10. Asylrechtstagung

Die Menschen werden weiter kommen

Stärkung der regionalen Integration und Alternativen zur gegenwärtigen „Abschottungspolitik“ - die Asylrechtstagung sucht konkrete Lösungen.

Nach den bisherigen Berichten, die sich wesentlich damit beschäftigten, welche Rolle Marokko im Rahmen der EU-Abschottungspolitik spielt, versuchte Professor Kounda, mögliche Alternativen aufzuzeigen. Entscheidend ist für ihn die Perspektive, dass die Lösung der Herausforderungen, die sich aus den Migrationsbewegungen ergeben, von den Ländern auf der südlichen Halbkugel selbständig entwickelt werden müssen. Von daher ist für Kounda naheliegend, zunächst den Aspekt der regionalen Integration, also die Stärkung oder die (Wieder-) Belebung von ökonomisch- politisch - humanen Räumen wie die Union des Magrheb voranzutreiben.

Partnerschaftsvereinbarungen zwischen Europa und den Mittelmeerstaaten wie auch zwischen Europa und Afrika können als Ergänzung verstanden werden. Die entscheidende Rolle in diesem Prozess spielt die Zivilgesellschaft, um so die öffentliche Meinung über die tatsächliche Situation potentieller Migrantinnen und Migranten zu informieren und zu sensibilisieren. Konkret schlägt Professor Kounda vor, Migrantinnen und Migranten auf ihren zukünftigen Weg durch gezielte Bildungsmaßnahmen vorzubereiten. Die Kenntnis von Sprache und Kultur des Landes, in das sie einwandern wollen, kann dazu beitragen, sich schneller zurecht zu finden und alle Erfahrungen der Ausgrenzung zu vermeiden. Bei der inhaltlichen Gestaltung der Bildungsmaßnahmen müssen die beruflichen und sozialen Erwartungen der möglichen Zielländer mit einbezogen sein.

Diese These rief in der Diskussion heftigen Widerstand hervor. Dieser reichte vom Vorwurf des ‚brain drain’ bis zum Postulat, ‚alte Strickmuster im neuen Gewand’ anzubieten, die wie bisher zu Ausbeutung und Würdelosigkeit führen. Dem widersprach vehement ein Teilnehmer aus Mali, der seinerseits dafür eintrat, Bildungsmaßnahmen unter Zuhilfenahme europäischer Partner und deren Finanzierungsmöglichkeiten zum Aufbau einer eigenen Infrastruktur und der nachhaltigen Sicherung des Wirtschaftwachstums zu nutzen.

Konsens bestand darin, das Mittelmeer als verbindenden Faktor der Solidarität und nicht der Grenze zwischen nördlicher und südlicher Hemisphäre zu verstehen. „Eine wirkliche Entwicklung, die Früchte trägt, lässt sich nur gemeinsam mit den Nachbarn schaffen“, war die einhellige Meinung in der Diskussion.

Persönliche Enttäuschung hält nicht davon ab, den Traum von Europa weiter zu träumen

Was sich in Diskussionen einer Tagung leicht formulieren lässt, zeigt sich in der konkreten Gegenüberstellung in seiner vollen Schärfe. Außerhalb des Tagungsrahmens lassen sich Lebensschicksale erfahren, die der konkreten Hilfe bedürfen. Man muss nicht Afrikanerin oder Afrikaner sein, um verstehen zu können, dass Menschen einen Ort suchen, wo sie sicher leben, sich durch ihrer Hände Arbeit ernähren und ihren Familien eine Zukunft geben können. Wo sie ihr Land verlassen, das durch ausbleibenden Regen keine Früchte mehr trägt, wo sie durch Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen.

Jeder und jede würde es wie Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner machen, sich auf den Weg begeben, höchste Risiken eingehen, um sich den ‚Traum von Europa’ zu erfüllen. Menschen, die dies versucht haben, begegnen uns in Marokko und anderswo, nach einem oft lebensbedrohlichen und langen Weg über tausende Kilometer, durch Wüste, und die Erfahrung permanenter Unsicherheit.

Kein UNHCR- Papier, kein Versprechen irgend welcher Arbeitgeber gibt die Garantie, ans Ziel zu kommen. Noch immer sind es die Netzwerke der organisierten Kriminalität, die mit dem Ausgeliefertsein von Menschen, insbesondere von Frauen, ihre Geschäfte machen. Auf der Strecke bleiben Träume, Hoffnungen und die Würde von Menschen. John Ampan, der seine Geschichte einer Wanderung von Westafrika nach Spanien, die länger als vier Jahre gedauert hatte, erzählen wollte, konnte dies leider nicht tun. Er konnte nicht einreisen.

 

Das Internetteam
Maike Lüdeke-Braun, Rita Kühn, Jörn-Erik Gutheil und Martin Horzella


 

 

Sorgte für Diskussion unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: Professor Kounda aus Rabat (links im Bild) Sorgte für Diskussion unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern: Professor Kounda aus Rabat (links im Bild)

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 7. September 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 10. September 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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