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Service

Neue südkoreanische Neuoffenbarungsreligion

Shinchonji - Information und Einschätzung

Aus aktuellem Anlass, nämlich wegen der neuerdings intensiv im Umfeld christlicher Gemeinden betriebenen Missionsaktivitäten, haben wir einige Informationen zu der südkoreansichen Neuoffenbarungsreligion zusammengestellt.

Geschichte & Entstehung

Shinchonji wurde am 14.03.1984 von Man-Hee Lee (1931) gegründet. Übersetzt heißt Shinchonji so viel wie „Neuer Himmel und neue Erde“ oder auch „Neuer Himmel auf der Erde“ (2. Petr. 3,13). Bevor Man-Hee Lee Shinchonji gründete, war er zuerst baptistisches Gemeindemitglied und dann in verschiedenen koreanischen Neuoffenbarungsreligionen. Diese neureligiösen Bewegungen, die in Südkorea mehrheitlich aus dem Christentum heraus entstehen, berufen sich auf neue Mitteilungen Gottes, neue Offenbarungen, die über die Bibel hinausgehen. Meist werden diese durch eine besonders geheiligte Person empfangen, die diese z.B. in einer neuen Bibel als aktuelle Weisungen Gottes niederschreibt, weitergibt und als Maßstab für alle Gläubigen erhebt. Zu diesen Bewegungen gehören das „Olive Tree Movement“ (OTM) von Tae-Sun Park oder das „Tent Temple Movement“ (TTM) des Jae-Yul Yoo, die Man-Hee Lees Theologie in seiner Zeit als Mitglied maßgeblich beeinflussten. Seine Bibelhermeneutik gleicht der des TTMs und die Vorstellung, er sei der verheißene Pastor der Endzeit (s.u.), findet sich im OTM. Nachdem Yoo in den 1980er wegen Betrugs angeklagt wurde, teilte sich das „Tent Temple Movement“, hauptsächlich in drei weitere Gruppen. Eine davon war die „Shinchonji Church of Jesus“ von Man-Hee Lee. Dieser hatte nach eigenen Angaben von 1980-83 diverse Offenbarungs- und Erwählungserfahrungen, die dann letztlich zu der Gründung am 14.März 1984 führten. Aufgrund geschickt platzierter medialer Präsenz und unermüdlicher Missionsarbeit wuchs die Gruppe rasant und hat mittlerweile weltweit ca. 150.000-200.000 Mitglieder. Die überwiegende Mehrheit davon lebt in Südkorea. In Deutschland ist die Neureligion mit ca. 400-750 Mitgliedern derzeit noch ziemlich klein.

Lehre

Die „Theologie“ von Shinchonji bzw. deren Sonderlehren sind mit Man-Hee Lees Person und Selbstverständnis verknüpft. Er erhebt exklusiven Wahrheits- und Deutungsanspruch auf die Bibel. Nur er kann mit absoluter Sicherheit sagen, was und wie Bibeltexte zu verstehen sind. Denn diese seien „versiegelt“ – Jesus habe ausschließlich in Geheimnissen und Gleichnissen gesprochen – und nur ein von Gott Berufener könne diese vollständig verstehen. Methodologisch betrachtet habe jeder Bibeltext einen Zwillingstext („hidden twin“), wodurch jener interpretiert werden müsse. Allerdings offenbare der Geist Gottes nur Man-Hee Lee in Form einer inneren Offenbarung (z.B. Audition, Vision, o.ä.), welches der passende „Zwilling“ sei.

