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für den 19.10.2019

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Herbstsynode 2014

Synodalbericht von Superintendentin Dr. Ilka Werner

Superintendentin Dr. Ilka Werner hat am 8. November 2014 in der Evangelischen Stadtkirche Ohligs zur Herbstsynode 2014 des Evangelischen Kirchenkreises Solingen ihren jährlichen Bericht gehalten.

Hohe Synode!
„Der Kreis“ – auch der Kirchenkreis - „hat einen Rand und er hat eine Mitte. Es wird bei Ihnen stehen, ob Sie das, was ich Ihnen jetzt sagen möchte, als Randbemerkungen oder als Zentralbemerkungen verstehen wollen. Sie werden es mir jedenfalls glauben, dass das nun eben meine Art sein soll, mich der Verantwortung zu unterstellen, die wir hier gemeinsam auf uns genommen haben.“ (2)

Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Satz und Beginn meines zweiten Berichtes als Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen stammt nicht von mir. Es handelt sich um ein Zitat von Karl Barth aus seinem Vortrag vor der Weltkirchenkonferenz, heute dem Ökumenischen Rat der Kirchen, 1948 in Amsterdam. Das ihm vorgegebene Thema lautete „Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan“. Barth, Schweizer Staatsbürger und in den frühen 1930er Jahren Theologieprofessor in Deutschland hat die Bekennende Kirche und die Barmer Theologische Erklärung maßgeblich geprägt. Er begann in der Nachkriegszeit 1948 seine Ausführungen damit, zu erläutern, warum das Thema eigentlich anders herum formuliert sein müsse, nämlich „Gottes Heilsplan und die Unordnung der Welt“. In diesem Abschnitt steht der Satz: „Der Kreis hat einen Rand und er hat eine Mitte.“ (2)
Wenn ich heute mit diesem Satz beginne und ihn mir aneigne, haben Sie es also nicht zu tun mit dem Größenwahnsinn einer Superintendentin, die sich etwa als Mitte des Kirchenkreises versteht. Sondern ich lade Sie ein, mir in die Gedanken zu folgen, die ich mir ausgehend von diesem Barth-Vortrag über die Ausrichtung und Reihenfolge unseres Nachdenkens, Tuns und Lassens mache.
Ich habe „Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan“ im Sommer wieder gelesen, weil es mir so vorkam, als seien wir in diesem Sommer wieder einmal und noch einmal neu und an-ders von der plötzlich aufbrechenden Unordnung der Welt zutiefst beunruhigt worden.

I. Gottes Frieden bezeugen
(Gedenktage der Weltkriege – Initiativen im interreligiösen Dialog – Reaktionen auf den Terror des IS – Engagement für Flüchtlinge)

In diesem Sommer jährte sich der Beginn des 1. Weltkrieges zum 100. Mal, der des 2. Welt-krieges zum 75. Mal. Vor 70 Jahren wurde Solingen durch zwei Bombenangriffe Anfang No-vember zerstört. Seit dem Ende des 2.Weltkrieges ist in Mitteleuropa Frieden. Die Teilung Deutschlands und Europas ist seit 25 Jahren überwunden. Wir sind dankbar dafür. Aber seit diesem Sommer ist die Zerbrechlichkeit von Frieden und Sicherheit mehr denn je bewusst geworden:
Zwischen Israel und den Palästinensern kam es im Gaza-Streifen zu einem regelrechten Krieg, angefeuert durch die Hamas und bestimmte israelische Gruppen, der vor allem die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza getroffen hat. Wieder einmal ist die Chance für Frieden im Heiligen Land in weite Ferne gerückt. Allen zwischen Israelis und Arabern, zwischen Juden und Christen und Muslimen vermittelnden Menschen, Initiativen und Projekten zum Trotz gelingt Versöhnung nicht. Und der Krieg findet seinen Widerhall in Deutschland, wenn Demonstrationen gegen eine bestimmte israelische Politik zu Demonstrationen voller judenfeindlicher Parolen werden und auf die Synagoge in Wuppertal ein Anschlag verübt wird, der Gott sei Dank keinen Sachschaden zur Folge hatte. Er hat aber andere Folgen: Verunsicherungen der jüdischen Gemeinde, Angst im Alltag, Verwirrung über die zögerlichen Erklärungen von Solidarität seitens der Zivilgesellschaft. Der Widerhall des Gaza-Krieges bei uns verkompliziert auch das Verhältnis von Juden, Christen und Muslimen hier im Bergischen. Missverständnisse, Enttäuschung und Verallgemeinerungen sowie die Schwarzweiß-Malerei mancher Medien belasten die Beziehungen. Wir versuchen, mit der Einrichtung eines „runden Tisches“ der Religionen für Solingen eine Ebene direkten Austausches miteinander und gemeinsamer Stimme in die Stadt hinein zu schaffen - zusätzlich zu den Gesprächskreisen, die Unschätzbares leisten und für die ich hier noch einmal ausdrücklich danken möchte. Was so ein „runder Tisch“ austrägt, ist ungewiss. Mir, dem Synodalbeauftragten für Frieden, Jens Maßmann, und Doris Schulz scheint es entscheidend, zum einen in direkter Begegnung von den Sorgen und Gedanken der anderen zu hören, und zum anderen Spekulationen über Probleme im interreligiösen Verhältnis durch gemeinsame Auskunft den Boden zu entziehen.

Ebenfalls mit Sorge haben wir die Auseinandersetzungen in der Ukraine begleitet, die unver-sehens den Krieg in die Nähe rückten und das entspannte Verhältnis zwischen Europäischer Union und Russland in Frage stellen.

