Losung

für den 27.09.2021

Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort.

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Gedanken von Superintendentin Dr. Werner

Was jetzt nötig ist

Immer wieder wird während der Corona-Pandemie gefragt, was systemrelevant ist. Was nötig ist, um unser System, unseren Lebensstil, unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten zu erhalten. Für Superintendentin Dr. Werner reicht diese Frage zu kurz.

Superintendentin Dr. Ilka Werner Superintendentin Dr. Ilka Werner

Da war eine Volksmenge und enges Gedränge. Die Menschen schoben und drückten sich. Drängelten sich nach vorn und versuchten, die, mit denen sie zusammen unterwegs waren, nicht aus den Augen zu verlieren. Wer kann da schon sagen, wer wen berührt hat? Wer kann da schon sagen, wem man in der Menge nahegekommen ist?

Ich rede nicht von einer Fußgängerzone in Corona-Zeiten, auch nicht von Maskenpflicht und Abstandhalten. Diese Szene, die ich meine, spielt sich irgendwo am See Genezareth ab, Jesus ist auf dem Weg zum Haus des Jairus, um dessen Tochter zu heilen. Alle wollen dabei sein, darum das Gedrängel.

Plötzlich hält Jesus inne und fragt: „Wer hat meine Kleider berührt?“ Die Jünger, eng bei ihm, verstehen nicht: „Du siehst doch die Menge, die sich an dich, an uns drängt. Und du fragst nach einer einzelnen Berührung?“ Aber Jesus insistiert. Er hat gespürt, dass von ihm eine Kraft ausgegangen ist. Und als er sich umdreht, sieht er eine Frau. Sie fürchtet sich. Eben noch hat sie bei sich gesagt: „Wenn ich nur seine Kleider berühren könnte, würde ich gesund.“ Denn sie litt an dauernden Blutungen, seit vielen Jahren. Jetzt fürchtet sie sich, denn sie hat gespürt, dass eine Kraft auf sie übergegangen ist, nur dadurch, dass sie Jesu Kleider berührt hat.

Und jetzt ist sie gesund. Durch diese Berührung. Diese Kraft. Und Jesus sagt zu ihr: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“ Kraft, Energie, Leben geht von Jesus auf diese Frau über. Ohne Worte. Eine Berührung, die beide verändert. Sie hat ihn angerührt, und er hat, unwillkürlich, reagiert. Von ihm ging eine Dynamik aus, die sie heil machte. Wir könnten modern von einer Resonanzbeziehung sprechen.

In dieser Woche beginnt in unserem Land ein zweiter Lockdown, um die Corona-Pandemie zu besiegen. Lockdown light, so heißt er, aber das klingt für die, die er trifft, Kulturschaffende und Gastronomie, sicher nicht versöhnlich. Ein Lockdown verlangt, dass wir unsere Kontakte reduzieren. Und nur noch die nötigsten wahrnehmen. Aber was sind die nötigsten Kontakte?

Schon im Frühjahr entstand die Rede von der „Systemrelevanz“. Ein merkwürdiges Wort. Bezogen auf unser Gesundheitssystem und seine lebensrettende Funktion in dieser Pandemie kann ich es gut nachvollziehen. Bezogen auf unser Gesellschaftssystem mit unserer Konsumkultur, unserem Reise- und Freizeitverhalten und unserem ökonomisierten Lebensstil finde ich es schwierig. Geht es denn darum, dieses System zu erhalten? Oder darum, Existenzen und Lebensperspektiven zu erhalten und darum nun endlich dieses System zu verändern?

Zwei Eindrücke aus den letzten Tagen: Zur Eröffnung des Berliner Flughafens wurde in Interviews die Einschätzung laut, schon sehr bald wieder ein Wachstum des Flugsektors zu erwarten und florierende Start- und Landezahlen feiern zu können. Der Flugverkehr, der systemrelevant sei, werde sich schnell erholen. Und gleichzeitig sah ich Demonstrationen von Künstlern und Kulturschaffenden mit Schildern, auf denen stand: Kultur ist systemrelevant. Vielleicht ist so ein Flughafen wirklich relevant für unser Gesellschaftssystem. Aber Kultur ist in meinen Augen mehr: Sie ist existenzrelevant, wie Bildung, wie Religion. Denn Kultur, Bildung und Religion, alle drei Bereiche ermöglichen Kontakte, die nicht nur ihrer Menge nach zählen. Sie vermitteln Begegnungen, die berühren und verändern, resonante Begegnungen.

Die kranke Frau aus der biblischen Erzählung litt seit zwölf Jahren an einem Sozialsystem, das sie mit ihrer Krankheit ausschloss, ihr resonante Berührungen vorenthielt und ihre Existenz zerstörte, denn eine Frau mit dauernden Blutungen war in der antiken Welt dauerhaft unrein und darum gesellschaftlich isoliert. Das System konnte und wollte ihr nicht helfen. Ihr Glaube aber konnte ihr helfen und hat sie gesund gemacht.

Ich persönlich unterstütze die städtischen und staatlichen Corona-Maßnahmen, einfach, weil sie nötig sind, um die Pandemie zu kontrollieren. Ich halte die Auswahl der Maßnahmen aber nicht für alternativlos, und plädiere dafür, mehr von Existenzrelevanz als von Systemrelevanz zu sprechen. Und damit zu rechnen, zu erwarten, dass das, was durch die Krise und in der Krise trägt, außerhalb des Systems zu finden ist.

Vielleicht ist es unsere Aufgabe als Kirchenleute, diese Erwartung laut zu äußern. Denn wir sind doch wie die Frau, die durch die Begegnung mit Jesus gesund geworden ist, auf die durch bloße Berührung Jesu heilende Kraft übergegangen ist.

 

05.11.2020



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