Losung

für den 22.10.2020

Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!

Psalm 39,6

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Solinger Predigtreihe zum Thema "Frieden"

Ein Agent des Friedens

Kennen Sie Oded? Vermutlich nicht! Dabei ist Oded ein Vorkämpfer für Zivilcourage und Frieden. Und ein Prophet Gottes. So steht es im 2. Chronikbuch der Bibel. Es lohnt sich, ihn kennenzulernen, meint jedenfalls Pfarrer Thomas Förster.

Predigt von Pfarrer Thomas Förster zu 2. Chronik 28, 1-15
im Rahmen der Gottesdienstreihe zum Thema „Frieden“

Ein beeindruckender Agent des Friedens

Mögen Sie James Bond-Filme? In James Bond-Filmen wie in vielen anderen Actionfilmen ist das Muster immer ähnlich: Ein Happy End bedeutet, dass der Böse am Ende seine gerechte Strafe erhalten hat und vom Filmhelden erledigt wurde. Es ist das Muster von Rache und Vergeltung. Auch die Bibel kennt solche Muster. Aber andere Konzepte in ihr sind prägender. Konzepte der Versöhnung. „Selig sind die Friedensstifter“, mahnt Jesus, „denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Der Weg Jesu zum Frieden heißt nicht Vergeltung. Er heißt Versöhnung.

In der Bibel gibt es ein eindrückliches Beispiel, in dem Versöhnung stärker ist als Vergeltung. Im 2. Chronikbuch, Kapitel 28, im Ersten Testament hören wir von einem beeindruckenden Friedensstifter, der leider viel zu wenig bekannt ist. Fast so geheim, wie ein Geheimagent. Es handelt sich um den Propheten Oded. Aber der ist ein Agent Gottes. Und ein Agent des Friedens.

Oded lebte nach der Spaltung Israels im Nordreich in der Hauptstadt Samaria und war ein Zeitgenosse des viel bekannteren Jesaja, der im Südreich Juda in Jerusalem lebte. Oded hat in der Bibel einen einzigen Auftritt, aber was für einen! Dort zeigt sich ein wirklicher Friedensaktivist.

Nach der Teilung Israels war Ahas König von Juda und betrieb dort ein grausames Regime. Das war so um 730 vor Christus. Das Chronikbuch schildert, wie Ahas einen heidnischen Götterkult eingeführt hatte: inklusive grausamer Rituale, bei denen auch Jungen im Feuer geopfert wurden. Um dem Einhalt zu gebieten, so ist jedenfalls die Darstellung im Chronikbuch, zog das Nordreich gegen König Ahas und Juda in den Krieg. Historisch ist nicht ganz eindeutig, ob das israelische Schwestervolk zusammen mit seinen aramäischen Verbündeten wirklich gegen diese Gräueltaten, heute würden wir sagen: Menschenrechtsverletzungen, in den Krieg zog oder ob es machtpolitische Motive gab. Jedenfalls schildert die Chronik, dass Gott den frevlerischen König Ahas und sein ganzes Volk Juda in die Hand des Nordreiches Israel gab. Gott, so heißt es dort, sorgte dafür, dass das Heer von Ahas eine vernichtende Niederlage erlitt: 120.000 judäische Soldaten hätten allein an einem Tag ihr Leben lassen müssen. Und 200.000 Frauen und Kinder waren nun versklavt und sollten als Kriegsbeute nach Israel verschleppt werden.

Ein brutaler Bösewicht, ein erfolgreicher Feldzug im Namen des Guten, Rache und Vergeltung. Es liest sich wie das James Bond-Schema. Bis hierhin handelt es sich also noch keineswegs um eine Friedensstory. Das ändert sich erst, als dieses siegreiche Heer in seine Hauptstadt Samaria einzieht und sich Oded ihnen in den Weg stellt.

Es muss ein beeindruckendes und herzzerreißendes Bild gewesen sein: Die siegreichen Truppen, die jubelnde Bevölkerung und mittendrin der scheinbar endlose Zug der versklavten Frauen und Kinder. 200.000 Menschen verletzt, verzweifelt, der Heimat beraubt, den Demütigungen der Sieger ausgesetzt.

Und da eben tritt auf einmal Oded nach vorne. Die Bibel stellt ihn uns als Prophet Gottes vor. Er tritt vor das Heer und dessen siegestrunkenen Generäle und erhebt die Hand und seine Stimme:

Moment, Moment!, ruft er. Kommt doch zur Besinnung! Glaubt ihr, ihr dürftet euch jetzt alles erlauben, weil ihr so tolle Helden wärt? Vertut euch nicht! Nicht wegen eurer Kriegskunst habt ihr gesiegt, sondern weil Gott dem mörderischen und gottlosen Treiben eures Gegner ein Ende bereiten wollte. Ihr wart bloß Werkzeuge in Gottes Händen! Und darum glaubt jetzt bloß nicht, dass ihr jetzt mit den Gefangenen machen dürftet, was ihr wollt!

