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für den 02.06.2020

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1.Samuel 2,1

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Superintendentin Dr. Ilka Werner

Die Wahrheit wird euch frei machen. Zur Warnung vor Verschwörungstheorien in Corona-Zeiten

Verschwörungstheorien behaupten Eindeutigkeit und zeigen auf Verantwortliche. Doch wenn es Eindeutigkeit nur in der Filterblase gibt und Menschen zu Sündenböcken gemacht werden, wird es dämonisch, warnt Superintendentin Dr. Ilka Werner.

„Eine Verschwörungstheorie kann dämonische Züge entwickeln“: Superintendentin Dr. Ilka Werner „Eine Verschwörungstheorie kann dämonische Züge entwickeln“: Superintendentin Dr. Ilka Werner

Im Herbst 1610 wird Apollonia Heß aus Grehweiler im Naheraum von Nachbarn denunziert
und vermutlicher Zauberei halben als Hexe hingerichtet –
sie soll zu Ostern eine Kuh verhext und schon immer gezaubert haben.

Während der europäischen Pestepidemie um 1350 herum werden aufgrund von Gerüchten
und unter der Folter erpressten falschen Geständnissen
in ganz Europa die Juden der Brunnenvergiftung bezichtigt
und in grausamen Pogromen verfolgt, getötet und ihre Gemeinden ausgelöscht.

Im Frühjahr 2020 wird in den sozialen Medien verbreitet,
dass Microsoft-Gründer Bill Gates hinter der Corona-Pandemie stecke
und mit Hilfe des Virus die Weltbevölkerung verringern wolle.

Je länger die Corona-Pandemie dauert, desto üppiger werden die im Internet und in den sozialen Netzwerken kursierenden Verschwörungstheorien. Und sie finden immer mehr Anhänger und Anhängerinnen auch unter gebildeten und prominenten Zeitgenossen. Solche Verschwörungstheorien sind nichts Neues – durch die Geschichte hindurch dienen sie der Sehnsucht nach einfachen Erklärungen, der Schuldzuweisung an Sündenböcke und der Verweigerung eigener Verantwortung.

Und immer wieder haben Theologie und Kirche, Rechtswissenschaft und Politik solche Theorien mit Gedankenkonstrukten und fragwürdigen Imperativen unterstützt und befeuert. Dafür schäme ich mich als Kirchenfrau heute. Und setze mit meiner Kraft dem merkwürdigen Sog der Verschwörungsgedanken das Vertrauen in die Liebe, Wahrhaftigkeit und Macht Jesu Christi entgegen.

Einfache Erklärungen

Die Corona-Lage ist komplex. Das Virus ist neu und medizinisch noch nicht recht erforscht, dazu hat es einen obskuren Ursprung. Die akuten Fallzahlen sind mancherorts sehr klein, die Gefahr liegt im nicht leicht vorstellbaren exponentiellen Wachstum. Viele Menschen erleben massive Einschränkungen und Bedrohungen ihrer Existenz, ohne auch nur einen Kranken zu kennen oder gesehen zu haben. Das Erleben des Frühlings und die Gefahr der Ansteckung fallen in der persönlichen Erfahrung auseinander. Es ist schwer, sich auf die Situation einen Reim zu machen. Es ist schwer zu ertragen, dass in all dem kein Sinn und Grund erkennbar ist. Da ist es naheliegend, hinter den Kulissen einen (bösen, geheimen) Plan zu vermuten, von dem sich irgendwer irgendwas verspricht. Aber es geht jetzt darum, die Komplexität der Lage anzuerkennen, Nachrichten sorgfältig und nachdenklich zu prüfen und genau zu überlegen, was man anderen erzählt und wie man auf das reagiert, was andere erzählen. Es gilt, um der Wahrheit willen im Gespräch zu bleiben.

