Logo EKiR
Das Coronavirus hat auch in Frankreich das Gemeindeleben verändert. Die Gemeinden strengen sich an, damit sich um alle Mitglieder gekümmert wird.   Foto: 123rf.com/Masaaki Abe

Das Coronavirus hat auch in Frankreich das Gemeindeleben verändert. Die Gemeinden strengen sich an, damit sich um alle Mitglieder gekümmert wird. Foto: 123rf.com/Masaaki Abe

Corona-Pandemie: Was die Partnerkirche in Frankreich macht

In der Kirche entstehen Netzwerke der Solidarität

Corona hat auch in Frankreich das Gemeindeleben komplett auf den Kopf gestellt. Wie es den Menschen damit geht und wie sich Gemeinden bemühen, Gemeinschaft zu bewahren, erzählt Claire Sixt-Gateuille im Interview. Die Theologin ist Sekretärin für internationale Beziehungen bei der Vereinten Protestantischen Kirche in Frankreich.

Claire Sixt-Gateuille

Claire Sixt-Gateuille

Frau Sixt-Gateuille, die Corona-Krise hat Frankreich hart getroffen. Wie  geht es den Menschen in Ihrer Kirche?

Zwei Dinge sind für die meisten schwer zu ertragen: die Familie nicht sehen zu dürfen und die ungewisse Zukunft. In den Gebieten, die sehr stark von der Pandemie betroffen sind, ist es zudem der Umgang mit dem Tod.
Viele habe geliebte Menschen verloren und was normalerweise hilft, ist nicht erlaubt: Familienzusammenkünfte, sich mit Freunden oder Nachbarn zu treffen oder einfach nur mal spazieren gehen. Der Trauerprozess ist so viel schwieriger. An Beerdigungen dürfen nur die engsten Angehörigen  teilnehmen und insgesamt nicht mehr als 20 Personen, inklusive Pfarrerinnen und Pfarrer sowie Bestattungspersonal.
Besonders schwer ist auch die Situation für Menschen in Altersheimen. Allerdings sind Besuche von Angehörigen – ohne körperlichen Kontakt – jetzt wieder erlaubt. Das Pflegepersonal hatte beobachtet, dass die Isolation den Bewohnerinnen und Bewohnern so zusetzt, dass sie ihren Lebenswillen verlieren.

Wie sieht Seelsorge jetzt aus?

In Krankenhäusern dürfen Patientinnen und Patienten zumindest noch von den hauptamtlichen Seelsorgern  besucht  werden. In den Gemeinden können die Mitglieder Kontakt zu Pfarrerinnen und Pfarrern sowie zu ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern aufnehmen.
Darüber hinaus hat die Regierung für jede Religionsgemeinschaft eine kostenlose Telefonnummer eingerichtet, die Menschen in geistlicher Not anrufen können. 30 Pfarrerinnen und Pfarrer  nehmen an sechs Tagen in der Woche abwechselnd Anrufe entgegen, vor allem von Menschen, die jemanden verloren haben, aber keine Verbindung zu einer Gemeinde haben und sich aber trotzdem dem Protestantismus verbunden fühlen.

Die Gemeinden müssen mit vielen Einschränkungen leben. Sind die Kirchen alle geschlossen?

Kirchengebäude dürfen bei uns geöffnet bleiben, aber jegliche Versammlung ist verboten. Nach reformierter Theologie macht das Öffnen einer Kirche ohne die Gemeinschaft von Christinnen und Christen aber keinen Sinn. Deshalb bleiben unsere Kirchen zu. Außer solche, in denen es Notausgabestellen für Essen gibt, aber auch nur unter hohen Schutzvorkehrungen und zu bestimmten Zeiten.

Wie kommunizieren die Gemeinden mit ihren Mitgliedern?

Die meisten Gemeinden haben die Kommunikation mit den Gemeindegliedern nach Alter und Lebenssituation organsiert. Teenager und junge Erwachsene werden über Social Media erreicht, berufstätige Erwachsene und Familien mit wenig Freizeit über E-Mails, damit sie sich dann damit beschäftigen können, wenn sie Zeit haben. Für sie gibt es vielerorts aber auch täglich zur selben Zeit Einladungen über WhatsApp zum gemeinsamen Gebet , um so eine virtuelle Gemeinschaft zu schaffen. Ältere Menschen ohne Internetzugang erhalten Anrufe, manchmal auch in Form von Telefonketten. Einige kleinere Gemeinden drucken wöchentlich Briefe und werfen diese bei allen Gemeindemitgliedern in die Briefkästen. Die Art zu kommunizieren hat sich für alle verändert, vor allem für die Pfarrerinnen und Pfarrer.

Inwiefern?

Ihr Schwerpunkt hat sich verschoben, von ihren klassischen Kirchen-Aktivitäten zur Stärkung der Gemeinschaft  zwischen den Menschen, damit alle tatsächlich spüren, dass sie gemeinsam Teil des Leibes Christi sind. Pfarrerinnen und Pfarrer sind jetzt der zentrale Punkt in einem Netzwerk von Menschen, die Zeit und Energie investieren, um sich um andere Menschen zu kümmern. Sie verbringen den Großteil ihrer Zeit damit, diese Netzwerke der Solidarität auszubauen und zu organisieren.  Sie können nun das einfachere Kontakthalten an viel mehr Menschen delegieren und sich selbst  um die Menschen kümmern, die Seelsorge brauchen. Ihre Rolle ist vergleichbar mit einem Dirigenten im Orchester.

