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für den 06.12.2019

Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

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Predigten gegen Intoleranz

"Religion ist heilsam"

 Der extremistische Glaube militanter "Heiliger Krieger", die Intoleranz vieler Parolen von PEGIDA und Co. sowie die maßlose Religionskritik mancher radikalen Atheisten waren Hintergrund zweier Predigten aus dem Februar. Hier sind sie nachzulesen.

Lupe

„Religion ist heilbar“ lassen missionarische Atheisten und Kirchenkritiker auf T-Shirts drucken. Sie meinen, die Religionen seien allesamt Motoren der Intoleranz, des Extremismus, der Gewalt und der Unterdrückung von Einzelnen. „Religion ist heilsam“ betont dagegen Superintendentin Dr. Ilka Werner. In ihrer Predigt zur Eröffnung der Stadtkirche erläutert sie, warum es wichtig ist, dass die Religionen sich geduldig, bescheiden, aber selbstbewusst als Motoren des inneren und äußeren Friedens präsentieren.

In eine ähnliche Richtung zielt auch die Predigt der Prädikantin Petra Heidelberg. Die ehrenamtliche Predigerin, im Hauptberuf Apothekerin, erläutert, warum der Glaube in der Nachfolge Jesu Christi nichts mit Hasspredigern gemein hat, sondern für die Freiheit des Glaubens überall auf der Welt eintritt.
Wir dokumentieren beide Predigten im Wortlaut.

Predigt von Superintendentin Dr. Ilka Werner

über Johannes 14,27

anlässlich des Empfang zur Wiedereröffnung der Stadtkirche am 1. Februar 2015


Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn und Bruder Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde,
warum eigentlich braucht Solingen eine Stadtkirche?
Oder, anders gesagt, warum brauchen unsere Städte überhaupt Kirchen?
Warum ist es gut, wenn ab und an über den Dächern der Wohn- und Geschäftshäuser ein Kirchturm zu sehen ist?
Anlässlich dieses Eröffnungsempfangs in der wunderschön erneuerten und wiedereröffneten Stadtkirche möchte ich mit Ihnen über diese Fragen nachdenken.
Ich möchte es tun, indem ich uns einen Vers aus dem Johannesevangelium, aus dem 14. Kapitel, auslege:
„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
So sagt Jesus zu den Seinen, als er beginnt, von ihnen Abschied zu nehmen auf dem Weg nach Jerusalem, als er schon ahnt oder weiß, dass er dort sterben wird. Es ist ein bisschen sein Vermächtnis, dieser Satz und die Sätze drumrum.
„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ – Das ist Jesu Erbe bis heute, mit Frieden beschenkt, gesegnet zu sein, und in seiner Nachfolge Friedenstifter zu sein. Das ist unsere Aufgabe als christliche Gemeinde und Kirche.
Aber es wird uns nicht mehr angesehen oder geglaubt oder zugetraut, dass es so ist, dass Friedenstiften unsere Passion und unsere Aufgabe ist.
Wahrgenommen wird etwas anderes: das Religionen überhaupt und also auch das Christentum Anlass und Motor von Gewalt, Machtstreben und Unterdrückung der Einzelnen sind. So sehr, dass viele Menschen hierzulande meinen, es müssten nur alle Religionen abgeschafft werden, dann sein Friede auf der Welt möglich. Wer so denkt, kann sich für wenig Geld im Internet T-Shirts kaufen mit dem Aufdruck: ‚Religion ist heilbar’.
