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für den 17.08.2019

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2.Mose 10,3

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Jeremia 29, 1.4-7.10-14

"Suchet der Stadt Bestes"

Predigt von Dr. Ilka Werner zu Jeremia 29, 1.4-7.10-14 am 27. Oktober 2012 in der Lutherkirche, Solingen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den morgigen Sonntag steht beim Propheten Jeremia, Kap 29, 1.4-7.10-14:
„Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die wegge-führt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte. (...)
So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Män-nern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht´s auch euch wohl. (...)
Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bit-ten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“
Herr, heilige uns in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. (nach Joh 17,17)

Liebe Gemeinde,
einen passenderen Text hätte ich mir kaum aussuchen können für heute Abend, für diesen Probegottesdienst und meine Bewerbung als Ihre Superintendentin: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.
Das klingt ja wie eine Kurzbeschreibung der öffentlichen Aufgabe von Kirchengemeinden und Kirchenkreis – wie eine Art Dienstanweisung für kirchliches Leitungspersonal.

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn – aber was heißt das, für eine Stadt beten? Wie macht man das? Und: Was war bei Jeremia damit gemeint, was war da damals überhaupt los?
Jeremia schreibt diese Dienstanweisung in einen Brief an die Menschen im babylonischen Exil. Der König Nebukadnezar hatte etwa 587 v. Chr. Juda, den südlichen Teilstaat der Stämme Israels, besiegt. Und er ließ, wie da-mals üblich, als eine Art Reparationszahlung die politische, religiöse und wirtschaftliche Oberschicht nach Babylon deportieren.

Die Leute sind unsicher, wie sie sich verhalten sollen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Propheten treten auf. Jeremia hatte schon vor der Katastrophe dazu aufgerufen, um des Überlebens willen die Herrschaft Nebukadnezars zu akzeptieren. Andere Propheten hatten dagegengesprochen und prophezeit, Juda müsse Nebukadnezar nicht untertan werden. Nun treten sie bei den Deportierten in Babel auf und weissagen, das Exil dauere keine zwei Jahre, dann wende sich das Geschick und die Rückkehr in die Heimat werde möglich.
In diese Situation hinein schreibt Jeremia.

Und fordert auf, sich einzurichten, Häuser zu bauen, Gärten zu bestellen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Nicht in zwei Jahren soll alles vorbei sein, auch nicht in zwanzig, überhaupt nicht für die lebende, erwachsene Generation.
Also: richtet euch ein, und: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.
Sie ist nicht ohne strategische Überlegungen, diese Dienst-anweisung für die Zeit in Babel: Wenn´s der Stadt wohlgeht, geht’s auch euch wohl. Praktisch und nüchtern fordert Jeremia auf, sich einzulassen, Vorsorge für die eigenen Familien zu treffen, aber auch die eigenen Fähigkeiten der fremden Stadt zur Verfügung zu stellen. Heute würden wir von Kooperationen, von Win-Win-Situationen sprechen. Die Besiegten sollen sich für die Stadt der Sieger einsetzen, ihre Belange fördern, ihr Wohlergehen im Blick haben. Damit holen sie auch für sich selbst das Beste aus der Situation heraus.

Ob das überzeugt hat? Die anderen Propheten sagten das Gegenteil: wartet ab, die Zeit wird kurz sein, integriert euch nicht, Gott wird bald eingreifen – sie hoffen noch in der Katastrophe auf die Bewahrung vor der Katastrophe, alles ist nur ein böser Alptraum, Gott wird sie aufwachen lassen zu Hause in ihrem Land und Bett.
Jeremia spricht von der Bewahrung in der Katastrophe. Es geht darum, zu leben, zu überleben, auch glücklich zu leben und Erfüllung zu finden im Ernten des sorgfältig Gesäten, im Erziehen der in der Fremde geborenen Kinder, im Wir-ken für das Gemeinwesen. Es geht in erstaunlichem Maße um das Leben der Einzelnen, dass nicht zum Mahnmal wer-den soll, sondern gelebt werden darf.
Darum geht es, und darum darf man sich nicht verlieren in Tagträumen, die zurückführen in die alte Heimat, sondern muss wach und mit beiden Füssen auf dem Boden in der Gegenwart sein. Wer in den alten Unterscheidungen von Siegern und Besiegten verharrt, verpasst das eigene Leben. Jeremia wirbt darum, dass nicht eine ganze Generation das eigene Leben mit fruchtlosem Warten vergehen lässt.

