Losung

für den 23.08.2019

Dein, HERR, ist die Größe und die Macht und die Herrlichkeit und der Ruhm und die Hoheit. Denn alles im Himmel und auf Erden ist dein.

1.Chronik 29,11

Gottesdienste

Suchen Sie einen Gottesdienst in Ihrer Nähe? Hier finden Sie Termine, Orte und Zeiten.

mehr
Newsletter

Sie möchten regelmäßig mit Informationen und Meinungen aus der Evangelischen Kirche in Solingen versorgt werden? Hier können Sie unseren 14-tägigen Newsletter abonnieren.

mehr
Kontakt

Möchten Sie wissen, zu welcher Gemeinde Sie gehören? Wer als Pfarrerin oder Pfarrer für Sie zuständig ist? Dann schicken Sie uns doch einfach eine Nachricht.

mehr
Diakonie
Diakonie

Konkrete Beratung, praktische Hilfe und menschliche Zuwendung - mit diesem Angebot setzt sich das Diakonische Werk des Kirchenkreises für die Menschen der Stadt Solingen ein.

mehr
Gemeinden
Gemeinden mehr
Service

3. April 2015 (Karfreitag)

„Dass Jesus starb, sagt mir, dass ich auch im Tod nicht ohne ihn bin“

Superintendentin Dr. Werner predigt am Karfreitag auch darüber, was der sterbende Jesus am Kreuz mit der Blindheit vor globaler wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und mit der Trauer über die Opfer des Flugzeugabsturzes zu tun hat.

"Wir wissen, was passiert ist, aber wir fragen jedes Jahr wieder, was es bedeutet" (Foto: ekir.de) "Wir wissen, was passiert ist, aber wir fragen jedes Jahr wieder, was es bedeutet" (Foto: ekir.de)

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner über Johannesevangelium 19,16-30 im Gottesdienst zu Karfreitag (3. April 2015) in der Stadtkirche

Liebe Gemeinde,
wir wissen, was passiert ist an diesem Tag vor über 2000 Jahren, an diesem Tag den wir jedes Jahr wieder feiern als „Karfreitag“, als „Klagefreitag“.
Wir wissen, was passiert ist, nachdem Pilatus das Todesurteil über Jesus gesprochen hat. Der Lesungs- und Predigttext aus dem Johannesevangelium erzählt es:

„Jesus wurde abgeführt.
Er trug sein Kreuz selbst aus der Stadt hinaus zu dem sogenannten Schädelplatz. Auf Hebräisch heißt der Ort Golgota. Dort wurde Jesus gekreuzigt und mit ihm noch zwei andere – auf jeder Seite einer. (...) “
Wir wissen, was passiert ist, aber wir fragen uns jedes Jahr wieder, was das bedeutet, dieses Geschehen, was das bedeutet über die Zeiten hinweg, was das zu tun hat mit uns, die wir heute leben, ob es etwas zu tun hat mit uns, die wir heute leben. Manchmal denken wir, dass die, die gleichzeitig lebten und Augenzeugen waren, es leichter hatten, einen Sinn in dem Ganzen zu entdecken, aber ich glaube, das stimmt nicht. Es war von Anfang an eine Nachdenkaufgabe, sich einen Reim zu machen darauf, dass Jesus, der Barmherzigkeitsprediger, der Wundenheilmacher, der Freundschaftsbegabte und der Gottaufdieerdebringer hingerichtet werden konnte und wurde wie ein gewöhnlicher Verbrecher.
Es war von Anfang an eine Nachdenkaufgabe, zu beschreiben, was dieser Tod bedeutete für das, was er im Leben getan hatte und für das, was er von Gott erzählt hatte. War es Scheitern, war alles, was Jesus gesagt hatte, nur ein schöner Schein? War dieser Tod die Vollendung, eine innere Konsequenz dieses Lebens? Steckt ein Plan Gottes dahinter, ein Opfer, das das Gleichgewicht zwischen Mensch und Gott wieder herstellt ?

