Losung

für den 20.10.2020

Freu dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weißt nicht, was als Nächstes kommt.

Prediger 7,14

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Superintendentin Dr. Ilka Werner

Sarah und Hagar

In den biblischen Frauen Hagar und Sara können sich bis heute unterschiedliche Frauen mit ihrer Lebensgeschichte wiederfinden. Das kann helfen, meint Dr. Ilka Werner. Zur Norm für weibliches Verhalten dürften sie aber nicht gemacht werden.

Die junge Hagar und die ältere Sara: Ausschnitt aus einem Gemälde von Matthias Storm (1615-1649) Die junge Hagar und die ältere Sara: Ausschnitt aus einem Gemälde von Matthias Storm (1615-1649)

Impuls von Dr. Ilka Werner beim Abrahamitischen Gastmahl am 3. November 2019 in der Walder Kirche

Sara und Hagar

Sara kenne ich aus dem Kindergottesdienst. Als Abrahams Frau, die mit ihm aus der Heimat weggeht und in das gelobte Land zieht, und die spät, als sie schon nicht mehr daran glaubt, Mutter von Isaak wird. Hagar kam damals nur am Rande vor, aber nicht so, dass ihre Geschichte wichtig wurde. Sie ist die ägyptische Magd Saras. Und als Sara keine Kinder bekommt, benutzt sie Hagar als Leihmutter, die für sie ein Kind von Abraham austragen soll. Ein gutes Verhältnis haben beide Frauen nicht, Sara ist herrisch, und Hagar fühlt sich, als sie schwanger ist, Sara überlegen. Aber wie gesagt: Hagar kam im Kindergottesdienst damals kaum vor.
Von Saras Geschichte kam auch manches nicht vor: dass Abraham sie in Ägypten und in Gerar, also in der Fremde, zweimal als seine Schwester ausgibt, weil er Angst hat, dass man ihn umbringt, um an seine schöne Frau zu kommen, und Sara im Harem des Pharao und des Königs Abimelech landet.

Woran ich mich erinnere: ein Dreieck zwischen Sara, Abraham und Gott. Gott verheißt Nachkommen, und lange passiert nichts. Abraham glaubt - er ist ja der Inbegriff des Glaubens - und beharrt: Gott wird das schon hinkriegen. Sara glaubt immer weniger daran, dass Gott das hinkriegt, und sorgt auf ihre Art selbst dafür, dass ein Sohn geboren wird. Irgendwie hat mir das imponiert, aber es war immer klar, wer das Vorbild sein sollte: Abraham natürlich, erstens wegen der Sache mit dem festen Glauben, und zweitens, weil Vorbilder in der Kirche eigentlich immer Männer waren.
Später fiel mir das Dreieck zwischen Sara, Hagar und Abraham auf: Zwei Frauen und ein Mann, der irgendwie beide im Stich ließ. Sara in Ägypten und Gerar und im Fertigwerden mit ihrer Kinderlosigkeit. Hagar, als der Streit mit Sara eskaliert und sie als Mutter seines Sohnes seinen Schutz gebraucht hätte. Dreiecksgeschichten gibt es öfter in der Bibel, viele von Ihnen kennen sicher Rahel und Lea und Jakob. Unbekannter sind Hanna und Peninna und ihr Mann Elkana – Hanna, lange kinderlos und darüber sehr traurig, wird schließlich die Mutter des Propheten Samuel. Außer um Liebe geht es in diesen Dreiecken um Kinderreichtum und um Loyalität – und um die Rolle von Frauen im Patriarchat. Variationen dieses Themas gibt es bis heute.

