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Leitungsaufgaben

"Dienet mächtig!"

Gruselbild Verwaltung? Bibelzitate zur Machtausübung? Frauen als selbstlose, anonyme Dienerinnen? Mit Theologie und Verwaltung als Einflussfaktoren kirchlicher Macht setzten sich hauptamtliche Leitungsfrauen auf einer Fachtagung auseinander

Eingestimmt auf einen regelmäßigen Austausch: In Bonn trafen sich Frauen in Leitungspositionen. Eingestimmt auf einen regelmäßigen Austausch: In Bonn trafen sich Frauen in Leitungspositionen.

Frauen, die Institutionen in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) leiten, tauschen sich jetzt enger aus. Start dafür war die Fachtagung für Frauen in kirchlichen Leitungspositionen in Bonn. Zusammen gekommen waren hierzu rund sechzig Frauen, die hauptamtlich Leitungsfunktionen bekleiden.

Im Sommer werden sich entsprechend Frauen mit ehrenamtlichen Leitungsaufgaben treffen. Und nach dem positiven Eindruck der hauptamtlichen Leiterinnen wird es wohl sicherlich bald sowohl ein gemeinsames Treffen der haupt- und ehrenamtlichen Leitungsfrauen wie auch weitere Hauptamtlichen-Treffen geben. Diesen Austausch der Leitungsfrauen brauchen wir, sagte beispielsweise eine Akademie-Leiterin.

Die Frage "Leiten in Teilzeit" wird die Runde der hauptamtlichen Leitungsfrauen voraussichtlich allein besprechen. Ein Thema wie "Umgang mit Geld und Ressourcen" passt für beide - dazu werden die haupt- und ehrenamtlichen Frauen wohl zusammen tagen. Zunächst kommen die ehrenamtlichen Leiterinnen zusammen: am 5. Juli 2003, ebenfalls in Bonn.

 

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig: Gudrun Janowski. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig: Gudrun Janowski.

Das Thema der jetztigen ersten Fachtagung für hauptamtliche Leitungs-Frauen, organisiert vom Frauenreferat und der Frauenhilfe der EKiR, lautete: "Theologie und Verwaltung als Instrumente kirchlicher Macht". Leiterinnen von Ämtern, Werken und Einrichtungen beschäftigten sich in zwei Vorträgen, einer Podiumsdiskussion und Arbeitsgruppen mit der Frage, wie die Theologie und wie kirchliche Verwaltung Gestaltungsspielräume eröffnen - oder dem Missbrauch ausgeliefert sind.

Sie habe Studierende einmal ihr Bild von Verwaltung zeichnen lassen, berichtete die Diplom-Sozialwirtin Sigrid Häfner. Herausgekommen sind: Albtraumartige Bilder von Mauern, Gefängnissen, Tunneln und Labyrinthen, satirisch-groteske Darstellungen von pausierenden kaffeetrinkenden Typen, von Papierschlachten und Aktendschungeln. "Die Außenwahrnehmungen von Verwaltungen sind eher negativ", fasste Häfner in ihrem Vortrag "Kirchliche Macht und Verwaltungshandeln" zusammen.

Dabei fielen Selbst- und Fremdbild auseinander. Denn das Selbstverständnis des Verwaltungspersonals sei in aller Regel geprägt von Verantwortung, Loyalität und der Gewissheit, kompetente und unverzichtbar wichtige Arbeit zu leisten, so Häfner. Übrigens bestätigte das in der anschließenden Podiumsdiskussion Barbara Dressler, Städtische Oberverwaltungsrätin in Essen. Für sie sei Verwaltungshandeln Dienen. "Das unterstreiche ich persönlich." Sie trage mit ihrer Arbeit dazu bei, dass Wichtiges funktioniere, dass das "Orchester" gut spiele.

 

Was bedeutet Dienen? Die Podiumsdiskussion leitete Ilka Neserke vom Frauenreferat (M.). Was bedeutet Dienen? Die Podiumsdiskussion leitete Ilka Neserke vom Frauenreferat (M.).

Gegen das negative Fremdbild verteidigte Sigrid Häfner, übrigens ehemalige Frauenreferentin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Verwaltungen grundsätzlich. Sie seien "Garanten gegen persönliche Willkür und Machtmissbrauch und für die Gleichbehandlung der Bürgerinnen und Bürger". Das sei "uns so selbstverständlich, dass wir es kaum noch zu würdigen wissen". Allerdings: Das Misstrauen gegen Verwaltungen sei auch "nicht ganz unbegründet". Verwaltungen produzierten gelegentlich auch Ängste. So sei Verwaltungshandeln neutral, objektiv und unparteiisch. Nicht eine Person handele, sondern die Institution. Doch sorge diese Idee der Trennung von Amt und Person eben auch für Anonymität und Unpersönlichkeit. "Wo Tätigkeiten nicht persönlich zurechenbar sein sollen, kann sehr leicht der Eindruck entstehen, es sei auch niemand verantwortlich und die Person verstecke sind hinter dem Amt."

