Losung

für den 21.08.2019

Ich will des HERRN Zorn tragen, denn ich habe wider ihn gesündigt.

Micha 7,9

Gottesdienste

Suchen Sie einen Gottesdienst in Ihrer Nähe? Hier finden Sie Termine, Orte und Zeiten.

mehr
Newsletter

Sie möchten regelmäßig mit Informationen und Meinungen aus der Evangelischen Kirche in Solingen versorgt werden? Hier können Sie unseren 14-tägigen Newsletter abonnieren.

mehr
Kontakt

Möchten Sie wissen, zu welcher Gemeinde Sie gehören? Wer als Pfarrerin oder Pfarrer für Sie zuständig ist? Dann schicken Sie uns doch einfach eine Nachricht.

mehr
Diakonie
Diakonie

Konkrete Beratung, praktische Hilfe und menschliche Zuwendung - mit diesem Angebot setzt sich das Diakonische Werk des Kirchenkreises für die Menschen der Stadt Solingen ein.

mehr
Gemeinden
Gemeinden mehr
Service

Eröffnung des Solinger Bibelmarathons

Werner: „Mit der Bibel auf alle Lebensaufgaben vorbereitet“

Zur Eröffnung des Solinger Bibelmarathons am 5. März 2017 gab Superintendentin Dr. Ilka Werner in ihrer Predigt Hinweise, wie Menschen in der Bibel Orientierung und Klarheit finden können. Wir dokumentieren die Predigt im Wortlaut.

5. - 11. März 2017: Solinger Bibelmarathon 5. - 11. März 2017: Solinger Bibelmarathon

„Die Bibel ist das Fundament unseres Glauben“, betonte die Superintendentin Dr. Ilka Werner direkt zu Beginn ihrer Predigt, um diesen Grundsatz sogleich wieder infrage zu stellen: „Wie kommt es, dass verschiedene Kirchen so verschiedene Dinge aus der Bibel herauslesen? Zeigt das nicht, dass man Beliebiges hineinlesen kann?“

Wie es trotzdem gelingen kann, im „Buch der Bücher“ Orientierung und Gewissheit zu finden, beschreibt die Solinger Superintendentin in ihrer Predigt, die sie am 5. März 2017 im Eröffnungsgottesdienst für den Solinger Bibelmarathon in der Evangelischen Stadtkirche Mitte hielt.

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner
über 2. Brief an Timotheus, Kapitel 3, Verse 14-17
am 5.3.17, 10.00 Uhr, in der Stadtkirche Mitte zur Eröffnung des „Solinger Bibelmarathons“

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

wir beginnen gleich damit, die Bibel vorzulesen – wir wollen sie in der nächsten Woche ganz zu Gehör bringen, und wir wünschen ihr viele Zuhörer. Damit machen wir deutlich, dass die Bibel das Fundament für unseren christlichen Glauben ist. Diese Aussage „Die Bibel ist das Fundament des christlichen Glaubens“ ist aber ebenso selbstverständlich wie schwer nachvollziehbar. Denn zwei Fragen werden immer sofort gestellt: Wie kommt es, dass verschiedene Kirchen so verschiedene Dinge aus der Bibel herauslesen? Zeigt das nicht, dass man Beliebiges hineinlesen kann? Und: Wie kann man überhaupt heute noch Orientierung in einem so alten Buch finden?

Nach dem Umgang mit der Heiligen Schrift wollen wir da-rum heute fragen, und haben den Predigttext aus dem zweiten Brief an Timotheus, Kapitel 3, Verse 14-17 ausgewählt. Da heißt es:

„Du aber sollst an allem festhalten, was du gelernt und worauf du dein Vertrauen gesetzt hast. Du weißt ja, wer deine Lehrer waren. Und du kennst auch von klein auf die heiligen Schriften. Daraus kannst du die nötige Weisheit erhalten, um durch den Glauben an Christus Jesus gerettet zu werden. Dazu ist jede Schrift nützlich, die sich dem Wirken von Gottes Geist verdankt. Sie hilft dabei, recht zu lehren, die Irrenden zurechtzuweisen und zu bessern. Und ebenso dazu, die Menschen zur Gerechtigkeit zu erziehen. Damit ist der Mensch, der sich Gott zur Verfügung stellt, gut ausgerüstet. Er ist auf alle Aufgaben seines Dienstes vorbereitet.“

Die Heilige Schrift, so heißt es da, beinhaltet die Weisheit, um durch den Glauben gerettet zu werden, und ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung und zur Erziehung zur Gerechtigkeit. Und das ist alles, was ein Christenmensch so braucht. Damit die Schrift diesen Nutzen entfalten kann, wird zweierlei betont:

Einmal, dass der Leser und die Leserin von klein auf mit der Bibel vertraut ist und mit ihr umzugehen gelernt hat. Will sagen: Bibel lesen muss gelernt sein, will geübt werden und hat etwas mit Vertrauen zu tun. Ein Buch wie die Bibel kann man nicht wie ein Lexikon benutzen, sie ist kein Nachschlagewerk, sondern ein Lese- und Lebensbuch. Wir merken gleich, dass das heute längst nicht mehr für alle zutrifft. Viele, ich vermute mal, viele von Ihnen, die Sie heute hier sind, sind so mit der Bibel aufgewachsen, von klein auf mit ihren Geschichten und Schlüsseltexten vertraut und gewohnt, eine Brücke zu schlagen zwischen den manchmal schwer verständlichen Texten und dem eigenen Leben. Für Sie findet die Bibel fast mühelos Resonanz im Heute, tröstet, bietet Orientierung, hilft, nach Gerechtigkeit zu streben. Für andere, die nicht mit ihr groß geworden sind, ist sie ein Buch mit sieben Siegeln, das sich nicht erschließt und aus einer Welt zu stammen scheint, die mit unserer kaum verwandt ist. Von Traditionsabbruch sprechen wir da, zu Recht.

Wir können uns den Unterschied leicht klarmachen: Wenn Sie die ersten Sätze des 23. Psalms lesen für Evangelische, die ihn seit Kindergottesdiensttagen kennen, dann geht er denen tief unter die Haut: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue, und führet mich zum frischen Wasser, er erquicket meine Seele.“ Für mich schwingt da alles mit, was Glaube an Trost und Geborgenheit, Schutz und Sicherheit zu bieten hat. Wer damit aber nicht groß geworden ist und im 21. Jahrhundert in Deutschland lebt, fremdelt mit der Bildsprache: Was brauche ich einen Hirten? Was grüne Auen und Wasser? Bin ich denn ein Schaf? Da ist vielleicht das Bild eines Schutzengels im Straßenverkehr eingängiger.

Also: Bibellesen erfordert Übung – darum gibt es auf die Frage, wie ein so altes Buch heute noch orientieren kann, auch keine knappe Antwort. Wer in der Bibel was sucht, muss sich auf sie einlassen. Dieses Sich-Einlassen kann man lebenslang studieren, es gibt aber auch ein paar kurze Basis-Regeln, die schnell weitergesagt sind und schon eine Menge helfen. Sie kennen sie vielleicht, aber ich will sie trotzdem nennen:

Einmal: Achten Sie auf die Textzusammenhänge! Ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz ist höchst missverständlich, oft erschließt er sich erst aus dem Zusammen-hang oder eben nur im Zusammenhang.

Dann: Benutzen Sie Schlüsseltexte als Schlüssel! Nicht alle Texte sind gleich zentral, manche sind deutlich als Schlüsseltexte erkennbar, etwa im Alten Testament das erste Gebot, in dem sich Gott als der Befreier vorstellt, oder das Doppelgebot der Liebe, das den Sinn des Gesetzes in Gottes- und Nächstenliebe zusammenfasst. Solche Schlüssel bieten eine Leserichtung an, der wir zum Verständnis weit folgen können.

Und drittens: Lesen Sie gemeinsam und reden Sie über das Gelesene! Allein verstehen ist schwierig, wir laufen Gefahr, Lieblingsideen oder Schreckensszenarien immer wieder zu identifizieren. Gemeinsame Lektüre bereichert und korrigiert.

