Losung

für den 25.08.2019

Was vom Hause Juda errettet und übrig geblieben ist, wird von Neuem nach unten Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen.

2.Könige 19,30

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Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner zum Buß- und Bettag

Rettung auf der Grenze zwischen Tod und Leben

Mit einem Buß- und Bettagsgottesdienst in der Walder Kirche endete in Solingen die diesjährige Ökumenische Friedensdekade unter der Überschrift "Grenzerfahrungen". In ihrer Predigt ging Superintendentin Dr. Ilka Werner auch auf den Terror von Paris ein.

In der Walder Kirche predigte Dr. Ilka Werner über "Grenzerfahrungen". In der Walder Kirche predigte Dr. Ilka Werner über "Grenzerfahrungen".

Buß- und Bettag, 18. November 2015, Walder Kirche
Predigt über Jona 2, 3-10

Gnade sei mit euch von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Jona wird Prophet wider Willen. Er soll der Stadt Ninive Gottes Gericht ankündigen, und sie zur Umkehr rufen.
Jona passt das nicht. Er flieht vor dem Auftrag. Aufs Meer, von Jafo nach Tarsis. Er schifft sich ein.
Es kommt Sturm auf, das Schiff gerät in Seenot, die Seeleute suchen nach einer Erklärung, einem Schuldigen. Das Los fällt auf Jona, und als die Not am größten ist, werfen sie ihn ins stürmische Meer.
Und das Meer wird still.
Und, so wird erzählt, Gott, der Herr ließ einen großen Fisch kommen, der Jona verschlang.
Im Bauch des Fisches betet Jona, wir haben es eben schon ganz als Schriftlesung gehört:
„Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.
Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen (...). Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.
Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.
Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott! (...)“

Im Bauch das Fisches, schon aufgehoben, aber noch nicht gerettet, betet Jona, und er betet, als sei schon alles gut.
Das ist, so meine ich, schwierig zu hören heute, wo uns so viele Bilder erreichen von Fluchten über das Mittelmeer - in Schiffen, die wir Seelenverkäufer nennen würden, - zusammengedrängt von Schleusern, die sich nicht um die Seetüchtigkeit ihrer Boote scheren, - Menschen, die über Bord gehen, in Seenot geraten, denen die Wasser ans Leben gehen und die die Tiefe umringt, die hinuntersinken zu der Berge Gründen und die nicht alle gerettet werden, - die kein Fisch aufhebt, viele, die ertrinken.
Diese Bilder der vielen haben wir im Kopf, und ihr Schicksal betrauern wir, wenn wir uns jetzt auf die Geschichte und das Gebet des einen Jona einlassen, wenn wir mit eintauchen in seine Grenzerfahrung.

Im Fisch ist er aufgehoben, aber noch nicht gerettet, und er betet, als sei schon alles gut. Wie kann er das, wie kann er schon sagen, „Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, du hast mir geantwortet, du hörtest meine Stimme“, als sei er schon ans sichere Ufer gespuckt worden?
Und ich erinnere mich unwillkürlich an einen Besuch in der Sporthalle auf der Krahenhöhe mit Frau Scott vom Diakonischen Werk in der letzten Woche, und die Dankbarkeit und Geduld und Freundlichkeit der Menschen in dieser Erstunterkunft, für die noch alles unsicher war und nichts schon klar, weder wann sie woanders hinkämen noch wohin man sie bringen würde noch wie das gehen würde mit dem Status und Start in diesem neuen Land. Sie waren dankbar und geduldig, als sei schon alles gut.
Für Jona ist die Erfahrung, nicht ins Bodenlose zu fallen, der Grund, schon im Fisch die Rettung zu spüren: dass irgendetwas den Sog der Wasser, das Immer-tiefer-ins-Verderben-gezogen-werden aufhalten konnte, aufgehalten hat, dass ein Halt, wie seltsam und vorläufig auch immer, gefunden war, und ein Innehalten, ein Durchatmen ermöglicht.

