Theologiestudium

Exotisch - jedenfalls aus statistischer Sicht

Statistisch gesehen sind die drei jungen Leute völlig exotisch: Sie gehören zu den gerade mal 173 jungen Frauen und Männern in Nordrhein-Westfalen, die sich für das Theologiestudium eingeschrieben haben

Man kennt sich beim Namen: Lars Dierich (20) studiert an der Wuppertaler KiHo Theologie. Man kennt sich beim Namen: Lars Dierich (20) studiert an der Wuppertaler KiHo Theologie.

 

Frauen bilden heute die Hälfte der Theologiestudierenden: Tabina Höver (20). Frauen bilden heute die Hälfte der Theologiestudierenden: Tabina Höver (20).

Lars Dierich (20), Tabina Höver (20) und Norbert Paul (21) heißen sie. Der sportbegeisterte Lars Dierich, der aus einer „nicht besonders kirchlich sozialisierten Familie“ stammt, schwenkte Anfang der 13. Klasse vom Studienwunsch Maschinenbau zur Theologie um: Mochten die Mitschüler, die der Kirche mehrheitlich gleichgültig oder skeptisch gegenüber stehen, sich noch so wundern.

Für den begeisterten CVJM-Jugendleiter aus Mettmann stand fest: „Ich will mich nicht wie bisher nur ehrenamtlich im der Kirche engagieren – ich will Pfarrer werden.“ Und weil der Königsweg dahin eben immer noch über das wissenschaftliche Studium der Theologie führt, schrieb er sich zum Wintersemester 2002/2003 an Kirchlichen Hochschule (KiHo) in Wuppertal ein. Nur 13 andere Erstsemester aus der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) traf er auf dem „Heiligen Berg“, sprich dem Kiho-Gelände über dem Tal der Wupper.

 

Authentisch etwas vom Glauben rüberbringen: Norbert Paul (21). Authentisch etwas vom Glauben rüberbringen: Norbert Paul (21).

Lars Dierich entdeckte die Vorteile der kleinen Studierendenzahlen schnell. Denn noch sind die Dozentenzahlen nicht gekürzt worden. Er schwärmt: „Hier kennt der Prof seine Leute nach einer Woche mit Namen, wir sitzen im Proseminar mit weniger als zehn Leuten und werden optimal betreut.“

Dennoch: Seit zwanzig Jahren ist der Abwärtstrend bei den Einschreibungszahlen ungebrochen: Stürmten 1985/86 noch 170 rheinische Erstsemester das Audi-Max, so tummeln sich heute insgesamt nur 241 Studierende aller Semester in den gerade erst renovierten Vorlesungsräumen und der neuen Bibliothek.

Am Anfang stehen Latein, Altgriechisch und Hebräisch

Hier hat Zweitsemester Norbert Paul schon viele Stunden verbracht – unter anderem, um Vokabeln zu pauken. Denn vor das Studium von Altem und Neuen Testament, Kirchengeschichte, Systematik, Ökumenik und Praktischer Theologie hat die Studienordnung den Nachweis von Kenntnissen in drei alten Sprachen gesetzt: Wer in Latein, Altgriechisch und Hebräisch die Prüfungen nicht besteht, für den ist der Traum vom Theologiestudium schnell ausgeträumt.

„Wenn ich Kollegen erzähle, dass wir zu zehnt im Lateinkurs sitzen, währdend sich an der Uni 120 in einem Kurs drängeln, glauben die mir das fast nicht“, erzählt er.  Für Norbert Paul, der freimütig gesteht, dass die Altphilologie nicht seine starke Seite ist, ist das Sprachenlernen dennoch ein Grund, seine Entscheidung für die Theologie womöglich noch einmal zu überdenken. „Ich finde, ins Pfarramt müssen Leute kommen, die authentisch etwas vom Glauben rüberbringen. Für mich ist die Frage, ob die Kirche es sich leisten kann, nach Sprachlernfähigkeit auszusieben“, kritisiert er.

Der Anteil der Frauen steigt

Die Sprach-Paukerei ist für ihn einer der möglichen Gründe für den Rückgang der Theologiestudierenden. „Es gibt einige Leute, die vielleicht auch Pfarrer werden wollen, aber die sagen: drei Sprachen - da mach ich was anderes.“

Tabina Höver gehört zur wachsenden Zahl der Frauen, die Theologie studieren. In ihrem Semester sind die Hälfte Frauen. Bei den rheinischen Vikarinnen und Vikaren sind die Frauen inzwischen mit 60 Prozent sogar in der Mehrheit. Höver hat - bei aller Freude am wissenschaftlichen Studium - das Berufsziel Pfarrerin fest im Blick. Auch wenn sie ein wenig skeptisch ist, ob Frauen im Pfarramt wirklich die gleiche Kompetenz zugetraut wird wie den Männern.

Zweites Standbein eingeplant

Und  angesichts zurückgehender Kirchensteuereinnahmen, Gemeindefusionen und Strukturreformen ist die Pfarrerstochter Realistin genug, sich nicht aufs Berufsziel Pfarrerin festzulegen. Wer weiß, ob die Kirche noch genug Geld hat, um sie zu bezahlen, wenn sie das lange anspruchsvolle Studium beendet hat. Deshalb will sie sich mit dem Studium der evangelischen Publizistik ein zweites Standbein verschaffen.

Norbert Paul dagegen vertraut darauf, dass es angesichts der drastisch zurückgehenden Zahlen bei den Theologiestudierenden irgendwann einen Mangel an Pfarrern geben wird. Und so büffelt er mit Fleiß und Gottvertrauen erst mal weiter für seinen zweiten Versuch im Latinum.

Text und Fotos: Karin Vorländer

 

24.02.2004

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 19. Februar 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 25. Februar 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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