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"Die Unvollendete"

Impulsreferat Heinz-Georg Ackermeier

Es gilt das gesprochene Wort!

Geschlechtergerechtigkeit – Eine Wesensäußerung von Kirche

1. Biblisch-theologische Grundlagen
Geschlechtergerechtigkeit – Wesensäußerung von Kirche? Ich sehe das Stirnrunzeln und die innere Abwehrhaltung bei verschiedenen Zeitgenossen in Kirche und Gesellschaft. Eigentlich sei ja dagegen nichts zu sagen – nur heute seien doch andere Herausforderungen dringlicher – zum Beispiel der Klimawandel und die gerechte Verteilung der finanziellen Konsequenzen zwischen Industrie-, Schwellen-, und Entwicklungsländern. Oder der demografische Wandel und die damit verbundene Herausforderung der Generationengerechtigkeit. Oder die Finanzkrise… oder … oder, oder…
Geschlechtergerechtigkeit – eine kirchliche Wesensäußerung nur für politische und wirtschaftliche Schönwetterperioden? Die Bibel spricht hier eine deutlich andere Sprache – so zum Beispiel in Gen. 1,27: „Da schuf Gott die Menschen als göttliches Bild. Als Bild Gottes wurden sie geschaffen – männlich und weiblich hat Gott sie geschaffen.“
Zwei Aspekte sind hier konstitutiv. Mann und Frau sind gleichwertig. Damit ist jede Form geschlechtlicher Unterordnung oder Überordnung ausgeschlossen. Dieser Aspekt ist für die Bibel grundlegend und nicht von politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Schönwetterperioden abhängig. Gleichwertig – und das ist der zweite Aspekt – heißt aber nicht gleich. Zugespitzt könnte man sagen: Am Anfang steht der Unterschied. Gott schuf keine Einheitsmenschen, sondern er schuf Mann und Frau. Die Konsequenz daraus ist zunächst einmal, die Lebensentwürfe und Lebenserfahrungen von Frauen und Männern in ihrer Unterschiedlichkeit auszuhalten und ehrlich zu thematisieren.
Allerdings: Die biblischen Texte schreiben die Verschiedenheit von Mann und Frau nicht einfach als Status Quo fest. Sie stellen diese Verschiedenheit unter die umfassendere Perspektive der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit meint dabei keinen Idealzustand, sondern eine Bewegung, die als kritisches Korrektiv den jeweiligen Status Quo überprüft: Wo und wodurch werden Lebensinteressen von Frauen und Männern unterdrückt und können Lebensentwürfe nicht realisiert werden?
Geschlechtergerechtigkeit als Wesensäußerung von Kirche versteht sich als Prozess in dieser Spannung von Gleichwertigkeit und Verschiedenheit.
2. Männerbewegungen
Wie sieht dieser Prozess aus Männersicht aus? Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?
Ich beziehe mich dabei auf die neue Männerstudie der Männerarbeit der EKD und der Gemeinschaft der katholischen Männer Deutschlands mit dem Titel „Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland“, die im vergangenen Jahr erschien. Sie ist eine repräsentative Befragung von 1470 Männern und 970 Frauen zu verschiedenen Bereichen wie beispielsweise Arbeit, Familie, Umwelt, Religion und Kirche.
Aus Zeitgründen kann ich nicht detailliert auf die Studie eingehen und daher fasse ich einige Ergebnisse eher plakativ zusammen:
- Wertschätzung der Frauenemanzipation: plus 7 %
- Zustimmung zur gemeinsamen Haushaltsführung: plus 5 %
- Frauen können besser Kinder aufziehen: minus 11%
- Kleinkinder leiden unter der Berufstätigkeit der Mutter: minus 18 %

Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Angesichts der gestiegenen Bedeutung der Vaterrolle haben auch Männer ein Vereinbarkeitsproblem von Familie und Beruf, das m. E. nicht nur individuell angegangen werden kann, sondern auch eine politische Herausforderung darstellt.