Und so betet er im Fisch, als sei schon alles gut.
Und wir folgen ihm in Gedanken auf diese Grenze zwischen Tod und Leben und lassen uns ein auf unsere Grenzerfahrungen und was wir denn beten können und ob wir hoffen können, dass schon alles gut sei.

Es wird ja viel von Grenzen geredet in unseren Medien – von Obergrenzen für den Zuzug von Flüchtlingen, von Grenzkontrollen, um einreisende Terroristen zu stoppen, von Grenzzäunen, die die drinnen vor denen draußen schützen sollen. All diese Grenzen schaffen nicht, was sie schaffen sollen: Sicherheit.
Sie geben niemandem Jonas ‚Fischgefühl’ – nicht den Flüchtlingen, die ins Bodenlose zurück-gestoßen werden, nicht den Ängstlichen, weil es genug Terroristen mit europäischen Pässen gibt, die keine Kontrolle herausfiltert, nicht denen drinnen in der Festung Europa, denn sie wissen aus Erfahrung seit Jahrhunderten, dass Zäune, Türme und Mauern nicht halten. Im Grunde verhindern diese Grenzen Grenzerfahrungen, die die Gewissheit von Gehaltensein geben.
Der Denkfehler, der ihnen anhaftet, ist, dass sie die Welt teilen wollen, in die, die bedroht sind und die, die sicher sind, in die, die nach Europa wollen, und die, die Europa besitzen, in die, die keine Ansprüche stellen sollen und die, die das Recht auf ihrer Seite zu haben meinen. Das ist falsch und suggeriert, als hätten wir in Europa mit dem Bürgerkrieg in Syrien und dem Terror des IS nicht das Geringste zu tun. Was einfach nicht stimmt.
Diese Welt ist eine, und das schon lange, und die Wurzeln der aktuellen Kriege und Konflikte liegen tief in längst vergangenen Jahrzehnten und sogar Jahrhunderten. Wir alle haben sie, von allen Seiten sind sie bei jedem Aufflackern so behandelt worden, als seien sie neu, als sei die Analyse klar und als brauche es nur entschlossenes Durchgreifen und einen starken Willen, um sie in den Griff zu kriegen. Pustekuchen!
Mit Erschrecken höre ich die rhetorische Aufrüstung jetzt nach den Anschlägen in Paris und sie erinnert mich an die Rhetorik nach dem 11. September 2001 und an die Kriege, die folgten und nichts klärten, und nichts lösten, aber auch gar nichts. Warum können wir nicht mal ein paar Tage bei der Trauer bleiben?
Weil wir Grenzerfahrungen verhindern wollen. Echte Erfahrungen der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Sein und Nichts.
Und ich sage „wir“, obwohl ich nicht alle meine, aber eben doch eine Stimmung in unserem Land, als müsse uns das alles nichts angehen, weil es doch nicht unser Problem sei. Diese Stimmung machen sich die einen, die Pegidas und ähnliche, zu nutze und skandieren aktuelle Variationen von Deutschland-den-Deutschen-Rufen. Wir können nicht oft genug und laut genug widersprechen: Was mit den Flüchtlingen und den Anschlägen von Paris nach Europa kommt, geht uns an und hat mit uns zu tun und ist zum Teil auch von uns mit verursacht, da-rum greifen weder Grenzzäune noch verbale Grenzen.
Die Welt ist eine, und das schon lange.
Und andere, die sich sehr wohl engagieren und helfen und Flüchtlinge wirklich unterstützen, tragen aber doch diese Stimmung in sich, als sei das alles ein furchtbares Schicksal der Anderen, um die man sich wohl gut kümmern wolle, die aber die Anderen blieben und zwar Aufnahme finden, aber unser Land nicht verändern dürften. Auch sie lassen sich auf die Grenzerfahrungen unserer Zeit nicht ein.