Besonders markant sind auch die Vorstellungen von der Endzeit. Man-Hee Lee wird als der verheißene Pastor der Endzeit angesehen. Als solcher habe er die bösen Mächte bereits besiegt und dadurch Unsterblichkeit erlangt (der empirische Befund lässt auf das Gegenteil schließen: das Alter und die (körperliche) Vergänglichkeit sind ihm deutlich anzusehen). Dieser Sieg wird symbolisch durch das Tragen eines weißen Anzuges und eines Eisenzepters (Offb. 3,5 + 2,26-27) repräsentiert. Heilsgeschichtlich wird ein Dispensationalismus vertreten. Die biblischen Zeitalter seien wie folgt einzuteilen: von Adam bis Noah, von Noah bis Mose, von Mose bis Jesus und von Jesus bis zur Erfüllung der Offenbarung durch Shinchonji (respektive Man-Hee Lee). Dieses letzte Zeitalter unterscheide sich im Wesentlichen in zwei Aspekten von den vorherigen. Zum einen werde der jedem Zeitalter inhärente Wandlungskreislauf der Menschheit von gottergeben hin zu verdorbenen Menschen nun erstmalig durchbrochen und endgültig überwunden. Zum anderen werde der ständige Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Satan beendet. Nur diejenigen, die dem endzeitlichen Pastor folgen, würden in das Reich des Friedens einziehen. Alle anderen werden Opfer des Endkampfs zwischen Gott und dem Teufel.

Also: Nur wer Shinchonji angehört, sei von den satanischen Machenschaften befreit, die diese Welt kennzeichnen. Infolgedessen wird auch jeglicher ökumenische Kontakt abgelehnt und sämtliche christliche Traditionen als satanisch bzw. verdorben gebrandmarkt. Letztgültige Zugehörigkeit wird durch die „Versiegelung“ erreicht. Zuerst werden die auserwählten 144 000 Priester (12 Stämme À 12 000, angeblich 2015 erreicht) versiegelt und alle weiteren gehören dann zur „weißen Schar“.

Die Taufe im christlichen Sinne wird nicht anerkannt bzw. vollzogen und auch die Trinitätslehre stößt auf Ablehnung: Man-Hee Lee lehrt, dass Vater, Sohn und Hl. Geist drei eigenständige Wesen sind.

Praxis & Alltag

Der „Dienst am Nächsten“ ist eine zentrale Aufgabe jedes Shinchonji-Mitglieds, berichten ehemalige Mitglieder. Meist wird darunter verstanden, Aufgaben für die Gruppe zu übernehmen (Handwerksaufgaben, Gottesdienstgestaltung, Einkauf, etc.) oder missionarisch aktiv zu sein. Die Aktivitäten der einzelnen Mitglieder werden ausführlich dokumentiert und monatlich evaluiert (vor Ort und in Südkorea, wo übrigens auch Reisepass-/Personalausweisdaten, ein Lebenslauf und private Daten gesammelt werden). Die Mitglieder werden stammintern verglichen und zu mehr Leistung angetrieben. Es gibt klare Zielvorgaben, die jeder zu erreichen hat. Am Ende des Jahres wird stammübergreifend Bilanz gezogen: Wer hat wie viele neue Mitglieder geworben, wer hat am meisten Geld eingebracht etc. Und je nach Ergebnis wird neuer/mehr Druck aufgebaut, den „Dienst am Nächsten“ auszuüben.

Bekehrungsaktivitäten sind die Hauptaufgabe der Mitglieder. Shinchonji ist für ihre aggressive, offensive und als rücksichtslos empfundene Bekehrungsarbeit bekannt. Dabei gilt: Dem Bekehrungserfolg muss alles untergeordnet werden. Und deshalb ist es kein Problem, wenn Passanten bei Straßeneinsätzen vorgelogen wird (Richtlinie sind sog. „Ködertechniken“), man wäre evangelischer Student und wolle schauen, ob das für eine Prüfung gelernte auch allgemein verständlich sei; wenn Gemeinden aufgesucht werden, um Menschen, die dort alleine hinkommen, gezielt anzusprechen, in Gespräche zu verwickeln und für seine Gemeinschaft zu gewinnen oder wenn Bibelkurse angeboten werden, bei denen erst nach einigen Monaten die tatsächliche Theologie zum Vorschein kommt. Oder wenn sogar ganze Gemeinden bzw. Gemeindegruppen mit dem Ziel infiltriert werden, sie später zu übernehmen. So erging es z.B. einem kleinen Hauskreis im Raum Stuttgart, der bereits nach kurzer Zeit den Lehren von Shinchonji folgte. Gemäß der eigenen Logik ergibt das auch Sinn: Denn wer nicht dazu gehört, ist verdorben, in den Fängen des Teufels und letztlich verloren. Doch noch können die Verlorenen gerettet werden. Und genau deswegen müssen sie bekehrt werden.

