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18. April 2014 (Karfreitag)

"Damit wir erkennen, was wir nicht wissen"

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner zu Jesaja 52,13-53,12 im Gottesdienst zu Karfreitag in der Ketzberger Kirche am 18. April 2014

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Martin Luther hat einmal gesagt: „Dazu ist die Passion Christi geschehen, damit wir erkennen, was wir nicht wissen.“

Damit wir erkennen, was wir nicht wissen. Was kann das denn sein? Wissen wir nicht genug, über uns, über die Welt, und allemal mehr als Martin Luther damals zum Ausgang des Mittelalters? Wir wissen, was die Wissenschaft von uns sagt, wir wissen, dass wir zum Mond fliegen und Herzen transplantieren können. Wir wissen aber auch, dass wir es nicht hinkriegen, den Klimawandel zu stoppen, und dass wir immer wieder neue, schreckliche Waffen entwickeln und einsetzen. Wir wissen, dass in uns zwei Seiten sind, Liebenkönnen und Hassenkönnen, Einfühlungsvermögen und Brutalität. Und dass die Welt zwei Gesichter hat, eins wunderschön und eins erschreckend grausam. Was wissen wir nicht?

„Dazu ist die Passion Christi geschehen, damit wir erkennen, was wir nicht wissen.“

Luther muss gemeint haben: was wir sonst nicht wissen können – denn er wusste sehr wohl, das die Wissenschaft immer mehr durch ihre Forschung herausfinden würde. Er wusste aber auch, dass es Bereiche gibt, von denen sie wenig Ahnung hat und dass es etwas über uns zu wissen gibt, was sie nicht herausfinden kann.

Der Predigttext für Karfreitag, für heute, stammt aus dem Jesajabuch, und es ist im Grunde ein Dialog zwischen Gott, der durch den Propheten spricht, und den Prophetenschülern, der Gemeinde gewissermaßen, die dazu kommt, etwas zu erkennen, was sie nicht weiß – ich lese aus Jes 52 und 53:
Es beginnt mit Gottes Wort durch Jesajas Mund: „Siehe, meinem Knecht wird´s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzen, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, so wird er viele Heiden in Staunen setzen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.“

Da geht es schon darum, etwas zu sehen und zu merken, was nicht verkündet und gehört ist. Jetzt antwortet der Chor der Gemeinde, der Zuhörenden: „Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbart?
Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.“ – Die Reaktion der Zuhörenden können wir nachvollziehen, oder? Wer soll dem glauben, was verkündet wurde? so fragen sie, wer soll das für wahr halten, wenn doch das, was wir hören, und das, was wir sehen, nicht zusammen passen. Kennen wir bis heute, nicht wahr, das, was wir hören von Gott und seinem Plan mit der Welt und seiner Barmherzigkeit, dass spiegelt sich nicht wieder in dem, was wir erleben, in dem, was in der Welt geschieht. Und wir werden irre an dem Gehörten, weil wir sehen, was uns nicht gefällt.
Aber die Zuhörenden damals, die Prophetenschüler, die Gemeinde scheint irgendetwas zu verstehen, irgendetwas zu begreifen, denn es geht in anderem Ton weiter: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.“

Die Zuhörenden erkennen etwas von sich selbst in dem, dem dass alles widerfährt: Krankheit, Schläge und Folter, Tod, ein Grab bei den Übeltätern, und sie erkennen darin einen Teil von Gottes Plan. Und der Prophet bestätigt das und redet die Worte, die Gott ihm zu sagen gegeben hat: „Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt unsere Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass es sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“
Der, von dem geredet wird, der Knecht Gottes, ist der Gerechte, der den Vielen Gerechtigkeit schafft und ihre Sünden trägt. Bis hierhin der Text.
Wir haben das schon mal gehört. Aber wir fangen immer wieder neu an mit unserm Versuch, es zu verstehen; denn das Gehörte passt nicht zu dem, was wir sehen und erleben, wenn wir verstehen wollen, müssen wir also genauer hinsehen und unser Erleben noch einmal neu deuten. Eben Luther folgen: „Dazu ist die Passion Christi geschehen, damit wir erkennen, was wir nicht wissen.“
Erkennen, was wir nicht wissen, was nicht vor Augen liegt.

