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für den 18.08.2019

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Johannes-Rau-Kolloquium

"Mehr Begeisterung für Demokratie ausstrahlen"

Als Politiker und Mitglied der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) war Johannes Rau gleichermaßen ein Mann des Staates und der Kirche. „Johannes-Rau-Kolloquium“ nennt die EKiR ihr neues Forum zu gesellschaftlichen Fragen.

Diskutierten beim ersten "Johannes-Rau-Kolloquium" über Mauerfall und Wiedervereinigung: Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (l.) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (r.). In ihrer Mitte "die" EKD: Bischof Huber und Hermann Barth. LupeDiskutierten beim ersten "Johannes-Rau-Kolloquium" über Mauerfall und Wiedervereinigung: Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (l.) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (r.). In ihrer Mitte "die" EKD: Bischof Huber und Hermann Barth.

Das Verbindende zwischen Kirche und Politik sowie das Gedenken an das Lebenswerk des früheren Bundespräsidenten standen im Mittelpunkt des ersten „Johannes-Rau-Kolloquiums“, das die EKiR zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Altenberger Dom veranstaltete.

Moderiert vom EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Dr. Wolfgang Huber  diskutierten Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, der frühere Bundesminister und Präses der EKD-Synode, Dr. Jürgen Schmude, sowie Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der EKD-Synode. Das Thema: 20 Jahre Wiedervereinigung – damalige Hoffnungen, heutige Wirklichkeit.

 

 

Gespräch im Altenberger Dom (v.r.): Jürgen Schmude, Katrin Göring-Eckardt, Wolfgang Huber und Wolfgang Schäuble. LupeGespräch im Altenberger Dom (v.r.): Jürgen Schmude, Katrin Göring-Eckardt, Wolfgang Huber und Wolfgang Schäuble.

Recht und Gerechtigkeit für die Armen, das forderte Nikolaus Schneider, Präses der EKiR, in seiner Predigt zum Auftakt des Kolloquiums. Recht und Gerechtigkeit für die Armen, das passte auf einer anderen Ebene auch 1989, als der Jubel über den Fall der Mauer die Menschen in beiden Teilen Deutschlands so stark einte wie nie zuvor in der Geschichte der beiden deutschen Staaten und wie selten nach der Wiedervereinigung.

Der Mauerfall am 9. November 1989 ist eines der Ereignisse, bei dem man noch Jahre später weiß, wo man zu diesem Zeitpunkt war und was man gerade gemacht hat. Schäuble etwa, damals Chef des Bundeskanzleramtes, war in Bonn und erhielt von seinem Mitarbeiter Eduard Ackermann die Nachricht von den Ereignissen in Berlin. „Ackermann, im Dienst ist Alkohol verboten“, lautete die ebenso flapsige wie ungläubige Antwort des Politikers.

 

 

Katrin Göring-Eckardt war gerade dabei, ihr Kind zu stillen. Ihre erste Reaktion war ein beklemmendes Gefühl: „Wie kann man es anders und besser machen? Was heißt das, Freiheit und Gerechtigkeit?“, erinnert sich die Politikerin, damals Studentin, die sich an den Protesten gegen das DDR-Regime beteiligt und das Bündnis 90 mitbegründet hat.

Jürgen Schmude weilte im südlichen Schwarzwald, wo die Synode der EKD tagte. „Die Nachricht löste ungläubige Begeisterung aus. Ein Traum, an dessen Erfüllung wir jahrelang gearbeitet hatten, schien sich zu erfüllen.“ Gedämpft wurde die Begeisterung jedoch von drei Synodalen aus der DDR, die ihre westdeutschen Kolleginnen und Kollegen zur Zurückhaltung mahnten. „Geht rücksichtsvoll mit uns um“, baten sie den Rest der Synode, der schon von der Wiedervereinigung träumte.

"Hoffentlich geht das nicht schief"

Die war damals zum Greifen nah, doch mussten dazu noch einige Hürden genommen werden. „Neben Deutschland gab es da ja auch noch die Weltpolitik. Und da waren einige Kräfte am Werk, die ein wiedervereintes Deutschland gerne verhindert hätten“, erinnert sich der Bundesinnenminister. Gefragt nach den Hoffnungen, die er damals hegte, antwortet er: „Ich hatte nur das Gefühl, hoffentlich geht das nicht wieder schief.“ Danach habe der Prozess, der zur Wiedervereinigung geführt habe, eine Beschleunigung erhalten, die nicht mehr abzubremsen gewesen war.

Göring-Eckardt und viele andere Menschen in der damaligen DDR begegneten dieser Beschleunigung skeptisch. „Wir wussten, dass es auch jeden Tag wieder andersherum gehen konnte. Dennoch hatte ich die Hoffnung auf eine deutsche Einheit im Sinne von: aufeinander Zugehen.“ Dazu gehörte auch die Hoffnung auf die D-Mark, „nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil es etwas mit Freiheit und mit Möglichkeiten,  die wir vorher nicht hatten, zu tun hatte“.

Überschwängliche Begeisterung

Neben der Freude gab es auch bei Schmude Bedenken. „Die Gefahr einer gewaltsamen Reaktion des Staates bestand zwar nur bis 1989. Dennoch hatte ich die Sorge, dass es nicht lange bei der überschwänglichen Begeisterung bleiben würde. Die Erwartungen in West und Ost waren doch sehr unterschiedlich.“

Bedenken, die viele Menschen damals teilten. Doch der Prozess war nicht mehr aufzuhalten. „Täglich kamen 5000 bis 7000 Übersiedler aus der DDR in die Bundesrepublik. Wir mussten mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten“, so Schäuble. „,Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr’“, zitierte Göring-Eckardt einen Slogan der damaligen Zeit aus dem Osten.

Erste frei gewählte Volkskammer entschied für Beitritt

Wie aber sollte die Vereinigung vonstatten gehen? „Sollte es ein Beitritt der ehemaligen DDR sein oder sollten beide deutschen Staaten eine gemeinsame, neue Verfassung ausarbeiten?“, fragte Bischof Huber in die Runde. „Für den Beitritt hat sich die erste frei gewählte Volkskammer der DDR mit großer Mehrheit entschieden“, antwortete Schäuble.

Und die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages erinnerte daran, dass „die wenigsten damals ein Interesse daran hatten, eine neue Verfassung zu diskutieren. Viel wichtiger waren die Fragen: wie geht es weiter? In was für einem Land werden wir leben? Was lohnt sich, aus der DDR mitzunehmen?“ In diesem Zusammenhang erinnerte sie an Johannes Rau, der „uns gut gekannt hat. Er hat mit Respekt davon gesprochen, wie das Leben in der DDR ausgesehen hat“. Denn viele Westler hätten damals versucht, den Ostlern die DDR und ihr Leben dort zu erklären.

Nicht die besten Helfer geschickt

Auch Schmude erinnerte sich an Diskussionen, „auch in Kreisen der Kirche, in denen es besser gewesen wäre, wenn einige sich zurückgehalten hätten“. Ein Gefühl der Überlegenheit im Westen machte sich breit, was im Osten nicht gut ankam. „Ihr habt uns viele Westler zum Helfen geschickt, doch das waren sehr oft nicht die besten. Die besten habt ihr behalten“, so Göring-Eckardt.

„Wie aber geht es weiter mit der Einheit?“, fragte Huber zum Abschluss in die Runde. Schmude betonte, dass nicht alles schlecht sei und dass man auf Erfolge hinweisen müsse. „In der Verwaltung und der Rechtsprechung wurden große Fortschritte auf dem Weg zu einer Normalität erzielt.“ Dennoch gebe es nach wie vor viele Probleme, die gelöst werden müssten. „Auch für die Kirche als Keimzelle der Solidarität eine ständig neue Aufgabe“, so der frühere Bundesminister. „Armut, Arbeitslosigkeit und Elend sind ein Skandal. Die Kirche ist und bleibt unverzichtbar, auch wenn sie weniger Mitglieder hat“, sagte Schmude unter dem Beifall des Publikums.

Europäische Einigung genauso wichtig

Wolfgang Schäuble wollte nicht verneinen, dass auch weiterhin „eine Vielzahl von Verletzungen aus vierzig Jahren Diktatur bestehen bleiben werden“. Er plädierte aber dafür, den Nationalstaat nicht als das Ziel zu verstehen. „Die Einheit sollte nicht dazu führen, dass wir uns nur noch mit uns selbst beschäftigen. Eine europäische Einigung ist genauso wichtig.“

Göring-Eckardt dagegen forderte, dass „wir Politiker mehr Begeisterung für die Demokratie ausstrahlen sollten“. Die Zukunft nach 20 Jahren Wiedervereinigung sieht sie in der Erkenntnis, dass „Deutschland aus verschiedenen Regionen besteht, die sich unterschiedlich entwickeln. Wenn wir Erfolg haben wollen, dann durch Solidarität der Starken mit den Schwachen.“

 

Jörg Fleischer / ekir.de; Fotos: epd-Bild /

 



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