Losung

für den 24.08.2019

Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR.

Jeremia 29,13-14

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Vortrag von Pfarrer Edwin Jabs

Segensraum Familie

Die Evangelische Kirche Solingen lädt zur Diskussion über das Thema "Familie" ein. Auf ihrer Synode hielt der Theologe und Diplom-Psychologe Pfarrer Edwin Jabs einen vielbeachteten Vortrag zum Thema, den wir hier dokumentieren.

Pfarrer und Diplom-Psychologe Edwin Jabs Pfarrer und Diplom-Psychologe Edwin Jabs

Zur persönlichen Information

„Segensraum Familie“
Vortrag von Pfarrer Edwin Jabs
am 24. Mai 2014 vor der Synode des Evangelischen Kirchenkreises Solingen

(Edwin Jabs ist Theologe, Diplom-Psychologe und Landespfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland als Leiter der Evangelischen Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung im Rheinland)

Hohe Synode,
liebe Schwestern und Brüder,

Familie ist ein riskantes Thema! Es weckt Emotionen, weil jeder Mensch existentielle Erfahrungen und sehr persönliche Überzeugungen mit diesem Thema verbindet.
Selten hat eine Veröffentlichung der EKD so heftige Reaktionen ausgelöst wie die Orientierungshilfe zur Familie.
„Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. So lautet der Titel und so wird das Ziel definiert.

Worum geht es der Orientierungshilfe im Kern?

Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme der gegenwärtigen vielfältigen Lebensrealität von Familien und dem gesellschaftlichen Ideal der Autonomie des Einzelnen.
Familie wird im Sinne eines erweiterten Familienbegriffs als eine „auf Dauer angelegte Verantwortungs- und Fürsorgebeziehung“ (a.a.O., 62) verstanden, unabhängig von der Form des Zusammenlebens. Es geht um Verlässlichkeit, die „für jede Gemeinschaft konstitutiv ist, weil sie die Schwächeren schützt und damit erst den Spielraum für Freiheit und Entwicklung eröffnet“ (a.a.O., 62).

„Familie, das sind nach wie vor Eltern (ein Elternteil oder zwei) mit ihren leiblichen, Adoptiv- oder Pflegekindern, vielleicht erweitert um die Großelterngeneration. Familie, das sind aber auch die so genannten Patchwork-Familien, die durch Scheidung und Wiederverheiratung entstehen, das kinderlose Paar mit der hochaltrigen, pflegebedürftigen Mutter und das gleichgeschlechtliche Paar mit den Kindern aus einer ersten Beziehung“ (a.a.O.,
22).

All diese Familienformen werden als gleichwertig anerkannt.

Es geht um Gerechtigkeit: Eine gerechte Sozial- und Familienpolitik, um qualitativ gute Infrastrukturangebote wie Tageseinrichtungen oder Ganztagsschulen und gerechte Aufgabenverteilung in Familie und Beruf.

Der Text will ausdrücklich zu einem Leben mit Kindern und zu familiärer Stabilität ermutigen. Dabei spielt der Segen Gottes eine große Rolle. Er gilt der Ehe und allen verbindlichen Lebensformen.

Einer der wohl am meisten provozierenden Sätze lautet: „Ein normatives Verständnis der Ehe als ‚göttliche Stiftung‘ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entspricht nicht
der Breite des biblischen Zeugnisses“ (a.a.O., 54).

Damit soll nicht die traditionelle Ehe entwertet werden. Sie wird als gute Gabe Gottes verstanden. Die Rechtsform der Ehe wird als besondere Stütze und Hilfe ausdrücklich gewürdigt.

Im Gegenteil: Die konstitutiven Werte einer Ehe, Verlässlichkeit und Verantwortlichkeit, Partnerschaftlichkeit und Gerechtigkeit, sollen für alle Formen von Familie gelten. Insofern hat die Ehe nach wie vor Leitbildcharakter.

Gestritten wird auf dem Hintergrund des erweiterten Familienverständnisses dennoch vor allem über den Stellenwert der Ehe in der evangelischen Kirche.