Speziell im Blick auf kirchliche Verwaltungen, die den öffentlichen im Prinzip glichen, kritisierte Häfner "typische strukturelle Unklarheiten". Schon sprachlich gehe manches durcheinander: Worte wie "Verwaltung" der Sakramente, "Amtshandlungen" und "Predigtamt" klängen nach Verwaltungssprache, meinten aber liturgische, missionarische oder spirituelle Aufgaben. Über die Sprache hinaus sei offen: "Wo im Gesamtsystem Kirche ist die Verwaltung genau angesiedelt? Wie grenzt sie sich gegenüber sonstigem Handeln der Kirche ab?"

Und: Im Sinne des Rechtsstaatsprinzips seien Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung zu trennen - daran fehle es bei Kirche. Den gesetzgebenden Synoden gehörten auch Mitglieder der Exekutive an und die kirchliche Gerichtsbarkeit sei nicht ausreichend unabhängig. Die "mitunter problematische Vermischung von pastoralen, administrativen und kirchenpolitischen Aufgaben, Zuständigkeiten und Absichten" gehöre zu den "strukturellen Unklarheiten".

Die Barmer Theologische Erklärung, auf die sich auch die EKiR bezieht, begründet den Anspruch der Kirche, das Evangelium unabhängig von herrschender Politik zu verkünden. Für Häfner ist damit auch die Nachrangigkeit der Verwaltung gegenüber dem Auftrag des Evangeliums markiert. Doch die praktischen Konsequenzen seien bis heute nicht geklärt. Schließlich: "Es braucht eine gewisse Macht, um die vielfältigen kirchlichen Aufgaben zielgerecht zu organisieren sowie wirkungsvoll und sparsam zu erledigen." Mit dieser Macht müsse aufgeklärt umgegangen werden.

Ähnlich Gudrun Janowski, Professorin am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, in ihrem Vortrag "Theologie als kirchliches Machtinstrument": Nichts sei mächtiger als unbewusste Macht. Ja, der kirchliche Umgang mit Macht sei "paradox". Dazu zitierte sie aus dem zweiten Korintherbrief: "Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Indem sie die Bibel zitierte, führte sie ihre These zum Thema vor: Bibelworte heranzuziehen bedeute, ein Instrument ihres Interesses zu nutzen. Die Rede von Gott - ob in Form der Theologie als wissenschaftlicher Disziplin oder in Form der Glaubensäußerung - diene als Machtmittel, so Janowski sinngemäß. "Die Rede von Gott bewegt sich nie im Vakuum von Machtzusammenhängen." Für "fast jegliche Position" lasse sich eine Bibelstelle zitieren. Als Beispiele nannte Janowski die einstige theologische Legitimation der Inquisition für Herrschaftsinteressen. Doch auch die Befreiungs- oder die feminstische Theologie stünden in Machtzusammenhängen. So greife die feminstische Kritik patriarchale Strukturen an.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Janowski zeigte auf "Widersprüche". Mit der Allmacht Gottes seien den menschlichen Allmachtswünschen Grenzen gesetzt. Macht stehe den Menschen zu, Allmacht nicht. Weiter: Zwar gebe es keine herrschaftsfreien Räume, dennoch sei ihre Vorstellung vom Reich Gottes die eines herrschaftsfreien Raums. Und noch ein Widerspruch: Die Bedürfnisse der Schwächsten stünden im Vordergrund, aber es brauche auch Macht, um zu leiten.

Machtinteressen im Sinne von Gestaltungswille, sich ins Spiel bringen, gehörten konstitutiv zum Menschen, ist Janowski überzeugt. Frauen sei es lange Zeit verwehrt gewesen, im öffentlichen Raum Einfluss zu nehmen. Zudem habe die christliche Sozialisation mit ihrer Aufforderung zu altruistischem Verhalten den natürlichen Macht- und Gestaltungswillen unterdrückt. Das Wort Dienen verbänden Frauen heute mit zwiespältigen Gefühlen, klinge es doch auch danach, die eigenen Interessen zurück zu stellen. Deshalb auch Janowskis Forderung: Frauen sollten Macht bewusst ausüben, auch Energie raubende Ängste und Zweifel überwinden und "die Ambivalenz von Schwachheit, Macht und Gottes Kraft" aushalten. In diesem Sinne rufe sie auf: "Dienet mächtig!"

Was "dienen" bedeutet, griffen die Beteiligten der Podiumsdiskussion auf. Heute von Dienen zu reden, sei problematisch, so Häfner. Dienen klinge danach, dass Erfolge nicht zurechenbar sind, dass die Dienerin anonym bleibt. "Warum soll das gut sein?" Dagegen hielt Oberkirchenrätin Petra Bosse-Huber ein anderes Verständnis von Dienen - das biblische Verständnis, wonach die Menschen einander mit ihren jeweiligen Gaben dienen. Dabei gehe es nicht darum, dass eine für alle und unsichtbar dient, sondern um einen auf Dialog und Kommunikation angelegten Dienst.

Bosse-Huber räumte ein, dass in der heutigen individualisierten Geselllschaft das Dienen niemandem mehr "anargumentiert", sondern dass es nur mit praktischen Erfahrungen vermittelt werden könne. "Kann Nächstenliebe neu entdeckt werden? Ich glaube, es wird diesen Umschwung geben. Aber nicht nur mit Theorie."

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 24. Februar 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 24. Februar 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.