Das beginnt mit der Frage, die schon in der Bibel selbst gestellt wird: Von wem spricht der Prophet?
Eine endgültige Antwort gibt es nicht. Die jüdische Auslegung spricht immer wieder davon, dass das ganze Volk Israel gemeint sei. Und die christliche Auslegung beginnt schon in der Apostelgeschichte, diesen Text auf Jesus Christus zu beziehen. Nicht als Vorhersage über Jahrhunderte hinweg ist er wohl zu verstehen, eher als Weissagung, die in den Jahrhunderten immer mal wieder Erkenntniskraft bekommt. In ihm können wir erkennen, was wir nicht wissen: Dass der Gottesknecht, der unschuldig leidet und stirbt, die Sünden der Vielen trägt und ihnen Gerechtigkeit schafft, und dass er darin Gottes Plan folgt.

Lassen Sie uns diesen Satz jetzt durchbuchstabieren – und vorsichtig unterscheiden zwischen dem, was er uns in der Tat sagt, das wir nicht wissen, und vielleicht nicht wissen wollen, und dem, was er uns nicht sagt, was aber – nicht zuletzt von Kirche und Theologie selbst - hineingelegt worden ist.
Zunächst: Was ist ein Gottesknecht, oder eine Gottesmagd? Die Worte Knecht und Magd stammen aus eine Welt, die nicht mehr die unsere ist, und sie klingen veraltet und geringschätzend. Gemeint ist jemand, der zum Haus des Herrn gehört, ihm zugehört und ihm darum gehorcht. Jemand, der ihm Auftrag seines Chefs handelt, im Einverständnis mit ihm. Heute würden wir sagen: ein Vertrauter, eine Vertraute, jemandes rechte Hand. Wir reden also vom Vertrauten Gottes.

Dieser Vertraute, das ist das zweite, ist unschuldig. Ehrlich gesagt, ich glaube, hier stoßen wir auf etwas, was wir nicht wissen: den Unterschied von Schuld und Unschuld. Ich glaube, wir wissen ihn nicht, weil wir viel zu schnell anfangen, uns zu verteidigen – Ich bin nicht Schuld! – und weil unsere Kirche mit diesem Wort schlimme Machtpolitik getrieben hat. Was ist Schuld? Ich versuche eine Antwort: Schuld heißt, verantwortlich sein für etwas, von dem man weiß, dass es nicht gut ist, dass es Leid verursacht und das man trotzdem nicht lassen oder ändern will oder kann.
Darin stecken eine praktische und eine philosophische Seite der Schuld. Die praktische ist die: Ich weiß, dass etwas Leid verursacht, kann es lassen oder ändern und tue es nicht. Ich mache mich schuldig. Die philosophische Seite ist die: Ich weiß, dass etwas Leid verursacht, aber ich kann es beim besten Willen nicht lassen oder ändern. Ich bin schuldig. Danach ist Schuld etwas, was zum Leben, zumindest zum erwachsenen Leben, dazugehört.

Beide Arten von Schuld drücken uns und bedrücken sie uns, weil wir eben wissen, dass sie Leid und Ungerechtigkeit mit sich bringen. Wir sollten sie trotzdem unterscheiden, warum, sage ich gleich.
So oder so: Wir wären die Schuld gern los, wären gern unschuldig. Das wird von Gottes Vertrauten gesagt. Dass er unschuldig ist, eben nicht verstrickt in die Schuldzusammenhänge. Wie sollen wir das verstehen? Die eine Antwort ist, es gehört nicht zu den Tätern und Mächtigen, sondern zu den Opfern und Ohnmächtigen. Dann ist Unschuld nicht absolut gemeint, sondern eher so, er ist so unschuldig, wie ein Mensch nur sein kann: Er hat sich nicht schuldig gemacht. Die andere Antwort, die der Kirche, ist die, dass er absolut unschuldig ist, weil er nicht von dieser Welt ist, nämlich Gottes Sohn. Unschuld ist dann etwas, was es unter Menschen nicht gibt: Er ist nicht schuldig.

So ähnlich habe ich es eben auch gesagt, erwachsenes Leben in dieser Welt bringt Schuld mit sich. Wir könnten es wissen, wollen es aber nicht wahrhaben. Das liegt auch daran, dass die Kirche zu manchen Zeiten das mit der Schuld übertrieben und extrem betont hat und in der Folge dann Leidensbereitschaft verlangt hat und dem Leiden Sinn gegeben hat, ja, Leiden verlangt hat. Und darum nicht mehr in der Lage war, unschuldiges Leid zu erkennen und verhindern.

