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Im Wortlaut

Die Geschichte der Zwangsarbeit in der Evangelischen Kirche und die Perspektive der Versöhnung

Rede von Dr. Uwe Kaminsky zur Ausstellungseröffnung im Bundesarchiv Koblenz 22.11.2007

Mir fällt heute die Rolle zu, Ihnen ein wenig über die Herkunft der zu eröffnenden Ausstellung und das Begegnungs- und Versöhnungsprojekt der Evangelischen Kirche im Rheinland zu erzählen.

Ich tue dies gern, da die Bearbeitung des Themas und die Versöhnungsarbeit für mich persönlich eine nie erwartete Chance darstellte, in der historische Forschung eine Praxisrelevanz erzielte, die weit über ein kirchliches Binnenmilieu hinausreichte und menschlche Begegnungen ermöglichte, die ich nicht missen will.

Historische Forschung und Entschädigung

Die Forschungsanstrengungen der letzten Jahre im Feld Zwangsarbeit waren sehr eng mit der Frage nach der spät einsetzenden Entschädigung im Rahmen der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ verknüpft. Hier ist im Gegensatz zur wissenschaftsimmanenten Betrachtung des Themas zu betonen, daß die meisten Projekte zur Erforschung der Zwangsarbeit ohne diesen Hintergrund gar nicht in Erscheinung getreten wären. Auch der große Mitteleinsatz von Kirche und Diakonie wäre ohne die öffentliche Anklage, daß auch Kirche und ihre Diakonie am System der Zwangsarbeit teilgenommen hatten und bisher ihrer Verantwortung gegenüber den ehemaligen Zwangsarbeitern ebenso wenig wie die deutsche Wirtschaft nachgekommen war, nicht zu erklären oder zu rechtfertigen. Die schnell erfolgten Schuldbekenntnisse blieben jedoch formelhaft, kannte man doch kaum eine konkrete Person, an der sich solch eine Beteiligung am Zwangssystem exemplifizieren ließ.

Dies lag wesentlich daran, daß die absolute Zahl der Zwangsarbeitskräfte im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen in Kirche und Diakonie relativ gering war. Nur wenige von ihnen sind nach Ende des Krieges als von den Alliierten „Displaced Persons“ genannte oder seit 1951 in einem Bundesgesetz  als „Heimatlose Ausländer“ bezeichnete Menschen in Deutschland geblieben. Die meisten kehrten in ihre Herkunftsländer zurück, überwiegend in die Ukraine. Die Suche nach überlebenden ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen war jedoch nicht nur eine Aufgabe, die sich unter moralischen Gesichtspunkten aufdrängte, sondern sie versprach auch Belege für die historische Erforschung zu liefern und den recherchierten Namen und Zahlen Gesichter zu geben.

Die Suche nach überlebenden Zwangsarbeitskräften aus dem Bereich der Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie im Rheinland

Bereits bei den Recherchen nach individuellen Schicksalen im Rahmen des von mir durchgeführten historischen Projektes zum Thema Zwangsarbeit kam die Frage auf, wie mit den allein schon aus Gründen der Dokumentation gesuchten Kontakten zu Überlebenden der Zwangsarbeit in kirchlichen Einrichtungen umgegangen werden sollte. Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland beschloß am 27. April 2001 über die allgemeine Zustiftung der Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie  zur Bundesstiftung für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ("Erinnerung, Verantwortung und Zukunft")- in Höhe von 10 Millionen DM – hinaus ein Begegnungs- und Versöhnungsprojekt zu initiieren, das die Verschleppung hunderttausender Menschen aus den von der deutschen Wehrmacht okkupierten Ländern in Osteuropa in Erinnerung halten, dokumentieren und gleichzeitig Lernfelder für zivilgesellschaftliche Prozesse eröffnen sollte.