Ich komme noch einmal zu Jona zurück, um zu erklären, was ich damit meine, mit der Unterscheidung zwischen Grenzerfahrungen und Grenzen, die diese Erfahrungen verhindern sollen.
Jona – der Prophet wider Willen. Warum wurde er überhaupt zum Flüchtling? Weil er in Ninive Bußprediger sein sollte. Aber er floh nicht, weil er das peinlich fand, Buße zu predigen, sondern weil er befürchtete – zu Recht, wie sich nachher herausstellt -, dass Gottes Gnade mit Ninive schnell ihren Frieden machen würde, und dass sein, Jonas, Gerechtigkeitsgefühl beleidigt würde, denn, mal im Ernst: ein paar Tage in Sack und Asche, und alles ist so gut wie nach einem Leben voller Wohlanständigkeit? Nicht mit mir, denkt Jona, und flieht. Und gerät auf der Flucht an die Grenze, nicht die falsche Grenze zwischen Anstand und Unmoral, sondern an die existentielle Grenze zwischen Leben und Tod. Und er begreift: es geht nicht um sein Verständnis öffentlicher Kultur und auch nicht um seine Vorstellung von Gottes Aufgaben, sondern es geht darum, das Leben von Gottes Kindern, um die er sich gemüht hat und die ihm lieb sind, zu retten. Es geht darum zu retten.

Auch jetzt. Auch bei uns. Zuerst die Menschen, die zu uns kommen und eine Zukunft brauchen, sie zu retten und durch sie die entscheidende Grenze spüren, nicht die zwischen unserer Kultur, unserem Wohlstand und ihrer Kultur, ihrer Bedürftigkeit, sondern die zwischen Todesgefahr und Lebenschancen. Eine bittere Ahnung, was Todesgefahr heißt, haben uns die Anschläge in Paris gegeben. So lange schon gibt es diese Terrorgefahr in Beirut, in Israel, an vielen Orten im Nahen Osten, die Erfahrung der Menschen, dass ein Besuch im Straßencafé oder eine Busfahrt in Lebensgefahr und Todesnähe führen kann.
Jetzt ist das auch eine europäische Erfahrung.
Eine Erfahrung, die uns erschüttert und aufrührt und an die Grenze führt, die entscheidende zwischen Angst und Lebensfreude, und wir können mit einem Mal nachvollziehen, mit wie viel Zerbrechlichkeit des Lebens die Menschen in Syrien, Israel und anderen Ländern längst leben mussten.
Es geht darum zu retten. Zuerst die Menschen, habe ich gesagt. Das tun Sie, hier in Wald, indem Sie hier Menschen in das Gemeindehaus einziehen lassen und ein Netz aller Walder knüpfen für Willkommen und Integration. Sie wissen, wie toll ich das finde.
Retten. Zuerst die Menschen. Und dann die Freiheit. Das Recht, individuell zu entscheiden, wie Mann oder Frau leben möchte, wie jeder und jede glauben will und wie und mit wem dieser oder jene ihre Freizeit verbringen möchte. Das Recht auf individuelle, bürgerliche Freiheiten. Der Terror richtet sich immer wieder dagegen. Und vermischt immer wieder den Hass auf das, was wir westliche Lebensart und westliche Freiheitswerte nennen, mit dem Hass auf Juden und jüdische Kultur – es gibt immer auch eine erschreckende antisemitische Unterströmung. Die Freiheit retten, heißt darum auch, gegen den Antisemitismus einzustehen. Und ich bin sicher, das geht nicht mit militärischen Mitteln. Das geht, wenn überhaupt, mit einem langen Atem, und dem hartnäckigen, langwierigen und von Rückschlägen bedrohten Kampf für Gerechtigkeit, für Frieden, für Bildung für alle, Mädchen wie Jungs, Reiche wie Arme, und für die gegenseitige Verantwortung aller füreinander in dieser Welt.
Ich weiß, viele sagen, das ist und bleibt naiv. Mag sein. Ich sage: Das ist und bleibt unsere einzige Chance. Ich bin jetzt über 50 und schaue mir seit Jahrzehnten an, was mit ach so präzisen Militärschlägen versucht und nicht erreicht wurde. Ich bin gar nicht prinzipiell gegen jede militärische Gewalt. Aber für das, was mit der Welt passiert, taugt sie nicht. Sie macht auf Dauer alles nur schlimmer.
Unsere Welt verändert sich. Völkerwanderung. Klimawandel. Säkularisierung auf der einen Seite, Fanatisierung auf der anderen. Globalisierung der Wirtschaft. Ihnen fällt bestimmt ein, was noch auf die Liste gehört.
Ich bin sicher: unsere Werte verteidigen wir, indem wir Verbrechen Verbrechen nennen, indem wir deutlich konsequenter als jetzt eintreten für Menschenrechte, auch, wenn das politisch, wirtschaftlich oder sportlich lästig wird; indem wir aufhören mit den Waffenexporten, auch wenn wir schon vorsichtig sind und nur an die ‚Guten’ verkaufen – alle, die Räuber und Gendarm gespielt oder Winnetou gelesen haben, wissen, dass Waffen der ‚Guten’ irgendwann den ‚Bösen’ in die Hände fallen -, mit allen Waffenexporten sukzessive und konsequent aufzuhören, darum geht es; und noch eins, wir verteidigen unsere Werte, indem wir selbst ihnen folgen, nicht nur die vielen bei dem Menschenketten und Hilfsorganisationen, sondern auch die wenigen, die auffallenden, die politischen Vertreter und Manager der Wirtschaft und Funktionäre des Sports, die, obwohl sie die Macht dazu haben, die Maßstäbe nicht mehr biegen dürfen und die Ethik nicht weiter ihren Bedürfnissen unterordnen dürfen.
Es mag naiv sein, aber ich bin sicher: das geduldige, konsequente und Rückschläge ertragende Eintreten für unsere Werte, für Frieden, für Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung ist unsere einzige Chance.