Fühlt ihr euch etwa moralisch überlegen? Ihr seid doch auch nicht viel besser: Schon das Gemetzel, dass ihr voller Wut auf dem Schlachtfeld unter den Soldaten Judas angerichtet habt, hat zum Himmel geschrien. Und jetzt wollt ihr euch auch noch an den Frauen und Kindern vergehen? So wird es doch nie wieder Frieden geben. Gewalt ist kein Friedensargument. Außerdem sind andere niemals Unmenschen, sondern Menschen - wie wir. Kinder Gottes - wie wir! Also bringt die Gefangenen wieder zurück in ihr Land! Wenn nicht, seid ihr keinen Deut besser als Ahas und seine Leute! Und wir werden dann die nächsten sein, die der Zorn Gottes treffen wird! Und Frieden wird es so niemals geben.

Wirklich ein beeindruckender Auftritt: Der Gottesmann Oded zeigt Zivilcourage! Als einziger sieht er die Situation aus Gottes Perspektive. Er fürchtet neues Unrecht. Und er steht auf und erhebt seine Stimme. Einfach war das ganz sicher nicht! Eher riskant, denn alle waren ja im Kriegsmodus. Und das bedeutet: Gewalt und Gegengewalt, Rache und Vergeltung sind scheinbar logische Mechanismen. Das „James-Bond-Prinzip“!

Aber dann passiert noch etwas, mit dem man nicht rechnen konnte: Es stehen auf einmal weitere Einwohner Samariens auf. Auch sie stellen sich den Generälen in den Weg und sagen: Ja, Oded hat Recht! Ja, auch wir haben doch tatsächlich schon genug fremdes Blut vergossen. Also bringt die Gefangenen wirklich nicht hierher in die Versklavung, sondern lasst sie frei!

Und schließlich passiert sogar noch ein drittes Wunder: Man glaubt es kaum, aber die Generäle hören tatsächlich auf die Zivilisten. Sie erklären die Gefangenen für frei. Und die Menschen aus Samaria belassen es nicht nur bei Worten, sondern sie kümmern sich um die freigelassenen Frauen und Kinder:  Sie versorgen sie medizinisch, geben ihnen Nahrung und Kleidung und bringen sie schließlich wieder zurück in ihre Heimat. Ein wirkliches Happy End! Für Sieger und Besiegte! So erzählt es das zweite Chronikbuch.

Kannten Sie diese biblische Geschichte? Und warum gehört sie eigentlich nicht zu den ganz bekannten Erzählungen aus dem Ersten Testament? Dabei ist sie wirklich in vielfacher Weise lehrreich - auch heute noch:

1. Der Prophet Oded mahnt, im Krieg jede moralische Überhöhung zu vermeiden. Diese Geschichte zeigt die ganze moralische Uneindeutigkeit des Krieges. Es ist nie so, dass der Krieg nur böse schwarze und gute weiße Ritter kennt. Krieg ist niemals moralisch. Zwar kämpft die Armee des Nordreichs gegen ein unmenschliches Regime, aber wehe denen, die vergessen, dass diejenigen, die die Waffe in die Hand nehmen, sich immer auch selber schuldig machen! Als Christinnen und Christen in unserem Land fragen wir darum immer genau nach, wie Kampfeinsätze unserer Bundeswehr ethisch und politisch begründet werden. Und wir lernen, konsequenter nach unserer eigenen Schuld zu fragen: Es ist auch unser Lebensstil, der weltweit Ungerechtigkeiten schafft und der mit Gewalt sichergestellt wird. Wenn Kriege um billiges Öl oder um billige Rohstoffe für unsere Handys geführt werden, dann profitieren auch wir davon. Wenn in und um das Mittelmeer ein europäischer Krieg gegen Menschen geführt wird, die aus ihrer Hoffnungslosigkeit fliehen und in Europa ein besseres Leben führen wollen, dann geschieht das auch in unserem Namen als europäische Bürgerinnen und Bürger. Ein erster Schritt zum Frieden ist es, genau hinsehen zu wollen, um die eigene Mitverantwortung für Unrecht zu erkennen.

2. Der Prophet Oded lädt uns ein, mutig zu widersprechen, wenn die Politik eine Beteiligung am Krieg als alternativlos darstellt. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“, erklärt Jesus in der Bergpredigt nach Matthäus. Das bedeutet: Wenn in der Politik über kriegerische Mittel diskutiert wird, sollen wir über Frieden und Gewaltlosigkeit sprechen. Das braucht Beharrlichkeit und Mut. Weil wir dann naiv genannt werden. Weil wir gegen den Strom schwimmen müssen. Mitten im siegestrunkenen Jubel mahnt der Prophet, dass es nicht um Vergeltung gehen dürfe, weil sonst nie wieder Frieden wachsen kann. Als Christinnen und Christen schwimmen wir nicht mit dem Mainstream, sondern in Gottes Bahnen. Darum haben wir die Verantwortlichen in unserer Stadt gebeten, sich mit uns gegen das massenhafte Ertrinken von Menschen im Mittelmeer zu stellen. Darum stehen Christinnen und Christen bei jedem Wetter an jedem ersten Donnerstag im Monat am Neumarkt und halten Mahnwache für den Frieden.

Darum erheben wir unsere Stimme als Evangelische Kirche in Solingen in diesem Jahr in vielfacher Weise für den Frieden. Und das werden wir auch weiter tun: Im Namen Gottes vom Frieden reden. Und uns den Propheten Oded zum Vorbild nehmen. Einen Agenten des Friedens. Und nicht James Bond!

 

24.10.2019



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