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für den 29.05.2022

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Gottesdienst zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe zum Thema „Suizid“

„Ich bette mich bei den Toten und du bist da“

Wo ist Gott, wenn jemand sich das Leben genommen hat? Gott ist da, sagt Superintendentin Ilka Werner, und gibt Halt, wenn wir allen anderen Halt verlieren. Mit einem Gottesdienst wurde eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Suizid“ eröffnet.

Gestalteten den Gottesdienst in der Stadtkirche am Fronhof: Ulrike Kilp, Simone Henn-Pausch, Friederike Höroldt und Dr. Ilka Werner (v.l.) LupeGestalteten den Gottesdienst in der Stadtkirche am Fronhof: Ulrike Kilp, Simone Henn-Pausch, Friederike Höroldt und Dr. Ilka Werner (v.l.)

„Gott, manchmal ist es einfach nicht zum Aushalten, wenn jemand der einem am Herzen lag, einfach geht und sich das Leben nimmt“: Stellvertretend für Angehörige, die von Suizid betroffen sind, brachte Pfarrerin Friedrike Höroldt ihren Schmerz in einem Klagegebet vor Gott: „Wenn auf einmal nichts mehr so ist, wie es war, und so viele Fragen bleiben – warum?“

Mit einem Gottesdienst eröffnete am vergangenen Sonntag die Stadtkirchenpfarrerin gemeinsam mit Superintendentin Dr. Ilka Werner, Notfallseelsorge-Koordinatorin Simone Henn-Pausch und Diakonie-Geschäftsführerin Ulrike Kilp die Veranstaltungsreihe „Leben (an)nehmen“ zum Thema „Suizid“. Passend zu Gebeten, Lesungen und einer Predigt verstärkte einfühlsame Musik von Thomas Busch die ernste Stimmung des Gottesdienstes. Zum ersten Mal konnte die Gottesdienstgemeinde auch die Ausstellung des Vereins „Angehörige um Suizid“ sehen, die noch bis zum 14. November 2021 in der Stadtkirche Mitte am Fronhof gezeigt wird.

In ihrer Predigt betonte Superintendentin Dr. Ilka Werner die radikale Hoffnung, dass Gott seine Menschen unter allen Umständen kennt und hält: „Ich falle nicht ins Nichts. Auch, wenn ich mich suizidiere. Ich falle nicht aus der Hand Gottes, der mich gemacht hat und der mich hält. Auch dann, wenn ich nicht gehalten werden möchte und fallen will.“

Hier können Sie die ganze Predigt im Wortlaut nachlesen:

„Ich bette mich bei den Toten: und DU bist da“

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner
im Gottesdienst zur Eröffnung der Ausstellung „Leben (an)nehmen“
in der Stadtkirche Mitte am 24. Oktober 2021

 

Liebe Gemeinde,

als ich 17 und 18 war fand ich, wenn ich mich verloren fühlte – und ich fühlte mich immer wieder mal verloren – fand ich Trost in dem Gedanken mich, wenn das alles nicht besser würde in den nächsten 20 Jahren, umzubringen. „Wenn das Leben nicht kommt, werde ich mir das Leben nehmen“ dichtete ich.

Mit dem Philosophiekurs lasen wir an einem goldenen Herbstwochenende philosophische Texte über den Freitod. Am Ende gab mir der Lehrer das Buch und sagte: „Wenn du Theologin werden willst, solltest du es ganz lesen.“

Ich war 15 und wurde 20, und in diesen Jahren begingen drei Menschen meines Alters, die ich kannte, nicht sehr gut, aber gut genug, Selbstmord. Ich war traurig, aber nicht entsetzt oder verständnislos wie die Erwachsenen, an deren Reaktion ich mich erinnere. Ohne groß darüber nachzudenken, war ich damals davon überzeugt, dass Gott mit Selbsttötung genauso barmherzig umgehen würde wie mit anderem, was wir Menschen so taten und tun.

Jetzt bin ich nicht 20, sondern 40 Jahre älter als die junge Frau von damals. Ich verstehe immer noch die verzweifelte Sehnsucht, ins Nichts zu fallen, und ich glaube immer noch, dass wir im Nichts Gott begegnen, dem barmherzigen Gott, und dass diese Begegnung alles verändert und uns klar sehen lässt. Aber eines sehe ich anders: Ich habe ein tieferes Verständnis davon, wie sozial eingebettet wir sind, auch, wenn wir uns einsam vorkommen. Ich verstehe mehr, dass die Frage nach Suizid nicht nur eine individuelle und nicht nur eine die Gottesbeziehung betreffende ist, sondern auch eine, die in kaum zu über-schätzendem Maße andere Menschen mitbetrifft und mitverwundet. Vielleicht kommt dieses Verstehen erst mit dem Älterwerden – heute ist mir wichtig, dass es kommt.

