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Email aus Namibia

Das Wort Sex in einem Gotteshaus

AIDS. Der Versuch einer Annäherung an dieses schwierige Thema. Letzte Woche schon in Hoachanas hatten wir ein längeres Gespräch mit namibischen Jugendlichen über das Thema AIDS.

HIV- und Aids-Aufklärung: Mahnung an der Junior Primary School in Maltahöhe. HIV- und Aids-Aufklärung: Mahnung an der Junior Primary School in Maltahöhe.

Bereits hier zeigte sich, dass die namibischen Jugendlichen große Schwierigkeiten hatten, sich zu diesem Thema zu äußern. Wir hatten allerdings an diesem Abend das Gefühl, dass die Dunkelheit und die Tatsache, dass niemand, den die Jugendlichen als Autorität von besonderem Rang erachteten, anwesend war, ihre Ängste und Zurückhaltung zumindest ein wenig schrumpfen ließen.

Gestern dann bot sich ein gänzlich anderes Bild. Diesmal waren wir in Gibeon, einem kleinen Ort, der etwa sechzig Kilometer von der „Metropole“ Mariental entfernt liegt. Nach der fast schon obligatorischen Begrüßungsfeier mit Musik und Tanz durch die Jugendlichen des Ortes, kam unser namibischer Leiter Joseph auf mich zu: „Ich möchte, dass ihr gleich mit den Jugendlichen des Ortes über AIDS diskutiert und du sollst diese Diskussion leiten.“

Merkwürdiges Gefühl

Ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich, weil ich doch bei unserem letzten Gespräch mit namibischen Jugendlichen schon gemerkt hatte, welche Schwierigkeiten es ihnen bereitete, über dieses Thema zu sprechen. Ich fürchtete nun, dass die Anwesenheit unserer deutschen Pfarrer, aber vor allem die des sehr konservativ anmutenden namibischen Pfarrers ein offenes Gespräch stark behindern würde.

Ich betrat also mit einem sehr mulmigen Gefühl die Bühne, stellte mich kurz vor und begann die Diskussion mit einer harmlosen Einstiegsfrage. „Kann uns jemand von den deutschen Jugendlichen etwas über die AIDS Problematik in Deutschland erzählen?“ Nina meldete sich. Sie berichtete, dass in Deutschland die Anzahl der Neuinfektionen zugenommen habe und dass die Deutschen im Allgemeinen einen lockereren Umgang mit dem Thema „Sex“ pflegen würden als die Namibier.

Die einen kichern, die anderen sind erbost

„Sex“. Die Benutzung dieses Wortes in einem Gotteshaus löste beim Publikum geteilte Reaktionen aus: Pubertierende Jugendliche guckten kichernd und verschämt zur Seite, wohingegen die anwesenden älteren Leute ihren Unmut mit erbosten Blicken kundtaten. „Ein schlechter Start für die Diskussion“, dachte ich.

Nun versuchte ich behutsam den Fokus auf die Problematik in Namibia zu lenken. Auf meine Frage, ob sich Namibier auf AIDS testen ließen, fand sich zunächst kein williger namibischer Gesprächsteilnehmer. Etwa eine halbe Minute verstrich, bis sich Cornelius, einer der Jugendlichen, die letztes Jahr zu Besuch in Düsseldorf waren, meldete. Er erläuterte, dass man sich hier nicht testen ließe, weil das Ergebnis „HIV-positiv“ für die meisten Betroffenen so niederschmetternd sei, dass sie dächten, ihr Leben sei sofort beendet.

"Irgendwie schmutzig"

So lebten sie lieber in Ungewissheit. Außerdem würde das auch das Verhältnis zu Freunden und Familie verändern. Das ließ mich aufhorchen. „Was würde sich verändern, wenn ich HIV-positiv wäre und du das wüsstest?“, wollte ich von Cornelius wissen. „Viel“, sagte Cornelius, „obwohl die meisten wissen, dass man sich durch harmlose Berührungen wie Hände Schütteln nicht anstecken kann. Viele denken, ein AIDS-Kranker sei irgendwie schmutzig.“

Ich wollte mehr wissen und versuchte, andere Anwesende in die Diskussion einzubinden. Prompt meldete sich eine Frau, die ein flammendes Plädoyer gegen Sexualverkehr vor der Heirat hielt. Das gefiel den anwesenden älteren Leuten.

Entrüstet gehen einige

Aber unserem Jugendleiter Joseph nicht. Er bestieg die Bühne und brachte vor, dass die Forderung seiner Vorrednerin nicht der Lebensrealität der Jugendlichen entspreche. Es müsse für Jugendliche selbstverständlich werden, Kondome zu benutzen. Das war zu viel des Guten für die meisten anwesenden Erwachsenen. Entrüstet verließen einige die Kirche. Mir schien, dass dies auch der Todesstoß für unsere Diskussion war. Und so war es dann auch. Alles dröppelte so dahin.

Für mich hat dieser Abend gezeigt, wie schwierig es ist, ein Problem zu lösen, wenn man nicht einmal ungezwungen darüber reden kann. Angesichts der Tatsache, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Namibia mit ihrem Anti-AIDS Programm sehr offensiv dieses Thema angeht, fand ich es besonders überraschend, dass die Gegenwart von Kirchenvertretern so offensichtlich einer offenen Diskussion entgegenwirkte.  

 

 

 

Felix Kusch / 05.07.2006

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 6. Juli 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 6. Juli 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.