Dazu werden wir Zeugen der furchtbaren Verbrechen und der erschreckenden Brutalität der Terrorgruppe IS – Islamischer Staat, „die“ – ich zitiere aus der friedensethischen Stellungnahme des Rates der EKD vom September 2014 – „inzwischen weite Landstriche im Norden des Irak und in Syrien unter ihre Kontrolle gebracht haben. Bilder von Vertreibungen ganzer Volksgruppen, von Massenmorden und anhaltendem Unrecht größten Ausmaßes versetzen uns in Schrecken. Unter dem Terror leiden unterschiedslos Menschen gleich welchen Glaubens: Muslime, Jesiden, Christen. Die über viele Jahrhunderte gewachsene gesellschaftliche und religiöse Vielfalt in der Region droht zu verschwinden (...).“ Immer mehr Menschen gehen auf die Flucht und in die Nachbarländer Türkei, Libanon, Jordanien und Irak, auch Ägypten, die sie kaum mehr aufnehmen können. Auch in Europa und Deutschland kommen mehr Flüchtlinge an und brauchen menschliche Aufnahme. Längst sind wir nicht mehr außen vor: Deutsche Konvertiten zu einem radikalen, salafistischen Islam reisen aus, um auf Seiten des IS zu kämpfen, europäische Geiseln werden zur Provokation und Bedrohung ihrer Heimatländer benutzt und ermordet. Der Ruf der betroffenen Menschen nach Hilfe und Beistand ist unüberhörbar.
Was sollen wir, Christen und Christinnen, in dieser Situation tun, was in die politischen Debatten unseres Landes einbringen? Die Frage nach der Notwendigkeit militärischer Intervention und deutscher Waffenexporte ist auch unter Christen umstritten. Auf der einen Seite ist es kaum erträglich, untätig zuzusehen, wie Menschen vertrieben, versklavt, getötet werden und ihr kulturelles Erbe der Zerstörung anheim fällt. Auf der anderen Seite wird die Gewaltspirale durch neue Waffenlieferungen und Militäreinsätze weiter getrieben und das Engagement für Frieden und Gewaltlosigkeit weiter ausgesetzt.
Die einen fühlen sich durch die apokalyptischen Ausmaße der Herausforderungen überfor-dert und gelähmt, die anderen aufgefordert, eine Erlösung und zumindest das Wohl der Welt durch energisches Handeln selbst heraufzuführen. Die Frage nach Gott und Gottes Willen und Plan stellen beide.

Ich möchte mich und uns in dieser Frage einen Moment unterbrechen lassen und im Nach-denken über diese „Unordnung“ der Welt zurückkommen zur Frage nach der Mitte und den Rändern des Kreises und der Reihenfolge unseres Nachdenkens und einen Moment Karl Barth das Wort geben:
„Sollten wir uns nicht auch darüber verständigen müssen, dass unter „Gottes Heilsplan“ wirklich sein Plan, d.h. aber sein schon gekommenes, schon siegreiches, schon in aller Majestät aufgerichtetes Reich zu verstehen ist: unser Herr Jesus Christus, der der Sünde und dem Tod, dem Teufel und der Hölle ihre Macht schon genommen, Gottes Recht und das Recht des Menschen in seiner Person schon zu Ehren gebracht hat? Dass unter „Gottes Heilsplan“ also nicht etwa zu verstehen ist: die Existenz der Kirchen in der Welt, ihre Aufgabe gegenüber der Unordnung der Welt, ihre äußere und innere Betätigung als Organ eines besseren Menschenlebens und schließlich der Erfolg dieser ihrer Tätigkeit in der Christianisierung der ganzen Menschheit und in Verbindung damit in der Herstellung einer unsern ganzen Planeten umfassenden Rechts- und Friedensordnung? Dass also unter „Gottes Heilsplan“ nicht etwa so etwas wie ein christlicher Marshall-Plan zu verstehen ist?“ (5f)

„Wir sollten den Gedanken (...) gänzlich fahren lassen, als ob die Sorge für die Kirche und für die Welt unsere Sorge sein müsse. Beladen mit diesem Gedanken würden wir nichts ausrich-ten, würden wir die Unordnung in Kirche und Welt nur noch vermehren können.“ (9)

Wir sollten den Gedanken gänzlich fahren lassen, als ob die Sorge für die Kirche und für die Welt unsere Sorge sein müsse. Das klingt fremd, ist aber unser Ausgangspunkt: dass für Kir-che und Welt und das Heil schon gesorgt ist. Und es klingt – oder es kann klingen -, als ließen wir uns vorschnell vertrösten und nähmen das Leid der Menschen nun doch nicht wirklich ernst, wenn wir es als „Unordnung“ begreifen und einfach unser Bekenntnis zu Gottes Ord-nung dagegen setzen. Dass es so klingen kann, liegt darin, dass wir uns als Macher, Sorgende, Verantwortliche zu sehen gewöhnt sind, und darin, dass uns unser Bekenntnis oft genug brüchig und fragwürdig und angefochten wird durch diese Unordnung der Welt und wir im Bekennen mehr Trotz als Überzeugung vermuten.
Aber es ist nun doch einmal unsere Mitte und unsere Ausrichtung, dass für Kirche und Welt und das Heil gesorgt ist und wird.
Und dass wir, wenn wir als Kirche friedensethisch reden, genau das wiederholen und nach-buchstabieren müssen, wenn wir etwas anderes und also etwas sonst nicht zu Hörendes sa-gen wollen:
Dass wir Gottes Frieden bezeugen.
Und also bezeugen, dass Gottes Wille und Plan Frieden und Ordnung ist und dass Krieg und Un-ordnung sie stören und zu zerstören drohen.
Dass darum unser Reden und Tun dem Frieden dienen darf und keiner Kriegs- und Abschre-ckungslogik folgen muss: Wenn du Frieden willst, bereite den Frieden vor.
Das Konzept des gerechten Friedens, wie es die EKD formuliert hat, mit seinen Elementen Schutz von Gewalt, Abbau von Not, Förderung der Freiheit und Anerkennung kultureller Verschiedenheit, will genau das in die Tat umsetzen und setzt auf das dauerhafte, kleinschrittige, geduldige Engagement, das nicht nur den Moment der Krise kennt.
Und darum können wir sagen: Entscheidend ist jetzt nicht die Frage der Waffenlieferung in den Irak. Entscheidend ist, dass wir auf Dauer den Waffenhandel beenden, damit nicht immer wieder Waffen in die falschen Hände geraten. Entscheidend ist, dass dauerhaft Friedensmissionen finanziert und unterstützt werden und nicht zugewartet wird, ob aus einem Konflikt ein Krieg wird. Entscheidend ist, dass das internationale Engagement in Krisenregionen friedenspolitischen und nicht wechselnden nationalen Interessen folgt und die Strukturen der Vereinten Nationen gestärkt und respektiert werden. Und entscheidend ist, dass hier vor Ort das Friedenstiften nicht aufhört.