Es soll ihnen wohlgehen.

Selbstverständlich ist das nicht. Da ist die Erinnerung an die Zeit in Ägypten, als die Asyl suchenden Wirtschaftsflüchtlinge so nach und nach zu Sklaven wurden und es ihren ganz und gar nicht wohlerging. Da ist aber auch die Erinnerung an Gott, der sie damals herausgeführt hat mit starkem Arm und durch die Wüste gebracht hat zurück in das gelobte Land. Auch damals wurden sie nicht vor der Katastrophe bewahrt, sondern in ihr begleitet. Sich einrichten in der Gegenwart heißt nicht, die Hoffnung auf Gott preiszugeben. In Ägypten nicht, wo die Versklavten zu ihm schrien und er sie hörte; und in Babylon auch nicht.
Denn Jeremias Brief mit der Dienstanweisung fürs Exil übermittelt im Wesentlichen eine Verheißung: 70 Jahre soll das Exil dauern, denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoff-nung. Von dieser Verheißung ist der nüchterne Rat des Propheten getragen. Er ist weit entfernt davon, mit der Niederlage des Volkes die Niederlage des verheißungsvollen Gottes zu verbinden. Was er will, ist helfen, die Verheißung nicht bloß zu hören, sondern sie zu leben. Und eine Verheißung leben, das heißt, Gott zu vertrauen – und nicht, ihm zu empfehlen, was er jetzt bitte tun möge. Darum vielleicht verheißt Gott nicht, was er im Einzelnen zu tun gedenkt, sondern, Zukunft und Hoffnung zu geben.
Ich folge bei diesem Versteil einer Übersetzungsvariante, die in den Lutherbibeln als wörtliche Übersetzung kleinge-druckt angegeben ist. Ich folge ihr auch, weil darin eben offen bleibt, ob sich die Zukunft mit den Erwartungen der Deportierten deckt. Denn das ist ja Gottvertrauen: nicht eigene Erwartungen auf Gott zu projizieren, sondern Gottes Zukunft zu erwarten. Und darum unterdessen die Gegenwart leben – gemeinsam mit denen und für die, die in der Umgebung sind.

Aus der Verheißung leben hat eine sozial verantwortliche Seite, wenn aus ihr die Dienstanweisung ‚Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn’ folgt – aus der Verheißung leben kann man offensichtlich nicht so ganz allein für sich. Meine Schüler sagen schon mal provokativ ‚Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, ist doch für alle gesorgt’. Diese Dienstanweisung folgt eher aus der Verzweiflung als aus der Verheißung. Wer aus der Verheißung lebt, wird seiner Umgebung zum Segen, sucht der Stadt Bestes und betet für sie.

Und so kommen wir zu der Frage zurück, was es heißt, heute für eine Stadt zu beten.
Wer für eine Stadt betet, und das ist das erste, was ich fest-halten möchte, wer für eine Stadt betet, lässt sich auf die Realität der Gegenwart ein. Er oder sie träumt sich nicht woandershin, weder nach Wolkenkuckucksheim noch in das Reich Gottes. Er oder sie verlangt nicht von Gott, vor der Realität bewahrt zu werden, sondern hofft, in der Realität auf seine Leitung vertrauen zu können. Er oder sie denkt wie Dietrich Bonhoeffer, wenn der schreibt: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstands-kraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
Menschen, die nicht gläubig sind, halten Gebete oft für Realitätsflucht. Sie sind es nicht. Sie sind Realitätsdeutung. Sie stellen die Realität in ein anderes Licht, und sehen sie da-rum vielleicht um so klarer. Denn wer betet, wer Zukunft und Hoffnung nicht nur von sich selbst erwartet, braucht sich die Wirklichkeit und die eigene Rolle und Leistung nicht schön zu reden. Wer betet, kann soziale Schieflagen und politische Extreme beim Namen nennen, sie vor Gott bringen und damit deutlich machen, dass politischer und religiöser Hass skandalös und untragbar sind. Solche Gebe-te bedeuten eine klare Positionierung: an der Seite derer, die Gefahr laufen, ausgegrenzt zu werden aus der Gesellschaft der Stadt oder die schon ausgeschlossen sind. Eine Positionierung, wie Sie sie mit Ihrem Wort für Toleranz und Respekt auf der Sommersynode bekräftigt haben.

