Losung

für den 17.08.2019

So spricht der HERR: Wie lange weigerst du dich, dich vor mir zu demütigen?

2.Mose 10,3

Gottesdienste

Suchen Sie einen Gottesdienst in Ihrer Nähe? Hier finden Sie Termine, Orte und Zeiten.

mehr
Newsletter

Sie möchten regelmäßig mit Informationen und Meinungen aus der Evangelischen Kirche in Solingen versorgt werden? Hier können Sie unseren 14-tägigen Newsletter abonnieren.

mehr
Kontakt

Möchten Sie wissen, zu welcher Gemeinde Sie gehören? Wer als Pfarrerin oder Pfarrer für Sie zuständig ist? Dann schicken Sie uns doch einfach eine Nachricht.

mehr
Diakonie
Diakonie

Konkrete Beratung, praktische Hilfe und menschliche Zuwendung - mit diesem Angebot setzt sich das Diakonische Werk des Kirchenkreises für die Menschen der Stadt Solingen ein.

mehr
Gemeinden
Gemeinden mehr
Service

Psalm 73 und Römerbrief 8

Gelassene Gewissheit, gewisse Gelassenheit

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner zu Psalm 73 und Römerbrief 8 im Gottesdienst zur Einführung des neuen Kreissynodalvorstands am 4. Februar 2013 in der Walder Kirche, Solingen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

„Und dann brauche ich noch einen Bibelvers“ sagte Thomas Förster am Telefon, als es darum ging, die Einladung für heute Abend zusammenzustellen.
Und ich erbat mir Bedenkzeit und überlegte und dachte nach und nannte dann den, der jetzt auf der Karte steht, den Vers, der in meinen Gedanken hängen geblieben ist:
„Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“

Diese Verse sind seit der Konfirmandenzeit, als ich sie aus¬wendig lernen musste, zuhause in meinen Gedanken, zu¬nächst nur das erste Wort: Dennoch.
Eigentlich als Übersetzung des hebräischen Urtextes zu stark, sagen die Kommentare, ‚doch’ würde völlig reichen, es gehe nicht um Glaubenstrotz, sondern um eine Haltung, eine konsequente innere Einstellung.
Das ‚doch’ oder ‚dennoch’ hat mir viel bedeutet, damals in den Jahren nach der Konfirmation, es war Zeichen für die Entscheidung für das Nicht-Selbstverständliche, für das bei Gott bleiben. Christin sein, Theologie studieren, das war nicht das Coolste, auch Anfang der 80er Jahre nicht, und genau um den Zwiespalt zwischen cool und entschieden geht es in dem Psalm:
Der Beter, oder die Beterin, reibt sich an dem augenscheinlichen Erfolg und Glück der Gottlosen. Fast wäre ihm oder ihr darüber der Glaube zerbrochen.
Denn den Gottlosen geht es gut, sie leben ein Leben ohne Mühsal, sind gesund, tun, was ihnen einfällt, brüsten sich ihrer Taten, achten andere und anderes gering und lästern, was das Zeug hält. „Siehe“, sagt der Beter, „das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich“.

Und die Frommen? „Soll es denn umsonst sein“, sagt die Beterin, „dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?“ Wir – die Leser und Hörerinnen heute -, bekommen Ausschnitte einer alttestamentlichen Neiddebatte mit: denen geht es so gut, und mir, und uns gelingt nichts; uns wird genommen, was wir noch haben, und krank sind wir auch noch. Spielarten solcher Diskussionen können wir auch heute hier und dort hören, ich habe sie oft gehört und auch verstanden bei meinen Schülern in der Berufsschule, vor allem bei denen, die um Schulabschlüsse und Ausbildungsplätze und also darum, dazuzugehören noch kämpfen. Ich habe sie auch gehört und gelegentlich verstanden im Lehrerkollegium und in den Gemeinden, wo es darum ging, ob all die Arbeit und Anstrengung eines ganzen Lebens etwas geschaffen hat, was schwer genug wiegt, was der Mühe wert gewesen ist, oder ob es im Vergleich mit anderen nicht stand hält. Solche Debatten sind menschlich, und doch trägt dieser Neid den Keim der Zerstörung in sich.
„Fast wäre ich gestrauchelt“, sagt darum der Psalmbeter, und dass er versuchte, das Ganze zu begreifen, und es nicht vermochte, - bis er ins Heiligtum geht.