Wie passt dieser Tod zu dem, was Jesus im Leben getan und gesagt hat? Da ging es den Zeitgenossen und Zeitzeuginnen und Evangelisten nicht besser als uns.
Fragen wir also, was es aussagt, das Geschehen von Karfreitag, und denken wir die Gedanken des Evangelisten Johannes nach, der den Reim, den er sich auf Jesu Tod macht, in vier Kreuzesszenen durchblicken lässt.

Da ragen drei Kreuze in den Himmel, und „Jesus hing in der Mitte. Pilatus ließ ein Schild am Kreuz anbringen. Darauf stand: ‚Jesus der Nazoräer, der König der Juden.’ Viele Juden lasen das Schild. Denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Die Aufschrift war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst. Die führenden Priester des jüdischen Volkes beschwerten sich bei Pilatus: „Schreibe nicht: ‚Der König der Juden’, sondern: ‚Dieser Mann hat behauptet: Ich bin der König der Juden’.“ Pilatus erwiderte: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.““

Die Priester sagen, er ist ein Hochverräter, ein Putschist, der die Macht in der Provinz wollte. Der Römer lässt durchblicken, dass er das nicht glaubt. Und so bleibt die Frage offen, was das Fazit von Jesu Leben ist, und wir sind selbst heute noch gefragt: Ein Verbrecher? Ein Traumtänzer, ein Narr bestenfalls oder ein Umstürzler, der die gesamte Ordnung mit sich reißen wollte? Oder wirklich der König, der, der sein Volk befreit um den Preis des eigenen Lebens, nicht von den Römern, sondern von den Illusionen und Sachzwängen, in denen seine eigenen Leute sich eingerichtet haben und deren tiefe Ungerechtigkeit sie nicht mehr spüren? Und wenn er so ein König ist, wovon befreit er heute, welche Illusionen, die wir uns über uns selbst machen, zerstört er, welche Sachzwänge entlarvt er als bequeme Entschuldigungen, nichts zu ändern?
Das theologische Wort, das wir für das, von dem er befreit, geprägt haben, ist ‚Sünde’, aber damit haben wir es heutzutage nicht so, für uns, sagen wir gern, für uns braucht keiner zu sterben, erst recht kein König, kein Star. Und wir sagen uns, vielleicht war er doch ein Traumtänzer, zu gut für die Welt, einer, der nicht wusste, dass man gegen die geballte Macht von Staat und Religion nur verlieren kann. Bedauerlich, denken wir dann, denn er hat es ja gut gemeint. Aber – was ist, wenn er wusste, worauf er sich einlässt, und sehenden Auges die Konsequenzen auf sich genommen hat, um den Menschen, damals wie heute, klar zu machen, sie erkennen zu lassen, wie tödlich und menschenverachtend sie die Welt eingerichtet haben? Wenn er genau das zeigen wollte, wie ein Narr, der der Welt den Spiegel vorhält, wie ein König, der für sein Volk stirbt, wie einer, der verrät, was keine Treue beanspruchen darf, weil es ungerecht ist?