Als ich Theologin wurde, stolperte ich über einen Text im Galaterbrief, also im Neuen Testament, in dem Paulus die beiden Frauen Sara und Hagar als theologische Typen heranzieht. Da sagt er: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Magd, einen von der Freien. Der Sohn der Magd sei ein Sohn des Fleisches, der der Freien ein Sohn der Verheißung. Und das habe eine tiefere, theologische Bedeutung: Hagar bedeutet den Berg Sinai und das jüdische Leben in Knechtschaft, und Sara steht für die Verheißung und Freiheit und ist die Mutter der christlichen Gemeinde.
Aus heutiger Sicht ist diese Paulus-Passage doppelt skandalös: Einmal, weil er komplexe Personen der Glaubensgeschichte zu Illustrationen theologischer Leitgedanken macht und damit zu der umgekehrten Übertragung von theologischen Typen in ethische Normen einlädt. Das Problem daran ist: Eine historische Situation wird dadurch zur Norm, und die alltägliche Wirklichkeit darf sich plötzlich nicht mehr verändern.
So etwas passiert in der Bibel öfter: Der Prophet Ezechiel etwa benutzt das Bild der patriarchalen Ehe zwischen Mann und Frau, um den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel zu beschreiben: So wie der Mann der Frau sagt, wo´s langgeht, so sagt Gott dem Volk, was es tun soll. Und so wie eine Frau ihrem Mann manchmal Hörner aufsetzt, so läuft das Volk anderen Göttern nach. Schwierig wird die umgekehrte Übertragung: Weil Gott in der Beziehung zum Volk das Sagen hat, darum soll auch der Mann in der Beziehung zur Frau das Sagen haben – aus dem beschreibenden Beispiel wird eine Ehe-Norm, die bis heute schwer aufzubrechen ist. Und die Untreue der Frau aus dem Beispiel des Propheten wird zum typischen Charakterzug gleich des ganzen weiblichen Geschlechts durch viele Jahrhunderte Kirchengeschichte hindurch, mit ärgerlichen und schrecklichen Folgen.
Genauso ist es bei Paulus´ Rückgriff auf Sara und Hagar. Die soziale Stellung beider erlaubt, sie als Beispiel für Freiheit und Knechtschaft zu nehmen. Die Rückübertragung der theologischen Wertung macht aus Sara im Laufe der Geschichte die Ahnfrau der Kirche und benutzt Hagars Schicksal des Vertriebenwerdens zum Ausschluss der Juden und Jüdinnen aus der Heilsgeschichte.

Das ist der zweite Skandal: die freie Sara wird der jüdischen Geschichte weggenommen und der werdenden Kirche einverleibt; das Schicksal der Sklavin Hagar wird zur Begründung der Verwerfung der Juden. Der das schreibt, ist der Jude Paulus, und er schreibt es zu einer Zeit, als es noch kein Christentum und keine Kirche gab, sondern eine jüdische Bewegung in der Nachfolge Jesu, die der „neue Weg“ genannt wurde und der er mit dem Rückgriff auf die heiligen Geschichten Gründungslegenden und theologische Plausibilität verschaffen wollte. Trotzdem: Die Folgen waren eine theologische Enterbung der Juden und Jüdinnen und dadurch lange Jahrhunderte ein Freibrief für Antisemitismus und Antijudaismus. Heute müssen wir Christen und Christinnen darum unsere Bibel kritisch lesen und auslegen – damit wir nicht eine bestimmte historische Situation zur Norm machen und nicht merken, dass andere Situationen anders sind und anderes Verhalten erfordern.