Wer mit diesen Hinweisen liest, wird leicht mit der Bibel vertraut werden. Und wer mit diesen Hinweisen liest, versteht das neben der Vertrautheit und Übung zweite, das den Nutzen der Schrift erschließt: das Wirken des heiligen Geistes. Jede Schrift, so heißt es, ist nützlich zur Rettung und Lehre, Orientierung und Erziehung zur Gerechtigkeit, – jede Schrift, die sich dem Wirken des heiligen Geistes verdankt. Was ist damit gemeint? Eine Schrift, die sich dem Geist verdankt, ist mehr als die Buchstaben, die ihre Worte bilden. Darum sagen wir: in der Bibel ist Gotteswort im Menschenwort zu finden, ohne dass man etwa sagen könnte: diese Zeile ist von Gott, jene von Paulus und die dritte noch von einem anderen Autor. Gottes- und Menschenwort sind ununterscheidbar ineinander, darum sagen wir zweitens, die Bibel muss ernst, aber nicht wörtlich genommen wer-den. Und genau dazu helfen die drei Leseregeln von soeben: die Bibel ernst zu nehmen, aber nicht an einzelnen Worten oder Sprüchen hängen zu bleiben. Denn die Leseregeln gehen davon aus, dass nicht nur der Text, sondern auch die Lesenden vom Wirken des Heiligen Geistes beeinflusst werden. „Wirken des Geistes“ ist die theologische Metapher für das lebendige Verstehen und kreative Aneignen von Texten in der Gemeinschaft – im Unterschied zum bloß rezeptiven Lesen. Um zu sagen, was da steht, braucht niemand den Heiligen Geist. Aber um zu entwickeln, was das, was da steht, heute und für uns bedeutet, brauchen wir neben gemeinsamem Lesen auch die Geistkraft Gottes.

Aber wie ist das mit der Unterscheidung der Geister, also mit der ersten Eingangsfrage: Kann man aus der Bibel auf diese Weise nicht so gut wie alles heraus- oder in sie hineinlesen? Es mag manchmal so scheinen, aber es ist nicht so. Es mag so scheinen: Schließlich haben Theologen mit der gleichen Bibel die Sklaverei befürwortet und abgeschafft, bis heute wird von den einen, den katholischen, das Amt für Frauen daraus abgelehnt und seit einiger Zeit von den anderen, den evangelischen, daraus begründet. Genauso haben die Christen jahrhundertelang nicht wahrgenommen, wie selbstverständlich die Bibel von Jesu Jude-Sein redet, und das jüdische Volk verfolgt. Und heute betont eine Partei, die AfD, wieder die Rolle des Christentums für einen neuen deutschen Nationalismus und stehen auf der anderen Seite Vertreter und Vertreterinnen beider großen Kirchen entschieden auf für die umfassende Gottes- und Nächstenliebe, die durch Zäune und Mauern nicht begrenzbar ist. Ist das alles gleich gültig?

Nein! Es ist nicht so! Nehmen wir das Beispiel mit der Sklaverei: da gibt es Bibelstellen, die sie akzeptieren, da gibt es solche, die von Befreiung erzählen und davon, dass in Christus nicht mehr Herr und Sklave sein soll. Nehmen wir jetzt unsere Grundregeln als Fragen: Was steht im Zusammenhang? Und finden: Nie wird Sklaverei als solche als „gut“ begründet, sie wird als üblich vorausgesetzt und oft überwunden. Was schließt mein „Schlüssel“ auf? Nehme ich das erste Gebot als Schlüssel: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft befreit habe“, so bekomme ich ein klares Zeugnis für die Befreiung aus Unterdrückung. Lese ich vom Liebesgebot her: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, so kann ich Liebe schwer mit der Befürwortung von Unterdrückung überein bringen. Was sagen andere, die mit mir lesen? Wir reden darüber, inwieweit der Zeitgeist unsere Lesemeinung beeinflusst, und kommen dazu zu erkennen, dass die Bibel, die zu Zeiten von Sklavenhaltergesellschaften entstanden ist, so verblüffend viel von konkreter Befreiung redet, dass wir ihren Befreiungsimpuls hoch schätzen und danach handeln.