Zwei Mal pro Woche treffen sich Shinchonji-Mitglieder zum Gottesdienst. Dieser hat neben klassischen Elementen, wie Lobpreis (eigene Lieder) und Predigt (Man-Hee Lee wird aus Korea via Livestream übertragen), auch apologetische („100 Gründe warum Shinchonji die einzig richtige Kirche ist“). Neue Mitglieder müssen in jedem Gottesdienst ein Kapitel aus der Offenbarung des Johannes auswendig aufsagen. Bei zwei Gottesdiensten pro Woche müssen sie alle 22 Kapitel innerhalb von 11 Wochen memoriert haben. Zudem gibt es jedes Mal einen (benoteten) Test, wie gut derPredigt zugehört wurde. Oft wird dort auch Wissen aus den Treffen unter der Woche abgefragt. Zusätzlich zu den Gottesdiensten gibt es noch an mindestens drei weiteren
www.weltanschauung.elk-wue.de4 ShinchonjiTagen in der Woche ein mehrstündiges Bibelstudium, in dem streng nach Vorgabe aus Südkorea interpretiert und Wissen angeeignet wird. Letztlich wird durch das straffe Programm der Alltag so ausgefüllt, dass kein Platz mehr für Hobbys, Familie oder sonstige Freizeitaktivitäten bleibt. Das freiwillige Bibelstudium soll schon früh morgens beginnen (oft schon ab 6:00 Uhr) und die Treffen gehen oft bis spät in die Nacht (24:00 Uhr oder später). Zudem findet ständig Kontakt, Austausch und Kontrolle über die einzelnen „Telegram“-Gruppen (ähnlich wie WhatsApp) und in den jeweiligen Teams statt.

Über die Finanzierung der Gruppe ist bisher relativ wenig bekannt. Neben dem biblischen Zehnten müssen die Mitglieder für die Gottesdienstübertragung plus Materialien fürs Bibelstudium, für weitere Opfergaben (wie z.B. den Ausbau des Gemeinderaums, missionarische Aktivitäten, etc.) sowie für das gemeinsame Leben aufkommen. Aussteigern zu Folge wird zudem erwartet, alles Geld, was am Monatsende übrig bleibt, in die Gemeinschaft zu investieren.

Shinchonji-Mitglieder glauben, dass das Reich des Friedens bereits angebrochen sei und sie dessen Durchsetzung vorantreiben. Deshalb liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Friedensarbeit. Regelmäßig veranstalten sie Tagungen, Märsche, etc. zum Thema Frieden. Oft bieten sie Kommunen oder Kirchen/Gruppen eine Partnerschaft an, nutzen aber letztlich nur die Struktur oder die Plattform zur Verbreitung der ganz eigenen „Friedens“-Botschaft. Dabei arbeiten sie sehr undurchsichtig, oft mit viel List und Tücke: Für ihre Projekte bzw. Projektanfragen werden i.d.R. Tarnorganisationen und/oder -namen benutzt. Oft ist es nicht ersichtlich, dass sich dahinter Shinchonji verbirgt.

Zu den bekanntesten Organisationen zählen: Heavenly Culture World Peace Restauration of Light (HWPL), International Peace Youth Group (IPYG), International Womens Peace Group (IWPG), World Alliance of Religions for Peace (WARP), Declaration of Peace and Cessation of War (DPCW).

Einschätzung

Da Shinchonji alle anderen Kirchen als satanisch deklariert, sind sie weder an ökumenischem Dialog interessiert noch kann ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden. Kontaktaufnahmen mit Vertretern dieser Neureligion sind bisher regelmäßig gescheitert. Eine große Herausforderung für Kirchgemeinden wird das Erkennen und Identifizieren von Shinchonji-Gruppen sein. Wenn eine Gruppe identifiziert worden ist, empfiehlt sich aufgrund der offensiven und aggressiven Bekehrungstaktiken, die Gruppen in der Nähe aufmerksam zu beobachten, von Kooperationen abzusehen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Gerne hilft unsere
Arbeitsstelle, Verdachtsfälle zu überprüfen oder bei der Aufklärungs- und Beratungsarbeit vor Ort.