Die Kritik an der Orientierungshilfe gilt eindeutig den biblisch-theologischen Aussagen: Die besondere Bedeutung der Ehe werde nivelliert. Der Text widerspreche biblischer Weisung und passe sich dem Zeitgeist an.

Damit sind hermeneutische Grundsatzfragen gestellt.

Nikolaus Schneider, der EKD-Ratsvorsitzende, hat vor der letzten EKD-Synode im vergangenen November aufgrund der Kritik an der Orientierungshilfe zum evangelischen Schriftverständnis Stellung bezogen.

Die Bibel ist „norma normans“, sie ist und bleibt kritisches Gegenüber für die menschliche Erkenntnis. Sie darf nicht zu einem Bestätigungsbuch der eigenen Überzeugungen degradiert werden. „Wir müssen sie aber – um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen – nicht nur für uns, sondern auch gegen uns lesen.“

Schneider unterscheidet – in Anlehnung an Karl Barth – das geschriebene Wort Gottes, die Bibel, vom geoffenbarten Wort Gottes, und das ist Jesus Christus. „Die Mitte der Schrift ist Jesus Christus selbst, Gottes Güte und Barmherzigkeit.“
Das geschriebene Wort ist nur Wort Gottes, wenn es der Botschaft von Jesus Christus entspricht. „Was Christum treibet, ist nach Luther die hermeneutische Frage, mit deren Hilfe sich uns der Sinn des geschriebenen Gotteswortes erschließt.“
Die historisch-kritische Auslegung der Bibel verhindert, dass wir historische Gegebenheiten der damaligen Umwelt als Gottes Willen missverstehen.

„Die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus ist der Grund des christlichen Glaubens. Von dieser Selbstoffenbarung Gottes wissen wir aber nur durch das Glaubenszeugnis der Bibel.“ (Härle)

Was sagt die Heilige Schrift zur Familie?

Im Alten Testament hatte die Familie eine herausragende Bedeutung. Die Überlieferung vom Heilswirken Gottes ist in Israel größtenteils in der Familie weitergegeben worden. Der Gott der Väter ist zunächst ein Familien- und
Sippengott, benannt nach dem Patriarchen, der zuerst seine Offenbarung empfing. Es ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Bei Josua 24, V. 15, heißt es: „Ich und meine Familie wollen Jahwe dienen.“

In Israel gab es verschiedene Familienformen, sowohl historisch nacheinander als auch nebeneinander. In der nomadischen Zeit waren es wehrhafte Großfamilien, und in der Zeit der Sesshaftigkeit war die Familie vor allem eine Produktionsgemeinschaft.
Zur Familie gehörte das Familienoberhaupt mit seiner Frau bzw. seinen Frauen, seine Söhne – mit deren Frauen, wenn sie verheiratet waren – seine unverheirateten und verwitweten Töchter, Enkel, aber auch Bedienstete und
Gäste. Die Autoritätsfrage wurde patriarchal gelöst (Jer. 35,6-10), es gab aber auch bipolare Tendenzen (Spr. 1,8; Spr. 39,17; Dtn. 21,18f.).

Wirtschaftliche Notwendigkeiten bestimmten das Zusammenleben.
Lebensunterhalt und Schutz konnte man nur gemeinsam sichern. Deshalb war die Solidarität innerhalb der Familie von größter Bedeutung.

Die Familie wurde durch drei Gebote geschützt: Das Gebot, die Eltern zu ehren, (Exodus 20,12), das Gebot, die Ehe nicht zu brechen (Exodus 20,14) und das Gebot, der Familie die wirtschaftliche Grundlage nicht zu entziehen (Exodus 20,17).

Die Ehe ist eine Institution des privaten Vertragsrechts zwischen den Familien der Ehepartner. Sie wurde von den Familien arrangiert. Mit der sexuellen Vereinigung ist die Ehe gültig. Die Ehe von Mann und Frau steht, wenn es um Familie geht, geradezu selbstverständlich im Raum.

