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Karneval

Prot's: Saal bebte, Dom steht noch

Voller Erfolg: Die „Prot’s-Sitzung“ 2003, die evangelische Karnevalssitzung in Köln, sorgte an fünf Abenden für helle Begeisterung mit ihrer gekonnten Mischung aus bissigem Humor, Tempo und Brauchtum. Der Saal bebte - aber der Kölner Dom steht noch

Den Luther mit den Dom-Türmen gehörnt: "Wise Guys" auf der evangelischen "Prot's-Sitzung". Den Luther mit den Dom-Türmen gehörnt: "Wise Guys" auf der evangelischen "Prot's-Sitzung".

 

Beflügelndes Projekt 18: Prots-tausend werden die Kirchen sonntags wieder voll. Die beiden Engel (Gundi Schmidt und Heribert Rösner) wissen, wie. Beflügelndes Projekt 18: Prots-tausend werden die Kirchen sonntags wieder voll. Die beiden Engel (Gundi Schmidt und Heribert Rösner) wissen, wie.

Mangelnde Beteiligung? Fehlendes Geld? Verschwindender Glaube? Die evangelische Kirche steht vor großen Problemen, von manchen auch liebevoll Traditionsabbruch genannt. Deshalb berichtet ekir.de in loser Folge von Initiativen und Vorkommnissen, die dem Frust eine Absage erteilen. Und zwar eine klare Absage. Das leuchtende Beispiel heute: die zweijährliche Gemeindeversammlung in der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Bickendorf. Ein Sitzungsprotokoll.

 

Schön lachen, anspruchsvoll lachen, beglückt singen: Chormitglieder aus der Kölner Südstadt. Schön lachen, anspruchsvoll lachen, beglückt singen: Chormitglieder aus der Kölner Südstadt.

Um das Interessanteste vorweg zu nehmen: Die Gemeindeglieder erschienen pünktlich, und zwar an allen fünf Sitzungsterminen. Fünf? Selbstverständlich. Schließlich handelt es sich um eine sehr große Gemeinde, so dass von vornherein mehrere Termine angesetzt wurden.

Zweitinteressantester Punkt: Alle Plätze waren besetzt - was diejenigen nicht überrascht, die wissen, dass die Anwesenheit bei der Gemeindeversammlung pro Person 15 Euro kostet. Ja richtig. Die Anwesenheit, nicht das Fehlen. Die im Gemeindesaal ausgerichtete protestantische Gemeindeversammlung, von manchen auch liebevoll "Prot's-Sitzung" genannt, ist keine Zwangsveranstaltung, sondern eine ausverkaufte Sache. Und das, obwohl das Presbyterium, von manchen auch liebevoll "Scherzkekse aus der Kölner Kirchenszene" genannt, ausgerechnet die fünfte Jahreszeit, also den Kölner Karneval, als Zeitpunkt der Gemeindeversammlung ausgewählt hat.

Drittens ist der protokollarischen Ordnung halber festzuhalten, dass vergessen wurde, zu Beginn über die Annahme der Tagesordnung abstimmen zulassen. Vermutlich war das ein reines Versehen. Jedenfalls erlaubt sich die Protokollantin an dieser Stelle die persönliche Erklärung, dass die Tagesordnung sicherlich einmütig gebilligt worden wäre. Schließlich gab es in dieser Hinsicht weder während noch nach der Gemeindeversammlung Kritik. Aus nonverbalen Bekundungen, von manchen liebevoll Klatschen, Mitsingen und Lachen genannt, dürfte ganz offensichtlich zu schließen sein, dass alle anwesenden Gemeindeglieder den Themen der Gemeindeversammlung zustimmen. Welche Themen? Kirchenaustritt, Geld und protestantisches Profil, Ökumene und Irak-Krieg, schließlich Bewahrung der Schöpfung und Ehrenamt. Noch genauer? Zum Beispiel der Prozess zwischen "ev. Kirche" und "kath. Köln", die Lage der arbeitslosen Engel Rafael und Klaus Dieter und der Auftritt der "Beffchen-Funken".

Bevor das Protokoll bei Punkt elf endet und damit seinen Sinn mit einer symbolischen Zahl erreicht, von manchen liebevoll Karneval genannt, muss an dieser Stelle festgehalten werden: Die Gemeindeversammlung der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Bickendorf zeichnete sich auch in der attraktiven Aufmachung der erschienenen Gemeindeglieder aus: am Sonntag natürlich im besten Putz. Jedenfalls trugen die Gemeindeglieder Hüte, Perücken und Narrenkappen, Rouge, Clownsmasken und Pappnasen, Umhänge, Fracks und Karnevalskostüme.

Fest steht - um an dieser Stelle in ein Ergebnis-Protokoll zu wechseln: Der Prozess zwischen "ev. Kirche" und "kath. Köln" endete mit einem "salomonischen Urteil", wie "Kölnische Rundschau" und "WEG" berichteten. Die Klage von "ev. Kirche", vertreten durch Frau Dr. Demut, und "kath. Köln", vertreten duch Jupp, ging mit einem Kompromiss aus: Protestantinnen und Protestanten, von manchen liebevoll Prot'ser genannt, müssen lebenslänglich Karneval feiern – zusammen mit den Katholiken. Und das, obwohl die Protestanten für die Fertigstellung der Kölner Domtürme mit Hilfe des damaligen Kaisers maßgeblich verantwortlich zeichneten – jedoch bis heute das zentrale Gebäude am Hauptbahnhof nicht einmal nutzen durften. "Nicht für eine Sitzung der Verbandsvertretung, nicht für eine Konfirmandenfreizeit und auch nicht für die Trauung eines schwulen Paares."