Teil des lokalen Friedenstiftens muss das Engagement für Flüchtlinge sein. Menschen kom-men her, ganz und gar aus der gewohnten Ordnung ihres Lebens gerissen, und brauchen physische Sicherheit und psychische Geborgenheit. Ich habe mich bei Horst Koss und der hat sich bei Ewa Scott und die hat sich bei der Stadt erkundigt: In Solingen leben zur Zeit 1075 Flüchtlinge, die größten Gruppen aus Serbien und Syrien – Asylsuchende, Geduldete, Menschen mit verschiedenen Flüchtlingsstatus, viele schon länger in Solingen, viele erst seit kurzem hier, etwa 20 Personen kommen wöchentlich dazu. In dieser Woche wurde die Jugendherberge Gräfrath zur Flüchtlingsunterkunft. Die Stadt wird Ende des Jahres mit ihren Aufnahmekapazitäten am Ende sein, - wenn die Gemeinden Wohnraum zur Verfügung stellen können, ist das willkommen. Beim Pfarrkonvent vorletzten Mittwoch sagte Bernd Reinzhagen, dass Wald zwei Wohnungen stellen kann und auch für Betreuung sorgen will. Spenden an Kleidung, Möbeln etc. werden auch gebraucht – für die Diakonie ist das Sozialkaufhaus die zentrale Anlaufstelle, dorthin können Spenden gebracht werden. Die Lutherkirchengemeinde wird Kinderfahrräder sammeln und für und mit Flüchtlingsfamilien aufarbeiten. Mit der sozialen Betreuung der nach Solingen kommenden Menschen sind die zwei Sozialarbeiterinnen der Stadt überfordert. Wenn Gemeinden hier im eigenen Sozialraum Hilfe anbieten könnten, wäre das großartig. Wo Finanzmittel dazu fehlen, kann der Kirchenkreis helfen – wir können etwa 10.000 Euro zur Verfügung stellen. Eine innerevangelische „Umschlagbörse“ soll der Fachausschuss für Zuwanderung, Integration und Flüchtlingsfragen sein, dessen Leitung nach dem altersbedingten Ausscheiden von Frau Schulz Herr Koss übernehmen will (Danke!) und der sich am 11.11. trifft und die evangelischen Ideen koordiniert. Ich bitte alle Gemeinden, bis dahin ihre Verabredungen oder Möglichkeiten an Herrn Koss zu mailen, der das im Ausschuss und in der AG der freien Wohlfahrtspflege weitersagen kann. Wir wollen als evangelische Gemeinden und Kirche Möglichkeiten finden, die herkommenden Menschen willkommen zu heißen und hier nicht allein zu lassen. Gemeinsam können wir sicher etwas beitragen – gestern im Gottesdienst haben wir für die Unterstützung von Flüchtlinge in Syrien gesammelt, heute und am 11.11. geht es darum, für Solingen zu denken.

II. Anders Kirche werden
(der Ruf zur Sache - Haushaltskonsolidierung in der Evangelischen Kirche im Rheinland – das neue Verwaltungsamt im Kirchenkreis – Finanzfragen, die Grundfragen aufwerfen)

Ich möchte – mit einem tiefen Atemzug – nun auf etwas ganz anderes zu sprechen kommen, auf eine andere und vielleicht augenzwinkernd oder mehr im alltäglichen Sinne so zu nen-nende, trotzdem aber auch ernste Dimension von Unordnung: Den organisatorischen Um-bruch in Landeskirche und Kirchenkreis und die tiefergehenden Umbrüche, auf die diese strukturellen Veränderungen vielleicht oder sicher verweisen.
Auch hier möchte ich Barth zitieren, der auf den Auftrag der Kirche und die Verkündigung des Evangeliums zu sprechen kommt: „Eine gute, eine nötige Frage. Wie könnte sie uns in Ruhe lassen? Es gibt ja so viele Menschen, die die Kunde von Gottes in Jesus Christus geschehenem Gnadenwerk noch nie gehört oder wieder vergessen und vielleicht darum wieder vergessen haben, weil unsere Kirchen sie ihnen noch nie richtig ausgerichtet haben. Es braucht ja so viel Gebet und so viel Arbeit dazu, damit unser Zeugnis nicht irgendein frommes und moralisches Gerede, sondern wirklich das Evangelium von Jesus Christus sei. Und es ist ja eine so hohe Kunst, in der Ausrichtung dieses Zeugnisses so schlechterdings einfach und direkt zu werden, wie es durch diese Botschaft gefordert ist. (...) Wir dürfen Gottes Zeugen sein. Seine Advokaten, Ingenieure, Manager, Statistiker und Verwaltungsdirektoren zu sein, hat er uns nicht berufen. Mit den Sorgen solcher Tätigkeiten in seinem Dienst sind wir also nicht beladen. Wie kommen wir eigentlich zu der phantastischen Meinung, der Säkularismus und die Gottlosigkeit seien Erfindungen unserer Zeit, es habe einmal ein herrliches christliches Mittelalter mit einem allgemein christlichen Glauben gegeben und diesen wunderbaren Zustand in neuer Form wieder herzustellen, sei nun unsere Aufgabe? (...) Nach-christliche Ära? Unsinn. Etwas Anderes aber könnte sehr wohl in Frage kommen: was könnten wir eigentlich dagegen einwenden, wenn es Gott nun eben gefallen sollte, sein Werk nicht in einer weiteren zahlenmäßigen Vermehrung, sondern umgekehrt in einer energischen zahlenmäßigen Verminderung der sogenannten Christenheit weiter und seinem Ziele entgegenzuführen? Mir scheint: es gibt für uns in diesem Bereich keine andere Frage als die, wie wir uns selbst von allem Quantitätsdenken, von aller Statistik, von allem Rechnen mit sichtbaren Erfolgen, von allem Streben nach einem christlichen Weltreich frei machen und wie wir dann unser Zeugnis zum Zeugnis von der Souveränität der Barmherzigkeit Gottes gestalten können, von der wir doch alle allein leben können – und so zu einem Zeugnis, dem der Heilige Geist seine Bestätigung sicher nicht verweigern wird?“(14-18)

