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31. Oktober 2013 (Gottesdienst zum Reformationstag in der Pfarrkirche St. Clemens)

„Fürchtet Gott, ehrt den König!“

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner über 1.Petrusbrief 2,17 im Gottesdienst zum Reformationstag am 31. Oktober 2013 in der Pfarrkirche St. Clemens

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde,
„Ehrt jedermann, habt die Geschwister lieb, fürchtet Gott, ehret den König“ – so kurz und knapp der Predigttext für den Reformationstag heute. Wir wollen damit einen neuen Schwerpunkt des Nachdenkens über die Reformation setzen. Jedes Jahr tun wir das, jetzt, kurz vor dem 500. Jahrestag der etwas unfreiwilligen Unabhängigkeitserklärung, mit der der Mönch Martin Luther in Wittenberg eine Entwicklung anstieß, die zu einer Vielfalt von Kirchen in Europa führte. „Reformation und Politik“, so heißt das Schwerpunktthema dieses Jahr. Und der Predigttext dazu eben: „Ehret jedermann, habt die Geschwister lieb, fürchtet Gott, ehret den König“
Eigentlich wollte ich auch bei diesem kurzen Vers noch die erste Hälfte weglassen. Das wäre aber schade gewesen, denn die erste Hälfte beschreibt, wie so eine Reformationsfeierei funktionieren kann. Der Verfasser des Petrusbriefes schreibt kurz vor unserem Vers, dass es Gottes Wille ist, „den unwissenden und törichten Menschen mit guten Taten das Maul zu stopfen“, und das sieht dann so aus: Ehrt jedermann – also feiert nicht mit arrogantem Stolz und herablassender Haltung, sondern mit Respekt vor denen, die einen anderen Glauben haben oder gar keinen, und im Bewusstsein, dass gemeinsam mit allen die Gesellschaft gestaltet wird, und alle sich gegenseitig bereichern. „Ehrt jedermann“ – darin steckt schon ein erstes Stück Reformation und Politik, nämlich: Zieht euch nicht aus der Gesellschaft zurück, weil ihr meint, ihr seid etwas Besseres.

Ein zweites Stück Reformation und Politik steckt im zweiten Teilsatz: Habt die Brüder, die Geschwister lieb. Die Geschwister, das sind die anderen, die zur Kirche Jesu Christi gehören, die, die aber auf eine etwas andere Art Kirche sind. Ich beziehe das heute Abend in erster Linie auf die römisch-katholischen Geschwister, die, die uns heute Gastfreundschaft schenken und uns in ihrer Kirche feiern lassen.
Danke!
Zunächst also werden wir liebgehabt – Pastor Dobelke lädt uns ein und feiert mit! Ich bin darüber sehr froh. Denn natürlich ist der Reformationstag ein evangelisches Fest, aber wir feiern ja nicht im luftleeren Raum und auch nicht mehr gegen die katholische Schwesterkirche. Zu Anfang, ja, da waren die aus der Reformation entstandenen Kirchen Gegenkirchen zu einer reformationsunwilligen katholischen Kirche. Aber das hat sich mit den Jahrhunderten Gott sei Dank verändert. Wir können immer noch nicht zusammen Kirche sein, und dafür gibt es noch gute Gründe, aber wir sind auch nicht mehr gegeneinander Kirche, und das, was wir gemeinsam haben, ist viel mehr als das, was uns unterscheidet – allein schon in Jahren gemessen: 500 Jahren geteilter Geschichte stehen 1500 Jahre gemeinsamer Geschichte gegenüber. Also: Danke, dass wir hier feiern dürfen, dass ihr mitfeiert, und dass wir uns in der Gemeinschaft christlicher Kirchen, der ACK, gegenseitig liebhaben und gemeinsam auch für unsere Stadt Solingen engagieren. „Habt die Geschwister lieb“ – auch das kirchliche Miteinander ist ein Stück Kirche und Politik.