Was ist nur passiert, dass alle Religionen so in einen Topf geworfen werden?
Zum einen stimmt es ja, es gibt religiös motivierte Gewalt oder zumindest solche, die sich auf religiöse Überzeugungen beruft, uns selbst ist voller Scham bewusst, dass das Christentum da keine Ausnahme macht. Und in unserer Zeit berufen sich etwa Boko Haram in Nigeria und der Islamische Staat im Irak darauf, in Gottes Namen zu agieren. Es ist aber auch so, dass christliche Kirchen und islamische Verbände sich oft und öffentlich von solchen Bewegungen distanziert haben. Warum gelingt es nicht, nach dem eigenen Selbstverständnis beurteilt zu werden, sondern zunehmend nur noch nach Pervertierungen?
Zum anderen stimmt es aber auch, dass Terror und Extremismus sich auch anderen als religiösen oder vermeintlich religiösen Motiven verdanken: Armut, Perspektivlosigkeit und kulturelle Konflikte spielen eine mindestens ebenso große Rolle. Kann wirklich jemand glauben, in einem nachreligiösen Zeitalter würden diese ungelösten Probleme nicht genau so für gewalttätige Auseinandersetzungen sorgen? Warum gelingt es nicht, in diesen Dingen differenzierter zu denken?
Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen verdankt sich der Angst.
Denn wer Angst hat, denkt nicht differenziert und wird nicht kreativ. Denn wer Angst hat, denkt nicht mehr mit dem ganzen Gehirn, sondern reagiert nur mit den Urreflexen. Und so wird mit dem Finger auf den Islam gezeigt und behauptet, es gäbe ein Europa, wo die Muslime nicht hingehörten. Oder es wird mit dem Finger auf die Religionen gezeigt und behauptet, Menschen wären ohne religiöse Überzeugungen völlig rational und kontrolliert. Und niemand merkt, dass jeweils vier Finger auf einen selbst zurückweisen.
Dagegen sagen wir: Jesus Christus hat uns Frieden gegeben, er hat uns seinen Frieden dagelassen. Sein Friede erfüllt unser Herz.
Sein Friede steht gegen die Angst. Und das ist keine naive Angelegenheit, - als damals Jesus den Seinen diesen Frieden sozusagen vererbte, waren die Zeiten weder ungefährlich noch friedlich – Israel von den Römern besetzt, die Weltordnung unsicher und von Aufständen und Terror erschüttert, die Menschen innerlich verunsichert und oft hilflos auf der Suche nach Orientierung. Nicht genau wie unsere Zeit, aber im Grunde vergleichbar. Und da sagt er: Meinen Frieden gebe ich euch.
Und das zu sagen, zu verkünden, ist heute unsere Aufgabe, die Aufgabe der Kirchen. Dazu brauchen wir in Solingen eine Stadtkirche, dazu brauchen wir Kirchen überhaupt und Kirchtürme, die wir, wenn wir unseren Geschäften nachgehen, über dem Alltäglichen ab und zu mal die Häuser überragen sehen, wahrnehmen, die uns erinnern: Sein Friede ist uns geschenkt. Sein Friede ist unser Erbe. Religion, so können wir selbstbewusst sagen, Religion ist heilsam. Und wenn wir wollen, können wir das auch auf T-Shirts schreiben.

