Logo EKiR

"Die Unvollendete"

Andacht von Superintendent Eckart Wüster

Es gilt das gesprochene Wort!

Im Namen Gottes sind wir hier zusammen.
Gott ist weiter, als wir denken können.
Jesus Christus ist uns vorausgegangen über von Menschen gesetzte Grenzen.
In Gottes Geist überwinden wir, was uns voneinander trennt.
In diesem dreieinigen Gott sind wir bewahrt in alle Ewigkeit. Er lässt nicht los das Werk seiner Hände.
Lied: 681, 1+2
Psalm 27 (EG 778)

Gebet: Lasst uns Gott um seine Nähe und sein Erbarmen bitten.
Gott, immer noch ist das Miteinander von Frauen und Männern gestört. Wir weichen deinem Willen aus, manchmal fühlen wir uns überfordert. Wir verletzen andere. Zeige uns auch weiterhin Wege, das Zusammenle-ben von Männern und Frauen zu stärken und zu fördern. Gott erbarme dich.

Wir bitten Gott um sein Erbarmen. Zugleich dürfen wir dankbar zurück-schauen auf das, was in den letzten 20 Jahren gelungen ist Veränderun-gen und Aufbrüchen Für die Zukunft gilt auch uns Gottes Zusage:
Die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Lied: 681, 3+4

Liebe Schwestern und Brüder!
Die Unvollendete. Als Frau Ludwig mich vor einigen Monaten fragte, ob ich die Andacht am heutigen Tage halten könnte und sie mir dabei das Thema nannte, da war ich erst einmal überrascht.
„Die“ Unvollendete? Und nicht: „der“ Unvollendete? Wer ist denn dann „die“ und wer wäre dann „der“? Mann oder Frau? Oder „die“ Geschlechtergerechtigkeit oder „der“ Prozess, der damals angestoßen, aber bis heute nicht zum Ende gekommen ist? Wer ist denn nun unvoll-endet?

Natürlich fällt einem schnell die eine ganz berühmte Unvollendete ein; die unvollendete Sinfonie von Franz Schubert. Statt der damals für eine Sinfonie üblichen 4 Sätze hat die unvollendete nur 2 Sätze. 1822 hat Schubert sie komponiert, also 6 Jahre vor seinem Tod. Anders als andere Künstler, die durch den Tod an der Weiterarbeit gehindert wurden, hätte Schubert also noch genug Zeit gehabt, um die Sinfonie zu vollenden. Er hat es nicht getan.
Interessant wird es aber erst dann richtig, wenn man bedenkt, dass Schu-bert von seinen insgesamt 12 Sinfonien überhaupt nur 7 zu Ende ge-schrieben hat. Also ist nicht nur eine, sondern sind 5 unvollendet. Und wenn man weiter bedenkt, dass Franz Schubert erst 1827, also ein Jahr vor seinem Tod, sein erstes öffentliches Konzert gegeben hat –
Und weiter: dass seine berühmteste Unvollendete erst 1865 aufgeführt wurde –
Und wenn man weiter bedenkt, dass er mit seinen großen Werken zu Lebzeiten keine große Wirkung erzielt hat – müsste es nicht dann doch besser „der“ Unvollendete heißen?

Dass man nicht fertig ist mit seiner persönlichen Entwicklung, dass wir bei den Aufgaben, die sich uns im Leben stellen, oft das Gefühl hat, man habe sie nicht wirklich beendet – diese Erfahrung kennen wir alle, Frau-en wie Männer. Wir alle sind unvollendet, unvollkommen, fehlerhaft. Unsere Arbeit, gerade unsere Arbeit mit Menschen, sie wird nie fertig. Immer hat man das Gefühl, man könnte doch noch mehr, oder es wäre doch schöner, wenn.
Nicht nur wir Menschen sind unvollendet. Natürlich ist es auch der Pro-zess für mehr Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männer, der in unserer Kirche vor 20 Jahren noch einmal besonders angestoßen wurde, auch dieser Prozess ist noch nicht an sein Ende gekommen.

Kommen wir zurück zu Franz Schuberts Unvollendete. Viele kluge Köp-fe haben sich mit der Frage beschäftigt, warum Schubert die berühmte Sinfonie nicht beendet hat. Fühlte er sich überfordert? War seine ängstli-che Grundhaltung ausschlaggebend dafür, dass die noch zu schreibenden Sätze nicht mehr so gut werden könnten wie die beiden ersten?
Aber es gibt noch eine ganz andere Theorie: Schubert – so lautet sie – wollte nur die beiden Sätze schreiben. Er habe sich musikalisch so ver-ausgabt, dass er mit den beiden Sätzen zufrieden war.

Wenn das zuträfe, dann wäre Schubert eher als revolutionär zu be-zeichnen. Dann wäre er über die damals geltenden Regeln einfach hin-weggesprungen. Dann hätte er eine neue Gattung erfunden: eine 2sätzige Sinfonie.