Kirche und Politik, Reformation und Politik – mit den beiden Stichworten „Respekt“ und „Geschwisterlichkeit“ sind wir schon mitten im Thema. Aber richtig ins Zentrum des Zusammenhangs von Kirche und Politik kommen wir mit dem dritten Aufruf unseres kurzen Predigttextes: „Fürchtet Gott“. Warum führt dieser Satzteil ins Zentrum?
Erst mal: was ist damit eigentlich gemeint? Fürchtet Gott – das heißt, habt Ehrfurcht vor seinem Willen, haltet ihn und alles, was mit ihm zu tun hat, heilig, besonders, wichtig. Es heißt nicht: Habt Angst vor Gott. Am besten ist eine Übertragung, die sich in der Bibel selbst findet: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“, das trifft es ziemlich gut. Und wie schnell dieser Gehorsam politisch werden kann, berichtet die Bibel selbst: Als die Israeliten zunächst als Flüchtlinge, dann als Gastarbeiter und schließlich als Sklaven in Ägypten leben, werden sie dem Pharao zu viele und er will ihre Zahl begrenzen. Darum befiehlt er den hebräischen Hebammen, sie hießen Schifra und Pua, jedes männliche Kind zu töten. Aber die beiden, so heißt es, „fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben.“ Sie gehorchten Gott mehr als den Menschen. So ähnlich tun es die Fischer vor Lampedusa, die in unseren Tagen schiffbrüchige Flüchtlinge aus Afrika an Bord nehmen und an Land bringen, auch, wenn sie das nicht dürfen. So ähnlich taten es zur Reformationszeit die Stadtväter der reformierten Stadt Genf, die in wenigen Jahren so viele verfolgte Glaubensgeschwister aufnahmen, dass sich die Einwohnerzahl der Stadt mehr als verdoppelte. So tut es die evangelische Kirche in Marokko, die Flüchtlinge nicht sich selbst überlässt, sondern sich um die kümmert, die sich in den EU-Außengrenzen verheddern und nicht in sichere, wohlhabende Zufluchtsländer gelangen. Gott gehorchen, das heißt: Wo du einen nackt siehst, so kleide ihn, und wo eine ohne Obdach ist, führe sie ins Haus, und wo Menschen hungrig sind, gib ihnen zu essen.
Ehrfurcht vor Gott hat eine Menge mit Ehrfurcht vor dem Leben, oder ganz einfach mit Menschlichkeit zu tun. Menschen in Not zu helfen, dass ist eine Aufgabe, die die Kirchen ihrem Selbstverständnis nach haben, und etwas, was Umfragen zufolge die Gesellschaft von den Kirchen erwartet: „Was soll die Kirche tun?“ so wird gefragt, und die Antwort: „Menschen in Not helfen.“
Kirchen tun das, vielleicht zu wenig, vielleicht nicht überall, aber sie tun das, Menschen in Not helfen, in sichtbarer und unsichtbarer Not – mit Lebensmitteltüten und Krankenhausseelsorge, mit Diakonie und Caritas, mit Notfallseelsorge und Geburtstagsbesuchen und Mittagstischen für Hungrige und Einsame und mit Hausaufgabenhilfe, ich könnte noch viel mehr Beispiele nennen. Und während sie das tun, merken sie, dass ihr Engagement in vielen Bereichen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Und dann werden sie automatisch politisch: Sie merken, dass viele Gesetze und Regelungen, z.B. im Asyl- und Flüchtlingsrecht, Not größer machen anstatt kleiner, Ungerechtigkeiten produzieren statt sie abzuschaffen. Sie merken, dass Initiativen für eine bessere Sozialpolitik nicht durchkommen, weil z.B. in Deutschland die Zuständigkeiten von Kommunen, Ländern und Bund die Ideen ausbremsen. Sie merken, dass kein Geld da ist für genug Ansprechpartner, die individuelle Beratung bieten können. Und sie setzen sich dafür ein, die Gesetze und Regelungen zu verbessern, sie berichten von den Schicksalen, die sie kennenlernen, damit die Politik auf die Missstände aufmerksam wird, sie machen sich stark für mehr soziale Gerechtigkeit.
So werden Kirchenleute automatisch politisch. Jedenfalls solange, wie sie dabei bleiben, dass die Botschaft der Bibel, die Botschaft von der gnädigen Zuwendung Gottes zu allen Menschen, nicht nur dem Seelenheil, sondern auch dem leiblichen Wohl und der irdischen Gerechtigkeit gilt. Gott ist parteilich für das Leben, für die, die in Not sind, das macht die Kirchen politisch. Aber nicht parteipolitisch. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Unterschied.
Die Umfragen, die ich eben erwähnte, die, die sagen, dass die Kirche sich um Menschen in Not kümmern solle, die sagen auch: „Die Kirche soll sich nicht politisch bestätigen.“ Wie kommt das? Eigentlich ist doch der Zusammenhang zwischen sich kümmern und sich politisch kümmern offensichtlich. Na ja, vielleicht nicht in dem Moment, wo man bei einer Umfrage ein paar Kreuzchen macht. Und vielleicht auch nicht, wenn man wirklich nur eine Pfarrerin vor Augen hat, die gerade einem Kind aus der Kleiderkammer einen Wintermantel raussucht. Aber eigentlich ist der Zusammenhang offensichtlich – und darum meine ich, weist die verbreitete Meinung, die Kirche solle sich nicht politisch betätigen, noch auf etwas anderes hin, eigentlich auf zwei andere Aspekte: Es drückt sich darin der Wunsch, die Erwartung, vielleicht auch die Hoffnung aus, die Kirche möge anders sein, klarer, reiner, besser und entschiedener sein als die Gesellschaft als Ganze. Kirche möge stellvertretend für alle gut sein.
Und ansonsten alle in Ruhe lassen. Das ist das zweite: Sich darum eben nicht einmischen in politische Debatten, Kompromisse und Machtgerangel, Lobbyismus und Parteienstreit. Wo das geschieht, soll sie wegbleiben. Sich raushalten. Sie soll selbst – für sich selbst - keinen politischen Einfluss haben. Und: Sie soll nicht stören.
Ich denke, wir sollten das ernst nehmen: die Sehnsucht, entschiedener und eindeutiger zu sein, kennen wir als Kirche ja selber nur zu gut. Wir wären das selber gern. Wir leiden an der Spannung zwischen unserer Botschaft und unserem Leben. Würden gern mehr tun für andere, gehen dafür an und über unsere persönlichen Grenzen. Auflösen können wir die Spannung nicht, jedenfalls wir evangelischen Kirchen nicht, denn sie steckt tief in uns drin: Wie das zu leben ist, was wir glauben, muss jeder Christ, jede Christin, jede Gemeinde, jeder Kirchenkreis selber gestalten. Eigenverantwortlich, oder besser: nur Gott verantwortlich. Und in all der Verschiedenheit, die das dann mit sich bringt. Darum: Evangelische Kirche löst den Wunsch danach, sie möge anders sein als die Welt, nicht ein. Wir sind nicht ein heiliges Klübchen von Gutmenschen. Wir sind nicht anders, und darum auch in dem Sinne politisch, auf das Gemeinwesen bezogen und daran beteiligt, wie uns viele nicht haben wollen. Was wir dabei aber anders machen: Wir ersparen uns die Spannung nicht, wir bleiben dabei, die verschiedenen Spielarten gläubigen Lebens aneinander anzunähern, aufeinander zu beziehen, in aller Freiheit, auf dem Weg zu Verbindlichkeit. Wir geben die Sehnsucht nach dem Reich Gottes nicht auf, und auch nicht die Anstrengung, etwas davon hier in unserer Zeit zu verwirklichen.
Und darum können wir die anderen nicht in Ruhe lassen. Wir werden uns einmischen, weiterhin gottesfürchtig einmischen in die Diskussionen über die Gestaltung unserer Gesellschaft. Und ich bin überzeugt davon, dass die Politik solche Kirchen braucht: Die sich nicht für etwas besonderes halten, aber eine besondere Botschaft wach halten. Die Theologische Erklärung von Barmen, im nächsten Jahr 80 Jahre alt und in eine ganz andere politische Situation hinein geschrieben, drückt das so aus: Die Kirche erinnert an Gottes Reich, Gottes Gebot und Gottes Gerechtigkeit und an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Das ist ihre politische Aufgabe.