Und wenn es so ist, dann ist es nicht unsere Sünde, böse zu sein, sondern böse Strukturen nicht aufzudecken und zu entlarven, und dann die, die sie aufdecken, lächerlich zu machen. Wenn es so ist, ist es auch unsere Sünde, uns unsere Illusionen nicht nehmen zu lassen und uns nicht zeigen zu lassen, dass sie tödliche Folgen haben für andere. Nicht Bosheit ist unsere Sünde, sondern Blindheit, Blindheit für die Folgen dessen, was wir tun, Blindheit, die wir mit unserer eigenen Angst rechtfertigen. Ob Jesus ein König oder ein Narr war, damals, wie auch immer – dass er nicht gegen die sichtbaren Feinde, die Besatzer, die Römer kämpfte, sondern gegen die Illusionen der Besitzenden und gegen die Armut der einfachen Leute, das hält die Frage offen bis zum Karfreitag heute: Was ist es, was in unserer heutigen Welt so tödliche Folgen hat, dass der Wahrheitsbote daran stirbt? Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen: was tödliche Folgen hat, heute, sind die Illusionen der Besitzenden und die bittere Armut der Armen in den Staaten des Südens, die Chancenlosigkeit derer, deren lokale Märkte durch die Reste globalen Handels überschwemmt werden und die Hoffnungslosigkeit derer, die keinen Aufstand gegen die internationalen Strippenzieher und ihre Macht mehr wagen. Unsere Art zu leben hat tödliche Folgen. Wir wissen darum. Aber wir gucken weg, von den Armen, und wir gucken weg vom Kreuz. Wir wollen in diesen Spiegel nicht sehen, und sagen, dass es uns nichts mehr zu sagen hat, dass uns das zu grausam ist, dass uns das Angst macht.

Der Evangelist Johannes lässt uns aber nicht los, er erzählt eine weitere Szene, die dem Geschehen am Kreuz Bedeutung gibt: er erzählt davon, dass die Soldaten Jesu Kleider unter sich aufteilen, und sein Hemd nicht zerschneiden, sondern verlosen, denn so steht es bei den Propheten. Es ist nicht zufällig, was da geschieht, will uns Johannes damit sagen, es ist nicht ein Einzelschicksal, das nichts außer sich selbst erzählt, sondern ein Schicksal, das über sich selbst hinaus Bedeutung hat, das einen Hintergrund in den heiligen Schriften hat oder auf diese Schriften ein Echo ist, und darum zu tun hat mit der Botschaft der ganzen Bibel von Gottes Willen für Leben und Gerechtigkeit und gegen Korruption und den Ausschluss der meisten von Chancen und Hoffnung. Diese kurze Episode über die würfelnden Soldaten versperrt uns den Ausweg, Jesu Schicksal als vergangenes Kapitel der Geschichte zu sehen. Diese kurze Episode hält uns in der Geschichte Gottes mit den Menschen, der Geschichte der Menschen miteinander drin. Wir können uns nicht so einfach wegdrehen. Wir müssen uns stellen.

Aber genau davor haben wir Angst. Und was tut Johannes? Er erzählt, wie noch der sterbende Jesus Beziehungen knüpft. Wie er die Trauernden aneinander weist. Wie er zu seiner Mutter sagt: ‚Frau, sieh doch, er ist jetzt dein Sohn.’ Und zu dem Lieblingsjünger sagt er: ‚Sieh doch, sie ist jetzt deine Mutter.’ Und der Jünger nimmt Maria zu sich.
Was hat das mit Angst zu tun, mit der Angst, die uns so bei uns behaftet, dass wir die anderen nicht sehen? Was hat das mit Angst zu tun?
Was ist es denn, was uns heute Angst macht, hier in uns-rem Land? Die Sorge, nicht liebenswert, nicht schön genug oder klug genug zu sein. Die Sorge von sozialem Abstieg, dem Abrutschen aus der Mittelschicht. Die Sorge vor Einsamkeit. Die Sorge vor Krankheit, Schmerz, Unversorgtheit im Alter, davor, nur noch eine Last zu sein. Die Sorge, das Leben verschwendet zu haben. Die Sorge, allein zu bleiben. Die Sorge, die einzige Chance nicht gut genug genutzt zu haben. – Ich könnte die Liste fortführen. Aber im Kern bleibt immer eins: Die Angst, dass da keine Gemeinschaft ist, kein ‚Du’, das uns anspricht, liebt, wertschätzt. Dass da kein Gott ist, der uns gewollt und gemacht hat. Dass wir ein Zufall, eine Laune der Natur sind, und darum alles tun müssen, um uns selbst Bedeutung zu verleihen. Und diese Angst ist ein Grundton in unserer Gesellschaft und kommt immer an die Oberfläche, wenn eine Sicherheit zerbricht: wenn eine Beziehung oder Ehe scheitert; wenn ein geliebter Mensch stirbt, wenn ein Unglück geschieht wie der Absturz der German Wings Maschine vor 10 Tagen. Dann bricht das Nichts in unser Leben ein, und Trauer und Angst und Leid überschwemmen uns. Das ist so. Angst und Trauer und Leid sind real, kein Glaube schützt davor, kein Jesus nimmt sie weg. Das ist auch an Karfreitag so. Maria und der Lieblingsjünger werden nicht froh, sie weinen weiter. Aber sie sind nicht allein, sie werden nicht vereinzelt, sie werden aneinander gewiesen, der sterbende Jesus ist bei ihnen und verbindet sie, verbündet sie gegen das Nichts. Angst und Trauer und Leid bleiben. Aber sie sind nicht der Anfang vom ‚Nichts’, von Vernichtung. Sie sind nicht der Ausdruck von Gottverlassenheit. Sie sind nicht der Tod, sondern ein Teil von Leben. Und sie müssen nicht blind machen und einsam, sondern sie können gemeinsam getragen werden. Das ist es, was der Evangelist sagen will mit dieser Szene: Das Kreuz, Leid, Trauer, Tod sind nicht das Ende von Beziehung, von Verbundenheit. Verbundenheit, Angesehenwerden und Geliebtwerden bleibt. Auch im Tod. Durch den Tod hindurch. ‚Sieh doch, er ist jetzt dein Sohn, sie ist jetzt deine Mutter.’