Eine Argumentation im Blick auf das Amt für Frauen funktioniert ähnlich, und ich wage mal zu behaupten, dass die katholische Kirche, ginge es bloß um die Auslegung der Bibel, das Priesteramt für Frauen kaum noch ablehnen würde; aber da es um dogmatische Grundentscheidungen geht, die tief in die Kirchengeschichte reichen, bewegt sich bis heute – leider – nichts. Darüber können wir gern nachher diskutieren...

Auf ein Beispiel möchte ich noch eingehen, weil es in diesem Frühjahr wichtig wird: Sollten nicht die Kirchen, anstatt die universale Macht und Gnade Gottes und die Liebe zu Nächsten, Fernsten und Feinden zu betonen und dass mit dem Christentum keine grundsätzlichen Grenzen zu machen sind, – sollten sie nicht, wie aus dem Umfeld der AfD nahegelegt wird, mit den christlichen Werten die nationale Identität stärken und für abendländische Geborgenheit in Abgrenzung von Flüchtlingen und dem Islam sorgen? Dazu müssen wir eindeutig und unmissverständlich „Nein!“ sagen! Jesus hat sich vor keinen nationalen Karren spannen lassen, auch nicht vor die Ideen zu Befreiungsaufständen mancher seiner Jünger. Und die Liebe und Gnade Gottes, von der wir leben, die uns Trost im Leben und im Sterben vermittelt, gilt allen und überall und verpflichtet uns, unseren Mitmenschen mit Liebe und Gnade zu begegnen. Ja, in der Bibel gibt es Beschränkungen, Feindschaft und Gewalt, aber erstens wird in keinem größeren Zusammenhang Gottes Wirken grundsätzlich begrenzt, im Gegenteil, immer wieder erzählen Geschichten aus Altem und Neuem Testament, dass die Grenzen der Abraham-Familie oder des Volkes Israel oder des jüdischen Glaubens überschritten werden, ausgeweitet, dass Gott sich von allen Menschen finden lassen will. Und so finden wir auch zweitens keinen biblischen Schlüssel für eine nationale Lesart, höchstens einen außerbiblischen, einen Versuch nationaler Theologie, der aber Bibeltexte nicht aufzuschließen vermag. Und drittens muss gefragt werden, bei wem so eine Lesart ehrliche Anerkennung finden würde und ob sie von vielen unbefangen Lesenden geteilt würde.

Wenn Sie Menschen treffen, die für ein abgrenzendes Christentum plädieren, fragen Sie sie: In welchen Zusammenhängen steht das, was du zitierst? Welchen Schlüssel benutzt du und warum? Wer liest mit dir und korrigiert dich, wer kommt zu ähnlichen Ergebnissen? Um „Recht haben“ geht es hier nicht, wohl aber um die Nachfrage und Auskunft über die Leseübung, die Lesetradition, in der jemand steht.

Die Frage nach dem „Recht haben“ können und brauchen wir nicht zu beantworten. Sie kann auch nicht quantitativ entschieden werden, gerade im Jahr des Reformationsjubiläums erinnern wir uns dankbar daran, dass auch ganz kleine Gruppen wichtige Bibeltexte, die durch jahrhundertelange Lesegepflogenheiten in Vergessenheit gerieten, wiederentdecken und in ihr Recht setzen können. Wer Recht hat, ist in biblischen Fragen nur durch den Heiligen Geist zu entscheiden, und damit für uns nie zweifelsfrei. Wir können aber an Übung gewinnen und uns biblisch helfen lassen beim Lehren, Zurechtweisen und Bessern und bei der Erziehung zur Gerechtigkeit, indem wir einander Antwort geben auf die drei Lesefragen, und im Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes Vertrauen wagen in das, was wir als Gemeinschaft der Heiligen lesen im Lese- und Lebensbuch Bibel. Die Bibel, darauf können wir vertrauen,  wird durch den Heiligen Geist Kraft finden, uns recht zu lehren und zur Gerechtigkeit zu erziehen.

Denn damit ist der Mensch, der sich Gott zur Verfügung stellt, gut ausgerüstet. Er ist auf alle Aufgaben seines Lebens vorbereitet.

Amen.

 

07.03.2017



© 2019, Evangelische Kirche in Solingen
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung