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Kirche in WDR2 | 16.01.2019 | 05:00 Uhr

Schluss mit dem Nicht-Wollen-Können

Simon sitzt im Flur auf dem Boden. Gleich geht’s in den Kindergarten. Sein Vater soll ihn bringen. Während der noch schnell Unterlagen für einen Termin zusammensucht, ruft er: „Simon, zieh dir schon mal die Schuhe an.“ Das kann Simon seit kurzem alleine. Doch er sitzt neben seinen Schuhen und rührt sich nicht. „Simon, warum hast du immer noch nicht deine Schuhe an?“ Der Vater wird ungeduldig. „Weil ich nicht will.“ „Warum willst du denn nicht?“ „Weil ich nicht will.“, trotzt Simon. Weil ich nicht will. Punkt. Da gibt es nichts zu erklären und nichts zu diskutieren. Der Vater will schon schimpfen, denkt dann aber: Wie lange habe ich eigentlich gebraucht, bis ich zum ersten Mal in meinem Leben glasklar und ohne lange Erklärungen sagen konnte: „Nein, das mach ich nicht. Weil ich es nicht will.“ Diese Sätze waren ihm nämlich bereits im Kleinkindalter aberzogen worden. Schließlich hatte man zu tun, was die Erwachsenen sagten oder man musste schon sehr gute Argumente haben, um sie umzustimmen.

Mindestens genauso schwer wie zu sagen, was ich nicht will, ist es, klar und deutlich zu sagen, was ich will.

Ich frage mich manchmal: Warum kriegen einige scheinbar immer was sie wollen, während ich leer ausgehe? Was machen die anders? Meine Katze hat es mich gelehrt.

Ich sitze mit meinem Nachbarn Daniel bei einer Tasse Tee, da betritt meine Katze mit lautem Maunzen das Wohnzimmer. In der Schnauze eine Spielmaus. Das Maunzen bedeutet: „Guck mal hier, hab ich gefangen, lob mich.“ Als ich nicht wie gewohnt mit einem kurzen Lob reagiere, lässt sie die Maus fallen und krakeelt weiter. Daniel nimmt´s gelassen und da er in den USA aufgewachsen ist, fällt ihm gleich ein passendes Sprichwort ein: „Tja, the squeaky wheel gets the grease“(1), sagt er. Was sinngemäß bedeutet: Wer am lautesten schreit, bekommt, was er will. So läuft´s ja auch meist im Alltag. Obwohl die Erziehung jahrzehntelang mit hehren Bescheidenheitsidealen dagegen hielt nach dem Motto: „Du denkst wohl, wer am lautesten schreit, kriegt eher was? Nein, wenn du so laut bist, stellst du dich gleich ganz hinten an“.

Wer scheinbar immer kriegt was er will, kann seinen Willen meist klar ausdrücken. Wenn ich mich stattdessen brav und still hinten anstelle und abwarte, was dann noch für mich abfällt, bin ich zwar höflich und bescheiden, gehe aber unter Umständen leer aus. Und wenn´s dann ganz dicke kommt, krieg ich am Ende vielleicht auch noch was aufgebrummt, was ich gar nicht will. Und dann bin ich doppelt gekniffen: Ich kriege nicht, was ich will und was ich nicht will kriege ich auch noch oben drauf.

Gefragt ist also ein entschlossener Wille. Klar hat der Grenzen – beim Willen des andern zum Beispiel. Da prallen dann die unterschiedlichen Interessen gegeneinander – wie bei Simon und seinem Vater. Wie man damit umgeht, sagt schon die Bibel. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Also, nicht nur deinen eigenen Kopf um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen, sondern auch auf das Wohl und die Interessen des anderen achten. Und andersrum aber auch nicht den eigenen Willen aus falsch verstandener Nächstenliebe immer hinten anstellen.

Deshalb heißt mein Motto ab heute: Schluss mit dem Nicht-Wollen-Können und fröhlich krakeelt.

( 1 ) Wörtlich: „Das quietschende Rad wird geschmiert“. Mit anderen Worten: Wer am lautesten krakeelt, kriegt was er will. Weitere Infos zum Sprichwort und seiner Herkunft: http://www.answers.com/topic/squeaky-wheel-gets-the-grease

Kirche in WDR; 16.01.2019; Petra Schulze



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