Wie könnte das heutzutage gehen, sich von allem Rechnen mit sichtbaren Erfolgen frei zu machen? Mir – und vielleicht auch Ihnen – tut zweierlei gut an diesem Ruf Barths zu Sache: Einmal die Erinnerung, dass der Säkularismus eben nicht eine Erfindung nur unserer Zeit ist und zum anderen die klare Aussage, dass es nicht unsere Aufgabe ist, die Kirche zu bauen. Rechenkunst, sichtbare Erfolge und Management werden deutlich aus der Mitte des Kreises an den Rand verwiesen. Da gehören sie hin. Da gehören sie aber auch hin, und nicht, wie es im Gefolge dieser Theologie dann auch und vielleicht zu lange gefolgert wurde, nicht ganz hinaus aus dem Kreis. Die Kirche, wie wir sie kennen und wie sie auch Barth vor Augen hatte, ist nicht nur Bewegung und Feier, sondern auch Institution und Organisation mit Verantwortung für Mitarbeitende, not-wendenden Arbeitsfeldern und verlässlicher geistlicher Begleitung. Auf allen Ebenen der Evangelischen Kirche im Rheinland wird es immer schwieriger, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Die auslösenden Faktoren kennen Sie: Sinkende Mitgliederzahlen; der demographische Wandel, der absehbar zu geringeren Kirchensteuereinnahmen führen wird; die in der Vergangenheit zu wenig berücksichtigten Versorgungsverpflichtungen für Pensionäre; steigende Anforderungen an Gebäudeunterhalt und an Verwaltung. Auf der Ebene der Landeskirche findet darum in diesen Jahren ein umfangreicher Prozess der Haushaltskonsolidierung statt. In zwei Schritten werden 35% des landeskirchlichen Haushaltes, der mit einer Umlage von 10,1% der Kirchensteuern finanziert wird, eingespart. Das führt zu schmerzhaften Einschnitten. Das führt aber auch zu einer intensiven theologischen Nachfrage nach den Auswirkungen, die strukturelle Randthemen auf die inhaltliche Mitte haben. Die Finanzprobleme verlangen eine aktuelle Auslegung des Auftrags der Kirche: wozu ist Kirche da, was muss sie heute, in unserer Zeit als Erstes tun und was kann sie allenfalls lassen? Die Antwort liegt nicht auf der Hand. Sie lässt sich – so sind Kirchenleitung und Theologischer Ausschuss der Landeskirche ähnlicher Meinung - weder aus den maßgeblichen Aussagen der Tradition eindeutig ableiten noch im Rückgang auf die Strukturen vermeintlich besserer Zeiten erreichen. Eine Antwort muss heute gewagt werden. Und sie darf gewagt werden in christlicher Freiheit und im betenden Vertrauen auf Gottes Willen und Plan mit seiner Kirche. Erste Umrisse werden in den auf der Homepage der EKiR einsehbaren Unterlagen erkennbar: Reduzierung langfristiger Verpflichtungen, Verstärkung einrichtungsübergreifender Kooperationen, zukünftige modellhafte Trägerschaft, also in mancher Hinsicht die Aufgabe von Ein-richtungen (etwa Schulen) oder die Einstellung der Förderung von Parallelstrukturen (im Bereich der Jugendverbände).
So führen die Randfragen in die Mitte: wir können die Mitte nicht machen, Gottes Heil für die Welt nicht heraufführen und nicht bewerkstelligen, wir haben aber darauf zu achten, es nicht unter allerlei Unordnung, auch nicht unter hektischen Aufräumarbeiten und in herkömmli-cher Ordnung unkenntlich zu machen und zu begraben.
Die konkreten Einsparvorschläge werden zur Zeit in den Ständigen Ausschüssen und von allen Landessynodalen diskutiert, zur Landessynode wird die Kirchenleitung einen abgestimmten Vorschlag vorlegen. Einen Antrag der Evangelischen Jugend im Rheinland werden wir nachher besprechen.

Auch hier im Kirchenkreis Solingen führen die Randfragen in die Mitte: Es ist nicht zu überse-hen, dass hier viel Ordnung geschaffen wurde, aber auch, dass noch Unordnung herrscht.
Was meine Aufgaben und die Leitung des Kirchenkreises angeht, so habe ich verschiedene Regelmäßigkeiten eingerichtet, die anfangen zu funktionieren, ein paar will ich nennen: Eine monatliche feste Besprechung mit den Geschäftsführenden des DW, Frau Stratmann und Herrn Koss, und dem Diakoniepfarrer, Pfarrer Römelt. Einen wöchentlichen „jour fixe“ mit der Verwaltungsleitung, Frau Weil, und der Leiterin der Superintendentur, Frau Teckemeyer. Eine Zukunftswerkstatt zur Neusortierung der Referatelandschaft im Januar 2015. Regelmäßige Mitarbeitendengespräche ab 2015. Etwa vierteljährliche Mitarbeitendenversammlungen im Verwaltungshaus. Ein fester Arbeitskreis Finanzen des KSV, aus dem vielleicht ein Fachausschuss werden soll.
Regelmäßige Besprechungen mit dem Assessor, und zusammen mit dem Pressepfarrer jährliche Ausschussvorsitzendentreffen und die Planungskonferenz.
Ab 2015 jährlich drei als verpflichtende Dienstbesprechung ausgewiesene Pfarrkonvente.

Auch innerhalb des Verwaltungsamtes wird geordnet: 14-tägige Teamleiterrunden und re-gelmäßige Teamsitzungen sind etabliert. Die restlichen Möblierungen und Umbaumaßnah-men in der Kölner Straße kommen zum Ende und sind zum „Einjährigen“ fertig. Die Zuord-nung von Personen zu Aufgaben stabilisiert sich, die Klärung der Arbeitsprozesse schreitet voran. Die Aufarbeitung der Rückstände und die Erstellung der Eröffnungsbilanzen 2012 sind bis Jahresende geschafft, die Prüfung ist geplant, die ausstehenden Jahresrechnungen werden im ersten Halbjahr 2015 erstellt. Frau Weil wird nachher etwas genauer berichten.
Vorsichtig kann man sagen: die einfachen und die komplizierten Aufgaben sind oder werden fertig.
Es bleiben komplexe Aufgaben, also solche, bei denen die Lösung nicht auf der Hand liegt, weil sie tief in die Architektonik des Kirchenkreises reichen. Das ist zum einen die Frage der Leistungen der Gremienbetreuung, die eben nicht nur eine organisatorische, sondern das Selbstverständnis berührende ist, und das ist die Frage der Verteilung der Verwaltungskosten. Auf letztere will ich etwas genauer eingehen, weil sie uns im Moment existentiell betrifft und wir nachher zu einer – vorläufigen – Einigung über das Vorgehen kommen müssen.
Für das Verwaltungsamt wurde ein eigener Mandant eingerichtet, es bekommt also einen eigenen Haushalt; damit wird eine deutliche Übersicht über alle Kosten der Verwaltung nach Verwaltungsstrukturgesetz ermöglicht. Die Verwaltungskosten sind in der Summe im Über-gang von den „alten“ Ämtern zum „neuen“ Amt gleich geblieben. Das war das Ziel, deutlich habe ich auch im letzten Jahr an dieser Stelle gesagt, dass keine unmittelbaren Einsparungen angestrebt werden. Außerplanmäßige Kosten wie aufgelaufene Überstunden im Wert vom 200.000 Euro oder Kosten zur Aufarbeitung von Buchungsrückständen werden nicht mehr auftreten. Im Gegenzug haben einige Gemeinden Personal für Sekretariatsarbeiten angestellt. Aus Gemeindesicht kommt zu den eigentlichen Verwaltungskosten also noch etwas dazu.
Das Problem aber ist im Moment die Frage nach der Verteilung der Verwaltungskosten – also, welcher Mandant welchen Anteil an den zwei Millionen trägt. In der Vergangenheit haben – im Blick auf das Amt Altstadt, aber auch im Verhältnis von Ohligs zu Merscheid, die größeren Gemeinden verhältnismäßig mehr gezahlt als die kleineren – z.B. im Hinblick auf die Mietberechnung in der Kölner Straße, durch den großen nach Gemeindegliedern verrechneten Kostenanteil, dadurch, dass in Ohligs die Gebäudekosten nicht anteilig auf die Verwaltung und damit auf Merscheid angerechnet wurden. Diese „solidarische Verrechnung“ war den meisten Gemeinden nicht bewusst. Dass sorgt jetzt für Ärger bei allen: bei den einen, weil sie selbst überaus knapp kalkulieren müssen und bei den anderen, weil sich ihre Kosten nach der – in der Lenkungsgruppe als Basis beschlossenen – Verursacherverteilung quasi verdoppeln. Der Rechenweg – die Gesamtkosten auf die Arbeitsgebiete nach Anteil an den Personalkosten aufzuteilen und dann nach bestimmten Parametern die Kostenanteile zu berechnen – wird nicht in Frage gestellt. Verwaltungsausschuss und KSV haben eine vorläufige Lösung für drei Jahre vorgeschlagen, die Verteilung von 40% der Kosten nach Gemeindegliedern und 60% nach Verursachern. Dazu sollen Mittel aus dem innersynodalen Finanzausgleich zur Verfügung gestellt werden, die unverhältnismäßige Steigerungen über 10% abfedern.
Die Verteilfrage ruft maßgebliche Strukturfragen auf den Plan, sie ist sozusagen die Spitze des Eisbergs der Herausforderungen, vor die wir alle und gemeinsam gestellt sind: wir stellen fest, dass kleine Gemeinden unverhältnismäßig hohe Verwaltungskosten haben und schon in der Vergangenheit durch die größeren Gemeinden unterstützt wurden. Wir wissen auch, dass kleine Gemeinden eine andere und verbindlichere Kultur haben, die aus dem Spektrum im Kirchenkreis nicht wegzudenken ist. Wir wissen, dass speziell in Solingen das geistliche Profil der Gemeinden so verschieden ist, dass wir nicht einfach mit Fusionen reagieren können. Zudem sprechen das rheinische Selbstverständnis und die Erfahrung der Bindungsschwäche großer Einheiten gegen Zusammenlegungen. Ich weiß, wie wichtig das Eigene Ihnen ist und hoffe, dass Sie mir abspüren, dass es mir auch nicht egal ist. Und trotzdem ist es an der Zeit, uns allen Ernstes und gründlich zu fragen, ob es über die allernächste Zeit hinaus richtig und sachgemäß ist, unsere gemeinsame Energie und Solidarität in den Erhalt von 10 Solinger Gemeinden zu stecken. Oder ob es an der Zeit ist, herauszufinden, wie ein geistliches Profil anders gewahrt werden kann als durch ge-meindliche Selbständigkeit. Oder ob es nicht an der Zeit wäre, im Blick auf Kindergärten und Friedhöfe und Personal anders als bisher zusammenzuarbeiten und damit die Presbyterien anders – geistlich - ausrichten zu können. Ich habe keine Antwort auf diese Fragen, es ist auch nicht an mir oder etwa dem KSV allein, Antworten zu geben. An mir ist es, die Fragen zu stellen, die durch das Problem der Verwaltungskostenverteilung auftauchen: Was ist unsere gemeinsame Aufgabe in der Stadt, in der wir leben, im Stadtteil, in dem wir wohnen? Wie formulieren wir heute konkret in Solingen den Auftrag der evangelischen Kirche, die Botschaft von Gottes Gnade an alles Volk auszurichten? Was müssen wir tun und anbieten, um die Menschen zu erreichen und zu begleiten, die Kerngemeinde, die Distanzierten, die Ausgetretenen und die Nicht-Religiösen? Wie und durch wen kommen wir in Dialog mit verschiedenen Milieus oder anderen Konfessionen und Religionen, bekommen wir eine öffentliche Stimme? Sind wir bereit, gemeinsam zu suchen, zu verändern, zu fragen, was auf die Mitte verweist und was doch eher eine Randerscheinung ist? Wie kann dass gelingen – einen Kommunikations- und Ko-operationsprozess so zu gestalten, dass Raum für das Wirken des Heiligen Geistes entsteht, dass Zeit für das Aufkeimen bisher ungedachter Gedanken bleibt und dass Geduld der unwahrschein-licheren Lösung eine Chance einräumt?
Ja, wir können versuchen, die Verwaltungskosten zu senken – das werden wir auch tun, aber viel Spielraum ist nicht da und bei mehr als dreiviertel Personalkosten wird er schnell von Tarifabschlüssen aufgefressen. Ja, wir können versuchen, je Mandant die Verursacher herunterzuschrauben, aber das macht als Einzelmaßnahme das Ganze nur teurer für die anderen. Ja, wir können Aufgaben aufgeben und Aktivitäten einschränken, aber auch darüber können wir vernünftig erst entscheiden, wenn wir einen Normalbetrieb im Amt kennen. Aber trotzdem sind wir jetzt gefragt, allen Ernstes und gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft evangelische Kirche in Solingen sein wollen, was auf die Mitte des Kirchenkreises verweist und was eine Randerscheinung ist, eine liebgewordene sicherlich, aber eine, die im Verhältnis zu teuer ist. Wir haben zu fragen, ob nicht das stimmt, was Bischof John Finney einmal sagte: Nachdem Gott vielfach zu uns gesprochen hat, hat er zuletzt eine Sprache gewählt, die wir verstehen, die Sprache des Geldes. Für die gemeinsame Suche nach Antworten können wir die Zeit nutzen, über die unsere Mittel reichen, die drei Jahre, über die sich die vorgeschlagene Lösung zunächst erstrecken soll.

