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Pfarrvertretung

„Zeit fürs Wesentliche“ – BER im Rheinland?

Ein Kommentar von Peter Stursberg, Vorsitzender der Pfarrvertretung EKiR

Wir alle kennen wohl die unendliche Geschichte vom Berliner Flughafen BER, der nicht fertig werden will. Immer wieder werden neue Termine für den Start des Flugbetriebs bekanntgegeben – um kurze Zeit dann doch wieder storniert zu werden. Glaubt mittlerweile noch jemand an einen erfolgreichen Start des Flughafens??? Wird beim Start nicht schon alles längst überholt und erneuerungsbedürftig sein?

Diese unendliche Geschichte kam mir gestern Abend in den Sinn, als ich - für mich vollkommen überraschend - von der neuen Beschlusslage der Superintendentenkonferenz zum Prozessverlauf „Zeit fürs Wesentliche“ erfuhr. Die Konferenz tagte am 20./21. Februar, also gut 2 Wochen vor dem Konvent der Wahl- und Kontaktpersonen am 8. März. Während der Konferenz – so wird berichtet – kamen unter den kreiskirchlichen Führungskräften Bedenken auf, ob die im landessynodalen Beschluss vom Januar 2017 genannten Rahmenbedingungen für einen geordneten Ablauf ausreichend seien. Dort ist wohl auch darüber berichtet worden, dass Presbyterien doch tatsächlich Gespräche führen wollen ohne Beteiligung der mittleren Ebene. Nur vom Hörensagen entsteht der Eindruck, dass die Diskussionslage nicht sehr übersichtlich war; ob sie chaotisch war, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht zugegen war. Damit der Karren nicht endgültig vor die Wand fährt, verständigte man sich darauf, dass der gemeinschaftliche Starttermin für die Gesprächsprozesse in allen Kirchenkreisen der 1. Januar 2018 sein soll. Vorlaufende Maßnahmen sollen einen geordneten Start ermöglichen. In den nächsten Tagen, also 4 Wochen nach der prozessualen Kehrtwende auf der Konferenz, wird der Präses in einem Schreiben über die neue Lage informieren. Diesem Schreiben will ich inhaltlich nicht vorgreifen.

Aber einige kommentierende Bemerkungen zum Verfahren muss ich doch äußern.

1. Bereits seit 2011 läuft in unserer Landeskirche der Beratungsprozess zum Pfarrbild, aus dem die Vorlage „Zeit fürs Wesentliche“ hervorging. 2013 hatten wir einen Pfarrerinnen- und Pfarrertag im Koblenzer Schloss, an dem viele Pfarrerinnen und Pfarrer engagiert, schon fast euphorisch, die Vorlage diskutierten – ein bis dahin in unserer Landeskirche unbekanntes Maß an Beteiligung! In allen Phasen dieses Prozesses waren Superintendentinnen und Superintendenten an den Beratungen beteiligt: in den entsprechenden Arbeitsgruppen, in den Ausschüssen und während der Tagungen der Landessynode. Auch bei den regelmäßig tagenden Konferenzen wird wohl über den Prozess gesprochen worden sein. Wieso kommen dann erst jetzt Bedenken auf, dass die Aufnahme der notwendigen Gespräche noch nicht ausreichend vorbereitet sei? Wieso haben sich Superintendentinnen und Superintendenten nicht schon im Vorfeld und angesichts der abzusehenden Beschlussfassung für die Entwicklung einer geeigneten Prozesssteuerung eingesetzt?

2. Der Pfarrvertretung war von Anfang an die Beteiligung der „mittleren Ebene“ wichtig – als Regelinstrument! Superintendentinnen und Superintendenten – wenn nicht sie selbst, dann zumindest ihre theologischen KSV-Stellvertreter - sollten regelmäßig an den Gesprächen beteiligt sein, um zu moderieren, ggf. auch zu deeskalieren. Das war und ist die Position der Pfarrvertretung, denn auch ihr ist bewusst, dass in den Gesprächsprozessen Konflikte zwischen Pfarrerinnen, Pfarrern und Leitungsorganen aufflammen können. Außerdem würde damit signalisiert, dass auch die Kirchenkreisleitungen an den Gesprächsprozessen zur Profilierung des Pfarrdienstes interessiert sind. Auf der Landessynode im Januar machten sich Superintendenten und Superintendentinnen dann aber dafür stark, die entsprechende Passage in der Beschlussvorlage aufzuweichen - aus der Regel wurde die Ausnahme: „Auf Wunsch des Pfarrers oder der Pfarrerin oder eines Leitungsorgans kann der Superintendent/die Superintendentin zur Beratung hinzugezogen werden.“ Begründung: Die Vielfältigkeit der Aufgaben in den Kirchenkreisen und die Arbeitsüberlastung lasse die regelmäßige Beteiligung nicht zu. Außerdem erschienen die Regelungen doch sehr kleinteilig. Ich kann nur mit großer Verwunderung zur Kenntnis nehmen, dass vier Wochen später intern genau entgegengesetzt argumentiert wird: Presbyterien machen sich einfach ohne mittlere Ebene auf den Weg, und das geht doch nicht! Steht hier vielleicht auch eine Machtfrage im Mittelpunkt?

Die Pfarrvertretung ist durchaus der Meinung, dass sich die unterschiedlichen Ebenen gemeinsam auf den Weg machen sollten, um den Erfolg des Projekts zu sichern! Aber es kann aus ihrer Sicht nicht sein, dass ein plötzlicher Perspektivwechsel – jetzt doch mit Beteiligung der mittleren Ebene! - den ganzen Prozess nochmals zum Stillstand bringt. Angesichts der vielen Aufgaben mit höchster Priorität, die auf allen (!!!) Ebenen zu erledigen sind, erhöhen zusätzliche Landeschleifen den Arbeitsdruck und verstärken die Frustration, die Prozessstillstand auslöst. Die jetzt fällige „Nachbesserung“ erhöht den Druck auf die „mittlere Ebene“ um ein Vielfaches!

3. Beim Frühjahrskonvent der Wahl- und Kontaktpersonen am 8. März in Bonn hat die Pfarrvertretung auch über den Sachstand des Prozessverlaufs nach Kenntnis der Pfarrvertretung vom 8. Februar 2017 (Gespräch mit der Abteilung im LKA) informiert. Am 13. März habe ich im veröffentlichten Bericht in Kurzfassung den Gesprächsgang auf dem Konvent wiedergegeben. Zu diesem Zeitpunkt lag die Konferenz bereits 14 Tage zurück – die entscheidenden Informationen hatten die Pfarrvertretung aber immer noch nicht erreicht. Somit wurde ein längst überholter Sachstand referiert. Das ist mir als Vorsitzendem der Pfarrvertretung zutiefst peinlich – ich habe es aber nicht zu verantworten und konnte es auch nicht verhindern! Was mögen die gedacht haben, die den Bericht mit den Kenntnissen über die veränderte Beschlusslage auf der Konferenz gelesen haben???

Ich hatte heute Gelegenheit, mich telefonisch mit der Abteilung über diese Kommunikationspanne auszutauschen: auf der anderen Seite tiefes Bedauern und Verständnis für die Verärgerung über dieses Missgeschick. Für Anfang April wurde kurzfristig ein Termin für ein klärendes Gespräch mit der Pfarrvertretung zur neuen Entwicklung und zum weiteren Vorgehen vereinbart. Immerhin stehen zwei Einladungen zum thematischen Vortrag in Pfarrkonvente unserer Landeskirche in meinem Terminkalender – was soll ich da referieren?

Viel nachdenklicher hat mich aber die Tatsache gemacht, dass nur ein Kollege aus dem Bereich unserer Landeskirche auf meinen Bericht reagiert hat: er war durch die offizielle Information seines Superintendenten auf einem anderen – dem aktuellen! – Kenntnisstand. Erst durch seine Rückmeldung wurde ich auf die Veränderung der Sachlage aufmerksam. Nun wäre es möglich, dass niemand – außer ihm – den Bericht gelesen hat; das glaube ich aber nicht. Diejenigen, die ihn gelesen haben, und wussten, dass etwas anderes beschlossen wurde als dort zu lesen ist, haben geschwiegen. Und scheinbar haben sie auch nicht von sich aus die Kolleginnen und Kollegen in den Kirchenkreisen informiert – andernfalls hätte es vielleicht doch noch die ein oder andere Rückmeldung gegeben. Vielleicht warten sie immer noch in Geduld auf den Brief des Präses…

4. Im vorigen Absatz klang die Frage schon an: Wie geht die Pfarrvertretung mit der neuen Ausgangslage um? Beim Konvent in Bonn wurde aus dem Kreis der Wahl- und Kontaktpersonen zu Recht auch bemängelt, dass der Beschluss der Landessynode nicht das umfasst, was die Pfarrvertretung als erstrebenswert ansah – z. B. eine Begrenzung der durchschnittlichen Arbeitszeit. Nun gibt es im Nachhinein eine weitere Veränderung, an deren Zustandekommen die Pfarrvertretung nicht beteiligt war. Inwieweit ist der Prozess, der jetzt in Gang kommen muss und der zu steuern ist, überhaupt noch ein Prozess, in dem die Pfarrvertretung eine Rolle finden kann? Dieser Frage müssen wir uns jetzt intern erst einmal stellen.

Und noch ein weiterer Gesichtspunkt: Wie werden Landessynodale reagieren, von denen sich einige ausgesprochen engagiert in den gesamten Beratungsprozess eingebracht haben, wenn sie erfahren, dass jetzt durch einen internen Beschluss der Superintendentenkonferenz erst noch einmal eine zusätzliche Schleife gedreht werden muss, bevor der Prozess in Gang kommen soll?

„Zeit fürs Wesentliche“ – BER im Rheinland?

Man könnte es fürchten; ich will es aber nicht glauben! Es zeigt sich jedoch erneut, dass es schwierig ist, wenn ein Prozessverlauf angestoßen wird, bevor alles zu Ende gedacht und vorbereitet ist – es gibt weitere Beispiele in unserer Landeskirche (NKF…) - und in der Architektur: Planungsänderungen in der Bauphase können ein eigentlich wichtiges und vom Ansatz her gelungenes Projekt zutiefst gefährden!

Und noch eine weitere Einsicht: Im Zusammenhang mit der Salutogenese hat die Pfarrvertretung schon darauf hingewiesen, wie wichtig transparentes Führungshandeln und -verhalten ist. Es ist zugleich eine Form der Wertschätzung für die Mitarbeitenden, für die die Führungsriege Verantwortung trägt! Misstrauen und Verdruss entstehen bei den Mitarbeitenden, wenn der – vielleicht auch irregeleitete - Eindruck Raum greift, dass Verfahrensfragen zu Machtfragen stilisiert werden. Das sollten wir alle (!!!) als Beteiligte um der wichtigen Sache willen unter allen Umständen vermeiden. Nur gemeinsam kommen wir zum Ziel! (PS – 17.03.2017)

 



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