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Irak: Berliner Erklärung

Kirchenleiter warnen vor Krieg

Die UN-Inspektoren sollen Zeit bekommen, ihre Arbeit zu tun. Der Irak soll mit ihnen zusammen arbeiten. Und ein Krieg gegen den Irak muss unterbleiben. Das fordern Verantwortliche aus Kirchen in den USA, dem Nahen Osten und Europa in ihrer Erklärung

Kirchenführer aus Europa, den USA und dem Nahen Osten haben sich bei einem Treffen in Berlin in einer Resolution für eine friedliche Lösung der Irak-Krise ausgesprochen. Nachdrücklich fordern sie, den UN-Inspektoren ausreichend Zeit für ihre Arbeit zu lassen. Die Ziele, die besonders von den USA zur Begründung eines Krieges gegen den Irak angeführt würden, seien nicht akzeptabel, heißt es in der Erklärung. Die leitenden Kirchenvertreter rufen die Regierung des Irak dazu auf, alle Massenvernichtungswaffen zu zerstören und in jeder Hinsicht mit den UN-Inspektoren zusammen zu arbeiten.

Die Erklärung im Wortlaut:

Verantwortliche der Kirchen vereint gegen einen Krieg im Irak

1. Als Verantwortliche aus Kirchen in Europa, in Beratung mit den Kirchenräten in den USA und dem Nahen Osten, sind wir äußerst besorgt über die nicht nachlassenden Forderungen der  USA und einiger europäischer Regierungen nach militärischen Aktionen gegen den Irak. Als Menschen des Glaubens drängt uns die Liebe zu unseren Nächsten dazu, gegen Krieg Widerstand zu leisten und friedliche Konfliktlösungen zu suchen. Als Kirchen beten wir für Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit für die Menschen im Irak und im Nahen Osten insgesamt. Solches Beten verpflichtet uns, Werkzeuge des Friedens zu sein.

2. Wir bedauern, dass die mächtigsten Nationen dieser Welt Krieg wieder als ein akzeptables Mittel der Außenpolitik betrachten. Dies schafft ein internationales Klima der Furcht, Bedrohung und Unsicherheit.

3. Wir können die Ziele, die von diesen Regierungen, insbesondere den USA, zur Begründung eines Krieges gegen den Irak angeführt werden, nicht akzeptieren. Ein präventiver kriegerischer Angriff als Mittel, um die Regierung eines souveränen Staates auszuwechseln, ist unmoralisch und stellt eine Verletzung der UN-Charta dar. Wir appellieren an den Sicherheitsrat, an den Grundsätzen der UN-Charta festzuhalten, die die legitime Anwendung militärischer Gewalt eng begrenzen, und zu vermeiden, dass ein negativer Präzedenzfall geschaffen wird, der die Hemmschwelle erniedrigt, gewaltsame Mittel zur Lösung internationaler Konflikte einzusetzen.

4. Wir glauben, dass militärische Gewalt ein ungeeignetes Mittel ist, um die Abrüstung irakischer Massenvernichtungswaffen zu erreichen. Wir bestehen darauf, dass für die sorgfältig geplanten Maßnahmen der UN-Waffeninspektionen genügend Zeit eingeräumt wird, um die Arbeit zu Ende führen zu können.

5. Alle Mitgliedsstaaten der UNO müssen sich an bindende UN-Resolutionen halten und Konflikte durch friedliche Mittel lösen. Der Irak kann keine Ausnahme sein. Wir rufen die Regierung des Irak dazu auf, alle Massenvernichtungswaffen zu zerstören und damit verbundene Forschung und Produktionsstätten aufzugeben. Der Irak muss in jeder Hinsicht mit den UN-Inspektoren zusammenarbeiten und allen seinen Bürgern die volle Anerkennung der bürgerlichen und politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte garantieren. Den Menschen im Irak muss die Hoffnung gegeben werden, dass es Alternativen sowohl zu Diktatur als zu Krieg gibt.

6. Ein Krieg hätte unannehmbare Folgen für die Situation der Menschen, u.a. die Entwurzelung von großen Teilen der Bevölkerung, den Zusammenbruch staatlicher Funktionen, die Gefahr von Bürgerkrieg und Destabilisierung der ganzen Region. Das Leiden irakischer Kinder und der unnötige Tod hunderttausender Iraker während der letzten zwölf Jahre der Sanktionen lasten schwer auf unseren Herzen. In der gegenwärtigen Situation bekräftigen wir mit Nachdruck das seit langem geltende humanitäre Prinzip, bedingungslosen Zugang zu Menschen in Not zu gewähren.

7. Außerdem warnen wir vor den möglichen sozialen, kulturellen und religiösen, aber auch diplomatischen Langzeitfolgen eines solchen Krieges. Weiteres Öl in das Feuer der Gewalt zu gießen, das die Region bereits auffrisst, wird den Hass nur noch weiter anfachen, indem extremistische Ideologien gestärkt und weitere globale Instabilität und Unsicherheit genährt werden. Als Verantwortliche aus Kirchen in Europa haben wir eine moralische und pastorale Verpflichtung, Fremdenhass in unseren Ländern entgegenzutreten und den Menschen in der muslimischen Welt die Furcht zu nehmen, die sogenannte westliche Christenheit stelle sich gegen ihre Kultur, Religion und Werte. Wir müssen die Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenwürde suchen.

8. Alle Regierungen, insbesondere die Mitglieder des Sicherheitsrates haben die Verantwortung, diese Frage in ihrer ganzen Komplexität zu bedenken. Es sind noch nicht alle friedlichen und diplomatischen Mittel ausgeschöpft worden, um den Irak zu zwingen, den Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zu folgen.