Wer für eine Stadt betet, und das ist das zweite, was ich festhalten möchte, lässt sich auf genau diese Stadt ein. Und muss sich dann auch fragen, welche Rolle er oder sie in dieser Stadt hat. Jeremias Brief enthält den Rat zur Integration für die Deportierten, für die Zwangsmigranten von damals sozusagen. Jetzt steht er in unserer Bibel. Darum können wir Jeremias Integrationsrat nicht den Migrantenfamilien von heute vorhalten. Wir müssen ihn heute auf uns beziehen, und uns deutlich machen, dass wir, Christinnen und Christen und die evangelische Kirche in Solingen nicht fremd sind. Aber zunehmend, auch zusammen mit den anderen christlichen Konfessionen, in der Minderheit. Das Beste für diese Stadt ist darum von Christen, Muslimen, Juden, Angehörigen anderer Religionen und Religionslosen zu suchen. Alle können, dürfen, müssen da mitmachen, mitdenken, mitbeten. Das kann schwierig sein. Aber wenn wir als evangelische Kirche schon selbst die Einheit in Vielfalt leben, können wir es für möglich halten, das die weitere interreligiöse und interkulturelle Vielfalt zusammenzuhalten ist. Nicht als Reduktion auf eine, auch nicht auf die christliche Linie. Sondern in Annäherung und Aufeinanderzuwachsen.

Und dieses Für-möglich-halten führt mich zum Dritten, das ich festhalten möchte:
Wer für eine Stadt betet, lebt aus der Verheißung und möchte den Segen dieser Verheißung auch der Stadt wünschen. Die Stadt wird das spüren. Wer für sie betet, tut das, was die 5. These der Barmer theologischen Erklärung als Aufgabe der Kirche gegenüber dem Staat formuliert: er erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit.
Fürbitten in diesem Sinne ist keine Vereinnahmung. Es darf auch keine Vereinnahmung sein. Fürbitten in diesem Sinne zeigt einer Stadt und ihren Menschen, dass Christinnen und Christen sie im Lichte der Verheißungen Gottes sehen, dass sie sie mit ihren Möglichkeiten, ihrer Zukunft und ihrer Hoffnung sehen, nicht nur als das, was sie jetzt ist, in schwierigen Verhältnissen, besorgt über politische und religiöse Extreme, bemüht, die auseinanderdriftenden Milieus im Gespräch zu halten. Wer sie im Licht der Verheißung sieht, sieht das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, der politischen Parteien und der Kirchen und Religionsgemeinschaften und vieler anderer noch und traut diesem Engagement zu, das Beste für die Stadt zu finden und für ihr Wohlergehen zu sorgen.
Wer für die Stadt betet, wird sie aber auch daran erinnern, dass da mehr zu suchen und zu finden ist als das Wohlergehen der Menschen und das Beste für eine Stadt.

Unser Predigttext, der Ausschnitt aus Jeremias Brief, endet so: Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. In der Bergpredigt greift Jesus das auf: Suchet, so werdet ihr finden, heißt es da, und wer da sucht, der findet.
Beten, so kann man sagen, heißt suchen, mit der Verheißung des Findens, des Gehörtwerdens, des Erhörtwerdens.
Fürbitten heißt also nicht, jemandem fertig Gefundenes um die Ohren zu schlagen, sondern Fürbitten heißt, einladen zur Suche, erinnern, dass da etwas zu suchen ist, die Quelle von Zukunft und Hoffnung. Einladen zur Suche, das tun betende Christinnen und Christen, das tut der Turm der Lutherkirche und das tun die läutenden Glocken am Sonntag, das tun die Mitarbeitenden des Diakonischen Werks und die Religionslehrerinnen, das rät Jeremias Brief den allzu heimisch Gewordenen: denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahrt eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.
(Phil 4,7)

 

26.04.2013



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