Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer

„Wir ertragen nicht mehr, dass Tausende auf dem Meer ertrinken“

Mit einem Gottesdienst hat der Evangelische Kirchenkreis seine Kampagne zur Unterstützung der Seenotrettung auf dem Mittelmeer gestartet. In den nächsten Monaten werden Spenden und Unterschriften gesammelt. Die Predigt hielt Superintendentin Dr. Werner.

Superintendentin Dr. Ilka Werner Superintendentin Dr. Ilka Werner

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner
über Jesaja 43, 1.2
im Gottesdienst am 20. September 2020
zum Auftakt der Kampagne „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Liebe Gemeinde,

mir stockt immer wieder der Atem, wenn ich Fotos von schwankenden Flüchtlingsbooten sehe, wenn ich Berichte von Seenotrettern und -retterinnen höre oder lese. Wenn ich mir vorstelle, wie das ist, mitten auf dem Meer, in einem nicht seetüchtigen Boot, das völlig überfüllt ist.

Ich weiß, wie es ist auf einem kleinen Schiff mitten im Meer, wie sich das anfühlt, Wind und Wetter ausgesetzt zu sein. Ich kenne das vom Segeln, aber dann bin ich auf einem Schiff, das seetüchtig ist und zur Not Diesel hat für die Fahrt bis zum nächsten Hafen.
Darum weiß ich: Wirklich nachempfinden kann ich die Erfahrung des Ausgesetzt-Seins auf den Flüchtlingsbooten nicht. Und ich erinnere mich an einen alten Spruch: Auf hoher See ist man in Gottes Hand.

Gott nimmt die, die dort sind, in seine Hand. Bei Jesaja heißt es: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen.
Und vorher: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Wenn du durch Wasser gehst. Wenn du durch Feuer gehst. Wenn das Boot, auf dem du bist, zu sinken droht, wenn das Lager, in dem du ausharrst, lichterloh brennt. Dann will Gott bei dir sein.

Wenn wir also fragen: Wo ist Gott? angesichts der Not der Flüchtenden, so weist uns Jesaja die Antwort: Dort. Auf dem Meer, in den Booten. Auf Lesbos, in Moria, in den notdürftigen Zelten am Straßenrand. Gott ist dort, bei denen in höchster Not. Auch, wenn sie nicht viel von ihm wissen. Er ruft die in den Booten bei ihrem Namen, jeden Einzelnen, jede Einzelne. Die Kinder, die Männer, die Frauen. Er kennt sie mit Namen, und ruft sie, und will sie erlösen.

Was heißt das für uns, uns mit festem Boden unter den Füßen und in festen Häusern wohnend? Wollen wir sagen: Na, wenn sie in Gottes Hand sind, ist es doch gut? Oder wollen wir Gott zur Hand gehen und unsere Hände austrecken nach denen auf den Booten und an den Straßenrändern? Wollen wir uns die Mühe machen, ihre Namen zu lernen? Und wollen wir sie rufen und ihnen eine Heimat geben im christlichen Abendland, eine Wohnungstür, an der ihr Name steht? Einfach, weil sie Menschen sind wie wir, Gottes geliebte Geschöpfe, unsere Brüder und Schwestern?

Wir im Kirchenkreis Solingen haben gesagt, wir wollen das, unsere Hände austrecken und mithelfen, dass die Seenotrettung Gott zur Hand geht und dass Europa zum sicheren Hafen wird für die, die durch Wasser und Feuer gehen müssen. Darum unterstützen wir die „Flüchtlingshilfe für Lesbos“ von Ioanna Zacharaki und Konstantin Eleftheriades, die gestern den Agenda-Preis der Stadt Solingen erhalten hat. Wir arbeiten mit dem Verein „Solingen hilft e.V.“, den Christoph Zenses und Uli Preuss gegründet haben, zusammen. Wir engagieren uns für das Bündnis „Sichere Häfen“. Und wir starten heute unsere kreiskirchliche Kampagne „united4rescue“ – gemeinsam retten.

Wir machen das nicht aus naiver Weltfremdheit. Wir wissen, dass politische Fragen geklärt werden müssen und auch, dass nicht einfach alle kommen können. Wir haben nachgedacht und diskutiert über das, was man Pull-Effekt nennt, ob nicht durch die Seenotrettung Hoffnung entsteht, die die Menschen erst recht in die überfüllten Boote lockt. Wir haben verstanden, dass die, die an den Küsten sind, schon weit von Zuhause weg sind und oft nicht zurückkönnen. Wir haben verstanden, dass es viele Jahre braucht, um Fluchtursachen zu bekämpfen, und auch, dass die jetzige Generation darauf nicht warten kann. Wir haben verstanden, dass die Wirtschaftsflucht von heute ihre Wurzeln im jahrhundertealten Imperialismus der alten Welt hat. Wir sind nicht naiv. Wir wissen, wie komplex diese Fragen sind. Wir beteiligen uns an der Arbeit für politische Lösungen und am Nachdenken über die humanen, christlichen Werte Europas. Aber wir ertragen nicht mehr, dass über dieser Arbeit und diesem Nachdenken die Zeit verrinnt und Tausende in den Lagern umkommen oder auf dem Meer ertrinken. Wir sagen jetzt: Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.

Wir sagen: Wir gehen Gott zur Hand, und helfen denen, die nur noch seine Hand hält, zurück aufs Festland und in ein Leben in Sicherheit. Wir wollen uns die Mühe machen, die Namen der Flüchtlinge zu lernen, wollen sie alle bei ihren eigenen Namen nennen und nicht mehr irgendwelche Sammelbezeichnungen zu benutzen. Weil wir wissen, dass Gott bei ihnen ist, dass er sie zuerst beim Namen gerufen hat, genauso, wie er uns beim Namen gerufen hat.

Jesus hat vor mehr als zweitausend Jahren den Fischer Simon beim Namen gerufen, er hat ihm den Beinamen Petrus, Fels, gegeben. Er hat ihn gehalten, als er aufs Wasser ging und beinahe versank. Und er hat zu ihm gesagt: Von nun an wirst du Menschen fischen.

Mit diesem Menschenfischer Petrus fing die Kirche an, deren Mitglieder wir heute sind. Auch wir können, auch wir sollen Menschenfischer sein. Ganz konkret. Auf eine Weise, die wir uns nicht haben vorstellen können. Auf eine Weise, die jetzt unsere Aufgabe ist: Man lässt keine Menschen ertrinken.

Amen.

 

24.09.2020