altenheim Dr. Carl Wolff in Hermannsburg/Sibiu. Foto: Ollesch

Es gibt auch zwei kirchliche Altenheime. Zu den eindrücklichsten Erlebnissen hat für alle in der diesjährigen Besuchergruppe ein Gespräch mit Frau Rhein gehört, der Leiterin des Carl-Wolff-Altenheimes. Ein Heim (siehe Foto links) mit jetzt 106 Betten aufzubauen und zu leiten – in einem Land, in dem „nichts funktioniert“ und man sich auf die Bürokratie nicht verlassen kann! Wo es keine Schule für eine qualifizierte Ausbildung gibt. Die Ausbildung geschieht also weitestgehend im Heim selbst. (In der Anfangszeit hat Bethel mitgeholfen.) Und wenn die Mitarbeitenden einige Zeit Berufserfahrung gesammelt haben, gehen sie nach Deutschland – und kommen nicht mehr zurück. So müssen ständig neue Kräfte angelernt werden. Ein Land, in dem es auch im Pflegebereich üblich ist, Geldumschläge bereitzuhalten: sowohl um medizinisch versorgt zu werden als auch um eine Stelle zu erhalten. Für das Carl-Wolff-Altenheim wäre beides ein Entlassungsgrund.

Die meisten Bewohner wollten ursprünglich gar nicht kommen. Das Ankommen braucht Zeit. Aber wir wollen ihnen ein Stück Zuhause ermöglichen, sagt Frau Rhein. Sie können auch ihre Katze mitbringen. Und wir vom Personal müssen nicht in Sekunden und Minuten denken.

Seit einigen Jahren gibt es auch ein Hospiz mit 16 Betten für Krebskranke. Die Krankenhäuser schicken am liebsten Menschen ohne Papiere. Und wenn Angehörige da sind, verschwinden die sehr oft, weil sie kein Geld für die Beerdigung haben. Das Altenheim bemüht sich dann, Spender zu finden. Jeder, jede soll eine würdige Beerdigung erhalten. Rumänien ist kein Land, das organisiert, meint Frau Rhein. Aber es gibt Verständnis dafür, etwas für andere Menschen zu tun. „Du findest immer jemand, der Mensch geblieben ist.“

Durch das Hospiz gibt es auch Kontakt zu vielen Roma. Wie es überhaupt in der ganzen Einrichtung kei-nerlei Rolle spielt, ob jemand Deutscher, Rumäne oder Roma ist. Auch nicht, ob er/sie evangelisch, katho-lisch oder orthodox ist. Und so sind auch die Gottesdienste „Gottesdienste für alle“. Völlig selbstverständlich wird Ökumene gelebt. Zu solch einem Heim, zu solch einer Kirche passt es denn auch, dass die Gemeinde in Hermannstadt ein Haus für Roma-Straßenkinder errichtet hat.

Wir haben „originelle Menschen“, hat der Bischof gesagt: Menschen, die anstecken und bewegen können. Einigen davon sind wir begegnet, denke ich nach unserem Besuch in dieser kleinen Kirche mit ihrer großen Geschichte und ihrer lebendigen Gegenwart.

Pfarrer i.R. Rainer Ollesch / 09.10.2012



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