Die Suche nach Anschriften von Überlebenden gestaltete sich allerdings schwierig. Zwar lag aus dem historischen Projekt bald eine Liste mit rund 450 Namen ehemaliger Zwangsarbeiter vor, doch erfolgte keine Rückmeldung von den Partnerstiftungen der Bundesstiftung mit Ausnahme der polnischen Stiftung. Zusammen mit der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste wurde im Sommer 2001 die systematische Suche nach Anschriften von Überlebenden, besonders im Hinblick auf das damalige Hauptrekrutierungsgebiet für Zwangsarbeiter, die Ukraine, begonnen. Bis zum Frühjahr 2002 bestanden nach mühsamer Suche mit Hilfe der Ukrainischen Nationalstiftung für „Verständigung und Aussöhnung“ Kontakte zu 18 ehemaligen Zwangsarbeitern von Einrichtungen der Evangelischen Kirche im Rheinland. Diese Menschen wohnten verstreut über die gesamte Ukraine, was es unmöglich machte, sie im Rahmen einer Reise zu besuchen, um einen persönlichen Kontakt herzustellen. So wurden zunächst Briefe ausgetauscht und erste Erfahrungsberichte eingeholt. Parallel bestand bei den betroffenen Einrichtungen von Kirche und Diakonie im Rheinland das Bedürfnis, den ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine materielle Nothilfe zu gewähren, dies übrigens im Einklang mit einem Beschluß des Rates der EKD vom November 2000. Diese Hilfen sollten neben den Entschädigungszahlungen ausgezahlt werden, die seitens der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ an die ehemaligen Zwangsarbeiter erfolgen werden. In diesem Zusammenhang ist zudem zu betonen, daß insbesondere Menschen die in der Landwirtschaft und Hauswirtschaft gearbeitet haben, in den meisten Staaten Osteuropas nur über eine sogenannte „Öffnungsklausel“ Geld erhalten, da sie in der Hierarchie der Opfergruppen gegenüber KZ-Häftlingen oder in großen Lagern von Industrie oder Kommunen festgehaltenen Zwangsarbeitern als weniger schwer betroffen gelten. Angesichts der großen Zahl der Anspruchsberechtigten erhielten sie z.B. in der Ukraine nurmehr rund 760 Euro statt der ursprünglich veranschlagten 5.000 DM und dies auch erst spät, sofern andere Opfergruppen vorher bereits bedient sind.

Die Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Kiew

Die ehemaligen Zwangsarbeiter wurden von der Evangelischen Kirche im Rheinland zusammen mit Vertretern der diakonischen Einrichtungen zu einem Besuch im Herbst 2002 nach Kiew eingeladen. Dabei ging es um ein gegenseitiges Kennenlernen, eine materielle Nothilfe und die während der Kriegsjahre in Deutschland gemachten Erfahrungen. Die Suche nach Kooperationspartnern vor Ort im Rahmen des geplanten Begegnungs- und Versöhnungsprojekts ließ es geraten erscheinen, daß Vertreter der Evangelischen Kirche und diakonischer Einrichtungen nach Kiew reisten, um Kontakte mit möglichen Kooperationspartnern herzustellen und die ehemaligen Zwangsarbeiter zu treffen. Von den 18 eingeladenen ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus der Ukraine kamen acht mit je einer Begleitperson nach Kiew. Sie hatten ausführliche Lebensberichte über die Umstände ihrer Verschleppung, ihre Erfahrungen in den diakonischen und kirchlichen Einrichtungen, Fotos und andere Materialien mitgebracht.

In Einzelinterviews erzählten die teilweise hochbetagten und gesundheitlich stark angegriffenen sieben Frauen und ein Mann, nicht nur, was ihnen in den Jahren 1942 bis 1945 widerfahren ist. Die Interviews waren lebensgeschichtlich angelegt und schnell wurde klar, daß die angedachte Fokussierung auf die NS-Zeit den Erfahrungen der Befragten auch in keiner Weise entsprochen hätte. Insbesondere die erlebten Diskriminierungen, nach der Rückkehr in die Sowjetunion als vermeintliche Kollaborateure mit den Deutschen angesehen zu werden, haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.

Die Geburtsdaten der Interviewten liegen zwischen 1921 und 1927. Sie waren im jugendlichen Alter zur Arbeit nach Deutschland gezwungen worden, entwickelten massive Ängste angesichts der Trennung von der Herkunftsfamilie und dachten, "nie wieder in die Heimat zurück zu kommen".

Alle, bis auf den bereits verstorbenen Mann, der in der Landwirtschaft eines Zweigbetriebes der damaligen Diakonie Bad Kreuznach beschäftigt war, arbeiteten im Hauswirtschaftsbereich evangelischer Krankenhäuser oder Heime im Rheinland, konkret in Saarbrücken, Trier, Ehringshausen/Wetzlar, Düsseldorf, Mülheim/Ruhr und Orsoy (bei Duisburg). Weitere ehemalige Zwangsarbeiter, mit denen im Vorfeld Briefe ausgetauscht wurden, sind aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen.