Und damit, um endlich zu dem vierten Satzteil unseres Predigttextes zu kommen, ehrt sie den König – besser, weil wir ja keinen König mehr haben: die gewählte Regierung und die gewählte Regierungsform, die Demokratie. „Ehret den König“ kann uns den Weg weisen zur Akzeptanz der Demokratie und einer Welt, in der Werte nicht autoritär gesetzt werden. In der verschiedene Religionen und Weltanschauungen nebeneinander und miteinander sein können. Wie kann man glauben, fest von der eigenen Wahrheit überzeugt sein und es zugleich für möglich halten, dass ein anderer Glaube sein kann? Das ist die Herausforderung, mit der die Kirchen heutzutage zu tun haben: Mit dem Pluralismus so umgehen, dass vieles gleich gültig ist, aber nicht alles gleichgültig. Sie müssen lernen, für ihre Werte zu werben auf dem Markt der weltanschaulichen Möglichkeiten. Respektvoll, geschwisterlich und gottesfürchtig – und darum politisch. Wir haben damit angefangen, dass es Gottes Wille ist, den Menschen, die von Kirche keine Ahnung haben und darum öffentlich über sie herziehen, mit guten Taten das Maul zu stopfen. Und das zu tun beginnt dann wieder mit: „Ehrt jedermann. Liebt die Geschwister. Und fürchtet Gott.“

Amen.

 

31.10.2013



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