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Email aus Namibia

Love Street No. 7A

Love Street No. 7A in Windhoek. Die Adresse ist perfekt! Hier befindet sich der Sitz der einzigen namibischen Schwulen- und Lesbenorganisation.

Ian Swartz, der Leiter des Rainbow Projects in Winhoek Ian Swartz, der Leiter des Rainbow Projects in Winhoek

Hinter einem riesigen Einfahrtstor begrüßt uns Ian Swartz. Er ist Leiter des Rainbow Projects, das vor neun Jahren von ungefähr 100 gleichgeschlechtlich liebenden Männern und Frauen in Namibia ins Leben gerufen wurde. Er führt uns in das Büro der Organisation, das aus einer oberen Verwaltungsetage und einem unteren Geschoss mit Seminar- und Bibliotheksräumen besteht.

 

 

Am ovalen Konferenztisch des Rainbow Project. Am ovalen Konferenztisch des Rainbow Project.

Es ist Wochenende, deshalb arbeiten die fünf Hauptamtlichen heute nicht. Während Ian für Erfrischungen sorgt, stöbern die Jugendlichen in der Bibliothek, in der Literatur und Zeitschriften zum Thema Homosexualität zusammengestellt sind. In einer Ecke befindet sich eine Videothek. Wir sitzen um den großen ovalen Konferenztisch.

Das Thema „gleichgeschlechtliche Liebe“ war im vergangenen Jahr bei dem Besuch der namibischen Jugendlichen in Deutschland zwischen beiden Partnern heftigst und vor allem sehr kontrovers diskutiert worden. Die Tatsache, dass es in Namibia überhaupt eine Schwulen- und Lesbenorganisation gibt, machte die deutschen Jugendlichen neugierig, ob die homophoben Äußerungen der namibischen Jugendlichen vielleicht mit dem kirchlichen Kontext zusammenhängen. Deshalb wollen wir von Ian zunächst wissen, wie Homosexualität in der namibischen Gesellschaft bewertet wird und wie Homosexuelle in Namibia behandelt werden.

Früher kriminalisiert, heute tabuisiert

„Die namibische Gesellschaft reagiert mit Unverständnis auf das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe,“ eröffnet Swartz das Gespräch. „Sie tut sich schwer mit dem Thema. Natürlich kommt Homosexualität vor, aber sie wird in der Regel tabuisiert, nachdem sie lange Zeit kriminalisiert war. Erst in den letzten Jahren hat sich für Schwule und Lesben in Namibia viel zum Positiven entwickelt. Aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns, bis wir die Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen erreicht haben,“ sagt  Ian und erklärt, dass das Rainbow Project dazu vor allem Aufklärungsarbeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen in der Gesellschaft betreibe. Unsere Gruppe, in der auch zwei namibische Jugendliche mitgekommen sind, hört gespannt zu.

Die Mitarbeitenden der Organisation gehen zum Beispiel in Schulen und testen Unterrichtsmaterial zum Thema Homosexualität, das von ihnen selbst erarbeitet worden ist. „Natürlich werden uns dabei sowohl vom Kultusministerium wie auch von den Schulen immer wieder Steine in den Weg gelegt“, sagt Swartz, „aber wir lassen nicht locker!“ Als NGO (Nicht-Regierungsorganisation) hat das Projekt im Verbund mit anderen Menschenrechtsorganisationen in Namibia einen guten Stand. „Wenn man uns was anhaben will, dann bekommen wir sofort Unterstützung von anderen Menschenrechtsorganisationen. Das ist unsere Stärke“, erklärt Swartz.

Aufklärung in dörflichen Gegenden

Die Aufklärungsarbeit der Organisation bezieht sich auch auf Familien, Gruppen und Kreise in der namibischen Gesellschaft. Zum Beispiel gehen Mitarbeitende in dörfliche Gegenden, um Fragen und Anliegen der Menschen in den jeweiligen Orten zu beantworten. Ian erzählt davon, wie er beispielsweise die Mutter eines Transsexuellen über Transsexualität „aufgeklärt“ habe. Die Mutter habe anschließend zu ihm gesagt, dass ihr Schuppen von den Augen gefallen seien und sie durch seine Erklärungen zum ersten Mal verstehe, was ihr Kind wirklich bewege.

„In unserer Gesellschaft herrschen so viele unrichtige, fehlerhafte und vor allem irrige Vorstellungen zu dem gesamten Themenkomplex Homosexualität, dass die Aufklärung eine grundlegende Aufgabe für uns darstellt“, sagt Swartz. In dem Zusammenhang erläutert Swartz auch, wie schwierig solch eine Aufklärungsarbeit im Kontext der namibischen Gesellschaft sei. „Das hat mit den zahlreichen Ethnien zu tun, die von unterschiedlichen Traditionen geprägt sind.“

In manchen Sprachen fehlen die Wörter

"Die ethnischen Gruppen haben häufig völlig verschiedene Lebensformen und Moralvorstellungen, so dass wir nicht einfach mit einer Sprache überall gleich reden können. Wir müssen uns jeweils sehr konzentriert auf den Kontext der Menschen einstellen, mit denen wir es zu tun haben“, erklärt Swartz. „Und das auch im wortwörtlichen Sinne, denn in Namibia sprechen die Menschen zahlreiche unterschiedliche Sprachen. Es ist häufig auch ein Problem der Sprache, über gleichgeschlechtliche Liebe aufzuklären. Da gibt es namibische Sprachen, in denen fehlen wertfreie Wörter für so etwas wie gleichgeschlechtliche Liebe.“