Sein Friede ist uns geschenkt. Ist das ein anderer Friede als der, den man so landläufig kennt? Der zweite Satz in unserem Predigtvers lautet: „Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“
Und wir denken diesem Satz nach und überlegen, ob er uns eine zweite Antwort gibt auf die Frage, warum Solingen eine Stadtkirche braucht.
Meinen Frieden gebe ich euch – nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt – da taucht ein Gegensatz auf zwischen Kirche und Welt.
Und in der Tat ist Jesu Frieden ein anderer, als der, den die Welt kennt. Sein Friede, auf hebräisch Shalom, auf arabisch Salam, beschreibt mehr als äußere Sicherheit und die Abwesenheit von Krieg. Sein Friede meint die innere Ruhe, Freiheit und Gewissheit der Menschen, die sich im Glauben an ihn und in der Hoffnung auf ihn geborgen wissen. „Mir kann nichts geschehen“, das ist das Grundgefühl solchen Friedens, mitten in der Angst vor Terror und der Verwirrung durch andere Kulturen. „Ich bin geliebt und beim Namen gerufen“, das ist das Grundgefühl solchen Friedens mitten in Leistungsdruck und Perfektionierungswahn. „Ich werde nicht sterben, sondern das ewige Leben haben“, das ist das Grundgefühl solchen Friedens mitten in der Angst vor Vergänglichkeit und vergeblicher Sinnsuche.
Dieser Friede zerstreut die Angst, die das Denken eng macht. Wer aus ihm lebt oder zu leben versucht, kann großzügig sein, neugierig, versöhnungsbereit und ohne Scheu auf andere zugehen und sie in ihrer Art respektieren. Friede sei mit dir – in diesem christlichen Gruß liegt das Selbstverständnis des Christentums jenseits aller Pervertierung, und es ist ein Wunder und ein Geschenk, das auch die jüdischen Geschwister genau diesen Gruß kennen – Shalom alechem – und die muslimischen Schwestern und Brüder auch – Salam aleikum. Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber dieser ökumenische Friedensgruß spricht für sich selbst – in die Welt hinein.
Und da müssen wir jetzt drüber reden, über die Schnittstelle von Kirche und Welt, um eine Antwort auf die Stadtkirchenfrage zu finden – und um ein Missverständnis zu vermeiden. Denn wir könnten ja nun denken, gut, die Kirche hat Jesu Frieden, die Welt hat ihn nicht und muss säuberlich von der Kirche getrennt werden – oder aber von ihr missioniert werden. Aber so geht es nicht: denn einmal können und wollen wir nicht nun unsererseits die „Welt“ nach unseren Vorurteilen beschreiben – sondern mit ihr ins Gespräch kommen darüber, was jeweils anders ist und funktioniert bei den Religiösen und denen, die mit Religion nichts am Hut haben. Darum hat die Stadtkirche das Tor zum Fronhof und in sich drin das Café Gloria, damit alle rein gucken können und sehen, was da vor sich geht, und mit denen, die drinnen sind, reden können, und merken, da ist keine Geheimniskrämerei am Werk, sondern Offenheit und der Wunsch, lebensfördernde Weisheit zu teilen.
Zum anderen meinen wir aber mit „Welt“ auch eine bestimmte Denkweise und einen bestimmten Zeitgeist. Dazu gehört eine Logik von Wachstum und Wirtschaft, die ihr Recht und ihren Raum hat, aber nicht alles bestimmen soll. Dazu gehört aber auch ein Konkurrenzdenken und ein Leistungsdruck, die leicht übers Ziel hinausschießen und Menschen nicht fit fürs Leben machen, sondern so unter Druck setzen, dass sie zerbrechen. Und dazu gehört eine Vorstellung von Perfektion, Jugend und Gesundheit, die dem verzweifelten Versuch geschuldet ist, sich selbst unsterblich zu machen. Gegen diesen Weltzeitgeist ist der Friede Christi, die innere Ruhe, Freiheit und Gewissheit, eine Gegenkultur, die gut tut und Stress wegnimmt und Orientierung schenkt. Auch darum muss die Stadtkirche sein und ein Tor zum Fronhof haben, damit die, die drinnen sind, hinausgehen können und reden über den inneren Frieden, der unser Erbe ist, und damit die von drinnen die von draußen einladen können hinein auf einen Moment der Ruhe oder ein paar Schritte im Labyrinth oder einen Kaffee im Gloria. Die offenen Türen zeigen, dass niemand Angst haben muss drinnen eingesperrt zu werden. Draußen und drinnen, Kirche und Stadt, Glaube und Welt sind unterschieden, aber nicht getrennt, die Mauern und Türen sind nicht Grenzen, sondern Schwellen, die zwei Bereiche des Lebens der Stadt verbinden. Dafür, dass ist die zweite Antwort, sind Stadtkirchen und überhaupt Kirchen in den Städten unverzichtbar: Um den Austausch, den Kontakt und das Gespräch von Glauben und Welt, von Wirtschaften und Beten zu haben in öffentlichen Kirchräumen mit niedrigen Schwellen, die leicht zu betreten sind und aus denen man gut wieder hinauskommt.