Ins Leere ging der Kompromissvorschlag von "ev. Kirche", die Türme für ein protestantisches Bauprojekt in Wuppertal ausgehändigt zu bekommen. Die Gemeindeversammlung quittierte diesen abwegigen Vorschlag mit Absingen eines Lieds: "Mer losse dr Dom in Kölle". Übrigens begleitete eine benachbarte Gemeindemusikgruppe, auch liebevoll "Vogelsang Noise Connection" genannt, alle Liedbeiträge des Abends.

Die Engel Rafael und Klaus Dieter analysierten die irdische Kirchenkrise mit einer Motor-Parabel: Die Abfolge "sündigen, beichten, sündigen, beichten" titulierten sie als "katholischen Zwei-Takter"; der "protestantische Drei-Takter": "taufen, konfirmieren, austreten". Echte Engel wie Rafael und Klaus Dieter belassen es natürlich nicht bei der Analyse, sondern formulieren die Lösung: Dem neuen Präses, "dem tapferen Schneiderlein", schlagen sie das Projekt "EKiR18" vor. Realistisch und FDP-fern wie Engel nun einmal sind, wollen sie damit nicht gleich einen 18-prozentigen Gottesdienstbesuch bewerben, sondern – hochgestochenes Ziel immerhin: pro Sonntag 18 Gottesdienstbesucher.

Mehrfache Auftritte auf der Gemeindeversammlung verzeichnete eine Unternehmensberatung, die manche liebevoll Kirchenkabarett "Klüngelbeutel" nennen. Neben besagtem Domtürme-Prozess bemühte sich die Gruppierung um Entwürfe für den Unterricht im geplanten evangelischen Gymnasium in Köln. Sinnvollerweise zog der "Klüngelbeutel" dafür Ideen aus der EKD-Kampagne 2002. "Sind Fußballer unsere wahren Götter?" Die bibelorientierte Variante beispielsweise erbrachte eine klinisch reine Lehr-Situation als "Koranschule des Kölner Protestantismus". Kritischer die feministische Version, in der nach den "wahren Göttinnen" gefragt wurde und wo die Tore noch zutreffend als "eckig und damit männlich" verurteilt wurden. "Die Tore müssen weg."

Weg muss auch der Irak-Krieg, so ein weiteres Ergebnis der Gemeindeversammlung. Der US-Präsident, der übrigens persönlich während der Sitzung anrief, musste sich sagen lassen, dass die Gemeinde keine Zeit für Krieg hat. Termin-Schwierigkeiten. Diesen Monat schon ausgebucht mit Gemeindeversammlungen, dann ist fast schon Ostern, danach gleich eine Reise nach Berlin zum ersten Ökumenischen Kirchentag, dazwischen noch Gemeindefest. Sorry, Mr. President, keine Zeit, "Gott bless you".

Die Bewahrung der Schöpfung wurde abgehandelt mit Kritik an der Verunreinigung eines größeren Flusses, der in der evangelisch-reformierten Schweiz noch als reiner Rhein entspringt. Doch was wird in Köln daraus gemacht? "Kölnisch Wasser und Kölsch, wobei das eine so stinkt wie das andere schmeckt." Weniger belastend war für die Gemeindeversammlung der Auftritt der "Beffchen-Funken", eine Pfarrer-Tanz-Formation, die unter knappen Mariechen-Röckchen Ausblick auf die ganze Schöpfungpracht der "schönsten Männer-Beine des Evangelischen Stadtkirchenverbands Köln" boten.

Vermerkt sei noch der Tagesordnungspunkt Ehrenamt, übrigens ebenfalls von der kirchennahen Beratungsfirma Klüngelbeutel angeleitet. In wachsender ökumenischer Verbundenheit wurde an dieser Stelle ein Tabu gebrochen: Laien – sie sind in Wahrheit "unprofessionelles Gesinde, theologische Tischfußballspieler". Aus dieser ehrlichen Analyse wurde sogleich eine ökumenische Kampagne zur Ausmerzung des Ehrenamts und zur Reklerikalisierung herausdestilliert. Einer der Slogans: "Amateure ade – Kirche tut weh!" Zu den ganz praktischen Vorschlägen, engagierte Ehrenamtler zu vergraulen, gehörte beispielsweise die vertrocknete Primel als Dank an eine langjährige ehrenamtliche Besuchsdienstleiterin. Auch Erstattungen werden abgeschafft. Stattdessen solls werden wie im Fitness-Center, "da müssen sie auch zahlen, um sich quälen zu lassen".

Zwei Nachträge: Der Verkaufserlös aus den Prot's-Sitzungen geht je zur Hälfte an die Evangelische Jugendwerkstatt Köln-Klettenberg und die Ausländerarbeit der Evangelischen Studierendengemeinden in Köln. Zweitens: Die (früheren) Prot's-Sitzungen sind käuflich - als Buch. Die "Rheinische Karnevalstheologie" vereint zahlreiche Stücke aus Prot's-Sitzungen sowie anderenorts gehaltene karnevalistische Predigten und kostet 12 Euro.

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 10. Februar 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 27. Februar 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.