Darum meine ich, wir müssten heute Schuld im Sinne von sich schuldig machen von Schuld im Sinne von mit-schuldig sein unterscheiden – damit wir gegen das Leid aufstehen können.
Sagen wir also: Der Gottesvertraute, der sich nicht schuldig gemacht hat, leidet und stirbt. Was heißt das? Er hat es nicht verdient, das Leiden, es ergibt nach keinem Recht Sinn und ist darum ein Skandal, das, was nicht sein soll und was Gott für seine gute Welt nicht wollte. Dieses Leiden ist Folter und Mord. Also sagen wir: Der Vertraute Gottes, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, wird gefoltert und ermordet.

Und dieser Skandal wird nun theologisch gedeutet: mit seinem Schicksal trägt er die Sünden der Vielen und schafft ihnen Gerechtigkeit. Was heißt nun das? Stossen wir wieder auf etwas, was wir aus uns nicht wissen können? Ja. Das Schicksal des Vertrauten Gottes wird in Beziehung gesetzt zu unserem Schicksal: Er trägt die Sünden der Vielen. Aus Schuld wird Sünde: sich etwas zuschulden kommen lassen, in Schuld verstrickt sein, das, so haben wir gesagt, gehört, so unterschiedlich es sein mag, zum Leben dazu. Und – das ist neu – es folgt aus der inneren Zwiespältigkeit Gott gegenüber. Dem Misstrauen seinem Gebot gegenüber, dem Unwillen, sich auf seinen Rat zu verlassen, dem Hochmut, mit dem Menschen ihren eigenen Weg suchen und nur an sich denken. Das meint das Wort Sünde: Gott misstrauen. Die Vielen, dass sind die, sind wir, die Gott misstrauen. Und darum in Schuld geraten. Und die Folgen des Misstrauens Gott gegenüber erkennen wir an dem Schicksal des Vertrauten Gottes: Der Unschuldige wird gefoltert und ermordet. Nicht alle von den Vielen sind Täter oder Täterin. Aber alle sind in das Leiden von Unschuldigen verstrickt. Und allen mangelt es an Vertrauen Gott gegenüber. Nur dem Vertrauten Gottes nicht: Er trägt, er erträgt die Sünde der Vielen. Aber nicht, um es ihnen heimzuzahlen oder sie niederzudrücken. Sondern um ihnen die Augen zu öffnen. Für die Gerechtigkeit. Und das heißt, für eine Welt, in der Unschuldige nicht leiden müssen. Und für einen Gott, der den Schuldzusammenhang der Vielen durchbricht.
Das ist der Plan Gottes, dem sein Vertrauter folgt: Selbst für Gerechtigkeit zu sorgen, wo es die Vielen und die Welt nicht können. Sich des Schicksals der Unschuldigen und der Schuldigen annehmen. Indem der, der sein Leben als Schuldopfer gegeben hat, Nachkommen haben wird und in die Länge leben wird. Das ist, was wir nicht wissen können, nicht aus uns selbst und aller Wissenschaft: Das die Gerechtigkeit nicht unsere Sache ist, sondern Gottes Sache, und dass er seine Gerechtigkeit für Opfer wie für Täter ins Werk setzt, als Lebendigmacher und voller Barmherzigkeit. Das lässt uns der Text des Karfreitag wissen: Am Schicksal des Vertrauten Gottes, der sich nichts zuschulden kommen ließ, der trotzdem gefoltert und ermordet wurde, dem aber Gott Recht und Leben wiedergibt, erkennen wir, dass das, was ihm passiert, die Folge unseres Misstrauens Gott gegenüber ist, und wir erkennen auch, dass es Gottes Wille ist, selbst für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in der Welt einzutreten.

„Dazu ist die Passion Christi geschehen, damit wir erkennen, was wir nicht wissen“: Wir erkennen, dass es Gottes Wille ist, selbst für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit unter den Vielen einzutreten. Das es Gottes Wille ist, uns barmherzig gerecht zu machen.

Amen.

 

18. April 2014



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