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Fake Facts

Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

 

Quadriga Verlag
Köln 2020

352 Seiten

gebundene Ausgabe 19,90€

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Pfingstbewegung

Die pfingstlich-charismatischen Gemeinschaften - Christliche Trendreligion zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

Da werden plötzlich Kranke geheilt, es geschehen angeblich sogar Wunder. Die Gottesdienste sind fröhlich und bestens besucht. Aber auch von dämonischer Belastung und vom Teufel ist die Rede, von fundamentalistischer Bibelauslegung. Verunsicherung macht sich breit in Gemeinden, in deren Umfeld neue Gemeinschaften entstehen und eine Frömmigkeit praktizieren, die pfingstlerisch-charismatisch geprägt ist.  

Was hat es auf sich mit diesen neuen Gemeinden, die so lebendig und attraktiv zu sein scheinen, dass gerade auch engagierte Christinnen und Christen aus der Mitte unserer Kirche sich angesprochen fühlen können?  

Die Ursprünge der Pfingstbewegung liegen im frühen 20. Jahrhundert in der amerikanischen Erweckungs- und Heiligungsbewegung. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird charismatisch-pfingstliche Frömmigkeit verstärkt auch bei uns in Deutschland praktiziert. Zunächst ging es um eine innerkirchliche Reformbemühung in den 60er Jahren, es entstanden in fast allen Kirchen charismatische Gruppen. Später kam es zu einer ganzen Reihe sich selbst als „überkonfessionell“ verstehender Initiativen neben den etablierten Kirchen. Schliesslich gründeten sich und gründen sich noch jetzt nahezu im ganzen Land konfessionsunabhängige Gemeinden (z.B. das Christliche Centrum Troisdorf, das Christus Centrum Ruhrgebiet usw.). Vielleicht entsteht aber hier bereits eine Art neuer pfingstlich-charismatischer Konfession neben den anderen christlichen Konfessionen.  

Die zentralen Anliegen der Charismatischen Bewegung lauten: Anbetung, Lobpreis, Seelsorge, Evangelisation, Heilungsdienste, das Erfasst- und Erneuertwerden des ganzen Menschen wie auch der Gemeinde. Dabei wird eine Frömmigkeit praktiziert, die auf den Heiligen Geist und die Charismen, das sind die besonderen Gnadengaben, die der Heilige Geist dem Menschen schenken kann (vor allem die Gabe der Heilung, Prophetie, Zungenrede/Glossolalie) konzentriert ist. Diese Frömmigkeit betont die persönliche Erfahrung und das persönliche Gottesverhältnis. Es geht hierbei auch um das Bedürfnis nach Sichtbarkeit der religiösen Erfahrung. Diakonische Dienste werden in enger Verbindung mit dem Missionsauftrag praktiziert. Die Sozialformen, in denen sich die Bewegung organisiert, sind u.a. Haus- und Gebetskreise, Glaubenskurse und Einführungsseminare, Anbetungs-, Heilungs- und Segnungsgottesdienste, Kongresse. Die Charismatische Bewegung zielt auf der Ebene des Einzelnen auf die persönliche Erneuerung durch die Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes mit seinen Gaben, auf der gemeinschaftlichen Ebene vor allem auf die Erneuerung des Gottesdienstes, der nach dem Vorbild von 1. Kor 14,26 („... Laßt alles geschehen zur Erbauung!“) eine neue Gestalt finden soll. Zentrum sowohl der individuellen wie der gottesdienstlichen Erfahrung ist das Getauft- bzw. Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist.

Die Erfahrung der Geistestaufe ist oftmals verbunden mit enthusiastischen und ekstatischen Erfahrungen (Umfallen, Lachen, Zittern), die über Alltagserfahrungen weit hinausgehen. Sie setzt die persönliche Glaubensentscheidung voraus und wird vor allem als Bevollmächtigung zum christlichen Zeugnis gedeutet.  

Die bunte Vielfalt charismatischer Frömmigkeit ruft nach einer differenzierten Auseinandersetzung mit dieser durchaus ambivalenten Erscheinung christlicher Spiritualität. In ihr begegnen uns auf der einen Seite vergessene Themen unserer christlichen Tradition (stärkere Akzentuierung des Heiligen Geistes in unserer Theologie und unserem Glauben: z.B. Gebete um Heilung), weshalb man ihr Zeugnis als ein echtes christliches Glaubenszeugnis anerkennen muss. Andererseits ist die noch junge Geschichte der Charismatischen Bewegung auch eine Geschichte der Spaltungen und Konflikte.  

Pfingstler und Charismatiker geben dem Wunderbaren einen wichtigen Platz in ihrer Glaubenspraxis. Sie protestieren so gegen ein eindimensionales Wirklichkeits- und Glaubensverständnis, das ganz rational ausgerichtet und geheimnisleer geworden ist und vor allem auf Modernitätsverträglichkeit zu achten scheint. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer zunehmend erfahrungsarmen säkularen Alltagswelt, in der eine gelebte christliche Spiritualität weitgehend verloren geht. Pfingstlich-charismatische Frömmigkeit sucht Antworten auf die Vergwisserungssehnsucht der Menschen in durch religiöse und weltanschauliche Vielfalt unübersichtlich gewordenen Lebenswelten. Sie spricht dabei die emotionale Seite des Menschen an und bietet Halt gebende Gemeinschaftserfahrungen.  

