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Evelyne Will-Müller ist Preybyterin der reformierten Kirchengemeinde Kirchengemeinde Le Bouclier in Straßburg.

Evelyne Will-Müller ist Preybyterin der reformierten Kirchengemeinde Le Bouclier in Straßburg.

Corona-Pandemie: Was die Partnerkirche in Elsass-Lothringen macht

„Wichtig, der Situation mit Demut zu begegnen“

Mit mehr als 2700 Toten zählt Grand Est zu den am stärksten vom Corona-Virus betroffenen Regionen Frankreichs. Mittendrin liegt die reformierte Kirchengemeinde Le Bouclier in Straßburg. Presbyterin Evelyne Will-Muller erzählt vom Gemeindeleben, den Sorgen der Menschen vor Ort, aber auch, was sie persönlich hoffnungsvoll stimmt.

Frau Will-Muller, wie sieht die Situation bei Ihnen aus?

Evelyne Will-Muller: Unsere Kirchengemeinde befindet sich im Krisengebiet Grand Est, eine der am schlimmsten vom Corona-Virus betroffenen Regionen. Die Anzahl der Erkrankten in den Krankenhäusern ist nach wie vor sehr hoch, es gab bereits mehr als 2700 Tote in Grand Est. Allein in den drei Departements Bas-Rhin, Haut-Rhin und Moselle, die das Territorium unserer Kirche bilden, sind es 1700 Tote. Betten mit Beatmungsgeräten sind ausgelastet. Das ist sehr bedrückend. Aber die Solidarität ist auch sehr groß. Andere Regionen Frankreichs, aber auch Deutschland haben Schwerkranke aufgenommen, schnell und unkompliziert geholfen. Da hat die deutsch-französische Freundschaft eine große Rolle gespielt, das möchte ich gerne betonen. Ohnehin passiert viel Positives, auch wenn das in den Medienberichten manchmal nicht so aussieht.

Wie meinen Sie das?

Will-Muller: In den Medien wird natürlich von negativen Erfahrungen beispielsweise in Bezug auf die Grenzschließungen berichtet. Etwa die Belastungen für Pendler oder deutsch-französische Paare. Oder aber von den vereinzelten nationalistischen Beschimpfungen. Natürlich ist es wichtig, diese Themen aufzugreifen. Auch ich habe die Befürchtung, dass nationalistische Haltungen durch Grenzschließungen wieder vermehrt aufkommen und das den Fortschritten in der deutsch-französischen Freundschaft schadet. Die Protestantischen Kirchen in Elsass-Lothringen, Baden, der Pfalz haben darauf auch in einer gemeinsamen Erklärung hingewiesen, der sich auch die rheinische Kirche angeschlossen hat, und betont, dass die Corona-Krise nur grenzüberschreitend überwunden werden kann. Aber bei all dem zeigt sich eben auch viel Positives, ob in kleinen Gesten oder größeren Solidaritätsaktionen. Das kommt manchmal etwas zu kurz in der öffentlichen Wahrnehmung.

Wie wird die Krise denn von den Franzosen wahrgenommen?

Will-Muller: Die Franzosen sind generell ein kritisches Volk. Jetzt gerade hört man oft, dass in Deutschland alles besser ist als bei uns, dass Deutschland die Situation besser im Griff hat. Während Angela Merkel viel Zuspruch erhält, wird unser Präsident, Emmanuel Macron, trotz seinen Bemühungen sehr kritisiert. Da herrscht auch viel Schwarz-Weiß-Malerei. Meiner Meinung nach ist das aber unangebracht. Die Situation ist sehr kompliziert und vielschichtig. Es gibt keine einfache Antwort. Das erkennt aber nicht jeder. Ich denke, es ist wichtig, der Situation mit Demut zu begegnen. Das Corona-Virus ist für alle neu, auch aus medizinischer Sicht ist noch Vieles unbekannt.

Wie wirkt sich die Krise auf das Leben in Ihrer Kirchengemeinde aus?

Will-Muller: In Frankreich herrscht bis zum 11. Mai eine strikte Ausgangssperre, dann erst werden die Maßnahmen schrittweise gelockert. Dementsprechend sind derzeit auch keine Gottesdienste möglich. Wir haben deshalb schnell neue Formen des Zusammenlebens erarbeitet, vor allem digitale Angebote. Jeden Sonntag steht die Predigt auf unserer Homepage bereit, das war aber bereits vor Corona so. Zudem gibt es geistliche Impulse und Andachten per Audio oder Video, auch auf Facebook. Und es gibt Zoom-Treffen. Dabei wird gepredigt, gemeinsam gebetet und die Teilnehmenden können von ihrer Situation berichten. Dieser zwischenmenschliche Kontakt ist sehr wichtig, auch gegen die Einsamkeit. Wer keinen Internetzugang hat, kann sich per Telefon einloggen. Denn natürlich beschäftigt uns auch immer die Frage, wie ältere Menschen erreicht werden können. Deshalb verschicken wir Predigten und Fürbitten analog per Post. Ohnehin bringt die Krise viele Fragen auf, die uns in den Video-Sitzungen im Presbyterium beschäftigen: Wie kann Kirche und Gemeinschaft ohne Gottesdienste und persönliche Kontakte funktionieren? Und wie sieht es mit dem Abendmahl aus? Da ist viel Kreativität gefragt.