In den praktischen Erwägungen zur Oral History ist es mittlerweile hinlänglich bekannt, daß sich Interviewpartner oft offen und bewußt oder aber unbewußt an den mitgebrachten gegenseitigen Erwartungen orientieren. Nicht zuletzt von der Interaktionstheorie inspirierte Studien haben diesen Aspekt der Kommunikationssituation für die Interviewgestalt jüngst noch einmal betont. Die Erwartung, daß die deutschen Gesprächspartner Berichte von der Zeit in Deutschland hören wollten, ließ viele ganz unvermittelt bereits beim ersten Kontakt über diese Zeit etwas sagen wollen. Demjan Saborotnev hatte sich sogar einen kleinen Merkzettel gemacht, der es ihm ermöglichen sollte, einen förmlichen Gesprächseinstieg mit einem Dank für die Einladung beginnen zu lassen. Fast alle hatten zur Strukturierung ihrer Erzählung, aber auch zur Bekräftigung ihrer Lebensgeschichten Dokumente und Fotos mitgebracht, die sie zeigten und zur Verfügung stellten. Die Interviews fanden in einer Atmosphäre der doppelten Dankbarkeit statt. Die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter dankten dafür, nicht vergessen worden zu sein, und die deutsche Delegation war für den persönlichen Kontakt und die Gelegenheit, Einsicht in das Leben der Menschen nehmen zu können, ebenfalls sehr dankbar.

Bei den Interviews mit den ehemaligen Zwangsarbeitern stand die Phase der Zwangsarbeit aufgrund der beschriebenen Vorerwartungen und der erhofften Gewährung einer humanitären Unterstützung im Vordergrund. Deshalb strukturierten sich die Interviews auch um diese lebensgeschichtliche Phase herum, die allerdings je nach dem individuell erlebten Schicksal eine sehr unterschiedliche Bedeutung für die gesamte Lebensgeschichte gehabt hat.

Die Deportation, der unmenschliche, z.T. wochenlange Transport in einem geschlossenen Viehwaggon nach Deutschland war für alle traumatisch. Die Erfahrungen der Minderberechtigung und Diskriminierung vor Ort waren dagegen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Oft wurde das Erlebnis der nationalsozialistischen Repression von der Erfahrung der stalinistischen Repression, den besonderen Gewalterfahrungen gegen Frauen (wovon mehrere Interviewpartnerinnen erzählten), den Entwürdigungen in den Filtrierungslagern oder den Berufs- und Aufenthaltsverboten überlagert, welche die ehemaligen Zwangsarbeiterinen und Zwangsarbeiter in der Zeit der Sowjetunion zu erdulden hatten. Die gesellschaftliche Unsicherheit und der Verlust selbst der bescheidensten privaten Ersparnisse in der Umbruchzeit der letzten 15 Jahre nach der Unabhängigkeit der verschiedenen GUS-Staaten bewirkte zudem ein tiefes Mißtrauen gegenüber einheimischen Strukturen, sei es staatliche Verwaltung, ukrainische Partnerstiftung der Bundesstiftung oder aber auch den Kirchen. Die zunächst nicht erfolgte Entschädigung und schließlich die im Rahmen der Bundesstiftung möglich gewordene einmalige Zahlung für die in Deutschland geleistete Zwangsarbeit gewann für die Betroffenen vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung. Diese und auch freiwillige Geldzahlungen wie seitens der Evangelischen Kirche im Rheinland stellten eine regelrechte Überlebenshilfe in der für viele derzeit schwierigen Situation dar.
Die Lebensgeschichten sind subjektive Rekonstruktionen einer vergangenen Wirklichkeit. Hier haben sie ihre Berechtigung und ihre Begrenzung. Sie sind nicht nur an die unterschiedlich ausgeprägten Gedächtnisleistungen der einzelnen geknüpft, sondern unterliegen auch kollektiven Erzähl- und Erinnerungsmustern. Als historische Quellen sind sie genauso kritisch zu befragen wie Schriftdokumente. Dies bleibt zu betonen im Gegensatz zu einer oft anzutreffenden, allzu vereinfachten Sicht der vermeintlichen Stimmen aus der Vergangenheit. Die Interviews - teilweise sind Passagen daraus in der Ausstellung zu lesen - wurden in ihrer deutschen Übersetzung im Januar 2003 in einer Broschüre publiziert, die insbesondere zur Dokumentation und vorbereitenden Bildungsarbeit für einen Gegenbesuch im April 2003 und das Begegnungs- und Versöhnungsprojekt der Evangelischen Kirche und ihrer Diakonie im Rheinland Verwendung fand.

Die Rückbegegnung im Rheinland im April 2003

Diese Rückbegegnung im April 2003 im Rheinland förderte das gegenseitige Vertrauen und Verständnis Die Menschen sollten an die Orte ihrer damaligen Zwangsarbeit kommen, diese in ihrer neuen Gestalt und durch eine neue Generation diakonischer Mitarbeitender kennenlernen und die Chance haben, ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wieder zu treffen. Der erste Tag war vom tragischen Todesfall des sehr krank angereisten ehemaligen Zwangsarbeiters Gregori Doluda überschattet. Dies war ein Umstand, der alle Beteiligten daran mahnte, dass die Menschen, um deren Anerkennung und materielle Unterstützung es geht, sehr alt und gebrechlich sind, nicht selten altersbedingt – und manchmal auch aufgrund der in Deutschland verrichteten Zwangsarbeit – an Krankheiten leiden und zum Teil an der Grenze ihrer physischen Belastbarkeit an einer solchen Reise teilnehmen.

Eine Folge dieses Besuches war die verstärkte Anstrengung der Evangelischen Kirche im Rheinland für eine medizinische und psychosoziale Versorgung der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. So wurde ein bereits während des Besuches 2002 in Kiew überlegtes Projekt der Medikamentenhilfe beschleunigt auf den Weg gebracht. Zudem gelang es, in Verbindung mit der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste eine Koordinationsstelle in Kiew einzurichten, die seit Anfang 2004 mit ihren Freiwilligen auch Besuche und Hilfen zu den von Zwangsarbeit Betroffenen bringt.

Die Ausstellung der Schüler/innen des Berufskollegs der Kaiserswerther Diakonie

Während des Besuches im Rheinland hatte eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Berufskollegs der Kaiserswerther Diakonie mit Hilfe vorbereiteter Materialien und selbst recherchierten Materials eine Ausstellung über die Schicksale der Zwangsarbeiter/innen gezeigt. In der Folge vereinbarten die Auszubildenden mit verschiedenen Gästen eigenständige Interviews, die dann in die Ausstellung Eingang fanden. Diese Interviews machten den ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen das Interesse der jungen Schülerinnen und Schüler an ihrem Schicksal deutlich. Dabei ging es im Wesentlichen um die Hintergründe der Zwangsarbeit und die Erlebnisse in der NS-Zeit. Dies wurde von den Schülerinnen und Schülern an den einzelnen Biographien der Ukrainerinnen und Ukrainer verdeutlicht, die an den bisherigen Begegnungen teilgenommen hatten.

Was hierbei jedoch fehlte, von den Betroffenen in den Interviews jedoch mit Vehemenz und in grosser Breite immer wieder angesprochen wurde, war die Fortsetzung der eigenen Lebensgeschichte in der damaligen Sowjetunion und den GUS-Staaten bis heute. Das eigene Überleben wurde bei den interviewten ehemaligen Zwangsarbeitern sehr viel stärker durch das Erlebnis neuer Diskriminierungen, durch die Verkennung des eigenen Schicksals in der Heimat und eine als mangelhaft empfundene Fürsorge bestimmt. Die hier gemachten Erfahrungen nahmen in den Interviews oft einen breiteren Raum ein als die Erlebnisse im nationalsozialistischen Deutschland. Häufig relativierten sie die in Deutschland gemachten Erfahrungen von Diskriminierung und Unrecht sogar, was bei ihnen einen manchmal verklärten Blick auf die Zeit in Deutschland zurück ließ. Hier schien es geboten, sich verstärkt diesen Teilen der Lebensgeschichten in der Zeit der Sowjetunion und nach den Umbrüchen in Osteuropa zuzuwenden, um dadurch die Erfahrungsaufschichtung bei den Einzelnen und letztlich auch die mitgeteilten Erinnerungen über die Zeiten der Zwangsarbeit in Deutschland besser verstehen zu können. Zudem gilt, dass eine Lebensgeschichte nur in ihrer ganzen Gestalt zu deuten ist und eine nur lebensphasenbezogene Wahrnehmung den Menschen nicht gerecht wird.