In den 1970er Jahren entstand die feministische Theologie, die theologische Strömung, die nach den Frauen der Bibel und nach dem theologischen Denken von Frauen fragt. Sie war es, die zu den kompletten Geschichten um Hagar und Sara zurückführte: sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie auf verschiedene Weise Gott – der Gott Abrahams – auch der Gott der beiden Frauen wurde.
Bei Sara ist es eine kurze Szene, in der sie im Zelt mit anhört, wie drei merkwürdige Gäste Abrahams die alte Kindesverheißung wiederholen – mit dem Unterschied, das die Verheißung diesmal ein Datum hat: „Übers Jahr soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben“, sagt der Fremde zu Abraham. Sara lacht. Schließlich ist sie über die Wechseljahre längst hinaus, und das mit der Liebe und der Lust und möglicher Schwangerschaft ist längst unmöglich geworden. Sie lacht, und vielleicht schwingt in dem Lachen ein leises Echo der Hoffnung mit, die sie sich lange bewahrt hat, aber jetzt? Aber der Fremde hat sie gehört, und fragt: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ Sara erschrickt und bekommt Gänsehaut und weiß sich nicht zu helfen, leugnet und sagt: „Ich habe nicht gelacht.“ Sie fürchtet sich, vor dem Fremden, vor Gott, vor Gottes Macht, Unmögliches möglich zu machen. Der Fremde sagt: „Doch, du hast gelacht.“ So beginnt Saras eigene Geschichte mit Abrahams Gott. Und Isaak wird geboren.
Hagars Geschichte mit dem Gott, den der Mann ihrer Herrin verehrt, beginnt in der Wildnis und Wüstenei. Sie ist vor Saras Wut und Eifersucht geflohen. Und begegnet an einer Wasserstelle, als sie der Verzweiflung nahe ist und nicht mehr weiter weiß, einem Engel, der ihr einen Sohn und viele Nachkommen verspricht. „Du bist ein Gott, der mich sieht“, sagt sie. Der Engel schickt sie aber auch zurück zu Sara. Sie muss überleben, um das Kind zu bekommen. Als Ismael geboren ist, und dann auch Isaak, da eskaliert die Situation wieder und Hagar wird mit ihrem Sohn vertrieben. Wieder weiß sie nicht weiter. Das Kind ist dem Verdursten nahe. Und wieder ruft der Engel Gottes und zeigt ihr einen Brunnen. Wieder hat Gott sie gesehen, ihr Elend und ihre Not hat ihn erbarmt, und er hat sie gerettet, ihr und dem Kind ein Leben verschafft in der Wüste, so dass sie wirklich zum großen Volk wird. Dieser barmherzige, rettende Gott, der ihr zweimal in der Wüste und der größten Not begegnet, wird ihr Gott.

Für die christliche feministische Theologie waren Sara und Hagar auch eine massive Herausforderung. So wie auch Maria und Martha aus dem Lukasevangelium. Denn Konkurrenz oder Konflikte unter Frauen, - das zerstörte, was die ersten Feministinnen suchten: die gemeinsame Frauengeschichte, Frauensolidarität, den gemeinsamen Kampf gegen eine gemeinsam erlebte Unterdrückung oder Unfreiheit. Aber gerade diese Geschichten um zwei Frauen, die auf völlig verschiedene Weisen in ihren Rollen gefangen waren, lehrten, die Unterschiede zwischen Frauen ernster zu nehmen und zu begreifen, dass Befreiung nur möglich ist, wenn jede in ihrer Differenz, in ihrer Eigenart erkannt und anerkannt wird.

Und so wurde Hagar zur Identifikationsfigur der Theologie schwarzer Frauen, deren Geschichte von Sklaverei geprägt ist. Das schwierige Verhältnis zu ihrer Herrin, die sexuelle Ausbeutung durch den Mann der Herrin, eine unsichere Lebenssituation geprägt durch Flucht, Not, Unterwerfung und Armut, Angst darum, das eigene Kind durchzubringen, Sehnsucht nach Freiheit und gleichzeitig die Angst davor und die Suche nach einem Glauben, einem Gott, der sie sieht im umfassenden Sinn, der sie erkennt und annimmt - diese Elemente ihrer eigenen Geschichte fanden schwarze Töchter und Enkelinnen von Sklavinnen in Hagars Geschichte. Es sind andere Geschichten als die Geschichten weißer Frauen. Aber sie haben Berührungspunkte, so wie Sara und Hagar Berührungspunkte haben.

Es tut gut, Teile der eigenen Geschichte in der Bibel wiederzufinden, es tut gut, weil es Einsamkeit wegnimmt und hilft, Gott im eigenen Erleben zu finden und eine Sprache für diese Gottesbegegnungen.

Wichtig ist, umgekehrte Übertragungen und Normierungen zu vermeiden: Was ich finde, kann mir helfen, meine Geschichte zu verstehen und zu erkennen. Es kann nicht zur Norm oder Vorschrift für andere werden. Ich darf es nicht dazu machen. Darum gibt es viele Zugänge zu Sara und Hagar. Aber keine, die jemand anderen vorschreiben könnte.
„Du bist ein Gott, der mich sieht“ – das kann jede nur für sich selbst sagen.

 

06.11.2019



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