III. Für sich sorgen lassen
(Hilflosigkeit im Umgang mit Krankheit und Erschöpfung – Freiräume einräumen – Wege fin-den)

Noch einmal möchte ich mit tiefem Durchatmen das Thema wechseln: Was mich und viele andere im Kirchenkreis im letzten Jahr beschäftigt und berührt hat, sind die vielen Kranken-fälle. Im Verwaltungsamt ging die aus den alten Ämtern bekannte Geschichte von Langzeiter-krankungen weiter, auch im Pfarrkollegium haben wir damit zu tun. Mich beunruhigt das. Denn auch wenn man natürlich nicht direkt von der Arbeitsbelastung auf die Erkrankung schließen kann, so wäre es blauäugig anzunehmen, Überlastungsgründe lägen nur im privaten Bereich. Wir wissen und reden seit Jahren darüber, dass viele von uns an der absoluten Belastungsgrenze stehen. Wir spüren, dass unser ganzes System überlastet ist, in der Leitung versuchen wir an allen Ecken und Enden, Entlastung zu vermitteln, aber das gelingt nur vereinzelt und nicht im Ganzen. Wir müssen einsehen, dass es nicht reicht, die Dinge beim Namen zu nennen und uns gegenseitig zu ermutigen, weniger zu tun und früher innezuhalten.
Auch hinter der Erschöpfung so vieler Mitarbeitenden unserer Kirche hier in Solingen und in der Sorge von Kranken, nicht mehr belastbar zu sein, steckt eine noch nicht völlig durchschaute Komplexität. Unser Selbstverständnis verlangt von uns, keinen verloren zu geben. Gott hat keine Hände als unsere, und es gibt nichts Gutes außer man tut es, so reden innere Stimmen. Wir sind Kinder unserer Zeit, wenn wir unseren Wert zum guten Teil aus unserer Kraft und Leistungsfähigkeit ableiten, unseren eigenen Predigten zum Trotz. Von außen wird an uns Aufgabe um Aufgabe herangetragen. Ob es je anders war, weiß ich nicht, aber heute trägt die Person das Amt und das Ansehen der Kirche und nicht umgekehrt. Die Öffentlichkeit nimmt nicht wahr, was wir alle Tage in Gemeindehäusern und auf Friedhöfen und alle Sonntage in den Kirchen sagen, singen und beten, sondern nur das, was extra und besonders in sie hinein gesagt und getan wird. Diese Zusammenhänge sind nicht leicht aufzulösen, vielleicht gar nicht. Es gelingt uns nicht, für unser Alltagsleben durchzubuchstabieren, dass die Sorge für Kirche und Welt nicht unsere Sorge ist. Wir fragen uns, wie ein Heilungsprozess beginnen kann, der Raum für das Wirken des Geistes an uns, Zeit für das Wesentliche, Geduld mit unseren Eitelkeiten und Vertrauen auf Gottes Fürsorge wachsen lässt.
Ich trete noch einmal zurück und gebe einem Gedankengang Karl Barths Raum: „Denn eben das ist schließlich die Wurzel und der Grund aller menschlichen Unordnung: die schreckliche, die gottlose, die lächerliche Meinung, als sei der Mensch der Atlas, dem das Himmelgewölbe zu tragen verordnet sei. Was wir in diesen Tagen leisten können und sollen, ist schlicht dies: wir dürfen unseren Kirchen und der Welt in einem Beweis, der hoffentlich ein Beweis des Geistes und der Kraft sein wird, zeigen, wie das ist, wenn (...) Christen (...) in der heutigen Zeit und Lage (...) zu dem stehen, was sie alle an ihrem Ort und in ihrer Weise so oft gehört und selber gepredigt haben: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen!“.“