Am Ort der Gottesnähe kommt das Gedankenkarussell zum Stillstand. Gottes Wirklichkeit rückt die Dinge zurecht.
Was genau im Heiligtum geschieht, wird nicht berichtet. Wir wissen es nicht. Einerseits schade, die historische Neu¬gier gilt dem, dass ausgelassen wird, dem Nicht-Beschriebenen. Ich würde zu gerne wissen, wie im Heiligtum Gottes Gegenwart inneren Frieden geschaffen hat. Andererseits ist es gut, dass dem Wissen da eine Lücke bleibt, etwas Nicht-Beschreibbares, eine Leerstelle, die wir Heutigen im Nachbeten des Psalms mit unseren eigenen Erfahrungen füllen können. Mit unseren eigenen Gottesbegegnungen, die uns herausnehmen aus den Neiddebatten und Gedankenkarussells und der Angst, unser Leben falsch ge¬gründet zu haben. Diese Heiligtumserfahrungen können für den einen eine überrumpelnde, blitzartige Erkenntnis sein, die das Leben um 180 Grad verändert, für die andere ein langsames Hineinwachsen in eine neue Perspektive auf ihr Leben, für einen dritten ein bleibender Konflikt zwischen zwei verlockenden Lebensentwürfen. Aber sie sind Heiligtumserfahrungen, der Alltagswelt und dem Alltags¬denken entzogen. Und darum nicht völlig beschreibbar.

Beschreibbar ist die Haltung, die die Folge solcher Erfahrungen ist:
Bei Gott bleiben. Und darum gewiss sein: ich werde gehal¬ten, ich werde geleitet, ich werde angenommen werden.
Das hat man davon, wenn man sagt, „Doch ich bleibe“ oder „Dennoch bleibe ich“ – diese gelassene Gewissheit, diese gewisse Gelassenheit. Die frei macht von Neid und Verglei¬chen und dem verzweifelten Kampf um den eigenen Wert.
Der Psalm beschreibt dieses Frei-Werden oder Frei-Gesetzt-Werden als Erfahrung eines einzelnen Menschen. Aber er beschreibt diese Erfahrung so, dass sie die Erfah¬rung vieler anderer mit ausdrückt, die Erfahrung des Volkes oder der Gemeinde in Worte fasst. Ein Lehrgedicht, sagt der Kommentar.
Ein Lehrgedicht und darum ein Geländer für den Weg des Volkes Israel zuerst, für die christliche Gemeinde dann auch, über die existentiellen Konflikte der Einzelnen hinaus.
Ein Geländer für den Weg hinaus aus einem Leben des Ha¬bens und Prahlens hinein in ein Leben des Genüge-Habens und des Gott-Rühmens. Das klingt so leicht, und wird dann leicht ein Klischee der Weltflucht, wohlfeil in Sonntagsre¬den, aber wohl kaum wochentagstauglich. Aber es ist nicht leicht, hat mit Weltflucht nichts zu tun, sondern eher mit Weltveränderung, mit einer anderen Art, in der Welt zu sein.
Vom Haben zum Genüge-Haben, vom Prahlen zum Gott-Rühmen. Von einer „Ethik des Genug“ haben Sie, Herr Präses, im Bericht vor der Landessynode in diesem Jahr gesprochen, und genau dazu führt das Bei-Gott-Bleiben der Gemeinde: zum Genug, zur Genüge.

Ich habe in den Tagen zwischen den Jahren ein Buch gele¬sen mit dem Titel „Anti-Burn-Out-Buch für Pfarrerinnen und Pfarrer“. Einmal, um mich selbst innerlich zu wappnen für die Fülle der neuen Aufgaben; aber auch, weil ich denke, dass es unsere gemeinsame Aufgabe im Kirchenkreis ist, aufeinander zu achten, dass wir nicht ausbrennen, und meine besondere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass unsere Strukturen und Rahmenbedingungen das möglich machen: Nicht-Ausbrennen. Das Anti-Burn-Out-Buch beschreibt, wie verbreitet gerade in der Kirche, die doch die Rechtfertigung aus Glauben verkündigt, der Leistungsperfektionismus ist. Und wie verlockend eine Kirche wäre, der es gelänge, da anders zu sein.
Ich meine, es ist was dran an dem Buch, und ich halte die Frage nach Arbeit und Anstrengung und ihrer Begrenzung für eine Aktualisierung unseres Psalms und des inneren Zwiespalts des Psalmbeters. Und zwar darum, weil der Le¬bensstil der Selbstperfektionierung und Selbstoptimierung um jeden Preis einen so großen Sog erzeugt wie die Prahlerei der Gottlosen im Psalm. Es scheint in einer Leistungsgesellschaft wie unserer alternativlos nötig, sich dem Erfolg zu verschreiben, zu viel zu arbeiten, sich zu verausgaben, und selbst die Entspannung dem Diktat der Höchstleistung zu unterwerfen. Und es ist eine immense Herausforderung, sich dem zu entziehen, ohne sich als Verlierer zu fühlen und neidisch zu werden auf die, die alles scheinbar mühelos schaffen. Was, wenn wir als Gemeinde da sagten: Genug!