So entschloss man sich einen Versuch zu machen, die Ausstellung der Schülerinnen und Schüler in übersetzter Form in die Ukraine zu bringen, sie dort in einem Workshop mit einer Gruppe deutscher und ukrainischer Schüler/innen bzw. Student/innen unter Mitarbeit der ehemaligen Zwangsarbeiter/innen zu ergänzen und dann an einem öffentlichen Ort zu zeigen. Im Hintergrund stand dabei die Rückmeldung aus der Ukraine, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter/innen in der Öffentlichkeit nur als Begünstigte der Transferzahlungen der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ erscheinen, ihr Schicksal jedoch nach wie vor als vergleichsweise geringfügiger Nachteil für ihr weiteres Leben gilt. Gerade bei jungen Menschen in der Ukraine ist das historische Bewusstsein für die Nöte und erlittenen Demütigungen der zur Zwangsarbeit verschleppten alten Menschen oft nicht besonders ausgeprägt. In Deutschland wiederum existiert ebenso nur ein geringes Wissen über die Situation in der ehemaligen Sowjetunion und den GUS-Ländern.

Das Ergebnis dieser kooperativen deutsch-ukrainischen Anstrengung ist die Ihnen hier präsentierte Ausstellung. Sie wurde erstmals im Frühjahr 2005 in Kiew in einer mehrere Tage und Nächte umfassenden Aktion erstellt. Seitdem wandert sie durch die Ukraine ist dort bereits an verschiedenen Orten gezeigt worden (aktuell und parallel in Sumy).

Wie geht es weiter?

Es gibt weiterhin medizinische Nothilfe und das Besuchsprogramm. Im Frühjahr hatten wir im Rheinland Besuch von allerdings nur noch zwei ehamligen Zwangsarbeiterinnen. Die anderen sind mittlerweile entweder bereits gestorben oder aber krank. Ein Zwangsarbeiter, der auch in der Ausstellung genannte Demjan Saborotnev erhielt gerade im letzten Monat eine lebensrettende Operation in dem Evangelischen Krankenhaus in Mülheim/Ruhr, in dem er zur Zwangsarbeit eingesetzt gewesen war.

Doch sollte angesichts des absehbaren biologischen Endes der noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter die Perspektive eines Versöhnungsprojektes weiter führen. Leider sind hier auch die Fördermöglichkeiten seitens der Bundesstiftung mittlerweile wettbewerbsmäßig beschränkt.

Am Beispiel der Teilnahme am System der Zwangsarbeit, das sich im NS-Staat während der Kriegszeit herausgebildet hat, ist deutlich geworden, daß auch Kirche und ihre Diakonie bis in kleinste eigene Einrichtungen hinein von der deutschen Besatzungsherrschaft in fremden Ländern profitiert haben. Die nach Deutschland deportierten ausländischen Arbeitskräfte waren die sichtbaren Zeichen einer Herrschaftspraxis, die in den betroffenen Ländern zu Völkermord und Verwüstung führte. Im Sinne eines Versöhnungsprojektes gilt es, angefangen bei den direkt Betroffenen, soziale Fürsorge und zivilgesellschaftliche Strukturen und Prozesse zu fördern. Die Wege zu einem längerfristigen Engagement, das sich dann auch von den nicht mehr lange lebenden Opfern lösen sollte, sind alles andere als klar. Hier ist Phantasie in Kirche und Diakonie gefordert, um eine überfällige soziale Verpflichtung einzulösen.

Weiterführende Literatur:
Uwe Kaminsky, Dienen unter Zwang. Studien zu ausländischen Arbietskräften in Evangelischer Kirche und Diakonie im Rheinland während des Zweiten Weltkriegs, (2. Auflage) Bonn 2002
Jörn-Erik Gutheil/Uwe Kaminsky (Hg.), „Ich weiß die Namen nicht mehr...“. Deportation – Zwangsarbeit – Rückkehr. Begegnungen mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen in der Ukraine, Wuppertal 2002
Jörn-Erik Gutheil/Uwe Kaminsky (Hg.), „Dass Sie sich an uns erinnern und nach uns gesucht haben...“. Erinnern, Suchen, Begegnen. Eine Schüler-Ausstellung als Beitrag des Begegnungs- und Versöhnungsprojektes der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf 2006

 

 

 

22.11.2007

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 30. November 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 30. November 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.