Schuldzuweisung an Sündenböcke

Wer sich bedroht fühlt, vermutet die Ursache gern „draußen“, außerhalb des eigenen Zirkels. Wer einen Sündenbock sucht, kann sich selbst entschuldigen. Dann gilt das Corona-Virus als ‚chinesisches Virus‘, die Nutznießer der Krise sind ‚die da oben‘, schuld daran sind ‚die anderen‘ oder ‚die Außenseiter‘. In der Geschichte verbinden sich mit Verschwörungstheorien oft irrationale Explosionen von Antisemitismus mit der Folge schrecklicher Pogrome. Juden- und Hexenverfolgungen zeigen, wie haltlose Beweisketten durch unter der Folter erpresste Geständnisse gestützt und geglaubt wurden. Heute werden in Internetforen „Beweise“ geliefert, bei denen wichtige Einzelheiten unterschlagen oder nicht nachweisbare Zusammenhänge behauptet werden. Manche Verschwörungstheorien machen die Juden direkt für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich. Es wäre naiv, zu meinen, dass der Umgang mit der Corona-Pandemie nichts mit Antisemitismus zu tun hat. Die Ansprüche an Begründungen sind nicht hoch, wo Menschen glauben wollen und die Gefahr, dass alte Muster der Diskriminierung neu belebt werden ist ungeheuer groß. Es gilt, um der Liebe willen dem Drang zur Ausgrenzung zu widerstehen.

Verweigerung eigener Verantwortung

Niemand mag das Gefühl der Ohnmacht. Es ist schwer, damit so umzugehen, dass es nicht lähmt. Wer einen Schuldigen ausgemacht hat, ist fein raus und die eigene Verantwortung los. Aber das ist die zu einfache Lösung. Deshalb geht es darum, in der schwierigen Lage selbst Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für das eigene Reden und Handeln. Verantwortung dafür, wie ich meine Handlungsspielräume nutze und den Schutz Gefährdeter achte. Es liegt in meiner Verantwortung, abzuwägen zwischen meinen Interessen und dem Gemeinwohl und nicht nur mich, sondern auch die anderen zu sehen. Es ist das gute demokratische Recht eines jeden und einer jeden, die eigene Meinung zu den politischen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung öffentlich und auch auf den Straßen zu äußern – aber es liegt in meiner Verantwortung, darauf zu achten, mit wem ich mich gemein mache dabei. Es gilt, um der legitimen Macht willen die eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Verschwörungstheorien sind brandgefährlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den solidarischen Umgang mit den Gefahren der Bedrohung durch das Corona-Virus. Sie können genutzt werden als Kaschierung bestimmter Interessen. Sie geben den Ängsten vor einer Erkrankung, der Wut über die Folgen der Pandemiebekämpfung für das eigene Leben und dem Ärger über die Unverstehbarkeit der ganzen Situation eine Richtung. Und in diese Richtung können sich die starken Gefühle entladen. Verschwörungstheorien bringen Pogromstimmung hervor. Gefährdet sind dann sehr bald die, die vermeintlich anders sind – Juden und Jüdinnen, Zugewanderte, dann auch Homosexuelle und Feministinnen. Sie sind gefährdet, obwohl sie mit dem Auslöser der Krise nichts zu tun haben. Und niemand kann garantieren, die Situation im Griff zu behalten.

Die Wahrheit wird euch frei machen

Es kommt darauf an, einen klaren Blick zu behalten: Das Corona-Virus ist niemandes Helfershelfer. Keiner steuert das Virus, niemand steuert die Pandemie; und auch wenn es Menschen geben wird, die durch die Lage profitieren, so kann niemand mittels des Virus seine Ziele durchsetzen. Es kommt darauf an, aufzuklären: Die Welt besiegt die Gefahr gemeinsam oder gar nicht. Erst, wenn die Verbreitung überall gestoppt wird und überall und für alle Medikamente und ein Impfstoff verfügbar sein werden, ist es vorbei.

Die Bibel erzählt gelegentlich, wie Jesus Dämonen austreibt. Wenn jemand von Dämonen besessen ist, kann er sich seines Verstandes nicht mehr bedienen, ist sie nicht mehr Herrin ihrer selbst. Man kann mit ihnen kein vernünftiges Wort mehr wechseln. Wo Jesus den Dämonen ent-gegentritt, erkennen sie ihn als den Stärkeren und verlassen die Besessenen. Die bleiben zunächst desorientiert zurück, es dauert und sie brauchen Hilfe, bis sie sich zurecht und wieder zu sich selbst finden.

Eine Verschwörungstheorie ist kein Dämon. Aber sie kann dämonische Züge entwickeln, so dass Menschen davon besessen sind und man mit ihnen kein vernünftiges Wort mehr wechseln kann. Dann geht es darum, der dämonischen Theorie etwas Stärkeres entgegen zu setzen. Etwas, das Orientierungslosigkeit, Ängste und Ohnmacht aufnimmt und umfängt. In der Bibel ist das die Liebe, Wahrhaftigkeit und Macht Jesu Christi, der sagt: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannesevangelium 8, 31.32)

 

19.05.2020



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