Was, wenn wir da sagten: Genug!
Ja, was? Und wie soll das gehen, Genug! zu sagen? Wir wol¬len doch Leistungsträger in der Kirche, wir brauchen Pro¬fessionalität und setzen auf Synergieeffekte, und wenn wir uns nur gut genug organisieren, schaffen wir bestimmt noch mehr. Wir sind doch um unserer Mitarbeitenden willen verpflichtet, unsere Ressourcen optimal zu nutzen, wir sollen doch mithalten auf dem Markt der weltanschaulichen Möglichkeiten und der lebensnotwendenden Beratungen.
Wir sind doch Teil dieser ganzen Art und Weise unserer Welt, wir spüren doch den Sog. Wie können wir es da schaffen, zu sagen, es ist genug?
Schaffen können wir es nicht.

Wir können es nicht schaffen, so wenig, wie die Psalmbeter das scheinbare Glück der Gottlosen begreifen konnten. Wenn wir es schaffen wollen, Genüge zu haben, schaffen wir es gerade nicht – Genüge ist durch Schaffen nicht zu erreichen. Es geht eben nicht darum, dass wir es „schaffen“, denn jeder Versuch zu schaffen führt nur tiefer in die Ambivalenz hinein.
Die Problematik von Arbeit, Erfolg und Selbstoptimierung scheint genauso zwingend und ist genauso verlockend wie das Glück der Gottlosen im Psalm und die Wachstumsideo¬logie unserer Zeit: Wir schaffen es nicht, uns ihnen zu ent¬ziehen, weil wir Teil von ihnen sind. Und darum schaffen wir es aus uns heraus auch nicht, uns oder unser Bei-Gott-Bleiben zu bewähren und durchzuhalten. Ein anderer muss da für uns schaffen. Wir brauchen Befreiung aus solchen zweischneidigen Verlockungen. Sie sind ein Herrschaftsbe¬reich, der zerbrochen werden muss, sagt ein Kommentar.
Und weil das so ist, habe ich zu dem Psalm noch zwei Verse aus dem Römerbrief als Predigttext hinzugefügt, nicht, weil das christliche Neue Testament der hebräischen Bibel et¬was hinzuzutun hätte, sondern weil diese Verse heute et¬was dazutun zu meiner Interpretation und der Frage nach möglichen Heiligtumserfahrungen. Im achten Kapitel des Römerbriefs heißt es: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“
Das Hohelied des Heilsgewissheit, nennt der Kommentar diese Verse. Im Psalm löst sich die innere Zwiegespaltenheit des Beters durch die nicht näher beschreibbare Heiligtumserfahrung zu der klaren Haltung: „Doch ich bleibe bei dir“. Im Zusammenhang des Römerbriefes beschreibt Paulus die Befreiung aus den eigenen Gesetzen folgenden Herrschaftsbereichen der Welt durch Jesu Tod und Auferstehung. Diese Befreiung zerbricht den Sog und die Verlockung der Mächte und verbindet untrennbar mit dem Befreier. Die innere Verwobenheit in diese Mächte löst sich zu der klaren Haltung: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes in Jesus Christus“. Es kommt nicht an auf das, was wir schaffen, sondern auf das, was an uns geschieht.

Darauf kommt es mir heute an: dass die Verbundenheit mit Gott durch Jesus Christus an uns geschieht und uns frei macht von Neid und dem Sog aller Zeitgeister, und dass diese Erfahrung der Grund ist von allem, was wir tun, und von allem, was wir sagen als Christinnen und Christen und als evangelische Kirche.
Von dieser Heiligtumserfahrung her sagen wir: Es ist genug! und entziehen uns dem Hamsterrad des Perfektionismus. Von dieser Heiligtumserfahrung her rufen wir anderen zu: Es ist genug! und laden zur Befreiung von Sog und Verlockung aller Arten des Wachstums ein. Und von dieser Erfahrung her schreien wir: Es ist genug!, wenn die Angst, aus der Welt der Erfolgreichen ausgeschlossen zu sein, zu Gewalt und Diskriminierung noch Schwächerer oder anders Aussehender führt.
Nur von dieser Erfahrung, befreit zu sein her mischen wir uns ein in die Belange der Stadt, als Seelsorger und Seelsorgerinnen, als Prediger und Predigerinnen, und als Anwälte und Wächterinnen – nicht, weil wir besser wären also oder es besser wüssten, sondern weil wir von der Erfahrung und Hoffnung leben, dass Befreiung geschehen ist. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, der uns an unserer rechten Hand hält und nach seinem Rat leitet. Darin haben wir Genüge.
Amen.

 

26.04.2013



© 2019, Evangelische Kirche in Solingen
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung