Aktuelles Thema

Zum Konflikt um das Duisburger WERA Forum und seinen Leiter

mehr
Veranstaltungen

Hier finden Sie Hinweise auf interessante Vorträge, Ausstellungen, Seminare u.v.a.m. zum Thema Sekten und Weltanschauungen in unserer Region.

mehr
Neu: Literatur- empfehlung
Neu: Literatur- empfehlung

Katharina Nocun / Pia Lamberty


Fake Facts

Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

 

Quadriga Verlag
Köln 2020

352 Seiten

gebundene Ausgabe 19,90€

mehr
Kleine magische Alltagskunde

Die Magie des Niesens – in Pest- und anderen Zeiten. Hinter dem Phänomen des Niesens verbergen sich nicht nur Fragen der höflichen Etikette, sondern vor allem auch volksmagische und andere dämonistische oder sonstwie eng mit dem jeweiligen Weltbild verbundene Vorstellungen.

mehr
Service

Zeugen Jehovas

Körperschaftsrechte für die Zeugen Jehovas in NRW

Auch in NRW sind die Zeugen Jehovas (ZJ) nun als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt worden.

 

Nachdem in Baden-Württemberg und zuletzt auch in Bremen den ZJ die Körperschaftsrechte verliehen und sie damit den beiden großen christlichen Kirchen rechtlich gleichgestellt wurden, sind die Zeugen Jehovas am 26. Januar 2017 auch in NRW als letztem Bundesland ohne weiteren Rechtsstreit anerkannt worden. 

Seit der Wiedervereinigung bemühen sich die Zeugen Jehovas um die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.). Noch nie hat ein Verfahren dazu so lange gedauert und war so umstritten. Erstaunlich war zunächst, dass die Zeugen Jehovas dies langwierige Gerichtsverfahren überhaupt angestrebt haben. Für sie gilt der Staat eigentlich als zum "bösen System der Dinge", ja sogar als zum Reich Satans gehörig.
Nun aber die besondere Privilegierung dieses Staates anzustreben, in formalem Sinne als Körperschaft,ja sogar ein Teil dieses Staates zu werden, bringt die Zeugen Jehovas in einen theologischen Selbstwiderspruch, der vor allem ihren eigenen Mitgliedern erst noch zu vermitteln sein dürfte. Ähnliches galt schon zuvor für die Anerkennung als Nichtregierungsorganisation (NGO) bei der UNO, die ja ebenfalls ein rein weltliches Gremium ist. Auch die Einschätzung der beiden großen christlichen Kirchen als „Hure Babylon“ muß sich damit ja ändern. Man will ja jetzt auf gleicher Stufe mit ihnen stehen. Oder wird hier mit zweierlei Maß gemessen: Eines für den Binnenbereich und eines für die Welt?

Die Zeugen Jehovas beabsichtigen nicht, von den meisten Rechten, die mit Körperschaftsrechten verbunden sind, Gebrauch zu machen. Weder will man eigene Beamte ernennen, noch Kirchensteuern erheben, möglicherweise strebt man den Zugang in Gefängnisse oder Krankenhäuser an. Das eigentliche Ziel, das sich mit der Erlangung der Körperschaftsrechte verbinden dürfte, ist wohl eher die damit verbundene gesellschaftliche Akzeptanz, um endlich den unangenehmen Ruf einer Sekte zu verlieren.

Allerdings geht es bei den Körperschaftsrechten nur um die Verhältnisbestimmung der Gemeinschaft zum Staat. Das Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Organisationen, auch zu anderen Religionen oder zu den christlichen Kirchen etwa, ist davon nicht unmittelbar betroffen. Hier spielen andere Kriterien eine Rolle. So spiegelt die Beratungswirklichkeit kirchlicher wie nichtkirchlicher Fachstellen, an die sich Ratsuchende aus dem Umfeld der ZJ nach wie vor wenden, immer noch ein erhebliches Konfliktpotential der Zeugen Jehovas wider. Zwar kam es in den 90er Jahren zu geringfügigen Änderungen der offiziellen Lehrauffassungen der Zeugen Jehovas (so wurde zum Beispiel die Teilnahme an Wahlen nicht mehr generell untersagt, sondern in die Gewissensentscheidung des Einzelnen gestellt), gleichwohl gibt es aber immer noch Berichte über erheblichen psychischen Druck und rigide Strafmaßnahmen für Zweifler und nicht konformes Verhalten. Die gelebte Wirklichkeit scheint sich dem angestrebten öffentlichen Bild der Zeugen Jehovas zu entziehen.

Auch der theologische Absolutheits- und Exklusivitätsanspruch der Wachtturmgesellschaft, das dualistische Weltbild der Zeugen Jehovas mit der vermeintlich drohenden ewigen Verdammnis für alle, die nicht diesem Religionsunternehmen angehören, die Lehre von Harmagedon und dem Weltende wie auch das ideologisch bestimmte Schriftverständnis der Bibel, letztlich also wesentliche Kernaussagen der Zeugen Jehovas-Dogmatik stützen diese kritische Einschätzung der Zeugen Jehovas unabhängig von einer juristischen Einordnung dieser Gemeinschaft.

In Zukunft werden die Zeugen Jehovas sich mehr als bisher öffentlicher Kritik und Wahrnehmung stellen müssen. Auch werden sie erklären müssen, was eigentlich ihr konstruktiver Beitrag zum Wohlergehen und Gestalten unserer offenen, längst multireligiösen Gesellschaft ist. Die Lebenswirklichkeit der Gemeinschaft wird transparenter werden müssen, wenn die Zeugen Jehovas tatsächlich aus der Sektenecke heraus wollen. Dazu gehört auch, dass eine innere Pluralität an Meinungen in Lebens- und Glaubensfragen entsteht und zugelassen wird.

 

 

 

Andrew Schäfer / 07.02.2017



© 2020, Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung