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für den 29.07.2021

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Hesekiel 36,9

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Gedanken von Dr. Ilka Werner anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zum Widerstand gegen das NS-Regime in Solingen

„… und laut zu sagen: Nein.“

Am 8. Mai 2021 wurde die erste Ausstellung des Max-Leven-Zentrums Solingen e.V. eröffnet. Superintendentin Dr. Werner fragt aus diesem Anlass, welches „Nein-Sagen“ aktuell aus christlicher Sicht vonnöten ist und auf welches wir gut verzichten könnten.

Zur Eröffnung der Ausstellung berichteten die 1. und die 2. Vorsitzende des Max-Leven-Zentrums Solingen e.V., Daniela Tobias und Dr. Ilka Werner (v.r.), auch über die Entstehungsgeschichte von Ausstellung und Verein. Zur Eröffnung der Ausstellung berichteten die 1. und die 2. Vorsitzende des Max-Leven-Zentrums Solingen e.V., Daniela Tobias und Dr. Ilka Werner (v.r.), auch über die Entstehungsgeschichte von Ausstellung und Verein.

Am 8. Mai, coronabedingt mit einem Jahr Verspätung und leider immer noch ohne Publikum, wurde die erste Ausstellung des Max-Leven-Zentrums Solingen e.V. eröffnet (nein.max-leven-zentrum.de). Zusammen mit zwei anderen Ausstellungen (vgl. verfolgte-kuenste.com) ist sie bis in den Spätherbst hinein im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen. Ihr Titel ist ein Zitat von Kurt Tucholsky: „… und laut zu sagen: Nein.“

Der Satz stammt aus dem Text „Die Verteidigung des Vaterlandes“, 1921 in der Weltbühne erschienen, und lautet im Zusammenhang: „Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“ Tucholsky wendet sich, noch unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges, gegen vermeintliche Unausweichlichkeit wie moralische Aufwertung von Krieg und Sterben sowie die Verführbarkeit der Menschen, im Strom der Masse mitzutreiben und sich im Bunde mit der Macht selbst aufgewertet zu fühlen.

Sich gegen den mainstream und Zeitgeist zu wenden, erfordert damals wie heute Charaktereigenschaften, die ein unabhängiges Urteil und eine verbindlich innere Haltung über Bequemlichkeit und Machterhalt stellen. Damals wie heute verfügen nicht alle über solche Charakterstärke.

Zumindest heute stellt sich zudem die Frage, wann und wodurch ein „Nein“ zu einem Nein im Tucholsky´schen Sinne wird. Denn nicht jedes „Nein“ verdankt sich charakterstarkem, mutigen Widerstand; manches Widerwort entpuppt sich bei näherem Hinsehen als egoistischer Trotz, bequeme Verantwortungsverweigerung oder destruktive Pauschalkritik. Welche Nein-Sager:innen, so frage ich, braucht unsere Zeit? Und: Auf welche kann sie gut verzichten?

Es geht, theologisch gesprochen, um die „Unterscheidung der Geister“ – die Frage nach wahren und falschen Propheten. Die Bibel schreibt dazu (1. Johannesbrief 4, 1-3a): „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott.“ Aus christlicher Perspektive ist, übertrage ich diesen Gedanken, der Charakter eines „Nein“ daran zu erkennen, aus welchem „Ja“ es erwächst. Wozu habe ich zuvor und grundsätzlich „Ja“ gesagt, so dass ich jetzt und konkret „Nein“ sagen muss?

In der Bibel ist das „Ja“ zur Menschlichkeit Gottes, die in Jesus Christus erkennbar wird, das Unterscheidungskriterium. Im christlichen Widerstand erwächst aus diesem „Ja“ zu der Botschaft, die Jesus verkörpert und verkündigt das „Nein“ zu jeder Form menschenverachtenden Hasses; so predigt der Dorper Pfarrer Johannes Lutze nach der Pogromnacht 1938: „Hass regiert die führende Schicht in Jerusalem und die Volksmenge lässt sich aufhetzen und schreit: ‚Kreuzige ihn!‘ … Man ist mit Schwertern und Spießen unterwegs, um im Namen Gottes die Wahrheit und die Gerechtigkeit und die barmherzige Liebe gefangenzunehmen und so zum Schweigen zu bringen.“

Auch über den religiösen Bereich hinaus taugt die Frage, wozu ein Mensch „Ja“ gesagt hat und welches „Ja“ ihn oder sie treibt, laut „Nein“ zu sagen, zur Unterscheidung der notwendenden „Neins“ von den bloß trotzigen Querdenkereien. Wer „Ja“ gesagt hat zu Würde und Grundrechten aller Menschen wird nicht anders können, als „Nein“ zu sagen zu Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Aus einem „Ja“ zu Vernunft, überprüfbarer Erkenntnis und argumentativer Wissenschaft wird ein „Nein“ erwachsen zu falschen Fakten, ängstigenden Behauptungen und nicht nachweisbaren Verschwörungen. Und wer „Ja“ sagt zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, wird innerlich folgerichtig laut „Nein“ sagen zu allen Rufen nach starken Männern und volkszornigen Vorurteilen.

Ganz einfach ist es trotzdem nicht, an dem „Ja“ der Menschen den Charakter ihres „Nein“ zu erkennen – nicht umsonst heißt biblisch die Fähigkeit zu Unterscheidung der Geister eine Gnadengabe, ein Geschenk des Heiligen Geistes, eine Begabung, die nicht alle Menschen haben. Umso mehr gilt es, sorgfältig im Gespräch zu bleiben, aufmerksam hinzugucken und mutig nachzuhaken: um das notwendende „Nein“ zu erkennen und um es laut zu sagen. Dabei helfen die drei Ausstellungen dieses Sommers, die - hoffentlich bald auch live - im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen sind.

Superintendentin Dr. Ilka Werner

INFO

Die Ausstellung : „… und laut zu sagen: Nein.“ des Max-Leven-Zentrums Solingen e.V. wird aktuell coronabedingt nur im Web gezeigt (https://nein.max-leven-zentrum.de/). Dort sind auch die Reden zur Eröffnung nachzuhören. Sobald das Zentrum für verfolgte Künste wieder für Besucher:innen öffnen darf, ist sie dort gemeinsam mit zwei anderen am 8. Mai eröffneten Ausstellungen zu sehen (https://verfolgte-kuenste.com/). Max Leven war ein Solinger Journalist, der in der Reichspogromnacht als Jude und Kommunist von einem SA-Mann ermordet wurde.

 

11.05.2021



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