Losung

für den 13.07.2020

Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!

Hosea 10,12

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Andacht von Kirchenrat Pfarrer Markus Schaefer zum Beginn der Sommersynode

"Was kommt da auf uns zu?"

Anstelle des üblichen Synodalgottesdienst mit Gemeinschaft in einer Kirche hat zu Beginn der Video-Sommersynode Kirchenrat Pfarrer Markus Schaefer den Solinger Synodalen vor ihren Monitoren eine Andacht aus seinem Arbeitszimmer gehalten.

Kirchenrat Pfarrer Markus Schaefer Kirchenrat Pfarrer Markus Schaefer

Andacht von Kirchenrat Pfarrer Markus Schaefer
zur Eröffnung der Kreissynode des evangelischen Kirchenkreises Solingen am 19.06.20

„Was kommt da auf uns zu?“

 

Musikalischer Gruß aus der Ökumene, aus Irland,

https://dublin.anglican.org/news/2020/05/31/watch-the-irish-blessing-for

Nein, das ist keine normale Kreissynode. Zum ersten – und hoffentlich letzten Mal – per Videokonferenz. „Realpräsenz“ erhält eine ganz neue Bedeutung. Drei Monate Corona. Was ist da eigentlich passiert mit uns, mit der Welt, mit der Kirche? Was kommt da auf uns zu? Denn die Folgen von Corona werden ja erst so langsam absehbar, bei den Arbeitslosenzahlen, der Kirchensteuerschätzung, der sozialen und ökonomischen Entwicklung weltweit. Manche teilen bereits die jüngere Geschichte in eine Zeit vor und nach Corona ein.

Ich möchte Sie heute einladen, mit der Bibel einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Den Blick einmal umzukehren zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen vorher und nachher. Und damit vielleicht einen Weg zu finden aus der Angst und der Ohnmacht, für die Gegenwart und in die Zukunft.

Liebe Schwestern und Brüder, was kommt da auf uns zu?

Seit Februar befindet sich die Welt im Ausnahmezustand. Ein kleines Virus, ein Stück DNA mit etwas Hülle, kaum ein Lebenswesen zu nennen, nimmt der Welt buchstäblich den Atem und hat bislang mindestens 400.000 Menschen getötet. Unscheinbar kommt es, die meisten Infizierten entwickeln keine Symptome. Aber jede und jeden kann es treffen, nicht nur die Alten und die mit Vorerkrankung. Und jede oder jeder Infizierte kann andere anstecken, unbemerkt, unbeabsichtigt, aber mit tödlichen Folgen.

Millionen sind gesund geblieben, haben aber ihre Arbeit, ihre Existenz, ihre Zukunft verloren. Hierzulande gibt es – noch – soziale Netze, die das Schlimmste verhindern: die gesetzliche Krankenversicherung, Kurzarbeit, Staatshilfen, Senkung der Mehrwertsteuer, Rettungsschirme, Kinderbonus. Anderswo gibt es so etwas nicht. Ich erhalte Berichte aus unseren Partnerkirchen, aus Europa und dem globalen Süden. Die - meist informelle - Wirtschaft dieser Länder ist faktisch zusammengebrochen. Und ein Gesundsystem in unserem Sinne existiert dort nicht. Die langfristigen Folgen werden dort noch viel schlimmer sein als bei uns.

Und abseits der corona-Pandemie spielt auf der ganzen Welt eine wahrscheinlich noch viel weitreichendere Katastrophe ab: Immer häufiger und immer direkter erleben und erleiden Menschen, was Klimawandel konkret bedeutet. Auch bei uns macht sich nachhaltige Verunsicherung breit: Der Grundwasserspiegel sinkt, Waldbrände treten jetzt schon im Mai auf. Corona hat die Klimakatstrophe aus den Schlagzeilen verbannt, hat weltweit finanzielle Mittel für den Energiewandel vernichtet und so ganz nebenbei die Kontrollen für einen ressourcenschonenden Umgang mit der Schöpfung vielerorts zum Erliegen kommen lassen.

Was kommt da auf uns zu?

All unsere Pläne, unsere Vorhersagen und Projekte werden mal so eben durch ein Virus über den Haufen geworfen. Corona führt uns vor Augen, dass wir die Zukunft nicht kennen und die Welt nicht im Griff haben. Schmerzlich erleben wir, wie leicht unser Alltag aus dem Tritt gerät, wie zerbrechlich ein Leben ist, wie ohnmächtig wir Kräften ausgeliefert sind, die wir doch gebändigt zu haben glaubten.

So langsam dämmert uns, dass wir mit unserem Lebensstil eine Dynamik entfesselt haben, die wir längst nicht mehr unter Kontrolle haben. Kein einziger der wichtigsten Industrie- und Handelsnationen, der G 20-Staaten, so eine kürzlich veröffentlichte Studie, ist auch nur annähernd auf dem Weg, die 2015 in Paris vereinbarten Ziele zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs zu erreichen. Und mit Corona wird das nicht besser werden. Da kommt was auf uns zu.