Etwas ausführlicher gehe ich abschließend noch auf den Bereich „Religion und Kirche“ ein:
„Kirchen sind für viele Männer exotischere Orte geworden als die entlegensten Szenekneipen. Wenn überhaupt, dann haben die meisten Männer eine Kirche zum letzten Mal wegen ihrer Kinder betreten, vielleicht waren auch noch eine Hochzeit oder eine Beerdigung der Anlass… Vermutlich jedes Mal ein etwas bizarres und fremdes Erlebnis. Die gehörten Begriffe klangen merkwürdig nach Vergangenheit und schienen mit ihrem eigenen Leben wenig bis gar nichts zu tun zu haben.“ (Peter Modler, für Wanderer und Krieger, Männergebete, Freiburg 2004, Seite 9 f.). Diese Einschätzung aus dem Jahr 2004 war typisch, wenn in den vergangenen Jahren etwas zum Thema „Männer und Kirche“ gesagt wurde. Damit war oft die These verbunden, Männer seien „Spirituell“ nicht so veranlagt wie Frauen (vergl. die drei K’s: Kinder – Küche – Kirche). Männer – Kirche – Spiritualität – Glaube: Das schien einfach nicht zusammen zu passen. Die Studie von 1998 schien das auch auf den ersten Blick zu bestätigen: Je moderner, desto kirchendistanzierter. Die neue Studie zeigt dem gegenüber deutliche Veränderungen auf. Die Selbsteinschätzung von Männern und Frauen bezüglich ihrer Religiosität sieht im Vergleich und in der Entwicklung so aus:
1998 bezeichnen sich 37% der Männer und 53% der Frauen als religiös.
2008 sind diese Prozentzahlen bei den Männern auf 39% leicht gestiegen, bei den Frauen auf 43% deutlich gefallen. Das bedeutet, dass sich Männer und Frauen in dieser Frage angenähert haben. Das bedeutet aber auch, dass die These, Männer seien weniger spirituell als Frauen, in dieser Absolutheit so nicht mehr zu halten ist. Männer haben allerdings einen anderen Zugang zu Spiritualität und Glauben.
Zwei weitere Teilergebnisse bestätigen die genannten Veränderungen: Auf die Frage, ob der Glaube für Männer bei der Bewältigung ihrer Lebenskrisen eine Bedeutung habe, antworten zweieinhalbmal so viele Männer wie in 1998, dass dies so ist. Die Steigerung von 14% auf 33% ist schon erheblich
Auffällig ist auch die Steigerung bei den modernen Männern von 2% auf 20%.
Ein zweites Teilergebnis betrifft die Kirchenverbundenheit und – bei Nichtmitgliedern die Kirchensympathie. Sie lag vor 10 Jahren bei 16% bei den Männern und ist auf 29% gestiegen, bei den Frauen von 24% auf 28%. Auf weitaus niedrigerem Niveau war die Entwicklung der Kirchensympathie bei den Konfessionslosen von 3% auf 11%.
Als Ergebnis können wir festhalten: Kirche hat bei den Männern an Ansehen gewonnen. Allerdings – und das ist aus einer anderen Studie von 2005 zur Sinnfrage bei kirchenfernen Männern bekannt - wollen Männern keine Bevormundung, sondern einen Dialog auf Augenhöhe, der ihre eigene weltanschauliche Kompetenz ernst nimmt. Nach meiner Einschätzung wird der Knackpunkt in diesem Dialog wahrscheinlich die Gottesfrage sein.
Wie dem auch sei: Die Ergebnisse der Studie sind eine deutliche Aufforderung an die Kirche, der Arbeit mit Männern genügend Raum zu geben und diese Arbeit angemessen mit Geld und Personal auszustatten.
Das heißt konkret danach zu fragen:
-welche Mittel werden für welche Arbeitsbereiche zur Verfügung gestellt?
-welche Beteiligungsformen gibt es für Männer und insbesondere für Väter?
-gibt es differenzierte Angebote und Erfahrungsräume für die Entwicklung einer männlichen Spiritualität und für die kritische und selbstkritische Reflexion der Männerrolle?
3. Diskussionskultur und Strategien
Welche Erfahrungen gibt es bezüglich der Diskussionskultur im Zusammenhang unseres Themas? Ich provoziere mit drei Schlaglichtern:
a) 20. März 2009
Im Rahmen der Tagung „20 Jahre Bad Krozingen – Bilanz der Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche“ hält Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann das Grundsatzreferat aus Frauensicht. Der sachliche Ton ihres Referats verändert sich in ironisch-spöttische Sprache, als sie die neue Männerstudie thematisiert. Männer in Bewegung? Schön wär’s ja – aber wo sind sie – von wenigen Ausnahmen abgesehen! Tenor dieser Passage des Vortrags – von mir etwas zugespitzt formuliert: Kommt erstmal auf breiter Basis so richtig in Schwung und Bewegung, damit wir euch wirklich als solche wahrnehmen und ernst nehmen können