All dies macht die pfingstlich-charismatische Bewegung attraktiv für viele Menschen, ist aber zugleich auch Ansatzpunkt differenzierter theologischer Kritik. Ein überzogener Wunderglaube, wie er hier begegnen kann, verstellt den Blick auf die Offenheit des göttlichen Willens, der eben keine Garantie für (Heilungs-)Wunder gibt. Dies war z.B. beim letzten Auftritt des Heilungspredigers Charles Ndifon in Düsseldorf zu erleben, wenn sich trotz effektvoll inszenierter Heilungsevents die zugesagten Heilungen nicht einstellten. Es kann auf diese Weise eine seelsorgerliche Verarbeitung von bleibenden Krankheiten und Behinderungen verhindert werden, die eben auch Ausdruck eines tiefen christlichen Glaubens wäre. Es kommt immer wieder zu einer regelrechten Sucht nach außerordentlichen Geisterfahrungen, die in ihrem Enthusiasmus übersieht, dass wir noch in einer unerlösten Welt leben und der christlichen Existenz auch etwas Vorläufiges und stets etwas Gebrochenes anhaftet. Mit Paulus ist uns das Heil zwar schon jetzt zugesagt, wir leben aber noch in der unerlösten Welt, das Heil ist noch nicht erfüllt. Hier ist vielleicht auch der Hinweis hilfreich, dass die von der pfingstlich-charismatischen Bewegung betonten außerordentlichen Erlebnisse und Phänomene (Heilungen, Visionen, ekstatische Bewusstseinszustände) nicht eine spezifisch christliche oder gar pfingstlich-charismatische Eigenheit sind, sondern religionsübergreifenden Charakter haben und nahezu in allen Religionen der Welt begegnen. Wir haben es zumindest auch mit einer grundsätzlichen Ausdrucksmöglichkeit menschlichen Seins zu tun.  

Höchst problematisch erscheint mir die im Zusammenhang mit Heilungen aufgestellte Behauptung, bei den Krankheiten, mit denen man es zu tun habe, handle es sich zu einem großen Teil um dämonische Belastungen. Heilungen werden von den meisten Heilungsevangelisten denn auch als Dämonenaustreibungen verstanden. Die ganze Welt sei angeblich von bösen und teuflischen Wesen bevölkert (Unglaubensgeister, Selbstmorddämonen, Dämonen der Fleischeslust, Lügengeister, usw.). Ins Okkulte spielen solche Vorstellungen, wenn sie sich mit der Annahme verbinden, ganze Regionen seien von Dämonen besetzt und man müsse nun ein solches Gebiet freibeten. Hinter diesen Vorstellungen steht zum einen eine dualistische Weltsicht, die die Welt in gut und böse aufteilt. Zum anderen stehen solche Vorstellungen in Spannung zur reformatorischen Rechtfertigungsbotschaft, wenn die dem Menschen druchaus eigene Fähigkeit zum Bösen aus dem Menschen heraus auf vermeintliche Dämonen projiziert wird und analog dazu auch die geheimnisvoll dunkle Seite Gottes (Luther spricht vom Deus absconditus) nach außen auf einen unbiblisch aufgeblähten, Gott gegenüber gestellten Teufel projiziert wird. Dies ist theologisch nicht akzeptabel und die Praxis der auf angeblich dämonische Belastungen zielenden Befreiungsdienste ist seelsorgerlich höchst problematisch. Da wo die Ausgießung des Heiligen Geistes selbst als Endzeitgeschehen verstanden wird, kann es schnell zu einem elitären Selbstverständnis kommen, das die vielfältigen Ausdrucksformen des Heiligen Geistes in anderen Gemeinden und Kirchen überspielt. Dann können sich Abgrenzungstendenzen gegenüber anderen Christen und Kirchen verstärken.  

Die dynamische weltweite Ausbreitung pfingstlich-charismatischer Bewegungen läßt diese als eine Art christlicher Trendreligion erscheinen. Die Zusammensetzung der Weltchristenheit hat sich dadurch bereits jetzt grundlegend verändert, auch wenn dies in unserem Land nicht so sichtbar ist. Um des echten biblischen Zeugnisses dieser Bewegung willen, müssen wir uns um ein konstruktiv-kritisches Verhältnis zueinander bemühen, bei dem wir unsere nötige und faire Kritik vortragen und zugleich im Hören auf die anderen auch Lernende bleiben. Pfingstlich-charismatische Frömmigkeit ist zuallererst auch eine Herausforderung für unseren Glauben: wie wirkt sich unser Glaube denn konkret in unserem Leben und in unseren Gemeinden aus? Wie erfahre ich ihn? Wie erfahre ich Gott? Was glaube ich eigentlich konkret als evangelischer Christ, als evangelische Christin?  

Andrew Schäfer
Landespfarrer für Sekten- und Weltanschauungsfragen, Düsseldorf
02.02.2010  

 

17.04.2012



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