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Verdienstorden für Doris Schulz

Ein Leben lang im Dialog

Doris Schulz erhält am 15. September die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland – für ihren Einsatz für interreligiöse Jugendarbeit und kulturelle Integrationsarbeit. Wer mit der 81-Jährigen ins Gespräch kommt, verlässt es mit großer Hoffnung.

Ein Leben für den Dialog: Doris Schulz LupeEin Leben für den Dialog: Doris Schulz

Es gibt diese Schlüsselmomente in ihrem Leben. So wie jener Tag im Sommer 1969 als Doris Schulz zum Unterricht in ihre siebte Klasse an der Hauptschule in Langenfeld kam und plötzlich Zeki vor ihr stand. Der Zwölfjährige war gerade mit seiner Familie aus der Türkei ins Rheinland gekommen und sprach kein Wort Deutsch. Es gab keine Idee für Zeki, keine Hilfsmittel, keine Förderstunden. Aber es gab Doris Schulz, die sich mit dem Jungen hinsetzte, Material ausfindig machte und die Sprache lernte. Jahrzehnte später hörte sie wieder von Zeki und seinem erfolgreichen Weg. Seit dem hat die studierte Lehrerin mit vielen Kindern Deutsch gelernt, in der Schule und im heimischen Wohnzimmer. Sie hat beobachtet, wie sich das Schulsystem auf Kinder einzustellen lernte, die Deutsch als Fremdsprache erlernen. Sie unterrichtete, redete und vermittelte – und Doris Schulz hörte zu.

Was sie da hörte, ließ sie nicht los. Eltern ihrer Grundschüler erzählten von ihren tiefen religiösen Bindungen, von ihren kulturellen Wurzeln, von Festen und Traditionen. „In meinem Leben hatten Religion und Glaube schon immer eine Rolle gespielt“, sagt Doris Schulz und erzählt von Abendgebeten und Kinderchor, von Konfirmationszeit und dem Einsatz im Kindergottesdienst. Als Grundschullehrerin hatte sie an einer Weiterbildung für den Religionsunterricht teilgenommen – hatte viel gelesen, neugierig aufgesogen und studiert. Dabei war sie auch dem Islam begegnet: Im Pädagogisch-Theologischen Institut, das sie auf den Religionsunterricht vorbereitete, hatte das Thema auf dem Lehrplan gestanden. „Aber es passte mir nicht, wie es angegangen wurde“, erinnert sie sich, „ich wollte nicht über den Islam reden, sondern ich wollte Originaltöne habe“.

Deswegen also hörte sie den Menschen zu, bat als Rektorin an einer Grundschule in Haan die muslimischen Kinder mit Erlaubnis ihrer Eltern, Gebetskette, Koran und Gebetsteppich mitzubringen und aus ihrem Alltag zu erzählen. „Es ist besser miteinander zu reden, als übereinander“, stellte sie fest und ahnte nicht, wie sehr dieser Leitspruch ihr Leben noch prägen würde.

Denn als sie einmal Herz und Ohr geöffnet hatte, nahm sie das Thema auch mit Nachhause. Sie lud Tochter Christiane ein, den türkischen Nachbarskindern anzubieten, zur Hausaufgabenhilfe mitzukommen. Dann saßen die Nachbarjungs im heimischen Wohnzimmer und die Grundschullehrerin gab auch nachmittags Deutschunterricht. 1983 lud die türkische Familie von nebenan Doris Schulz und Tochter Christiane ein, sie auf ihre Reise in die alte Heimat zu begleiten. Fünf Wochen lang verbrachte die Solingerin mit ihrer Tochter in der Ost-Türkei. Wieder so ein Schlüsselerlebnis. „Es ist das eigene Erleben, das einem Verstehen ermöglicht“, sagt sie. Damals erkannte sie, warum ihre Nachbarn die vertraute Heimat einst verlassen hatten – auf der Suche nach einem Weg aus der Armut und Perspektiven für die Kinder.

Dann ereignete sich jener Morgen im Frühsommer 1993, den sie heute als einen der stärksten Schlüsselmomente versteht. „Der Brandanschlag in Solingen“, sagt die heute 81-Jährige. Entsetzen, Scham und hohe Anteilnahme habe sie damals empfunden. Und ohne Zögern ging sie danach zum ersten Mal zum Christlich-Islamischen Gesprächskreis, der sich seit Jahren unter der Leitung von Pfarrer Eberhard Schmidt traf. „Ich war und bin überzeugt: Nur die Begegnung, nur der gemeinsame Austausch bringen die Kenntnisse und Grundlagen für das gemeinsame Wirken für ein tolerantes gutes Miteinander in unserer Solinger Stadtgesellschaft“, sagt sie. Genau darum sei es ihr gegangen nach dem rassistischen Angriff am 29. Mai 1993 – darum gehe es ihr auch heute. Elf Jahre später, der Dialog wurde längst auf Kirchenkreisebene organisiert, übernahm sie die Leitung des Gesprächskreises. 2007 überzeugte der Vorstand die Evangelische Kreissynode und das katholische Dekanat, den Gesprächskreis in ein ökumenisches Projekt umzuwandeln. „Das Netzwerk wuchs“, sagt Doris Schulz. Inzwischen war sie in den Kreissynodalvorstand gewählt worden und engagierte sich für den Fachausschuss Zuwanderung und Flüchtlingsfragen der Diakonie.

Und überall pflegte sie den Dialog – und tut es heute noch. „Ich habe die muslimischen Freunde gefragt, warum sie unbedingt in arabischer Sprache aus dem Koran lesen, auch wenn sie die Sprache selber nicht immer verstehen?“ sagt sie. Die Antwort: Im Lesen der arabischen Worte im Koran fühle man sich Gott besonders nah. Das verstand Doris Schulz, weil es ihr selbst so bekannt vorkam. „Das gleiche Gefühl haben wir im Abendmahl“, sagt sie. Schlüsselmomente. Gemeinsam machen sich evangelische, katholische und muslimische Gläubige auch weiterhin auf die Spuren von Religion und Glauben. Abraham und Noah, Salomon oder der islamische Religionsunterricht: Es gibt viel Gesprächsbedarf bei den monatlichen Treffen. Inzwischen sind weitere Projekte aus dem Gesprächskreis gewachsen: „Seit 2006 bieten wir Schulen eine interreligiöse Stadtrundfahrt an“, erzählt Doris Schulz. Ein muslimisches Notfallbegleitungsteam für Rettungskräfte ist entstanden. Während der Interkulturellen Woche wird ein Abend der Begegnung ausgerichtet.

Am 15. September erhält Doris Schulz für ihren Einsatz die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. „Ich gratuliere Doris Schulz von Herzen“, sagt Superintendentin Dr. Ilka Werner, „ihr leidenschaftliches Engagement für den interreligiösen Dialog und für den Respekt zwischen Menschen mit verschiedenen Wurzeln gründet tief in ihrem christlichen Glauben. Diese besondere Ehrung zeigt, dass sie damit nicht nur unsere Evangelische Kirche beschenkt, sondern das gesellschaftliche Leben unserer ganzen Stadt bereichert hat.“ Und Doris Schulz macht weiter.

 

10.09.2020



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