Trotz aller rechtlichen Regelungen ist das AT ein beredtes Zeugnis, dass intensive Liebesverhältnisse zwischen den Ehepartnern möglich sind. Wenn Liebe und Ehe zusammentreffen, wie bei Isaak und Rebekka, gilt das als Ausdruck göttlichen Segens (Gen. 24,67; 29,18).

Trotz der in den Königshäusern verbreiteten Polygynie deutet vieles darauf hin, dass die monogame Ehe eher der Regelfall war (Hugenberger 1994. 122; Vgl. Ri. 13; 2.Kön.4,8-37; Ruth; Spr. 5.18f.) und zwei Frauen nur in Ausnahmefällen wie Krankheit der Frau oder Kinderlosigkeit genommen wurden (Otto 1994, 49.51.).

Die Geburt von Kindern – v.a. von Söhnen – war ein Segen, sie hob und sicherte die Stellung der Frau. Kinderlosigkeit galt für Mann und Frau als schweres Schicksal (Gen. 30). Die Erziehung der Kinder war Aufgabe der Eltern, wobei die religiöse Erziehung in den Aufgabenbereich des Vaters fiel.

Wenn im Alten Testament von Familie die Rede ist, dann realistisch und schonungslos.
Es werden alle nur möglichen Konflikte zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern beschrieben:

1. Konflikte zwischen Eltern und Kindern:
- Abraham verstößt seinen Sohn Ismael mit Hagar, seiner Nebenfrau. Kinder werden nicht immer als Segen empfunden.
- Jakob zieht seinen Sohn Josef den anderen Brüdern so vor, dass diese nur Hass auf ihren Bruder empfinden.
- Die Söhne Noahs übertreten die Schamgrenze ihres Vaters, ein frevelhaftes Verhalten.

2. Konflikte zwischen Mann und Frau:
- Abraham liefert Sarah, seiner Frau, aus Furcht dem Pharao aus und leugnet, dass sie seine Frau ist.
- Rebekka betrügt ihren alten Mann Isaak, indem sie Jakob hilft, sich den väterlichen Segen zu erschleichen, der eigentlich seinem Bruder zustand.

3. Konflikte um eine Frau
- David lässt Uria, den Mann von Bathseba, töten, um dessen Frau zu bekommen. Ehebruch, Intrige und Mord werden hier beim Namen genannt...

4. Konflikte zwischen Geschwistern:
- Kain und Abel
- Jakob und Esau
- die Vergewaltigung Tamars durch ihren Halbbruder Ammon (2. Sam. 13)

Eine entscheidende Perspektive des AT in Hinblick auf diese Konflikte ist, dass Gott zum Anwalt für die Opfer wird.

Gott ergreift Partei für Sara, der von ihrem Mann verratene Frau, und schützt sie.

Und Gott ist es auch, der der schwangeren Hagar, die von Abraham, dem Vater ihres Kindes, in die Wüste geschickt wird, Engel zur Seite stellt. „Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie nicht gezählt werden können.“ „Du bist ein Gott, der mich sieht“, so nennt Hagar ihren Gott.

Und als Hanna im Samuelbuch von der anderen Frau ihres Mannes wegen ihrer Kinderlosigkeit gekränkt wird, ist es Gott selbst, der sich schützend vor Hanna stellt.

Noch eine zweite Perspektive möchte ich nennen, die die hebräische Bibel durchzieht: Die Verheißung Gottes gilt für die Menschen in all ihrem Scheitern und ihrer Fehlbarkeit.

Die Verheißung an Abraham: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Mit Menschen in all ihrer Unvollkommenheit schließt Gott seinen Bund. Darin eingeschlossen ist das Gebot der Fürsorge, nicht nur für die eigene Familie, sondern besonders für die Witwen und Waisen, und – immer wiederkehrend – für die Fremden.