Zwei Sätze aus unseren Lesungen heute im Gottesdienst möchte ich darum kurz auslegen: Der eine ist aus dem 139. Psalm und die Überschrift über den ganzen Gottesdienst: „Ich bette mich bei den Toten – und DU bist da“. Diesem Psalm ist es wichtig zu besingen, dass es keinen Ort gibt, an dem Gott nicht ist. Irgendwelche fernen Welten oder Unterwelten trennen uns nicht von Gott, und Gott bekommt immer mit, was wir tun und wie es uns geht. Nirgendwo ist diese Allgegenwart schöner beschrieben. Und auch, wenn das Lied am Anfang ein bisschen hin- und her geht zwischen Gefühlen der Geborgenheit und des Gefangenseins, so wird das Tröstliche immer stärker: „Führe ich gen Himmel, so bist du da, bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“ Ich falle nicht ins Nichts. Auch, wenn ich mich suizidiere. Ich falle nicht aus der Hand Gottes, der mich gemacht hat und der mich hält. Auch dann, wenn ich nicht gehalten werden möchte und fallen will.

Kann sein, in rebellischer Stimmung begehre ich trotzig auf gegen diesen Schöpfer, der mich einfach nicht kaputt gehen lässt. Aber das größere Bild, ein bisschen mit Abstand gesehen, zeigt: Ich gehe nicht kaputt, nicht verloren, auch dann nicht, wenn ich es selbst so will, und auch, wenn ich vielleicht damit beschäftigt bin, dagegen aufzubegehren, so ist dieser Glaube, dieses Versprechen doch ein großer Trost für alle, denen ich wichtig bin. Sie dürfen wissen: Egal, was ich tue und wohin ich mich bringe, GOTT ist da und hält mich. Sie, die anderen, die, die mich lieben, dürfen wissen: Ich werde aufgefangen.

Wissen dürfen: Auch, wenn ich meinen Bruder, meine Schwester nicht im Leben halten kann und sie sich suizidieren, ist da Gott, der sie gemacht hat, der sie im tiefsten kennt, der sie hält.
Wissen dürfen: Auch, wenn ich Fehler mache in Beziehungen und Kontakte abbreche, die für andere überlebenswichtig sind und darum Schuld empfinde, wenn sie sich das Leben nehmen, ist da Gott, der sie gemacht hat und sie im tiefsten kennt, der sie hält.
Wissen dürfen: Auch, wenn ein Mensch, den ich liebe, in Finsternis und Verzweiflung versinkt und keinen Ausweg sieht als Suizidversuche, und ich es kaum ertrage, dass da eine Seele lebt und keinen Hoffnungsschimmer sieht, ist da Gott, der sie gemacht hat und sie im tiefsten kennt, der sie hält.
Und noch so viel mehr wissen dürfen, wie gut das tut. Wie tröstlich das ist. Wieviel Halt für uns das bedeutet, dass ein Ich, das wir verlieren, nicht verloren ist.

Der zweite Vers, mit dem ich den Beziehungskreis vom Ich zu Gott zum Wir noch ein Stück weiter beschreiben möchte, ist aus der Lesung von vorhin: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Ich liebe die Bibel dafür, dass in ihr solche Sätze stehen, solche Sätze, die erkennen lassen, dass Denken und Zweifel und eine realistische Haltung zur Welt zum Glauben dazugehören. „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“ Der Trost, dass Gott uns hält, der Glaube, dass wir auferstehen werden, hängt an dieser einen so unwahrscheinlichen Tatsache: dass Jesus Christus auferstanden ist, dass er von Gott auferweckt worden ist.

Dass das geschehen ist, kann ich nicht beweisen, nicht beglaubigen, nicht wahr machen – ich kann es hoffen, erhoffen mit der radikalen Hoffnung der Glaubensgewissheit von Psalmbetern und Bibelschriftstellern und Predigerinnen durch die Zeiten: Ich kann hoffen, dass das wahr sei, sich als wahr erweise, und mich trägt, und dann auch die, die ich kenne und liebe und die keinen Halt finden im Leben.

Viele Menschen wünschen sich einen Notausgang aus dem Leben, so wie mein 17-, 18-jähriges Ich es getan hat. Viele wünschen sich diesen Ausgang aus Angst vor Schmerzen, vor unerträglicher Krankheit und vor dem Verlust der Selbstständigkeit und der Würde. „Für wenn ich es nicht mehr aushalte“, sagen sie oft. Wahrscheinlich gibt es immer etwas, was ein Mensch nicht mehr aushält, wenn es um Suizidwünsche geht. Da soll sich was ändern, entweder dadurch, dass er oder sie einfach weg ist oder dass sie oder er gefunden wird, gefunden und gerettet, der Körper und die Seele.

„Da soll sich was ändern,“ sagen oder schreien die Verzweifelten. Der Glaube sagt: Da hat sich was geändert! Weil Jesus Christus auferstanden ist. Weil der Glaube schon immer darauf hoffte und vertraute, Halt bei Gott zu finden, wenn wir allen Halt verlieren.

Da hat sich was geändert, sagt der Glaube.

Und die Hoffnung darauf, dass das wahr sei, auch wenn wir es nicht beweisen können, sie tröstet und im Leben und im Sterben und im Überleben.

Amen.

 

28.10.2021



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