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Haus Elim in den fünfziger bis siebziger Jahren

Keine körperliche, aber seelische Gewalt

Von entwürdigender und liebevoller Erziehung gleichermaßen ist die Rede, wenn es um das Haus Elim in Neukirchen-Vluyn in der Zeit nach 1945 geht. Freiwillig kam kein Mädchen dorthin – Fürsorgerinnen verfrachteten sie in das damals geschlossene Heim.

Ambivalenter Rückblick auf die fünfziger bis siebziger Jahre in "Haus Elim" in Neukirchen-Vluyn: Pfarrer Hans Fricke-Hein, Direktor des Neukirchener Erziehungsvereins. LupeAmbivalenter Rückblick auf die fünfziger bis siebziger Jahre in "Haus Elim" in Neukirchen-Vluyn: Pfarrer Hans Fricke-Hein, Direktor des Neukirchener Erziehungsvereins.

Ein realistisches Bild der Zeit zeigt nicht nur „Monster“. Carola Kuhlmann, Pädagogik-Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Bochum, spricht vielmehr im Blick auf Heime für Kinder und Jugendliche von einem „Doppelgesicht“. Der Rettungsgedanke habe zum Teil zu einer „entwürdigenden Erziehung“ geführt. „Gleichzeitig war auch liebevolle Erziehung zu finden.“

 

 

Erste Orientierungspunkte: Der Bericht über das einstige Mädchenheim Haus Elim. LupeErste Orientierungspunkte: Der Bericht über das einstige Mädchenheim Haus Elim.

Ambivalenz nennt das Hans-Wilhelm Fricke-Hein, Direktor des Neukirchener Erziehungsvereins. Parallel zum Erscheinen des Buchs „Schläge im Namen des Herrn“, in dem Peter Wensierski die „verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik“ anprangert, hat der Erziehungsverein einen Bericht über sein Mädchenheim Haus Elim in den fünfziger bis siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Die Journalistin Irene Dänzer-Vanotti schildert darin Licht- und Schattenseiten des einstigen Umgangs mit Mädchen und jungen Frauen in dem Haus in Neukirchen-Vluyn. Der Bericht gebe nun Orientierungspunkte, sagt Direktor Fricke-Hein. Soweit bekannt, habe es jedenfalls keine systematische Gewalt gegeben in dem einstigen Mädchenheim.

Ehemalige Erzieherin spricht von Grausamkeiten

Ambivalenz ist auch das Fazit des Berichts: Einerseits ist klar: In Haus Elim gab es keine körperliche Gewalt, keine Schläge, keinen sexuellen Missbrauch. Aber es gab „psychische Gewalt“, ergibt sich aus dem neunseitigen Bericht, der auf Gesprächen mit ehemaligen Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen beruht.

„Grausam“ sei es manchmal gewesen, sagt Hanna Diederichs. Die Lehrerin hatte einst als Erzieherin in Haus Elim begonnen. Eine Zeitzeugin, die sagt: „Uns ist erst später aufgegangen, was wir getan haben.“ „Erschrocken“ sei sie heute über manches, was sie damals miterlebt hat.

Das „Olympiakleid“ war ein Strafanzug

So bleibt von den Schattenseiten zum Beispiel der kuriose Begriff „Olympiakleid“. Was es damit auf sich hat? Wer versucht hatte, aus dem Haus abzuhauen, musste seine eigenen Kleider abgeben und ein bestimmtes Kleid anziehen. Den Namen trug es wegen der Ringe im Stoff, Ringe, die offensichtlich an die olympischen Ringe erinnerten. „Das war ein Strafkleid“, stellt Hanna Diederichs heute klar.

„Die meisten Strafen bezogen sich auf Fluchtversuche“, berichtet Irene Dänzer-Vanotti. Dabei war Fliehen ein großes Thema, waren doch die Bewohnerinnen nicht freiwillig nach Neukirchen-Vluyn gekommen. Manche wurden ins Heim eingewiesen, weil sie auf den Strich gingen. Bei anderen reichten Gründe aus, die heute banal klingen. Sie waren einfach mal einen Abend nicht nach Hause gekommen. Andere waren seelisch gestört oder verhaltensauffällig – vermutlich wegen erlittener sexualisierter Gewalt, die tabuisiert war, unbesprechbar auch damals in Haus Elim.

 

 

Illustration aus dem Jahresbericht 1958 über das Haus Elim: Diakonissen, eine Jugendleiterin, eine Hauswirtschaftsleiterin und zwei diakonische Helferinnen arbeiteten damals im Haus. Illustration aus dem Jahresbericht 1958 über das Haus Elim: Diakonissen, eine Jugendleiterin, eine Hauswirtschaftsleiterin und zwei diakonische Helferinnen arbeiteten damals im Haus.