Dabei ist der Blick nach meinem Eindruck weiter fest nach vorne gerichtet: Sowohl, was das eingetretene Unheil angeht als auch, wenn es um mögliche Lösungen zur Vermeidung von Schlimmerem geht. Irgendwo bewegt sich die Diskussion zwischen Weltuntergangsstimmung und unerschütterlichem Fortschrittsglauben. Entweder erwarten wir das Ende der Welt, wie wir sie kannten, oder wir klammern uns an unsere Macht, unseren Erfindungsreichtum, unsere Problemlösungen: ein Konjunkturpaket, das die Wirtschaft wieder ans Laufen bringt, ein Impfstoff gegen Corona, technischer Fortschritt, der uns doch noch vor dem Klimakollaps bewahrt.

Was kommt da auf uns zu? Worauf steuern wir zu? Wohin führt uns unser Fortschritt – ins Chaos oder in eine düstere Zukunft?

Vielleicht stimmt ja aber auch unsere Perspektive nicht. Vielleicht gehen wir – fortschrittlich wie wir sind – ja gar nicht auf die nächste Pandemie oder eine Zukunft ohne Viren zu. Vielleicht nähern wir uns nicht der Klimaapokalypse oder der ökologisch-sozialen Gesellschaft, sondern wir taumeln vielmehr rücklings und blind auf eine weitgehend unbekannte Zukunft zu.

So haben das zumindest die Menschen im ersten Teil der Bibel – und zu dieser Zeit im ganzen vorderen Orient gesehen. Für sie lag die Zukunft hinten und die Vergangenheit vorne. Die Zukunft, die „Tage danach“ sind im Hebräischen die „Tage dahinten“ (achärit jamin) und die Vergangenheit (qäram) ist wörtlich: „die Vorderseite“.

Verkehrte Welt? Keineswegs, denn die Vergangenheit, so dachten und handelten die Menschen damals, konnte man sehen, erinnern, erzählen. Sie lag vor Augen: in Geschichten, in Gebäuden, Liedern, Traditionen und der eigenen Erfahrung. Die Zukunft hingegen war in diesen Zeiten noch weniger zu beeinflussen als heute. Sie sprang einen sozusagen von hinten an – wie ein bösartiges Virus. Der Mensch betrachtete sich noch nicht als ein Wesen, das selbstbewusst und planvoll in der Geschichte vorangeht, Fortschritt eben, sondern als ein Wesen, das sich unsicher und vorsichtig und rückwärts in eine unbekannte Zukunft tastet.

Verständlich daher, dass Prophetinnen und Propheten im Alten Testament auch als „Seher“ bezeichnet werden. Sie sehen nämlich schon, was noch hinten liegt, wo die normalen Menschen bekanntlich keine Augen haben. Die Mahnungen und Verheißungen der Propheten sind in ihrem Geschichtsverständnis „Bilder von hinten“, Bilder von Gottes Zukunft. So, wie man die Vergangenheit sehen kann, können Prophetinnen und Propheten sehen, was an Unheil und Segen – noch hinter den Menschen liegt. Und diese prophetischen Bilder können und sollen sehr wohl das Verhalten der Menschen bestimmen – zur Umkehr rufen. Aber eben so, dass das Gesehene, d.h. das Vergangene, Bilder für die Zukunft liefern. Und so, dass die Visionen und Sprüche der Prophetinnen und Propheten Umkehr von der, von allen gesehenen Vergangenheit in die, nur von ihnen gesehene, unsichtbare Zukunft ermöglichen.

Zu theoretisch? Ich möchte das an einem Text aus dem 5. Buch Mose deutlich machen, der, so finde ich, auch in unsere Corona-Situation spricht und zu dem, was da vielleicht sonst noch auf uns zukommt:

30 Wenn du verängstigt bist und dich das alles treffen wird in künftigen Zeiten, so wirst du dich bekehren zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen.31 Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben, wird auch den Bund nicht vergessen, den er deinen Vätern geschworen hat. 32 Dann frage nach den früheren Zeiten, die vor dir gewesen sind, von dem Tage an, da Gott den Menschen auf Erden geschaffen hat, und von einem Ende des Himmels zum andern, ob je so Großes geschehen oder desgleichen je gehört worden sei, 33 dass ein Volk die Stimme Gottes aus dem Feuer hat reden hören, wie du sie gehört hast, und dennoch am Leben blieb? 34 Oder ob je ein Gott versucht hat, hinzugehen und sich ein Volk mitten aus einem Volk herauszuholen durch Machtproben, durch Zeichen, durch Wunder, durch Krieg und mit starker Hand und ausgerecktem Arm und durch große Schrecken, wie das alles der HERR, euer Gott, für euch getan hat in Ägypten vor deinen Augen? 35 Du hast es sehen können, damit du weißt, dass der HERR allein Gott ist und sonst keiner.