Wie werden die digitalen Angebote angenommen?

Will-Muller: Ich habe den Eindruck, dass die Menschen froh darüber sind. Es gibt viele positive Rückmeldungen. Manche freuen sich, sich wenigstens über Zoom sehen zu können. Sehr gut angekommen sind auch Anleitungen für Familiengottesdienste, die wir für Palmsonntag und Ostern verschickt haben. Das ist schön.

In den deutschen Medien werden die digitalen Angebote der Kirchen sehr positiv aufgegriffen. Wie ist das in Frankreich?

Will-Muller: Generell spielen Gottesdienste beziehungsweise die Kirche im Fernsehen eine viel kleinere Rolle als in der Bundesrepublik und wenn, dann vor allem die katholische Kirche. Im Moment ist das erfreulicherweise etwas anders. Im öffentlichen Fernsehen ist jeden Sonntag eine halbe Stunde Sendezeit für die evangelische Kirche reserviert, das sind dann nicht nur Gottesdienste, sondern auch Andachten oder Diskussionen. Sehr positiv war auch, dass im regionalen Fernsehen an Karfreitag eine Stunde lang ein ökumenischer Gottesdienst gezeigt wurde. Das hat es vorher noch nie gegeben. Darüber kann man sich freuen. Man muss aber bei all dem auch bedenken, dass in Frankreich die Trennung von Kirche und Staat durch das Laizitätsgesetz in der Verfassung verankert ist. Wir in Elsass-Lothringen haben jedoch das Glück, dass bei uns eine Ausnahmeregelung – das sogenannte „lokale Recht“ – gilt, das auf ein Konkordat für die katholische Kirche und auf besondere „organische  Artikel“ für die evangelische Kirche zurückgeht. Deshalb sind die Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften und den Gebietskörperschaften bei uns deutlich gelassener als im Rest von Frankreich.

Was denken Sie, wie es in der Krise weitergeht?

Will-Muller: Es herrscht natürlich auch bei uns große Unsicherheit und Ungewissheit, wie alles weitergeht. Normalerweise hätten wir an Pfingsten Konfirmation gefeiert, das wurde nun auf den Herbst verschoben. Wann Gottesdienste wieder stattfinden können, ist ebenfalls noch unklar. Und wenn, stellt sich die Frage nach dem Wie? Wie viele Personen dürfen dabei sein? Und was ist mit den älteren Menschen, die zur Risikogruppe gehören? Ich glaube, es ist im Moment wichtig, von Tag zu Tag zu denken und flexibel zu sein.

Woraus schöpfen Sie in dieser Krise Mut und Hoffnung?

Will-Muller: Für mich bleibt nach wie vor die biblische Botschaft ein wichtiger Anker. Beispielsweise der Vers aus Richter, Kapitel 6, 14, in dem es heißt: „Geh hin in dieser deiner Kraft; du sollst Israel erretten aus den Händen der Midianiter.“ Oder aber aus den Gedanken des 2. Korintherbriefs, Kapitel 12,9: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mir gefällt die Idee dahinter, dass wir selbst in schwierigen Zeiten Kraft aus dem Wort Gottes schöpfen können. Ich erinnere mich dieser Tage auch an die Worte Dietrich Bonhoeffers, der daran geglaubt hat, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“. Mit dem elsässischen Albert Schweizer wissen wir, dass wir verletzliche Wesen sind. Wir können unsere Schwächen nicht ignorieren, aber in ihnen finden wir auch Gnade. Und nicht zuletzt stimmen mich die vielen kleinen und größeren Gesten der Solidarität in und außerhalb der Gemeinde hoffnungsvoll.

Zur Person
Evelyne Will-Muller ist 70 Jahre alt und Presbyterin in der reformierten Kirchengemeinde Le Bouclier in Straßburg. Die Gemeinde gehört zur Union Protestantischer Kirchen von Elsass und Lothringen, einer Partnerkirche der Evangelischen Kirche im Rheinland. Will-Muller ist unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats der theologischen evangelischen Fakultät in Straßburg und Präsidentin des Ausschusses zur Ausbildung der Prädikantinnen und Prädikanten. Zur rheinischen Kirche pflegt sie nach eigenen Worten seit ihrer Teilnahme an der ökumenischen Visite 2015 eine enge Verbindung. Derzeit arbeitet Will-Muller an der Übersetzung des Protokolls der Landessynode 2020 zur Ökumenekonzeption ins Französische.

ekir.de / Andreas Attinger / 30.04.2020


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