Zwei Antworten auf die Frage, warum Solingen die Stadtkirche braucht, haben wir also gefunden im Nachdenken über unseren Predigtvers: die Erinnerung an den Frieden Christi, der unser Erbe ist, der uns versprochen und geschenkt ist, den wir haben dürfen und mit dem wir gesegnet sind durch die Kirchengebäude und die Kirchtürme; und die Möglichkeit von Gespräch und Austausch über die Unterschiede von Religion und Welt, die Berührung der Bereiche von Glauben und Wirtschaft und die Grenzen jedes einzelnen Bereiches auf der Schwelle zwischen Marktplatz und Gotteshaus.

Wir müssen über diese Antworten hinaus aber noch einen Gedanken weiterdenken über die Unterscheidung von Kirche und Welt. Denn wir wissen selbst ja nur zu gut: die Trennlinie zur Welt, wenn sie überhaupt beschreibbar ist, läuft mitten durch uns durch, und nicht neben uns. Wir sind als Christen und Christinnen ja auch Kinder des 21. Jahrhunderts und leben in dieser Welt, und wir spüren in uns sowohl die Gewissheit und Freiheit und Geborgenheit des Glaubens als auch die Angst, die Orientierungslosigkeit und den Druck der Welt. Es geht also nicht um Hochmut oder Belehrung seitens der Kirche. Das haben wir uns abgewöhnt, gründlich. Es geht auch nicht um eine herablassende und verunglimpfende Haltung seitens der nicht-religiösen Welt. Das verbitten wir uns.
Es geht vielmehr für uns alle um dankbares Leben-können und getröstetes Sterben-können.

Und darum kommen wir zu dem dritten Satz unseres Predigtverses: „Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“.
Das geht gegen die Angst, die Lebens- und Todesangst, die wir alle kennen und die wir loswerden wollen. Und die wir nicht loswerden durch Erfolg, Schönheit und ewige Fitness, so wohltuend das alles im Einzelnen auch ist. Aber die tiefste Angst geht damit nicht weg. Sie geht weg, wenn der Friede Christi in unser Herz einzieht. Aber wie kann das wahr werden? Wie soll das gehen, dass das wirkt und tröstet, selbst, wenn wir dem Versprechen glauben? Es ist diese Frage, die über die Unterschiede von Religionen und Welt und zwischen den Religionen und Weltanschauungen verbindet: wie gelingt das, ein Leben unerschrockenen Herzens und ohne dauernde Furcht? Gegenseitiges Lächerlichmachen und Für-dumm-erklären hilft nicht. Was hilft, ist, in gegenseitigem Respekt die Antworten und Antwortversuche der Religionen und Weltanschauungen nachzubuchstabieren. Und auch darum braucht Solingen die Stadtkirche und die Kirchen überhaupt: als den Ort, wo auf evangelische Weise die Antwort gesucht wird, erklärt wird, ausgelegt wird.
Wie kann ich in Frieden leben? Indem ich Christi Frieden als mein Erbe annehme und darum bete, dass er in meinem Herzen Wurzel schlage und mich ruhig, frei und meiner selbst in ihm gewiss leben lehre. Indem ich für andere bete, dass sie dieser Friede mit ihnen sei und sie ruhig, frei und der Treue Gottes gewiss mache. Indem ich immer wieder zu glauben versuche, dass er das nicht nur gesagt hat, sondern auch tut: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Amen.

Predigt von Prädikantin Petra Heidelberg

am 8. Februar 2015 in der Friedenskirche in Löhdorf

Liebe Gemeinde!
Es fällt mir heute, an diesem Sonntag, in dieser Zeit hier mitten in Europa unsagbar schwer zu predigen.
Das ist von Haßpredigern die Rede in den Nachrichten und so gewinnt das Wort predigen bei mir plötzlich eine andere Farbschattierung, die mir gar nicht gefällt.
Es ist ein guter Brauch geworden mit einer munteren, vielleicht lustigen Alltagsgeschichte zu Beginn der Predigt, die Gemeinde, also Sie, dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden, um dann in den Predigttext einzusteigen.
Aber wo befinden Sie sich gerade?
Wo befinden wir uns alle?
Wo stehen wir gerade in dieser Zeit mit unseren Gedanken und Gefühlen, wenn wir die Nachrichten sehen, wenn wir die Tageszeitung morgens aus dem Briefkasten holen?
Ich muss zugeben, dass ich morgens Angst habe, die Zeitung aufzuschlagen, Angst davor habe, was wohl in dieser Nacht, in der ich friedlich geschlafen habe, Schreckliches geschehen ist.
Was ist da wieder passiert, in wessen Geist auch immer und wessen Geistes Kinder sie auch immer sind, die da haben etwas geschehen lassen.
Da hatte ich vor ein paar Wochen, als die grausamen Anschläge in Paris auf die Mitarbeiter der Zeitung Charles Hebdo und auf die Kunden eines jüdischen Supermarktes verübt wurden, schon Respekt davor, in dieser Zeit einen Gottesdienst zu gestalten, und dann traf ich auf den Predigttext für heute, der mich auf Anhieb in seiner Formulierung sehr erstaunte .
Ich bitte Sie nun, sich mit mir gemeinsam auf den Weg mit diesem Text in dieser Zeit zu machen.
Er steht im Hebräerbrief, im 4. Kapitel, die Verse 12+13, ich will ihn uns einmal lesen:
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Zunächst einmal ist der Hebräerbrief ein ganz interessanter Teil des neuen Testamentes, er hat im eigentlichen Sinne keinen Adressaten und auch keinen Absender.
Er ist erst im Laufe der Jahrhunderte als Brief bezeichnet und in die Reihe der Briefe eingegliedert worden, hat aber gar keine Briefstruktur, wie wir sie z.B. aus den Paulusbriefen, also den Korintherbriefen kennen. Es gibt keine Anrede, keinen Schlusssegen.
Er wird mehreren Verfassern zugeschrieben, darunter interessanterweise einer Frau, Priscilla.
Wir könnten uns also heute einmal die Freiheit nehmen, wenn der Hebräerbrief also niemandem gehört, könnte er ja einfach an uns hier in Solingen-Ohligs adressiert sein.
Doch jetzt noch einmal zurück zu den etwas befremdlichen Formulierungen im Text.
Da hören wir Worte wie zweischneidiges Schwert, durchdringen zwischen Mark und Bein, alles bloß und aufgedeckt, Rechenschaft geben müssen. Allein die Formulierung drang bei mir beim ersten Lesen schon durch Mark und Bein.

