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Einrichtungsleiter Oskar Dierbach mit dem Ehepaar Gertrud und Wilfried Wanners.

Einrichtungsleiter Oskar Dierbach mit dem Ehepaar Gertrud und Wilfried Wanners.

Stationäre Altenpflege

Vom Seniorenheim zurück nach Hause

Wer im Alter nach einem Sturz, Schlaganfall oder Herzinfarkt ins Pflegeheim kommt, bleibt dort meistens bis zum Tod. Dass es auch anders geht, zeigt die Evangelische Altenhilfe Mülheim an der Ruhr. Sie macht alte Menschen wieder fit für ein Leben zu Hause - und das klappt bei rund einem Viertel der Bewohnerinnen und Bewohner.

Die Musik hat in Gertrud Wanners den Ehrgeiz geweckt, wieder gesund zu werden. "Wenn ich abends in meinem Zimmer lag und mir die Strophe zu einem Kirchenlied nicht mehr einfiel, habe ich vor Wut auf die Bettdecke gehauen", erzählt sie. "Aber am nächsten Tag konnte ich mich erinnern, wenn wir das Lied gemeinsam in der Gruppe gesungen haben."

Im April 2017 war Gertrud Wanners nach einer Hirnblutung ins Krankenhaus, dann in eine Reha und schließlich in das Pflegeheim "Haus Ruhrgarten" der Evangelischen Altenhilfe Mülheim gekommen. Kraftlos, verzweifelt und ängstlich im Rollstuhl liegend sei sie dort erschienen, sagt Pflegekraft Kornelia Rawe.

Schritt für Schritt hat sie Gertrud Wanners damals zurück in ein selbstständiges Leben begleitet. Mit viel Geduld, Musik-, Bewegungs- und Lichttherapie sowie deutlich weniger Medikamenten war die Seniorin nach zehn Monaten so fit, dass sie wieder zu ihrem Mann in das eigene Haus ziehen konnte.

Rund ein Viertel geht zurück nach Hause

Gerne erzählt Gertrud Wanners ihre Geschichte, die in vielen anderen Pflegeheimen vermutlich anders ausgegangen wäre. Jetzt konnte sie davon sogar dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann berichten.

Er war kürzlich zu Besuch im Haus Ruhrgarten, um sich das innovative therapeutische Pflegekonzept mit rehabilitativen Anteilen der Evangelischen Altenhilfe Mülheim anzusehen. Es wurde von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) und den Pflegekassen fachlich und politisch eng begleitet.

Daher hatte die Einrichtung gemeinsam mit der Diakonie RWL zu einem Fachgespräch mit dem Minister eingeladen. "Mit einem solchen therapeutischen Ansatz können wir die Pflege attraktiver machen", lobte Laumann. Immerhin entlässt die Evangelische Altenhilfe Mülheim jährlich rund ein Viertel ihrer Bewohnerinnen und Bewohner wieder in die eigene Häuslichkeit.

Ein therapeutisches Pflegeheim für jede Stadt

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann verwies darauf, dass es möglichst in jeder Stadt NRWs ein Pflegeheim geben sollte, das ähnlich wie die Altenhilfe Mülheim arbeitet. "Es berücksichtigt den Wunsch alter Menschen nach möglichst großer Selbstständigkeit, spart letztlich aber auch Kosten."

Im Fachgespräch einigten sich Einrichtung, Kostenträger und der Minister darauf, dass das besondere Konzept der Altenhilfe Mülheim in einem ersten Schritt als Modellprojekt erprobt und wissenschaftlich begleitet werden sollte.

Auf dem Weg zum Modellprojekt

Der Minister versprach, dies zu prüfen. Das Konzept flächendeckend einzuführen, sei aber nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch des Personals, betonte Laumann. Die Einrichtung mit 113 Betten in zwei Häusern hat einen höheren Pflegeschlüssel. "Aber wir sagen, es rechnet sich, weil jeder, der wieder nach Hause geht, weniger Pflege braucht als andere", erklärte Dierbach.

Zudem gibt es deutlich weniger Krankenhausaufenthalte der Bewohnerinnen und Bewohner als in anderen Einrichtungen. "Hier werden die Menschen nicht verwahrt und erst recht nicht aufgegeben", sagte Ludger Euwens von der AOK Rheinland/Hamburg. "Das ist teuer, aber es ist den Preis wert." Auch räumlich sind die beiden Pflegeeinrichtungen der Altenhilfe, Haus Ruhrgarten und Haus Ruhrblick, so gestaltet, dass ältere Menschen sich dort wohlfühlen und schneller gesund werden können.

Viel Licht und Bewegung, wenige Medikamente

Lichtdecken fördern die Vitalität, stabilisieren den Tag-Nacht-Rhythmus, so dass der gesunde Nacht-Schlaf oft ohne Medikamentengabe möglich ist. Individuelle Bewegungstrainings fördern die Mobilität. Es gibt sogar spezielle "Muckibuden". Selbst die Gartenanlage ist nach bewegungstherapeutischen Gesichtspunkten gestaltet.

Für Demenzkranke findet das Leben in familienähnlichen Kleingruppen statt. Die Pflegekräfte werden von einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Psychotherapeuten und einem Apotheker unterstützt. Stets ist eine Pflegekraft abrufbereit, um mit einer Bewohnerin oder einem Bewohner spontan an der Genesung zu arbeiten. So wird nicht nach dem Terminplan der Pflegekräfte und Physiotherapeutinnen und -therapeuten mobilisiert, sondern wenn die Bewohnerinnen und Bewohner  "einen guten Moment" dafür haben. Zu den therapeutischen Zielen gehört es auch, möglichst wenige Medikamente zu verabreichen.

Kein Fachkräftemangel dank gutem Konzept

Doch nicht nur die alten Menschen, auch die Pflegekräfte profitieren von dem Konzept. "Wenn sie erleben, dass Menschen durch ihre Pflege wieder mobil werden und sogar nach Hause entlassen werden können, motiviert das enorm", so Oskar Dierbach.

So hat die Evangelische Altenhilfe Mülheim keine Probleme, Fachkräfte zu finden und zu halten. Angesichts des sich stetig verschärfenden Pflegenotstands sei das eine besondere Leistung, sagte Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann.

Auch der Gesundheitsminister räumte ein, dass Pflegeberufe "als wichtige Profession des Gesundheitssystems attraktiver" gemacht werden müssten und dazu trage das Konzept eindeutig bei. Schon heute fehlen in NRW etwa 10.000 Pflegekräfte.

In der stationären Altenpflege in NRW gibt es bereits jetzt zu wenige Plätze. "Wir brauchen jeden Baustein, der hilft, damit ältere Menschen so lange wie möglich selbstständig leben können", betonte Oskar Dierbach.

ekir.de / Sabine Damaschke, Foto: Hans-Jürgen Bauer/Diakonie RWL / 05.04.2019


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