Denn es nimmt die Erfahrung der Grenze ernst. Dass wir alle auf der Grenze stehen. Und nicht irgendwo in Sicherheit. Dass wir alle an der Grenze stehen. Und nicht nur die, die jetzt Grenze um Grenze überschreiten. Weil unsere Welt sich verändert. Und wir kämpfen müssen für das Leben und die Lebenschancen und gegen den Tod und die dauernde Todesgefahr. Zäh, geduldig, und barmherzig.

Wie Gott um sein Ninive kämpft. Und so sind wir bei Jona: wie er heute berufen, Propheten und Prophetinnen zu sein, berufen, uns selbst und unserer Welt den Spiegel vorzuhalten und Umkehr zu predigen, berührt von den Wassern, die in die Tiefe ziehen, versehrt von Mitleid und Trauer, aufgehoben im Bauch des Fisches und dankbar, doch hoffentlich dankbar für die Rettung, die wir erfahren, erhoffen dürfen.
Wie Jona sitzen wir im Bauch des Fisches, aufgehoben, aber nicht ganz in Sicherheit. Von ihm lernen wir beten und unseren Auftrag: Umkehr predigen und uns freuen über alle, die gerettet werden.
Und Rettung erhoffen, wo keine mehr möglich erscheint. Der Fisch ist beides, Symbol für den Todesrachen und der Rettung durch den Tod hindurch. Und damit ein Bild für die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben. Für alle die, die kein Fisch aufhebt vom Meeresgrund. Die ertrunken sind, erfroren, verhungert, vor Erschöpfung gestorben, ermordet. Sie alle sind über die Grenzen des Lebens hinausgefallen. Aber, das ist unser Glaube und unsere Hoffnung und dafür steht Jonas Fisch, aber sie sind nicht ins Bodenlose gefallen, sie werden aufgehoben in Gottes Reich.

Und wir? Wir erfahren die Grenze und sind ausgespuckt auf festes Land und predigen uns und der Welt Umkehr und Hoffnung und Freude über alle, die gerettet werden, und die Barmherzigkeit Gottes, die an keiner Grenze halt macht.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

19.11.2015



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