Was hat sich im  Gemeindeleben verändert?

Die Gemeindearbeit basiert zurzeit  viel stärker auf der Bibel. In diesen unsicheren Zeiten suchen die Menschen nach Sinn. Sie fragen nach Bibelarbeiten oder Meditationen, sie wollen geistliche Nahrung erhalten, um ihren Glauben zu stärken, ihre Hoffnung zu erneuern und ihre Nächsten zu lieben. Die Bibel ist voll von Geschichten über Menschen, die sich in Krisenzeiten auf Gott verlassen haben. Mit diesen Figuren können sie sich identifizieren, um eigene Antworten auf die schwierigen Fragen dieser Pandemie zu finden. Die Pfarrerinnen und Pfarrer stellen Material  als Texte, Videos oder Audios  zur Verfügung.

Allgemein kann man auch sagen, dass der Lockdown die jeweils in den Gemeinden vorherrschende Situation verstärkt hat: Gemeinden, die eher nach innen gerichtet waren und deren Fokus auf der Fürsorge für ihre Mitglieder  lag, machen das nun in verstärkter Weise. Und Gemeinden, die mehr nach außen gerichtet waren, experimentieren und entwickeln Kommunikationswege über soziale Medien. Gesunde Gemeinden, in denen die Mitglieder eine enge Verbindung zu einander  haben, haben neue Wege gefunden, um miteinander Gottesdienst zu feiern und sich zu unterstützen, während Gemeinden, in denen die Gemeinschaft nicht so innig war, jetzt Schwierigkeiten haben, der geistliche Zufluchtsort zu sein, der sie sein sollten. Die Bischöfe kümmern sich jetzt besonders um diese Gemeinden.

Wie sieht der Sonntagsgottesdienst nun bei Ihnen aus?

Was den Sonntagsgottesdienst angeht, sehe ich zwei verschiedene Modelle. Das erste konzentriert sich auf den Aspekt „gemeinsam Kirche sein“: Gottesdienste werden als Livestream oder Telefonkonferenz organisiert, mit der Möglichkeit, dass die Teilnehmenden während des Gottesdienstes Fürbitten einbringen oder sich zu vorgegeben Zeiten am Gebet beteiligen können. Auch Teile der Liturgie können so von verschiedenen Personen gelesen werden. Bei dem anderen Modell geht es eher um die  Qualität des angebotenen Gottesdienstes: in Textform, aufgezeichnet  als Audio oder Video, ist der Gottesdienst für Gemeindeglieder abrufbar, wann immer sie wollen. Es wird besonders viel Aufmerksamkeit auf die Ästhetik des vermittelten Inhalts gelegt wird und die Qualität der Musik. Beiträge von verschiedenen Personen werden in das Video oder Audio integriert, ein schönes Bild kann Raum schaffen für Stille.

Wie kommen diese Angebote an?

Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer beobachten einen Zuwachs an Menschen, die an den  Video- oder Audiogottesdiensten teilnehmen – es sind viel mehr als sonst. Und die User stellen fest, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiheiten in der Gottesdienstgestaltung haben: Natürlich gibt es Lobpreis, Fürbitten, Bibellesung und Predigt, aber sie erlauben sich, andere  Teile der Liturgie auszulassen. In diesen besonderen Zeiten müssen sie experimentieren  und kreativ sein – auch was Gottesdienstformen angeht - um in Verbindung zu bleiben und gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Was glauben Sie, wie sich die Lage in Frankreich entwickeln wird?  Und welche Rolle spielt die Kirche?

Die  Menschen rechnen in Zukunft  mit einer einfacheren Lebensweise, mit weniger Zeitdruck und mehr Solidarität, mit weniger Konsum und mehr Teilen – viele  erleben das zurzeit ja auch schon durch die Einschränkungen. Wir hören hier und da, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Wird dieses Gefühl nach der Pandemie Frucht tragen? Wird die Kirche  eine Leitungsrolle in einer Gesellschaft haben, der es um die Fürsorge von Menschen geht und weniger um wirtschaftlichen Profit?
Und in den Gemeinden: Werden wir es schaffen, das zu bewahren, was zentral im Herzen unserer Kirche liegt?  Nämlich uns auf die Bibel zu konzentrieren  und auf die Beziehungen zwischen  Menschen und zu Gott? Ich bin mir sicher, dass viele Pfarrerinnen und Pfarrer es gerade sehr genießen, die Kernaufgabe ihrer Mission zu erfüllen und sich wünschen, diesen Impetus zu erhalten, auch weiterhin zu sehen, dass sich die Menschen in ihrem Umfeld so sehr um einander kümmern und sorgen.
Während dieser Pandemie sind die Kirchengemeinden die besten Orte, um sich um Menschen zu kümmern und für sie zu sorgen. Eine der großen Herausforderungen für die Zukunft wird sein, das Netzwerk zwischen den  Gemeinden zu erhalten und  auszubauen und dafür zu sorgen, dass sie nicht eine  Haltung der protestantischen Selbstverwaltung entwickeln.

 

Zur Person: Claire Sixt-Gateuille, geboren 1980, lebt in Paris und ist Sekretärin für internationale Beziehungen bei Eglise Protestante Unie de France (EPUdF), einer Partnerkirche der Evangelischen Kirche im Rheinland.
 

 

ekir.de / Christina Schramm / 27.04.2020


EKiR von A-Z