Noch ein Wort zur Bedeutung der Ehe im AT: Mit dem Bild der Ehe wird in der prophetischen Literatur auch die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk beschrieben. Die Ehe eines Propheten kann sogar als Zeichenhandlung für das Verhältnis zwischen Gott und Israel dienen.
Hosea soll eine Prostituierte heiraten. Damit wird das fehlerhafte Verhalten Israels, sein Abfall zu fremden Göttern, aber auch die grenzenlose Liebe Gottes zu seinem Volk verdeutlicht (Hos. 1-3).

Das Neue Testament steht zu Verwandtschaft und Familie durchaus auch kritisch:
Die Geschichte von Jesu wahren Verwandten überliefert Lukas so:
„Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm (Jesus) und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.“
Die natürliche Familie wird durch die „familia die“, die glaubende Gemeinde, ersetzt.

Wer weiß, welche Bedeutung die Mutter bis zum heutigen Tag in der jüdischen Tradition hat, welche Autorität ihr zukommt, der spürt das Feuer der Revolte, das in diesem Text enthalten ist. Bei Markus sagt Maria darauf sogar von Jesus: „Er ist von Sinnen.“ Die Familie Jesu, keine heilige Familie.

Die Nachfolge Jesu verändert die Loyalitäten. Der Ruf in die Nachfolge Jesu löst den Einzelnen aus der Familie heraus (Mk. 1, 20).
Selbst elementare familiäre Pflichten wie das Begräbnis des Vaters (Lk. 9, 59f.) müssen hinter der Nachfolgeforderung zurückstehen. „Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber folge mir nach.“

„Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien von seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter (Mt. 10,15).“

Eindrücklich ist Jesu Auffassung von der Unauflöslichkeit der Ehe. Jesus betont die Übereinstimmung des göttlichen Willens mit einem auf lebenslange Dauer angelegten und verbindlichen Miteinander eines Mannes mit seiner Frau (Markus 10, 1-12). „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“
Das Scheidungsverbot kann aber zur Lösung unerträglicher Lebensumstände aufgehoben werden: „Um eures Herzens Härte willen“ hat Mose die Möglichkeit eines Scheidebriefes gegeben. Das Scheidungsverbot Jesu zielt auf das Recht und den Schutz der Frau und wendet sich gegen die patriarchalische Praxis, Frauen in die materielle Not und soziale Isolation zu verstoßen.

Wichtig ist in der Verkündigung Jesu seine Anwaltschaft für die Kinder!
„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Denn solchen gehört das Himmelreich (Mt. 19, 14).“

„Wer ist doch der Größte im Himmelreich. Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Kinder können auch deshalb ein Segen für Erwachsene sein.

Aber er warnt die Erwachsenen auch: „Wer aber einen dieser kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinem Hals hängt und er ersäuft würde im Meer.“

Der Anwaltschaft für die Kinder entspricht seine Anwaltschaft für die alten Menschen:
Das vierte Gebot des Dekalogs „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren…“ zielt auf die Fürsorge der erwachsenen Kinder für ihre alten Eltern. Diese war in der damaligen Gesellschaft lebensnotwendig.

Entsprechend scharf wendet sich Jesus gegen den in seiner Zeit verbreiteten Bruch der solidarischen Beziehungen, wenn Kinder sich aus der Verpflichtung, für die alten Eltern zu sorgen, mit einer Abgabe für den Tempelkult
herauskauften:
Er sagt dazu: „Gottes Wort wird aufgehoben, wenn jemand zu Vater und Mutter sagt: Eine Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht (Mt.15,1-6).“

Ich verbinde besonders mit Jesus:

Sein unbedingtes Eintreten für die Schwachen, die Ausgegrenzten, ganz gleich ob sie ohne eigene Schuld wie die Kranken und Aussätzigen an den Rand gedrängt wurden, oder sich wie die Zöllner schuldig gemacht haben.

Das Gleichnis vom Verlorenen Schaf macht deutlich: Kein Mensch darf verloren gehen.
Das ist die geoffenbarte Gottesbotschaft in Jesus Christus: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“

Paulus fasst die Konsequenz für uns so zusammen:
„Darum nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat.“ Und: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Beide Sätze gelten für meinen Umgang mit Menschen, in welchen Familienformen sie auch immer leben.