Wir kommen unseren Herausforderungen nicht mehr mit Arbeits- und Steuerungsgruppen bei. Manchmal finden wir erste Puzzleteile anderer Umgangsweisen: für das Verwaltungs-haus, als wir Pfarrer i.R. Ermen gebeten haben, unser „Kümmerer“ zu sein. Für das Gespräch zwischen Sup. und Pfarrerinnen und Pfarrern informelle „Geburtstagsbesuche“. Für die ersten Schritte auf neuen Wegen Zukunftswerkstätten und ähnliche Großgruppenmethoden; nächste Woche fahren gleich eine ganze Handvoll von uns zur Ebernburg zu einer „Art of Hosting“ Fortbildung und bringen vielleicht Anregungen in dieser Richtung mit. Die Sup.Konferenz hat erstmals seit Menschengedenken Raum für einen geistlich-kommunikativen Studientag eingeräumt. Ich deute das so: Das Reden darüber, dass wir unsere eigene Entlastung nicht machen und unsere Orientierung an der Mitte des Kreises nicht beschlussmässig inszenieren können, aber auch unser Tagesordnungsgeschäft nicht von heute auf morgen aufgeben können, - dieses Reden führt langsam zu Ansätzen und Versuchen, in unserem kirchlichen Wirken und Tun Raum und Zeit und Geduld für das nicht-machbare, nicht von uns zu besorgende, nicht unsere Aufgabe Seiende zu lassen. Das ist eine Krücke und birgt immer die Gefahr, nun auch das Geistliche effizienzorientiert einzuplanen – aber wenn wir darum wissen, kann das sich-zurücknehmen und Raum, Zeit und Geduld einräumen auch zu neuen Freiräumen führen, die immerhin das Wirken des Geistes nicht mit unserer Ordnung ersticken. Vielleicht lernen wir, Unordnung auszuhalten und Neues abwarten zu können. Mein Wunsch ist, dass wir auch und gerade in diesen Fragen nach der Mitte und dem Sorgen Gottes für uns gemeinsam auf dem Weg bleiben und für gute Erfahrungen wie quälende Sorgen wie neue Möglichkeiten Gesprächspartnerinnen und Weggefährten finden.

IV. sich auf die Mitte konzentrieren
(Gottesdienstvisitation – Reformationsseminar – besondere Gottesdienste und Veranstaltungen)

Wir haben in diesen Wochen mit der im letzten Herbst beschlossenen Gottesdienstvisitation begonnen. Knapp 30 Personen aus allen Gemeinden besuchen in Gruppen von 3 bis 5 Perso-nen bis Ostern etwa 25 Gottesdienste. Die kleinen Teams verständigen sich vorher anhand der von der Gemeinde ausgefüllten Bögen über ihre Erwartungen, machen sich miteinander bekannt, feiern mit der besuchten Gemeinde Gottesdienst und führen ein Nachgespräch mit dem Team, das den Gottesdienst vorbereitet hat. Es geht um Neugier, interessierte Nachfrage, kollegiale Tipps und den Austausch von guten Ideen. Erste Rückmeldungen zeigen, dass es funktioniert und auf eine noch mal andere Weise als unsere Predigtreihen den Kirchenkreis in Bewegung bringen. Das Stichwort „Visitation“ bekommt die Bedeutung „Besuch“ zurück. Das tut gut, und es führt uns da zusammen, wo wir uns auf die Mitte konzentrieren.
Ich komme noch einmal auf Karl Barth zurück: „Inmitten dieser Unordnung Gottes Reich als das der Gerechtigkeit und des Friedens anzuzeigen, das ist der prophetische Auftrag der Kir-che. (...) auf zweierlei wird hier aber Alles ankommen: Es wird (1.) das Reich, das wir der Welt anzeigen, das Reich Gottes und nicht das Reich irgendwelcher von uns für gut gehaltenen Ideen und Prinzipien sein müssen. (...) Und wir werden (2.) zu bedenken haben, dass wir Gottes Reich doch nur anzeigen können. (...) Diese Welt vergeht. Wir haben ihr eine revolutionäre Hoffnung sondergleichen zu verkündigen; wir haben ihr aber kein System von gesellschaftlichen oder politischen Prinzipien anzubieten, das als solches den Inhalt dieser Hoffnung darstellen wollte. Es gibt kein solches System; es gibt nur christliche Entscheidungen als Demonstrationen und Zeichen dieser Hoffnung.“ (18-21)

Gottes Reich anzeigen. Der Mitte nachspüren. Wir übersehen oft, wie vielfältig und gut und ernsthaft das bei und unter uns geschieht. Im wöchentlichen Gottesdienst, in besonderen Gottesdiensten und Veranstaltungen und Festen – ich kann noch heute die wunderbare Ge-stimmtheit des Geburtstagsgottesdienstes für die Dorper Kirche nachempfinden, bin noch auf den Spuren der Lebens- und Berufsgeschichten der vielen Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern, die wir zum 150. Jubiläum der Kirchengemeinde Ohligs bedacht haben – diese Erlebnisse klingen nach.

Wir gehen auf das Reformationsjubiläum zu. Im Kirchenkreis hat der KSV eine vorerst kleine AG 2017 eingesetzt, die plant, nicht gleich Veranstaltungsideen zu sammeln, sondern zuerst mit einer Art Reformationsseminar und einer Studiengruppe zu fragen, worauf denn die An-knüpfung an die Reformation in Solingen zu konzentrieren sein könnte und was denn etwa heute in dieser Linie zu sagen sein könnte. Sie werden davon hören. Auch damit bekommen die Frage nach der Botschaft und die Frage nach der Kommunikationsform die richtige Rei-henfolge.

An vielen Stellen lassen wir uns aufrufen, besondere Gottesdienste – oft ökumenisch - zu fei-ern und zu besonderen Veranstaltungen einzuladen: Zur Friedensdekade, zum internationa-len Tag gegen den Rassismus, zum 1. Mai, zum Fest Leben braucht Vielfalt, zum Gedenken an den Bombenangriff 1944 auf Solingen, zum Schwerpunktthema Frieden und Reformation und Politik in der Erwachsenenbildung, zu besonderen Konzerten und zu vielem anderem mehr. Mit all dem sagen wir das, was uns zu sagen anvertraut ist, in die Gesellschaft hinein und also auch denen, die nicht zu unseren Kerngemeinden gehören oder gar nicht Mitglied der Kirche sind. Oft suchen wir nach der richtigen Sprache. Nach einer, die auch Milieus außerhalb unserer Komfortzone erreicht. Wir sind darin sehr verschieden, was gut ist und vielversprechend und ein großer Reichtum. Und wir sind auch hier auf dem Weg, Inhalt und Form für unsere Zeit zusammenzubringen.

V. Anteil nehmen
(Nachrichten und Personalia – Dank – Schluss)

Was unsere Kirchen und Häuser angeht, so wird die Stadtkirche am Fronhof fertig; die Lu-therkirche ist eingerüstet, damit die Sanierung der Feuchtigkeit transportierenden Schrägfu-gen durchgeführt werden kann; im Haus der Evangelischen Kirche wird im ersten Halbjahr 2015 der Umbau durchgeführt; am Mangenberg wird renoviert; in Rupelrath vergrößert; Dorp muss darüber nachdenken, ob es mit der Arche weitergeht.

Was die Menschen, die im Kirchenkreis mitarbeiten, angeht, so hat sich folgendes seit meinem letzten Bericht verändert:
- Pfr. Hans-Wilhelm Ermen ist in den Ruhestand gegangen und sein Nachfolger Pfr. Matthias Clever wurde in Rupelrath eingeführt.
- Pfr. Ronald Ilenborg ist im Februar plötzlich verstorben. Die Gehörlosenseelsorge hat – gemäß der Regionalkonzeption mit kleinerem Stellenumfang – Pfr. Josef Groß übernommen.
- Pfarrer Martin Lipsch und Almut Hammerstaedt-Löhr wurden als Pfarrer bzw. Pfarrerin MbA einbeführt, Herr Lipsch zur Unterstützung der Kirchengemeinde Wald und Frau Ham-merstaedt-Löhr für die Kircheneintrittsstelle.
- Die KiTa-Referentin Karin Zettler ist auf eine ganze Stelle als Diakonin in Hamburg gewech-selt und wir stellen gemeinsam mit dem Kirchenkreis Leverkusen zum 1.1.15 Frau Petra But-terweck als ihre Nachfolgerin ein.
- Die Widderter Prädikantin Ellen Röhlen wurde ordiniert.
- Pfr. Axel Stein haben wir nach Süchteln im Kirchenkreis Krefeld-Viersen verabschiedet. Die Vakanzvertretung in Gräfrath macht Pfr. Helmut Benedens. Die Gemeinde wird die Stelle (75% mit der Option der Aufstockung mit 25% Schuldienst) wieder ausschreiben, aber auch mit dem nächsten gewählten Presbyterium über weitergehende und verbindlichere Zusam-menarbeit mit Ketzberg entscheiden.
- Ein bergischer Ausbildungskurs für C-Musiker unter Leitung des Solinger Kreiskantors Ludwig Audersch hat begonnen.
- Am ersten Adventswochenende steht der Wechsel von Pfr. Stefan Ziegenbalg von Widdert nach Wald auf die Pfarrstelle Fuhr an.
- In Diakonie und Verwaltung sind so viele neue Mitarbeitende, dass wir einen Extra-Gottesdienst zu ihrer Einführung feiern am 5.2.15 – merken Sie den Termin vor, Sie sind herzlich eingeladen.

Es ist nun zwei Jahre her, dass Sie mich zu Ihrer Superintendentin gewählt haben. Was mich angeht, so bin ich angekommen im Amt und in der Stadt. Und ich bin gern hier. Ich spüre, wie Beziehungen und Verflechtungen wachsen und genieße das. Aus meiner Sicht sind Herausforderung und Können im Ganzen ganz gut ausbalanciert. Und wenn ich mich nicht völlig täusche, sind auch Sie einverstanden mit meiner Art und sind wir gut gemeinsam unterwegs. (Sollte ich mich da täuschen, müssen Sie etwas deutlich mit Zaunpfählen winken!)

Ich möchte herzlich allen danken, die hier in Solingen in den Gemeinden, den Schulen, den Kliniken, im Diakonischen Werk, in den Referaten und Ausschüssen, in der Verwaltung, in Ehrenamt und Hauptamt und Nebenamt auf ganz individuelle, oft sehr verschiedene Weise und mit den ganz eigenen Gaben und Grenzen als Jünger und Jüngerinnen Jesu Christi an seinem Werk mittun. Der Kirchenkreis mag niemanden missen und schätzt sich glücklich, Sie alle zu haben. Danke!

Zum Ende möchte ich wieder Karl Barth das Wort geben – so, wie er durch diesen ganzen Bericht hin immer wieder zu Wort kam -: nicht, dass mir selbst nichts einfallen würde, sondern weil es mir gut tut und ich hoffe, dass es für heute auch Ihnen gut tut, in dieser Stimme aus einer ganz anderen Zeit auch die Fragen unserer Zeit zu erkennen und so Gelassenheit darin finden, dass die Unordnung der Welt heute in vieler Hinsicht nicht kleiner, aber auch nicht größer ist als sie es immer war. (vgl. 18)
Ich hoffe, Sie können mir und Barth in diesem am Ende folgen:
„Ich wollte (...) Ja sagen. Ich habe es aber nach meiner Einsicht nur in der Form sagen können, dass ich an das Wort erinnerte, das die Kirche als die Gemeinde Jesu Christi immer zuerst als an sich selbst gerichtet hören muß: „Beschließet einen Rat und es wird nichts daraus; denn hier ist Immanuel!“. Wir haben es nach meiner Einsicht nötig, mit einem sehr vertrauensvollen, aber auch sehr aufrichtigen „Herr, erbarme dich unser!“ an unsere Arbeit zu gehen.“ (22f)

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

12.11.2014



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