Losung

für den 27.09.2021

Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort.

Psalm 119,67

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Superintendentin Dr. Werner zum Gedenken an die Reichspogromnacht

"Wir werden noch mehr tun"

Auch das Gedenken unserer Stadt an die Gräueltaten gegen die jüdische Bevölkerung Solingens in der Reichspogromnacht  fand in diesem Jahr online statt. Für die Arbeitsgemeinschaft Christlichlicher Kirchen sprach Superintendentin Dr. Ilka Werner.

Superintendentin Dr. Ilka Werner Superintendentin Dr. Ilka Werner

Superintendentin Dr. Ilka Werner
Rede zum 9. November 2020

„Jage die Ängste fort. Und die Angst vor den Ängsten.“

So dichtet Mascha Kaleko. Die jüdische Lyrikerin kennt sich aus mit Angst, sie hat Flucht, Verfolgung und Auswanderung erlebt.

„Jage die Ängste fort. Und die Angst vor den Ängsten.“

Ich zitiere diesen Satz heute am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 nicht als Aufforderung an die, die Angst haben. Ich zitiere ihn als Auftrag an die, die in unserem Land keine Angst zu haben brauchen, zum Beispiel als Auftrag an mich. Ich meine, ich sollte eine Angst-Verjagerin sein. Ich sollte eine sein, die mithilft dafür zu sorgen, dass andere hierzulande keine Angst haben müssen. Und ich versuche, das zu sein, eine Angst-Verjagerin und eine, die mithilft, dass andere keine Angst haben müssen. Ich versuche das wirklich. Mit anderen. Sogar mit vielen anderen. Aber es gelingt mir nicht. Es gelingt uns nicht.

Seit Jahren stehen wir hier, und nicht nur heute, auch an anderen Tagen wie am Kippa-Tag und nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle, und wir sagen die richtigen Worte. Und bewirken so wenig. Und die, die es mit der Angst bekommen haben in den letzten Jahren in Deutschland, viele unserer jüdischen Geschwister, haben immer noch Angst und auch Angst vor der Angst. Mich macht das traurig. Und hilflos. Und beschämt.

Vor ein paar Tagen hat sich der Solinger Runde Tisch der Religionen, der in Wirklichkeit ja ein ziemlich eckiger Tisch ist, getroffen, per Zoom, wie es üblich ist in diesen Zeiten. Wir haben darüber geredet, wie schmerzlich es ist für uns, für Christen, Bahai und Muslime, dass Religionen ihrem Friedenswillen und ihrer Friedensbotschaft zum Trotz als Vehikel für Hass, Gewalt und Diskriminierung benutzt werden und sich manchmal auch dazu missbrauchen lassen. Wir haben auch darüber geredet, wie schmerzlich es für uns alle ist, da nicht mehr gegen tun zu können oder nicht zu wissen, wie wir mehr dagegen tun können. Es müsste doch, so meinten wir, von den Religionen der Friede ausgehen und von den religiösen Menschen ausgehend Friede geschlossen werden können zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in unserem Land und den unterschiedlichen Milieus. Es müsste doch jeder Glaube an den gnädigen Gott mithelfen, Ängste zu verjagen und die Angst vor den Ängsten.

Es müsste doch… Aber es passiert nicht. Was wir tun, reicht nicht. Wir stehen hier und sagen die richtigen Worte und bewirken zu wenig. Und die, die es mit der Angst bekommen haben in den letzten Jahren in Deutschland, unsere jüdischen Geschwister, haben immer noch Angst. Sie, Herr Goldberg, sprechen manchmal von Ihren Ängsten und denen Ihrer Gemeinde. Mich macht das traurig. Und hilflos. Und beschämt.

Und ich mache weiter mit meinem Versuchen, eine Angst-Verjagerin zu sein und eine, die mithilft, dass andere keine Angst haben müssen. Ich mache weiter mit den vielen, die das auch tun. Wir werden noch mehr tun und mit anderen Worten an anderen Orten immer wieder das Richtige sagen: Dass niemand jüdischen Menschen Angst machen darf und dass niemand meinen darf, Synagogen und jüdische Schulen oder Einrichtungen angreifen zu dürfen und dass niemand Gewalt ausüben darf gegenüber unseren jüdischen Geschwistern. Wir werden auch immer wieder mit anderen Worten sagen, dass niemand meinen darf, er könne jüdische Menschen hassen und mit der Kirche gut Freund sein. Wir werden laut sagen, dass in unserem Land der Hass längst schon um sich gegriffen hat und Angst macht und dass salonfähig geworden ist, was unsäglich ist: Antisemitismus und Diskriminierung und Verschwörungswahn. Und wir werden, soweit wir können, dafür sorgen, dass sanktioniert wird, was gegen die Grundrechte verstößt.  Ich hoffe, dass das mithilft, die Ängste zu verjagen und die Angst vor den Ängsten.

Reichen wird es nicht. Was reicht, steht weiter unten in dem Gedicht von Mascha Kaleko: „Sei klug und halte dich an Wunder.“ Wenn Friede wird unter den Bevölkerungsgruppen und Milieus in unserem Land, ist das ein Wunder. Wenn Hass und Antisemitismus aufhören in unserm Land, ist das ein Wunder. Wenn die Ängste verjagt werden und die Angst vor den Ängsten, ist das ein Wunder.

Tun, was wir können, und wissen, dass es Wunder braucht. Das ist klug. Nicht verzagen daran, dass unsere Worte so wenig bewirken, weiter reden und das Wichtige sagen. Uns an Wunder halten. Und an den, der Wunder tut, auch in unseren Tagen.

 

19.11.2020



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