Das könnte für unsere Arbeit bedeuten, mit dem Erreichten zufrieden zu sein. Aber dieser Meinung wird wohl niemand von uns sein. Das könnte aber auch heißen, sich ermutigen zu lassen, sich über Grenzen hinaus zu wagen. Sich nicht verunsichern zu lassen durch dieses: Das ist schon immer so gewesen. Wo kämen wir da hin? Oder: nun reicht es aber.
So verstanden könnte uns Schubert mit seiner Unvollendeten darin be-stärken, weiter mutige Schritte zu wagen. Ohne im Voraus schon zu wis-sen, was daraus werden wird. So wie es vor 20 Jahren alles andere als vorhersehbar war, wie die Diskussionen in unserer Kirche aufgenommen werden würden und welche Veränderungsprozesse in Gang gesetzt wur-den. Immerhin: bei allem noch Unvollendeten ist einiges erreicht wor-den.

In der Tat: wir alle sind unvollendet. Unsere Arbeit ist unvollendet. Un-sere Fähigkeiten und Möglichkeiten sind begrenzt. Und doch kann man sich auch über Teilergebnisse freuen, so wie sich viele an den beiden Sätzen von Schuberts Unvollendeten erfreuen. Und mit solcher Ermuti-gung im Rücken weiterzumachen, ist allemal einfacher, als wenn diese Ermutigung fehlen würde.

Im NT aber nun setzt Jesus zu diesen Überlegungen einen Kontrapunkt.
Er sagt: Ihr sollt vollkommen sein, wie Gott im Himmel vollkommen ist.
Was denn nun: Unvollendet oder vollkommen? Beides geht ja wohl nicht.
Aber natürlich meint Jesus nicht, dass wir vollkommen sein sollen im Sinne von perfekt, fehlerlos, unantastbar. Er kannte die Menschen seiner Zeit zu genau, um dies so gemeint zu haben.
Ihr sollt vollkommen sein: Jesus sagt dies in der Bergpredigt, als Ab-schluss seiner Rede über die Feindesliebe. (Er hatte sicher nicht eine mögliche Feindschaft zwischen Mann und Frau im Blick.)
Dieser Zusammenhang weist darauf hin, worum es gehen könnte, wenn wir vollkommen sein sollen.
Die Liebe zu unseren Feinden, zu feindlichen Mächten macht uns voll-kommen, macht uns ganz. Jesus sagt: „Geht aufs Ganze. Geht aufs Gan-ze der Liebe. Probt den Ernstfall. Durchbrecht den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, in welcher Form diese auch immer auftreten mag. Dann seid ihr vollkommen, wie Gott im Himmel vollkommen ist.“
In der Liebe zu den Feinden zeigt sich, ob wir bereit sind, Grenzen eben nicht weiter zu befestigen, sondern aufzubrechen. Ob wir bereit sind, den feindseligen Kräften ihre Macht über uns zu nehmen. Wenn wir diesen Weg Jesu mitgehen, dann verbindet er sich mit unserer Unvollkommen-heit.
Dass es bei der Feindesliebe nicht um besondere liebevolle Gefühle geht, möchte ich nur kurz hinzufügen. Es geht um die Bereitschaft zu einer bestimmten Haltung und zu einem bestimmten Handeln. Was ist notwendig zu tun? Das ist die entscheidende Frage. Das betrifft sowohl unser eigenes konkretes Verhalten im persönlichen Miteinander, als auch die Frage nach Strukturen, die uns damals in der Diskussion beschäftigt hat und die uns auch in Zukunft beschäftigen wird. Das kann dann auch bedeuten, dass wir in Zukunft andere Wege gehen, als vor 20 Jahren.

Wir sind unvollendet, aber wenn wir Jesus auf seinem Weg der Liebe folgen, dann kann das Lebensrecht und die Würde aller Menschen zur Geltung kommen.
Seid vollkommen. Das ist die Verheißung, die uns gegeben ist.

Und übrigens: die unvollendete Sinfonie Schuberts, die erst ca. 40 Jahre nach seinem Tod aufgeführt wurde, diese Unvollendete gehört heute zu den meistgespielten Sinfonien weltweit. Das möge dann mit unserer Ar-beit für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern auch gesche-hen: Dass diese Gerechtigkeit selbstverständlich wird und sie gespielt wird auf den Klaviaturen der Gesetze und Verordnungen und Einzug hält in die Konzerte unseres Lebens.
Lied: 677

Gebet
Barmherziger und gnädiger Gott,
Segne uns, segne unser Tun und Lassen, unser Reden und Schweigen. Segne uns, wenn jemand uns braucht, segne uns, wenn wir jemanden brauchen. Segne die Frauen und Männer weltweit, die Unterdrückung und Erniedrigung nicht länger hinnehmen wollen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, auch nach der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.
Segne die Männer und Frauen, die täglich ums Überleben kämpfen müs-sen für sich und ihre Kinder.
Segne die Frauen und Männer, die Verfolgungen, Folter und Todesängs-ten ausgesetzt sind, segne alle in den Kriegsgebieten.
Vaterunser

Segen
Dein Segen, guter Gott, komme zu uns, stärkend und ermutigend, befrei-end und schützend und ziehe uns auf unseren Wegen voran.
So segne und behüte uns Gott, in guten wie in schlechten Tagen, heute und über die Grenzen unserer Zeit hinaus. Amen

ekir.de / 27.04.2010