Übrigens kamen viele Mädchen und junge Frauen von weit her: Berlin, Hamburg, Bremen. Auch deshalb die Sehnsucht zu entkommen. Unterbringung im so genannten Strafkämmerchen – auch das gehörte zu den Sanktionen auf Fluchtversuche.

Längst in einer anderen Welt

Dinge, die heute undenkbar sind, sagt die Leiterin von Haus Elim, Susanne Gronki. „Da liegen Welten dazwischen.“ Allein der Personalschlüssel: In den fünfziger und sechziger Jahren lebten hundert Mädchen und junge Frauen im Haus, verteilt auf vier Gruppen. Heute gehören zu einer Gruppe maximal acht Mädchen – und pro Gruppe gibt es fünf Mitarbeitende. Gronki: „Schon allein dadurch können wir eine andere Pädagogik leben.“

Insbesondere durch die Zusammenarbeit im Team und externe Supervision kümmert sich das Haus um Vorbeugung gegen „Grenzverletzungen jeder Art“, sprich gegen Gewalt, auch verbale, erklärt Günter Neumann vom Erziehungsverein.

Erziehung auch heute nicht instrumentalisieren

Aus Sicht von Neumann waren neben der Schuld einzelner Personen auch die damaligen Strukturen – etwa die Personalschlüssel, die die Behörden durchsetzten -, mit verantwortlich für den inakzeptablen Umgang mit den jungen Menschen. Dabei beklagt er, dass manche Politiker auch heute wieder die Jugendhilfe für Ordnungsmaßnahmen einspannen wollen. Dann würde Erziehung instrumentalisiert und das sei pädagogisch illegitim, so Neumann.

Haus Elim hält Kontakt zu den einstigen Bewohnerinnen. Durch Ehemaligen-Briefe, durch Einladung zum Jahresfest und durch einzelne Kontakte – Runden, die ehemalige Mitarbeiterinnen zusammen halten. Direktor Fricke-Hein betont außerdem, dass Akteneinsicht jederzeit möglich ist.

Beliebt war das Völkerballspielen

Ambivalenz, hatte Fricke-Hein gesagt. Obwohl es quälende Strafen gab, obwohl das Haus bis in die achtziger Jahren ein geschlossenes Heim war, obwohl die Bewohnerinnen bis dahin rund um die Uhr regelrecht bewacht wurden – die Gesprächspartnerinnen von Irene Dänzer-Vanotti berichten auch von ausgelassenen Festen und Völkerballspielen, von harmlosen Vergnügungen.

Zwischen 14 und 21 Jahren waren die Bewohnerinnen damals, also nach damaligem Recht nicht mehr schulpflichtig und noch nicht volljährig. „Jetzt wirst du weggesperrt“, das habe sie damals gedacht, erzählt eine Frau, die als 15-Jährige in das mit einer Mauer bewehrte, 1883 eingeweihte Haus gebracht wurde. Verschlossene Türen. Fenster, die nur zum Lüften mit einem Spezialschlüssel geöffnet wurden. Zimmer, die nachts verschlossen wurden. Keine konnte aufs Klo. Ein Nachttopf wurde in die Zimmer gestellt. Haben Sie sich nicht als Gefängniswärterin empfunden, fragt eine Journalistin. „Ich war sehr jung“, setzt Hanna Diederichs an und sagt dann „ja, ich hatte den Schlüssel, die Mädchen nicht“.

Waschen, bügeln, nähen

Werktags hatten die Bewohnerinnen zu arbeiten, in der Wäscherei, im Bügelsaal, in der Nähstube, in der Küche oder in der Gärtnerei. „Wer wirklich arbeitet, den kann der Teufel wenig plagen“, heißt es im Jahresbericht 1958 des Hauses Elim. Die Mädchen bekamen zwar kein Geld, berichtet Irene Dänzer-Vanotti. Allerdings werde die Arbeitszeit auf die Rente angerechnet. Immerhin waren Wäscherei und Nähstube Einnahmequellen des Hauses: Es gab Aufträge von außer Haus.

Waschen, bügeln und mangeln seien die schwersten Arbeiten gewesen. Und Handarbeit sei ungeliebt gewesen, vor allem, weil morgens und nach dem Mittagessen je eine Stunde schweigend gearbeitet werden musste. Auch gegessen wurde still. Wer quatschte, musste zur Strafe zum Spüldienst. Erst abends, nach Abendessen und Hofgang, gab es Programm für die „gefährdete Jugend“ (auch ein Zitat aus dem Jahresbericht 1958): musizieren, Hörspiele proben, Feiern vorbereiten.

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 15. Februar 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 16. Februar 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.