9. Es ist für uns eine geistliche Verpflichtung, die sich auf Gottes Liebe zur ganzen Menschheit gründet, uns gegen den Krieg im Irak zu stellen. Mit dieser Botschaft senden wir ein starkes Zeichen der Solidarität und Unterstützung an die Kirchen im Irak, im Nahen Osten und in den USA. Wir beten, dass Gott die Verantwortlichen leiten möge, Entscheidungen zu treffen, die auf der Basis sorgfältiger Überlegung, moralischer Prinzipien und hoher rechtlicher Standards beruhen. Wir laden alle Kirchen ein, sich uns in diesem Zeugnis anzuschließen, für eine friedliche Lösung dieses Konflikts zu beten und alle Menschen zu ermutigen, sich am Ringen um eine solche Lösung zu beteiligen.

Aufruf von Verantwortlichen aus europäischen Kirchen bei einem Treffen in Berlin, am 5. Februar 2003, einberufen vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Absprache mit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), dem Nationalen Kirchenrat in den USA (NCCCUSA) und dem Mittelöstlichen Kirchenrat (MECC), auf Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Teilgenommen haben:

Präses Manfred Kock, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der 24 lutherische, reformierte und unierte Gliedkirchen zusammen geschlossen sind. Als oberster Repräsentant vertritt der Ratsvorsitzende rund 26 Millionen evangelischer Christinnen und Christen in Deutschland (www.ekd.de)

Bischof Dr. Rolf Koppe, Leiter der Hauptabteilung Ausland und Ökumene im Kirchenamt der EKD (www.ekd.de)

Dr. Konrad Raiser, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, ÖRK (www.wcc-coe.org)

Dr. Keith Clements, Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, KEK (www.cec-kek.org)

Bischof Dr. Walter Klaiber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), (www.oekumene-ack.de), Bischof und damit oberster Geistlicher der Evangelisch-Methodistischen Kirche (Deutschland) (www.emk.de)

Präsident Jean-Arnold de Clermont, Präsident der Fédération Protestante de France, die 16 Gliedkirchen, 60 Gemeinschaften und 500 Institutionen, Organisationen und Bewegungen vertritt, mit rund 1.100.000 Mitgliedern (www.protestants.org)

Bischof Mag. Herwig Sturm, Evangelische Kirche Augsburger Bekenntnisses (A. B.) in Österreich, oberster Repräsentant der rund 350.000 evangelisch-lutherischen Christinnen und Christen Österreichs (www.evang.at)

Präsident Thomas Wipf, Vorstands-Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), in dem 26 Gliedkirchen vertreten sind. SEK ist das Schweizer Pendant zur EKD, Wipf ist dem EKD-Ratsvorsitzenden zu vergleichen (www.sek.ch)

Bischof Jonas Jonsson, Bischof der rund 7,4 Millionen Mitglieder umfassenden Schwedischen Kirche (Svenska kyrkan). Bischof Jonsson wird begleitet von Pastor Kjell Jonasson, der im vergangenen Dezember den Irak besucht hat (www.svenskakyrkan.se)

Probst Trond Bakkevig, Norwegische Kirche. Bakkevig ist Mitglied des Zentralkomitees des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und norwegischer Kandidat für das Amt des ÖRK-Generalsekretärs. Die Norwegische Kirche (Norske Kirke) hat rund 4,5 Millionen Mitglieder, das sind 86,5 Prozent aller Norweger (www.kirken.no)

Erzbischof Jukka Parma, Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands, oberster Repräsentant seiner Kirche (Suomen Evankelis-Luterilainen Kirkko), die 4,5 Millionen Mitglieder hat (84,8 Prozent aller Einwohner Finnlands) (www.evl.fi)

Bischof Karsten Nissen, Evangelisch-Lutherische Kirche in Dänemark (Evangelisk-Lutherske Folkekirke in Danmark, 5,1 Millionen Mitglieder, entspricht 87,7 Prozent aller Dänen), Bischof von Viborg, Vorsitzender des Programmausschusses des Lutherischen Weltbundes (www.folkekirken.dk)

Dr. Alison Elliot, Kirche von Schottland (Church of Scotland), Co-Direktor des Zentrums für Theologie und Öffentliche Angelegenheiten der Universität Edinburgh und Mitbegründer der Aktion "Churches Together in Scotland" (ACTS) (www.churchofscotland.org.uk) 

Pfarrer Arie W. van der Plas, Vorsitzender der Generalsynode der Niederländischen Reformierten Kirche und Vorsitzender des Moderamens der Protestantischen Kirche in den Niederlande (www.unitingprotestantchurches.nl)

Erzbischof Feofan, Russisch-Orthodoxe Kirche, ist Erzbischof von Berlin und Deutschland (www.r-o-k.de)

Bischof Athanasius von Achaja, Kirche von Griechenland (Church of Greece) (www.ecclesia.gr)

Rev. Dr. Nuhad Daoud Tomeh, Sonderbeauftragter des Generalsekretariats des Middle East Council of Churches (MECC), Pastor der Presbyterian Church of Syria and Lebanon (www.mecchurches.org)

Dr. Bob Edgar, Generalsekretär des National Council of Churches (NCCC), USA (www.ncccusa.org)

James Winkler, Generalsekretär des General Board of Church and Society der United Methodist Church, USA (www.umc.org)

Dr. Rebecca Larson, Executive Director der Division for Church and Society der Evangelical-Lutheran Church in America, USA (www.elca.org)

Mister Thor Arne Prois (Director of ACT/Action of Churches Together, Genf)

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 6. Februar 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 6. Februar 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.