Ich denke, brutaler und zerstörerischer hätte es der Verfasser des Hebräerbriefes nicht ausdrücken können.
Aber genau an dieser Stelle setzt das ein, was uns hier von kurzsichtigen angeblichen Rettern unseres Landes wie auch immer sie sich nennen, Pegida, Dügida, Legida usw. und kämpferischen Islamisten unterscheidet,
wir benutzen nicht die Worte, wie sie dort stehen für unsere Ideen, sondern wir hier in der Friedenskirche setzen uns damit auseinander.
Zunächst einmal war für mich auffällig der Begriff des zweischneidigen Schwertes.
Zum einen handelt es sich um ein Schwert, also um eine Kriegswaffe. Es ist nicht von einem Messer die Rede, nein vom Schwert.
Jesus Christus sagt selbst, wer mit dem Schwert kämpft, wird durch das Schwert umkommen. Im bergischen Heimatlied heißt es: Wo die Schwerter man schmiedet, dem Lande zur Wehr.
Es lässt sich also nichts an dem Wort beschönigen, nein es ist und bleibt eine Kriegswaffe.
Da es sich um ein zweischneidiges Schwert handelt, also auch eine besonders brutale, man trifft immer, egal mit welcher Seite.
Zum anderen war bei uns zu Hause der Begriff des zweischneidigen Schwertes ein Ausdruck für ganz klare eindeutige Aussagen.
Ich trenne mit einer Aussage, die wie ein zweischneidiges Schwert wirkt, ganz klar zwei gegensätzliche Meinungen, ich beziehe so ganz eindeutig Stellung.
Wenn also hier von Gottes Wort wie von einem zweischneidigen Schwert die Rede ist, so ist damit, denke ich, ganz klar gesagt, dass das Wort Gottes eine Eindeutigkeit ausdrückt, die uns in unserem Glauben als Christinnen und Christen lenken soll.
Bei näherer Betrachtung des Textes fielen mir aber dann auch weniger kriegerische und brutale Begriffe auf.
Denn bevor vom Schwert die Rede ist, heißt es erst einmal: Denn das Wort Gottes.
Unser Gott hat Worte. Ja, er spricht mit uns.
Wir haben es in unserer Religion mit einem sprechenden, redenden Gott zu tun.
Für mich bedeutet das im Umkehrschluss aber auch, dass ich mit meinem Gott reden kann.
Ja wir haben ganz viele Worte von Gott, und sie alle sind von vielen spannenden Menschen, die uns im Glauben schon vorangegangen sind, in diesem Buch zusammengefasst.
Wir haben mit unserer Bibel handfeste Beweise für die Sprache unseres Gottes.
Und auch wir alle können ständig ins Gespräch mit Gott treten. Gott hört uns.
Und da sollen oder besser müssen wir auch ins Gespräch miteinander und mit der Gesellschaft treten und Gottes Wort verteidigen, oder besser klarlegen, also predigen!
Wir als getaufte Christinnen und Christen haben also den Auftrag zu predigen im Sinne Gottes.
Und das ist es, was uns hier, also auch mich von sogenannten Hasspredigern unterscheidet.
Predigen bedeutet in anderen Worten, jemandem etwas besonders eindringlich empfehlen.
Ich kann Ihnen also an dieser Stelle nur eindringlich empfehlen, sich mit unserem Gott und mit Gottes Wort auseinanderzusetzen.
Und er ist mit seinem Wort an unserer Seite.
Im Vers 13 heißt es dann:
Kein Geschöpf ist vor ihm verborgen.
Nein wirklich nicht!