Unsere Gruppe will wissen, ob Schwule und Lesben es in ländlichen Gebieten schwer haben. Ian Swartz beantwortet die Frage mit einem klaren Ja und fügt hinzu, dass er und seine Mitarbeitenden es allerdings für wichtig erachten, dass Schwule und Lesben in ihrem ländlichen Umgebungen bleiben. „Nur so können Schwule und Lesben in ihren lokalen Kontexten auch etwas ändern und für die Akzeptanz ihrer Anliegen werben! Dabei wollen wir ihnen helfen."

Flucht nach Kapstadt

Es helfe nicht, wenn Schwule und Lesben ,fliehen' und in die  Schwulen- und Lesbenmetropole Kapstadt ziehen. "Wir wollen in den dörflichen und ländlichen Strukturen etwas verändern. Das ist der Ort, wo Schwule und Lesben wohnen“, erläutert Swartz, „deshalb werden wir auch demnächst zwei Satellitenbüros in Oshikati (im Norden des Landes) und in Keetmanshoop (im Süden des Landes) errichten. Wir wollen so viel wie möglich zu den Menschen gehen, weil unsere Gesellschaft nicht so ausgerichtet ist, dass die Menschen zu uns kommen.“

Zum Bereich der Aufklärungsarbeit gehört für Ian Swartz auch das Vorgehen seiner Organisation gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben im öffentlichen Leben. Er führt das Beispiel der medizinischen Versorgung an und berichtet, dass es in Namibia vorkommen kann, dass ein Arzt, der meint, einen Homosexuellen vor sich zu haben (zum Beispiel wegen äußerer Attribute), dem Patienten die Behandlung verweigert. „So etwas darf es in unserem Land nicht mehr geben“, sagt Swartz energisch. Auch die Polizei sei schlecht ausgebildet. Homosexualität sei in Namibia nicht illegal! Aber viele Polizisten trügen diese Meinung noch mit sich herum und würden auf homosexuelle Fälle häufig mit Gewalt reagieren.

 

 

Plakat gegen häusliche Gewalt Plakat gegen häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt

Ian Swartz spricht etwas an, das uns in den letzten Tagen bereits beschäftigt hat. Häusliche Gewalt. Ian Swartz sagt, dass die Gewalt, die den meisten Namibiern bis zur Unabhängigkeit aufgezwungen wurde, weil sie in ungerechten Verhältnissen lebten, bei vielen auch heute noch die einzige „Sprache“ sei, die sie kennen, um mit Auseinander-setzungen und mit dem Fremden fertig zu werden. Namibia hat nach Kolumbien und Südafrika die höchste Mordrate. „Häusliche Gewalt“, sagt Ian, „ist eines unserer größten Probleme in Namibia. Schwule und Lesben werden häufig in ihren häuslichen Umgebungen sehr schlecht behandelt.“

Das Rainbow Project wird zu 90% von (nicht staatlicher) Entwicklungshilfe aus den Niederlanden und zu jeweils 5 % mit Entwicklungshilfemitteln aus Finnland und den USA finanziert und hat ein jährliches Volumen von ca. 400.000 €.

Kontakt zu Kirchen erwünscht

Einen besondern Schwerpunkt legt das Projekt auf den Kontakt zu den namibischen Kirchen. „Seit unserer Gründung schreiben wir den Kirchen jährlich und bitten um Kontakte. Immer wieder werden wir vertröstet. Im letzten Jahr gab es allerdings einen Erfolg. Da haben Vertreter des namibischen Kirchenrates sich bereit erklärt, der Einladung zum Gespräch mit dem Rainbow Project zu folgen. Es war ein gutes Treffen!“, resümiert Ian Swartz diplomatisch.

„Wir wünschen uns diese kirchlichen Kontakte, weil wir wissen, dass die meisten Schwulen und Lesben in Namibia eine enge kirchliche Bindung haben. In der Beratung und Begleitung von Schwulen und Lesben und im Kampf für die Gleich-stellung von Homosexuellen in Namibia dürfen wir die spirituellen Ressourcen nicht vergessen! Es ist wichtig, dass wir auch in den Kirchen Namibias für Offenheit, Verständnis und gedankliche Weite gleichgeschlechtlicher Lebensformen kämpfen!“

Parade am Menschenrechtstag

Schließlich berichtet Ian Swartz über konkrete Öffentlichkeitsprojekte, wie zum Beispiel die Beteiligung an der Parade am 10. Dezember, dem Menschenrechtstag. Und dann berichtet er von einem Projekt in Aranos. Da werden unsere Ohren und Gemüter natürlich hellwach.

Und wir trauen unseren Ohren nicht, als Ian erzählt, dass im vergangenen März eine Christopher Street Parade in dem kleinen Örtchen Aranos stattgefunden habe. „Natürlich in winzigem Ausmaß, aber ohne Zwischenfälle“, betont Swartz. Warum hat uns in Aranos davon keiner etwas erzählt???

 

 

 

CK / 09.07.2006

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 13. Juli 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 17. Juli 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.