39 So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen, dass der HERR Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner, 40 und sollst halten seine Rechte und Gebote.

(Deuteronomium 4,30-35.39-40)

Zwischen vorher und nachher, zwischen hinter ihnen liegender Zukunft und vorliegender Vergangenheit, zwischen Ägypten und dem Gelobten Land, wagt Mose einen Blick in die Zukunft des Volkes Israel. Was kommt da auf sie zu?

Und es ist eher ein Schreckensszenario als die Verheißung blühender Landschaften, die Mose da vor Augen führt. Eine düstere, unsichere Zukunft. Fast so schlimm wie Corona und Klimawandel.

Wie soll dann das Volk die Kraft zur Umkehr bekommen? Den Mut, neue Wege zu gehen? Wie sollen die Menschen verhindern, dass sie die Angst überwältigt und lähmt? Wie sollen sie der Überforderung entgehen, sich und die Welt retten zu müssen, und der Selbstüberschätzung, das tatsächlich zu vollbringen?

Mose rät: „Wenn du verängstigt bist und dich das alles treffen wird in künftigen Zeiten,(…) dann frage nach den früheren Zeiten, die vor dir gewesen sind, von dem Tage an, da Gott den Menschen auf Erden geschaffen hat, und von einem Ende des Himmels zum andern, ob je so Großes geschehen oder desgleichen je gehört sei.“

Vor Augen – in der Vergangenheit - liegen Gottes große Taten und seine Verheißungen. Sollte da nicht Gott auch in der Zukunft warten, um sich als groß und machtvoll zu erweisen, um die aufzufangen, die rücklings in die Zukunft stolpern?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir sollen uns als Christenmenschen nach Kräften einsetzen für die Eingrenzung der Pandemie und für die Begrenzung der Klimaveränderung. Wir sollen uns engagieren und nicht müden werden, umzukehren und einen anderen Lebensstil einzuüben – und uns dabei für Gerechtigkeit einsetzen. Wir sollen uns nicht in unseren Gemeinden und Häuser zurückziehen – Tür zu und lock down -, sondern den Menschen nahe sein, die Not leiden, egal wo auf der Welt.

Unser Beitrag besteht aber auch - und ganz zentral - darin, den richtigen Blick einzunehmen und uns Kraft schenken zu lassen von Gott. Und diese Kraft zur Umkehr kommt nicht aus der Apokalypse, sondern aus der Erinnerung, aus dem Gedenken an Gottes Taten und aus seinen Verheißungen.

In diesen Corona-Zeiten erleben wir, wie die alten Geschichten Texte und Lieder wieder zu sprechen beginnen.

Vor uns liegen Psalmen und biblische Erzählungen, die durchsichtig werden für unsere Situation. Wir erkennen, was es heißt, dass Bibel-Texte lebendig sind.

„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“

Vor uns liegen die Erfahrungen und Bekenntnisse unserer Mütter und Väter im Glauben. Sie können auch unsere Erfahrungen werden, unsere Situation deuten und ordnen. Wir erleben Gemeinschaft mit ihnen über Zeiten und Orte hinweg. Wir bekennen neu, „dass wir mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht uns, sondern unserem getreuen Heiland Jesus Christus gehören.“ Wir glauben ganz neu, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will,“ und dafür uns braucht, „Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“

Vor uns liegen Lieder, Choräle, YouTube-Zusammenschnitte, Oratorien und einfache Melodien. Wir hören und erleben wieder, wie die Verse von Paul Gerhardt bis Fritz Baltruweit Kraft geben. „Wenn mein Können, mein Vermögen nichts vermag, nichts helfen kann, kommt mein Gott und hebt mir an sein Vermögen beizulegen“ und „Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort, von dem du lebst.“

Vor uns liegt die eigene Lebens- und Glaubenserfahrung. In diesen Corona-Zeiten greifen wir auf die eigenen guten Erfahrungen mit Gott zurück. Wir entdecken, was wie er uns in unserem Leben geführt und bewahrt hat. Wir blicken nach vorne und sehen, welche Gaben und Kräfte er uns geschenkt hat. Wir werden an unsere dunkelsten Stunden erinnert. Wir erinnern uns aber auch, welche Krisen wir schon gemeistert haben. Und an die Menschen, die an die Seite getreten sind, als wir allein waren.

Auf all diese Schätze dürfen wir vorausblicken und sie nutzen.

Wir können und müssen die Welt nicht retten. Das ist Gottes Sache. Aber wir können und sollen erinnern und loben, auf Gottes Kraft und seine Weisung vertrauen - und dann umkehren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Der Segen kommt wieder aus Irland, gesungen:

https://dublin.anglican.org/news/2020/05/31/watch-the-irish-blessing-for

 

20.06.2020



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