Wir alle, auch die, die sich auf den Weg des Glaubens und der geistigen Freiheit erst begeben, wie unsere Täuflinge und die, die den Weg schon wieder verlassen haben, weil ihre geistige Freiheit sie verlassen hat, sind nicht vor ihm verborgen.
Er sieht uns alle.
Dabei ist, denke ich, nicht gemeint, dass Gott alles sieht im Sinne von Strafe und erkannt werden.
„Pass bloß auf, Gott sieht alles“.
Sicher war das über Jahrhunderte eine Auslegung, die sich bis in unsere heutige Zeit standhaft gehalten hat, aber es ist nicht die Sichtweise, mit der ich mich anfreunden kann.
Ja Gott sieht alles, er sieht mich wie ich bin, als sein geliebtes Kind, so wie mich keiner sieht.
Er sieht mich wie Vater und Mutter und Geliebter und Kinder zusammen.
Dann ist von Rechenschaft die Rede.
Das Wort an sich hat etwas von kontrolliert werden.
Ich persönlich muss in der Apotheke Rechenschaft ablegen über die Kasse, über die Betäubungsmitteldokumentation.
Aber muss ich vor Gott Rechenschaft ablegen?
Ein Gott, der mich sieht und mit mir redet, der weiß doch alles von mir?
Vielleicht ist auch bei dieser Aussage wieder so, dass ich es mit einem liebenden, väterlichen und mütterlichen Gott zu tun habe:
Du musst nicht Rechenschaft ablegen, du kannst.
Bei uns in der Familie galt immer schon, es kann, aber es muss nicht alles erzählt werden.
Für mich persönlich hat das etwas von besonderer Geborgenheit, zu wissen, dass es Menschen oder einen Ort gibt, wo ich alles erzählen kann, das Schwere und das Schöne.
Bei Gott findet das noch seine Steigerung:
Ich kann und darf ihm alles sagen, aber er sieht es sowieso.
Es ist alles bloß und aufgedeckt
Heißt es hier im Hebräerbrief.
Das Wort bloß kennen wir biblisch aus einer anderen Geschichte, die mir sofort dabei einfiel:
Nackt und bloß liegt Jesus bei seiner Geburt in der Krippe, nackt und bloß sind wir alle bei unserer Geburt und bleiben es vor Gottes Augen, im Gespräch mit ihm.
Ich finde, das wir da etwas von der Geborgenheit behalten, die wir als Baby in den Armen der Mutter oder des Vaters hatten.
Bei Gott bleiben wir ein behütetes immer wieder Neugeborenes.
Ich denke dabei an den mitleidenden, mitlebenden Gott, wie ihn Dietrich Bonhoeffer beschreibt.
Gott ist an unserer Seite, er erkennt mich und mein Tun.
Er erkennt natürlich auch meine Schuld, wenn ich nicht in seinem Geiste handle und wenn ich nicht handle.
Ich darf und muss in der Freiheit, die Gott mir schenkt handeln und nicht erdulden und geschehen lassen.
Und Gott erkennt meine Ängste, meine Ängste, wenn ich morgen früh wieder das Tageblatt aufschlage, meine und unsere Ängste vor dem, was noch alles passieren könnte, wenn fanatische Gläubige welcher Religion auch immer und fanatische Freidenker das Wort ihres und unseres Gottes falsch ausnutzen.
Das Wort Gottes ist unter anderen Worten der eben gehörte Taufspruch: Der Herr ist der Geist, aber wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit, Freiheit für jeden Glauben, überall auf der Welt.
Lassen sie mich mit Worten Dietrich Bonhoeffers schließen:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag,
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
AMEN.

 

01.03.2015



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