Familie und Ehe im Wandel
Soziologisch ist zu sagen, dass die Lebenswirklichkeit heutiger Menschen einem rasanten Wandel unterworfen ist. Die Auflösung traditioneller Vorgaben und Gewissheiten für die eigene Lebensgestaltung bedeutet, dass jeder und jede das eigene Leben heute individuell gestalten kann, aber auch gestalten muss.
Jeder ist seines Glückes Schmied.

Die gesellschaftliche und familiäre Entwicklung seit den Fünfziger Jahren lässt sich mit dem Soziologen Gerhard Schulze auf zwei Begriffe bringen:
Entgrenzung und Wahlfreiheit.

Entgrenzung kennzeichnet am eindrücklichsten den Wandel des Alltagserlebens. In den Fünfziger Jahren gab es eine unhinterfragte Ordnung von oben und unten, gut in Filmen jener Zeit wie „Sissi“ oder „Schwarzwaldmädel“ zu beobachten. In klaren sozialen Vertikalen stehen sich gegenüber: Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler, Mann und Frau. Die geschlechtsspezifische Zuteilung ist eindeutig: Paragraph 1356 des Bundesgesetzbuches BGB lautet: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Völlig anders lässt sich dagegen die Gesellschaft heute kennzeichnen. Der Sozialwissenschaftler Ulrich Beck bringt es auf den Punkt:

„Heute ist nicht mehr klar, ob man heiratet, ob man zusammen lebt und nicht mehr heiratet, heiratet und nicht zusammenlebt, – ob man überhaupt ein Kind bekommt, und wenn – ob man das Kind innerhalb oder außerhalb der Familie empfängt und aufzieht, mit dem, mit dem man zusammenlebt, oder mit dem, den man liebt, der aber mit einer anderen zusammenlebt, vor oder nach der Karriere oder mittendrin. „Anything goes“ – alles geht oder scheint zumindest zu gehen.“

Das zweite Kennzeichen unserer Tage ist die Wahlfreiheit (Gerhard Schulze).
Die paradigmatische Gestalt der Gegenwart ist der Wählende, der auswählt aus der Fülle der Möglichkeiten.
Die wählende Existenz ist durch zwei Grundfragen gekennzeichnet: „Was will ich eigentlich?“ und „Gefällt es mir wirklich?“.
Situationen werden arrangiert mit dem Ziel eines Glückserlebnisses: „Erlebe dein Leben!“ heißt der kategorische Imperativ der Erlebnisgesellschaft. Schnelllebigkeit und Mobilität kennzeichnen die Alltagsexistenz: einschalten,
ausschalten, hinfahren, wegfahren, etwas anfangen, wieder damit aufhören, zusammenziehen, sich trennen.

In der Erlebnisgesellschaft dominieren Kontakte, die flüchtig und anonym sind und von emotionaler Distanz geprägt werden. Manche können gut damit leben, aber andere, gerade Kinder und Jugendliche, erleben einen grundlegenden Mangel.

Vance Packard, ein bedeutender Sozialkritiker, hat schon vor 25 Jahren den „Verlust der Geborgenheit“ als zentrales Problem moderner Gesellschaften diagnostiziert. Und die seelische Obdachlosigkeit wächst in Zeiten der
Globalisierung.

Der Verlust der Geborgenheit, die wachsende Anonymität, der Zerfall eines funktionierenden Gemeinschaftslebens und das Zerbrechen von Familien und Partnerschaften stellen immer mehr Menschen vor elementare Herausforderungen.

Noch einmal Ulrich Beck: „Die Normalbiographie wird zur Wahlbiographie, zur Bastel-, Risiko-, Bruch- oder Zusammenbruchsbiographie.“ Wenn jeder seines Glückes Schmied ist, dann ist jeder auch allein verantwortlich für sein Scheitern.

Ehe und Familie ein Auslaufmodell?

 

14.07.2014



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