Losung

für den 06.04.2020

Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre.

Hosea 8,12

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Christen und Juden

„Gott bleibt seinem erstgeliebten Volk treu“

Als junger Mann hat Thomas Förster viel über die Geschichte des Unrechts an jüdischen Menschen gelesen. Ihren Glauben hielt er trotzdem für falsch. Heute denkt er ganz anders darüber. Und auch die Evangelische Kirche hat ihre Haltung geändert.

Im Juden- wie Christentum heilige Schrift: hebräische Schrift auf einer Torarolle (Foto: Daniel Tibi/Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.) Im Juden- wie Christentum heilige Schrift: hebräische Schrift auf einer Torarolle (Foto: Daniel Tibi/Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.)

Vor 40 Jahren
1980 war ich 16 Jahre alt. Ich half zu der Zeit im Kindergottesdienst und im Konfirmationsunterricht. Mein Pfarrer wusste viel über die jüdische Tradition. Die Gefahr des Antisemitismus und die Erinnerung daran, was dem jüdischen Volk in deutschen Vernichtungslagern angetan worden war, gehörten zu den Themen, die wir in unserer Jugendgruppe besprachen.

Ich konnte mir nur einen Weg vorstellen
Auch auch in den folgenden Jahren las ich viel über die Shoah und die deutschen Verbrechen am jüdischen Volk. Trotzdem ging ich mit einer ganz traditionellen Auffassung vom christlichen Glauben in mein Theologiestudium: Jesus Christus war in meinem Verständnis der einzige mögliche Weg zu Gott. Den Satz Jesu aus dem Johannesevangelium (14,6): „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ verstand ich exklusiv: „Nur Jesus ist der Weg!“ Einen anderen Weg konnte ich mir nicht vorstellen.

Alt und neu?
1980 war auch das Jahr, in dem unsere Landeskirche, die Evangelische Kirche im Rheinland, am einen „Beschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ gefasst hat. Darin setzte sie sich auch mit meiner Vorstellung kritisch auseinander. Jahrhunderte lang hatten christliche Theologen das Verhältnis von Juden und Christen, von Synagoge und Kirche, im Verhältnis von „alt“ und „neu“ beschrieben. Das jüdische Volk galt als das „alte“ Gottesvolk. „Alt“ sollte in diesem Verständnis „überholt“ und „verworfen“ bedeuten. Denn bis heute nehmen jüdische Menschen Jesus Christus nicht als Messias Israels und als Retter der Welt an.

Nur mit Jesus?
Dagegen hielt sich die Kirche für das „neue“ Gottesvolk. Gott, so lehrte die christliche Theologie Jahrhunderte lang, hatte seine Treue und Liebe vom „alten Volk“, den jüdischen Menschen, weggenommen und stattdessen auf sein „neues Volk“, auf die christlichen Gläubigen, übertragen. Nur denen, die sich auf Jesus Christus berufen, so lautete die herkömmliche christliche Lehre, könne Gottes Zuwendung gelten. Auch für Jüdinnen und Juden sei die Annahme des Glaubens an Jesus Christus als ihren Messias und Retter der einzige Weg.

Juden und Christen nebeneinander vor Gott
In ihrem Beschluss von 1980 bezeichnete die Evangelische Kirche im Rheinland diese traditionelle Beschrei-bung des Verhältnisses von Juden und Christen selbstkritisch als falsch und mitverantwortlich für den Holocaust. Sie versuchte, das Verhältnis von Gott, Juden und Christen radikal neu zu verstehen. Sie betonte, dass Gottes Treue und Liebe zu seinem Volk Israel auch weiterhin Bestand habe und Bestand haben werde. Gott habe die Menschen jüdischen Glaubens keineswegs verworfen. Christinnen und Christen seien nicht an die Stelle der jüdischen Menschen getreten, sondern durch den Juden Jesus Christus habe Gott sie in das vorhandene Treue- und Liebesverhältnis zu seinem erstgeliebten jüdischen Volk mit hineingenommen. In dieser Beziehung zu Gott stünden jüdische und christliche Menschen nun also nebeneinander mit der Aufgabe, allen Menschen und auch einander davon zu erzählen, wie Gott diese Welt geschaffen hat. Wie er sie bewahrt und vollenden wird. Seite an Seite hätten Christen und Juden nun die Aufgabe, diesem Glauben auch in ihrem Handeln im Alltag der Welt Ausdruck zu geben.

Nicht an Gottes Treue zweifeln
Anfang der 1990er Jahre, etwa zehn Jahre nach dem rheinischen Beschluss von 1980 war ich längst im Theologiestudium. Mein traditioneller Glaube war mir immer stärker zum Problem geworden. Meine Theologie bestritt ja, dass der jüdische Glaube zum Ziel führen kann. Aber ich fühlte mich längst unwohl damit. Mir kam diese Position überheblich vor. Auch irgendwie judenfeindlich. Dabei wusste ich doch, dass Jesus selber als Jude geboren war. Und ich kannte keinen einzigen biblischen Beleg dafür, dass er den - seinen - jüdischen Glauben grundsätzlich infrage gestellt oder gar abgelehnt hätte.

In einem Seminar arbeitete ich dann intensiv über drei Kapitel aus dem Römerbrief des Paulus (9-11). Dort entdeckte ich ein Argument wieder, dass für mich entscheidend wurde: Wer an der bleibenden Zuwendung Gottes zu seinem erstgeliebten Volk Israel zweifelt, der müsste auch daran zweifeln, dass Gott seine Treue überhaupt verlässlich hält. An Gottes Treue aber konnte und wollte ich nicht zweifeln. So hat Paulus mich damals davon überzeugt, dass Gott seinem erstgeliebten Volk treu bleibt, auch wenn es nicht in Jesus Christus seinen Messias sieht. Paulus hat mich aber auch noch einmal eingeladen, darauf zu vertrauen, dass es für mich als nicht-jüdischer Mensch der Jude Jesus Christus ist, der mir den Weg zu Gott öffnet.

Damals umstritten, heute wegweisend
Heute gilt der Beschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland als wegweisend. Damals, vor 40 Jahren, war er heftig umstritten. Insbesondere die Feststellung, man wolle aus dem neuen Verständnis heraus Jüdinnen und Juden zukünftig nicht mehr davon überzeugen, sich zu Jesus Christus zu bekehren, erregte starken Widerspruch.

Das besondere Verhältnis von Christen und Juden
Dieser Widerspruch hat sich in vielen kirchlichen Verlautbarungen bis heute gelegt. Aber wie steht es um die persönlichen Beziehungen zwischen Gläubigen aus Kirchen- und aus Synagogengemeinden? Dabei gilt: Christen und Juden können und sollen auf ihren parallelen und gleichzeitig gemeinsamen Wegen zu Gott viel voneinander lernen. Und für meine Weggefährten will ich einstehen, wenn sie angegangen werden. Heute, fast 30 Jahre nach meinem Seminar zum Römerbrief, ist diese Verpflichtung längst ein wichtiger Bestandteil meines christlichen Selbstverständnisses. Und in einer Zeit, in der der sich antisemitische Menschen wieder trauen, unverblümt gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen, finde ich es besonders nötig, dass an die besondere Qualität des Verhältnisses zwischen Christen und Juden erinnert wird. Auch darum ist der Beschluss von 1980 heute immer noch und wieder so wichtig.

Thomas Förster, Pressepfarrer im Evangelischen Kirchenkreis Solingen

 

22.01.2020



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