b) Artikel von Renate Jost, Professorin für feministische Theologie in Neuendettelsau zu „20 Jahre Bad Krozingen“, veröffentlicht in: Zeitzeichen, Oktober 2009
Sie spricht kurz in einem Satz die Veränderungen bei den teiltraditionellen Männern an und erwähnt in einem zweiten Satz die Vaterrolle folgendermaßen: Mittlerweile habe ein Teil der Männer ihre Bedeutung für ihre Kinder erkannt. Allerdings würden sich viele noch sträuben, die Versorgung kranker und alter Angehöriger zu übernehmen. Auf diesem Hintergrund sei es zu begrüßen, dass Frauen- und Männerarbeit im Evangelischen Zentrum zusammenarbeiten, um ein flexibleres Rollenbild voranzubringen.
c) FR vom 02.11.2009
Kolumne „Männerpolitik? Zum Teufel damit!“
Die Autorin nimmt nicht Bezug auf die Studie, sondern auf die Koalitionsvereinbarung. Ihr Tenor: Männer könnten sich verändern – aber sie wollen nicht, von einigen Musterexemplaren abgesehen. Der Tenor ist deutlich schärfer als bei Margot Käßmann, aber durchaus vergleichbar.
Ich fasse zusammen:
Männer in Bewegung – das ist nach der Meinung der zitierten Frauen kaum wahrnehmbar und wenn, dann ist es gut, dass es im Evangelischen Zentrum Nachhilfe gibt.
Ob diese Diskussionskultur und die männlichen Reaktionen darauf angesichts der politischen Herausforderungen hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln. Das Beispiel einer solchen männlichen Leserbriefreaktion auf den FR-Artikel bestärkt mich dieser Annahme. Der Leserbriefschreiber meint: „Da stellt sich natürlich auch die Frage, weshalb Frauen, trotz jahrzehntelanger, millionenschwerer Förderung, die grandiosen Leistungen, die überragenden Erfindungen oder wenigstens den Männern gleichwertige Arbeit so sehr vermissen lassen. Bringen sie es einfach nicht? Leben Frauen dank eines Männerausbeutungsgens?“
Ein weiteres Beispiel ist der Soziologe Gerhard Amendt, der im vergangenen Jahr forderte, Frauenhäuser nicht mehr zu fördern, da sie ein Ort des Männerhasses und aufgrund ihrer Ideologie vom Mann als dem Feind aller Frauen nicht fähig seien, professionell zur Konfliktlösung beizutragen. Wir haben als Männerarbeit der EKD in einem offenen Brief kritisch Stellung genommen und seine Position als kurzschlüssig und unverantwortlich zurückgewiesen.
Demgegenüber versuche ich, abschließend in drei Thesen meine Perspektiven einer konstruktiven Strategie zu skizzieren:
1. Eine Perspektive, die die Trennlinie nach wie vor generell zwischen den Männern und den Frauen zieht und großzügig männliche Ausnahmeerscheinungen konzertiert bleibt einem mechanistischen Verständnis der Geschlechterbeziehungen verhaftet. Als Analyseinstrument mag es hilfreich sein. Als strategisches Instrument muss es weiterentwickelt werden zu einem systemischen Verständnis der wechselseitigen Beziehungen. Dies ist auch politisch angesagt. Denn die Linie verläuft nicht mehr zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen den Männern und den Frauen, die Veränderung bejahen und praktizieren, und den Bremserinnen und Bremsern.
2. Dass es sich hier um eine gemeinsame politische Herausforderung handelt, macht unsere Studie unmissverständlich deutlich: Es geht um die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten zwischen Frauen und Männern. Das teiltraditionelle Lager der Frauen hat sich in den letzten 10 Jahren fast halbiert. 27% teiltraditionelle Männer finden nur noch 13% teiltraditionelle Frauen vor. Auf der anderen Seite haben 32% moderne Frauen nur 19% Männer zur Verfügung.
Der starke Überhang an modernen Frauen könnte dazu führen, dass sich entweder der Druck auf die Männer erhöht oder aber sich die Entwicklung der Frauen verlangsamt. Damit ist zugleich die Frage verbunden, wer an welcher Entwicklung Interesse hat und wie sich Kirche in diesem Zusammenhang positioniert.
3. Es ist vielleicht verständlich, dass frau diese unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten ironisch kommentiert und sich selbstgerecht zurücklehnt. Politisch angesagt ist etwas anderes: Strategische Koalitionen zwischen Männern und Frauen, die den Prozess der Geschlechtergerechtigkeit vorantreiben.
Das hat nun überhaupt nichts mit einem Gender-Einheitsbrei zu tun. Im Gegenteil: Strategische Koalitionen setzen geschlechtsspezifische und parteiliche Arbeit voraus. Die Kirche tut gut daran, die dafür notwendigen finanziellen Mittel und personellen Ressourcen bereit zu stellen.

ekir.de / 27.04.2010