EKiR-News - Juni 2018 - Ausländerpfarramt - Offene Türen für Flüchtlinge - Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Logo EKiR
Beratung im Ausländerpfarramt, links Pfarrer Siegfried Pick

Pfarrer Siegfried Pick im Gespräch mit Migrantinnen. Die Beratung in Asylverfahren gehört zu den Hilfen, die das Ausländerpfarramt anbietet.

Ausländerpfarramt

Offene Türen für Flüchtlinge

Seit 30 Jahren leitet Pfarrer Siegfried Pick in Bad Kreuznach das einzige Pfarramt für Ausländerarbeit in der rheinischen Kirche. Was als Modellprojekt begann, ist mittlerweile eine Vorzeigeeinrichtung. Ein Interview über Erfolge und Herausforderungen in der Arbeit mit Asylsuchenden.

Herr Pick, im Juni 1988 haben Sie als Pfarrer für Ausländerarbeit im Kirchenkreis An Nahe und Glan Ihre Arbeit begonnen, damals noch als Modellprojekt. Was sehen Sie heute als Ihren größten Erfolg an?

Der größte Erfolg ist, dass wir 30 Jahre lang kontinuierliche Arbeit machen konnten. Als ich angefangen habe, war die Stelle auf fünf Jahre befristet. Der Auftrag der Landeskirche lautete, in den zu Rheinland-Pfalz gehörenden Kirchengemeinden gemeindebezogene Flüchtlingsarbeit zu gestalten. Heute umfasst unser Team 15 Hauptamtliche, 20 Honorarkräfte und rund 150 Ehrenamtliche, die verbindlich mit uns zusammenarbeiten. Wir haben ein Netzwerk von Gemeindegruppen im gesamten Kirchenkreis. Wir sind auch sehr froh, dass die evangelische Kirche immer eine klare Position für die Rechte der Flüchtlinge und das Menschenrecht auf Asyl eingenommen hat. Unsere Arbeit ist Ausdruck dafür. Wir haben eine starke Rückendeckung für das, was wir tun und wofür wir uns engagieren.

Was bietet das einzige Ausländerpfarramt in der rheinischen Kirche heute an Leistungen an?

Flüchtlinge finden eine offene Tür und erhalten ganzheitliche Beratung. Es geht um Orientierung in der neuen Umgebung. Wir beraten im Asylverfahren, bieten Deutsch- und Alphabetisierungskurse, helfen dabei, mit Landsleuten und den deutschen Nachbarn Netzwerke zu knüpfen, vermitteln therapeutische Hilfen, wenn Flüchtlinge psychisch belastet sind. Über ein EU-finanziertes Job-Projekt bringen wir Flüchtlinge in Arbeit. Wir organisieren auch jährlich eine interkulturelle Kinderfreizeit. Ganz wichtig: Das Ausländerpfarramt ist auch Kirchengemeinde. Wir feiern Gottesdienste; wir haben eine relativ stabile Gruppe von Menschen, die getauft werden wollen oder die bereits getauft sind.

Wie hat sich die Arbeit für Migranten und Flüchtlinge in den vergangenen 30 Jahren entwickelt?

Wir haben teilweise seit 30 Jahren dieselben Konflikte. Schon vor 30 Jahren ging es um drohende Abschiebungen in Kriegs- und Krisengebiete, um Beschränkungen des Asylrechtes, um Mauern an den Grenzen Europas. Verändert hat sich, dass wir in dieser Gesellschaft eine starke Willkommenskultur erlebt haben. Noch nie haben sich Menschen in so großer Zahl und in solcher Breite in der Gesellschaft für das Recht der Flüchtlinge eingesetzt.

Wo haben Sie zurückstecken müssen?

Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, die am Ende eines Asylverfahrens in ihr Heimatland zurückkehren mussten und meistens nicht freiwillig. Es gab viele schmerzhafte Abschiede. Es mussten auch Menschen gehen, deren Abschiebung wir nicht verhindern konnten - manchmal einfach durch Behördenfehler, die nicht mehr korrigiert werden konnten.

Wo liegen heute die größten Herausforderungen in der Arbeit mit Migranten?

Wir stoßen heute auf gesetzliche Regelungen, die zunehmend restriktiv sind. Die politische Stimmung ist flüchtlingsfeindlich geworden. Asylentscheidungen werden rigider. Mehr Menschen droht die Abschiebung vor allem im Rahmen der EU-Dublin-Verfahren. Wir erleben seit 2016 eine Fülle von Regelverschärfungen, die Flüchtlingen das Leben schwer machen. Eine Herausforderung ist aber auch, dass sich Europa massiv abschottet. Wir beklagen viele Tote auf der Flucht durchs Mittelmeer oder die Sahara. Wir sehen, dass Europa Deals macht mit den Diktaturen Nordafrikas, etwa mit Libyen oder Eritrea, um Flüchtlinge zu bekämpfen. Das ist fatal.

Wie hat sich das gesellschaftliche Klima in Bezug auf die Flüchtlingsarbeit entwickelt?

Es gibt eine Polarisierung in unserer Gesellschaft. Wir haben in unseren Gemeinden und Initiativen nach wie vor ein sehr stabiles Engagement für Flüchtlinge. Gleichzeitig merken wir, dass eine Stimmung gegen Flüchtlinge Raum greift. Wenn wir auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus als Anti-Abschiebungsindustrie diffamiert werden, ist das schon bitter. Hier wird versucht, mit flüchtlingsfeindlichen und diskriminierenden Parolen rechte Wähler zu vereinnahmen. Das ist brandgefährlich.

Was wünschen Sie sich für die Arbeit des Ausländerpfarramts für die nächsten 30 Jahre?

Ich wünsche mir, dass diese Arbeit weitergeführt wird. Unsere Gesellschaft wird sicher noch lange vor die Herausforderung gestellt bleiben, Flüchtlinge menschlich aufzunehmen und hier zu integrieren. Ich wünsche mir deshalb weiter starke Rückendeckung der Kirchen für Teams wie das Unsere. Ich wünsche mir auch, dass sich weiterhin Menschen aus einer christlichen Grundhaltung heraus für Flüchtlinge engagieren. Und ich wünsche mir, dass es künftig mehr Flüchtlingsgemeinden in unserer Kirche gibt. Die Migration hat sehr viele Menschen aus christlichen Kirchen und eine Fülle neuer Gemeindeformen in unsere Nachbarschaft gebracht, sie könnten unsere Kirche neu beleben.

 

Über die Arbeit im Pfarramt für Ausländerarbeit ist ein Film erschienen. Gedreht hat ihn der Landauer Filmemacher Dr. Paul Schwarz. Der 90-minütige Film auf einer menügesteuerten DVD zeigt die ganze Bandbreite alltäglicher Flüchtlingsarbeit. Die DVD kann gegen eine Spende beim Pfarramt für Ausländerarbeit bestellt werden, E-Mail: s.pick@auslaenderpfarramt.de

 

ekir.de / Ulrike Klös, Foto: Ausländerpfarramt / 12.06.2018


EKiR von A-Z