Auch die theologische Auseinandersetzung gestaltet sich schwierig, da es keine gemeinsame Grundlage in Glaubensfragen gibt. Eine Kritik von außen verfängt in dem hermetischen (Glaubens-)System von Shinchonji nicht. Denn was nicht dazu gehört, ist satanisch und damit böse. Die Neuoffenbarungsreligion ist von einem besonders starken und radikalen Dualismus geprägt. Im Rahmen eines solchen Denkmusters gibt es keinen Platz für Selbstkritik oder alternative Denk- und Lebensweisen. Aussteiger berichten immer wieder von strikten Vorgaben in Bezug auf die Alltags- und Glaubensgestaltung. Viele Entscheidungen werden von hierarchisch übergeordneten Personen getroffen. Und letztlich geht damit ein Verlust von Individualität und Freiheit einher, der nicht selten zu Abhängigkeitsverhältnissen führt.

Als absolute Orientierungfür Lebens- und Glaubensfragen fungieren die Bibelauslegungen von Man-Hee Lee. Um seine eigenen Überzeugungen zu begründen, wählt dieser nur „passende“ Texte und Stellen aus, die willkürlich aneinander gereiht, aufeinander bezogen und interpretiert werden. Z.B. werden Bibelstellen, in denen die Ortsangabe „Osten“ vorkommt als „aus Korea stammend“ umgedeutet: Wenn der Garten Eden im Osten war, dann war er in Korea, wenn die Weisen aus dem Morgenland aus dem Osten kamen, machten sie sich von Korea aus auf den Weg, etc. Dem System widersprechende oder sperrige Texte werden als „veraltet“ aussortiert.

Das exklusive Gruppenverständnis führt i.d.R. zum Beziehungsbruch mit Freunden und Familie. Können diese nicht bekehrt werden, müssen sie konsequenterweise als Teil der verdorbenen Welt angesehen werden. Auch wenn das sehr schmerzhaft sein kann, am Ende werden die gewachsenen Beziehungen und das eigene Denken oft dem Dogma geopfert. Bei Ausstieg aus der Gruppe drohen zuerst permanente und penetrante Rückwerbeversuche und dann die soziale Isolation. Denn oft bestand der komplette Freundeskreis aus Mitgliedern der Gruppe, die einen nun als verdorben oder sogar von Dämonen befallen ansehen.

Fazit

Trotz der in Deutschland noch geringen Anhängerzahl ist Shinchonji eine der großen problematischen Bewegungen unserer Zeit. Ihre Zukunft ist allerdings völlig offen: Wird die Neuoffenbarungsreligion den absehbaren Tod ihres Gründers und Gallionsfigur Man-Hee Lee (86) überleben? Kann aufgrund des autoritären Selbstverständnisses überhaupt eine Nachfolgeregelung gefunden werden oder findet am Ende vielleicht eine Art geistige Überhöhung Man-Hee Lees statt, die die Einheit der Bewegung aufrechterhalten kann?

Weiterführende Literatur:

http://ezw-berlin.de/html/15_7536.php
http://ezw-berlin.de/html/15_4451.php
http://www.religio.de/dialog/114/bd31_s23.pdf
http://www.religio.de/dialog/110/bd30_s15-19.pdf
https://www.rollingstone.de/shinchonji-eine-schrecklich-nette-sekte-will-in-deutschland-gross-werden-375677/

Bildquelle: https://mannamshinchonji.files.wordpress.com/2012/09/shinchonji.jpg

Quelle
© Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragender Evangelischen Landeskirche Württemberg
Stand: Juni 2017
https://www.weltanschauung.elk-wue.de/fileadmin/mediapool/einrichtungen/E_weltanschauungsbeauftragte/2017-06-27_Shinchonji.pdf

 

27.05.2019



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