Und das befreit: Das Versprechen, dass da ein ‚Du’, Liebe, eine Gemeinschaft bleibt, auch im Leid und dadurch hin-durch, das Versprechen, dass da Gott mit uns ist, auch durch den Tod hindurch, auch durch die Trauer hindurch. Das befreit von der Angst, die uns blind macht und nicht bereit, den am Kreuz anzusehen, die Zusammenhänge unserer Welt zu erkennen, den Kampf gegen die tödlichen Folgen unseres Handelns aufzunehmen. Der am Kreuz nimmt die Angst weg, es könne etwas geben, was uns wirklich einsam macht. Und dadurch, dass er diese Angst wegnimmt, befreit er uns von den Illusionen, die wir uns über unsere Welt und Gesellschaft machen. Damit wir es anders machen können.

Denn, und das beschreibt Johannes dann in der letzten Szene, es ist nicht Jesu Ding, es anders zu machen. Das ist unser Ding. Wir sind Menschen, Geschöpfe Gottes, begabt mit Vernunft, Mitleid und Phantasie, berufen, die Welt zu gestalten, und befreit von unseren Ängsten, die uns daran hindern. Es ist unser Ding, die Welt zu Guten zu verändern. Seins, Jesu, war und ist es, uns erkennen zu lassen und uns bis zum Kreuz hin vor Augen zu führen, wie nötig es ist, und dass wir getrost und befreit damit anfangen dürfen. Darum sind seine letzten Worte, so wie Johannes es berichtet: ‚Jetzt ist alles vollendet.’

Wir wissen, wie Jesus gestorben ist.
Und wir sehen daran, wie die Welt ist, und dass sie anders werden muss, wenn solche Tode nicht mehr sein sollen.
Und wir spüren daran, dass uns vieles passieren kann, auch viel Schlimmes, aber dass nicht passieren kann, dass wir ins Nichts fallen, dass da kein Gott ist, uns zu halten und zu lieben. Und wir können sagen: Dass Jesus so starb, als König oder Narr, das lässt mich die Welt klar sehen, und dass er so starb, als Beziehungsstifter, nimmt mir meine Angst, und dass er überhaupt starb, als der Gottaufdieerdebringer, sagt mir, dass ich auch im Tod nicht ohne ihn bin.

Amen.

 

03.04.2015



© 2019, Evangelische Kirche in Solingen
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung