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Fake Facts

Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

 

Quadriga Verlag
Köln 2020

352 Seiten

gebundene Ausgabe 19,90€

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Birol Özden: „Alles ist A(a)cht“ oder „Die Grundlage der Basis ist das Fundament!“

Birol Özden ist als selbsternannter Großmeister des Kampfsports zu umstrittenem Ruhm gelangt. Nun versucht er sich ein neues Geschäftsfeld zu erschließen: er hat ein Buch veröffentlicht. Warum auch nicht? Es ist ja nicht sein erstes. Doch zum ersten Mal handelt es nicht vom Kampfsport, wovon er unbestritten einiges verstehen mag, sondern es handelt sich um eines – ja, wie soll man es nur sagen –mit „philosophischem“ Inhalt, das die großen Lebensfragen zu behandeln und, dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein des Verfassers angemessen, gar zu lösen beansprucht. Stolz verkündet denn auch der Autor: „Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um ein philosophisches Erkenntnisbuch mit Belegen aus den unterschiedlichsten Bereichen unseres Universums, welches auf meinen persönlichen Entdeckungen und Erfahrungen beruht“ (S. 31). Ja es kommt noch steiler: „Ich möchte meine Erkenntnisse […] an Sie weitergeben und anhand von unterschiedlichen Belegen aufzeigen, dass alles in diesem Universum auf ALL-AACHT basiert und daraus entstanden ist: Alles ist ∞“ (S. 31). Das ist die Kernthese, ja, das ist die Weltformel, die Özden gefunden zu haben beansprucht und auf knappen 239 Seiten zu beweisen behauptet.

Hat da tatsächlich einer das Wissen der gesamten Menschheit auf einen knappen Satz und in ein ebensolches Büchlein eingedampft, oder – was wohl näher liegen dürfte – hat hier einer seinen eher übersichtlichen Erfahrungshorizont zur universalen Totalperspektive aufgebläht? Jedenfalls steht fest: wer einen solchen Anspruch erhebt, braucht gute Argumente und wird sich nach diesen und deren Durchschlagskraft befragen lassen müssen. So sieht es auch der Verfasser: „Lassen Sie meine Hypothesen, meine Beweisführung und meine Anregungen auf sich wirken. Und lassen Sie mich daran teilhaben...“ (S. 17) So wollen wir es halten, doch wir wollen es nicht übertreiben – das scheint auch nicht weiter nötig, das Werk spricht ja für sich – und uns auf einige wenige Passagen begrenzen. 

Zunächst: Die Acht als Universalprinzip neu zu proklamieren (S. 12f.), ist wenig einfallsreich, schließlich dient die ∞ vorsichtig geschätzt schon seit einiger Zeit als Symbol der Unendlichkeit. Fatal läßt Özdens „Aufbau unseres Universums“ (S. 37) mit seinen acht Dimensionen die acht Dynamiken L. Ron Hubbards zum Verständnis der Wirklichkeit aus scientologischer Sicht assoziieren, ohne dass Özden mit diesem etwas zu tun hätte. Zugleich scheint die Erregung, die seine grundstürzende Initialerfahrung begleitet haben soll, von einer Art nicht mehr zu hintergehendem Erfahrungsfundamentalismus geprägt zu sein („Aufgeregt erfasse ich mit meinen Augen das Panorama und kann es kaum glauben: Auf einmal entdecke ich überall die Form der Acht! Bis heute fällt es mir schwer, dieses unglaubliche Gefühl der Erkenntnis, welches ich an diesem Morgen hatte, in Worte zu fassen. ... An diesem Morgen veränderte sich mein ganzes Leben“. S. 12), der insbesondere im Bereich der esoterischen Lebenshilfe, dem auch dieses Werk zuzuordnen ist, immer wieder begegnet, und der jeden erkenntnistheoretisch gut begründeten Zweifel an der Bedeutung des selbst Erfahrenen ignoriert. 

Auch die Vorstellung, dass alles auf einem Prinzip basiere („Ich habe festgestellt, dass alles auf ALL-AACHT, so habe ich dieses Prinzip genannt und werde es im Folgenden auch mit dem Symbol ∞ darstellen, basiert und das Leben nach den aus ALL-AACHT abgeleiteten Gesetzen funktioniert.“ S. 13), ist nicht neu und gehört zu den Selbstverständlichkeiten monistischen und heutzutage vor allem esoterischen Denkens. Özden bewegt sich also wenig originell aufweit und längst ausgetretenen Wegen, wenn er auch die Differenziertheit und das Reflexionsniveau ernst zu nehmender monistischer Weltentwürfe nicht im Ansatz erreicht. Er bleibt dagegen inhaltlich banal: „Es kommt das zum Vorschein, was ALL-AACHT bewirkt, anstrebt und grundlegend aussagt: Ordnung, Harmonie und Erfolg!“ (S. 34).

Im Weiteren wird dann der Versuch unternommen, den Weg zu Ordnung und Harmonie und vor allem Erfolg zu beschreiben. Özden„empfiehlt“ sich als spiritueller Ratgeber. Auch dabei greift er tief in das bekannte esoterische Methodenrepertoire: Heilübungen, Atemübungen, Bewegungsübungen usw. werden beschrieben, die alle mit dem Prinzip der „A(a)cht“, seiner ominösen Universalformel, zusammenhängen sollen.

In den konkreten Lebensalltag heruntergebrochen, gebiert das vermeintlich existentiell Bedeutsame sodann banale Wortblasen: „Für mich sind wirtschaftlicher Wohlstand und materielle Güter ebenso relevant für unser Leben wie alle anderen Umstände unseres Daseins. Meiner Ansicht nach entspricht es weder ALL-ACHT, ein asketisches Leben zu führen noch Geld und Besitz abzulehnen. Denn Geld und Besitz gehören für mich genauso zu diesem Universum wie Pflanzen und Tiere, warum sonst würden sie existieren?“ (S. 36) Deutet sich hier das primum movens zum Verfassen dieses Buches an?

Überhaupt konkretisiert sich dasgewähnte Prinzip bisweilen in unfreiwillig komischen Passagen, wennz.B. mit Emphase verkündet wird, welche spirituelle Qualität ein Waldspaziergang bei Unwetter haben kann: „Sie stolpern über einen am Boden liegenden Astund stürzen auf die Knie. Es fällt Ihnen unglaublich schwer, sich wieder aufzurappeln, aber Sie wissen: Wenn Sie nun am Boden liegen bleiben, bleibt Ihre Reise unvollendet. […] Mit letzter Energie bewegen Sie sich auf das Tor zu und öffnen den ∞-förmigen Türgriff – dann sinken Sie entkräftet zusammen. Sie atmen die Silbe ‚Huuuuuuuu‘ aus und öffnen die Augen.“ (S. 155).

Selbst für die Musik - Özden ist als Universalgelehrter natürlich auch musiktheoretisch versiert - ist ∞ von höchster Bedeutung, der folgende Satz spricht für sich: „Eine Gruppe von acht Musikern oder eine Komposition für eine solche Gruppe wird in der Musik Oktett genannt“ (S. 181). Wie heißt es in Büchners „Woyzeck“ doch? „Moral ist, wenn man moralisch ist…“

Kommen wir zum Schluss: Die Neigung des Verfassers zur Totalschau der Wirklichkeit entlarvt im Kern eine fundamentalistische Hermeneutik.Sie macht zugleich den begrenzten Horizont und das entsprechende gedanklicheVermögen des Werkes kenntlich.Man möchte den Autor fragen: Warum das alles, Herr Özden? Er selbst wirft ja ähnliche Fragen auf: „Wie in einer Schleife schwirren mir die gleichen unbeantworteten Fragen durch den Kopf, die mich gefangen nehmen. ´Was suche ich hier?` ´Warum bin ich hierher gekommen?` ´Was ist eigentlich passiert`?“ (S. 12)

Die Antworten auf die ersten beiden Fragen muss Herr Özden selbst finden. Die Antwort auf die dritte ist schlichter: Nach 239 Seiten läßt sich feststellen: es ist nichts passiert, was den unmittelbaren Bereich des Verfassers auch nur ansatzweise relevant transzendiert. Atmen Sie einfach die Silbe ‚Huuuuuuuu‘ aus und öffnen Sie die Augen!

Andrew Schäfer
Landespfarrer für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland

 

02.10.2013



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