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Die Bornheimer Theologin Beate Schutte hat sich für ihre Dissertation gezielt mit dem Widerspruch Bonhoeffers gegen die menschenverachtende Ideologie der NS-Zeit und der darauf fußendenen Euthanasie beschäftigt.

Dem Glauben folge Handeln, sagt Dr. Beate Schutte aus dem rheinischen Bornheim. Die Pfarrerin im Ruhestand promovierte über „Der leidende Mensch ist Gottes Ebenbild“, ist Mitglied der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft und des Bonhoeffer-Vereins.

Dissertation

„Ausgrenzen ist nicht christlich“

Ungeachtet seiner Leistungsfähigkeit hat jeder Mensch ein Recht auf Würde und Selbstbestimmung, betont Pfarrerin i.R. Beate Schutte. Für ihre Promotion untersuchte sie Dietrich Bonhoeffers Widerspruch gegen die NS-Ideologie des „unwerten Lebens“ und sagt: „Auch heute müssen wir uns für die Schwachen vehement einsetzen“.

Was fasziniert Sie an dem Theologen Dietrich Bonhoeffer?

Beate Schutte: An seiner Person fasziniert mich seine Geradlinigkeit, mit der er sich für notleidende Menschen eingesetzt hat. So beteiligte er sich 1942 unter anderem am „Unternehmen 7“, das Menschen jüdischer Herkunft zu einer Ausreise in die Schweiz verhalf.

Dietrich Bonhoeffer ist für seine Überzeugung im April 1945 von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet worden. Er hatte sich zuvor gegen die sozialdarwinistische Ideologie seiner Zeit ausgesprochen. An seiner Theologie beeindruckt mich die Konsequenz, mit der er sich als Christ in der Verantwortung für die Armen und Schwachen der Gesellschaft sah.

Dietrich Bonhoeffer betonte unter anderem in seinen Predigten, dass Gott im notleidenden Nächsten präsent sei: „Der leidende Mensch ist Gottes Ebenbild.“ Mit diesem Menschenbild widersprach Bonhoeffer dem Denken und Handeln des NS-Regimes, welches das Bild eines starken und gesunden Menschen vertrat.

Was veranlasste Sie, sich gezielt mit seinem Widerspruch gegen diese menschenverachtende Ideologie und die darauf fußende Euthanasie zu beschäftigen?

Schutte: Die Ideologie der Nationalsozialisten war nicht nur menschenverachtend, sie wurde auch mit ebensolchen Methoden, mit Ermordung und Zwangssterilisation, durchgesetzt.

Das Thema meiner Dissertation ergab sich für mich einmal aufgrund eigener Betroffenheit: Meine Urgroßmutter war an Epilepsie erkrankt und wurde 1941 im Rahmen des Euthanasie-Programms ermordet. Darüber ist in der Familie aus Angst und Scham lange geschwiegen worden. Erst vor einigen Jahren habe ich mich auf die Spuren meiner Urgroßmutter begeben und die Gedenkstätte am Ort ihrer Ermordung im österreichischen Schloss Hartheim bei Linz besucht.

Meine Arbeit erschien im 80. Jahr nach der Ermächtigung zur Euthanasie: 1939 hatte Adolf Hitler in einem vertraulichen Befehl angeordnet, dass „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern“ seien, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“.

Meine Dissertation soll daher außerdem darstellen, wie solch einer Ideologie theologisch widersprochen werden kann, die Menschen in wertvolle und sogenannte „unwerte“ einteilt, und damit über das Lebensrecht von Menschen entscheidet. Denn Ideologien, die Menschen ausgrenzen, breiten sich auch heute wieder aus.

In Ihrer Arbeit gehen Sie dabei auf den Umgang mit dementiell erkrankten Menschen ein, der derzeit von ökonomischen Rahmenbedingungen geprägt ist.

Schutte: Ökonomisches Denken bringt die Gefahr mit sich, der Würde von schwachen, erkrankten und älteren Menschen nicht gerecht zu werden. Die Folgen sind unter anderem zu wenig Fachpersonal, das nicht angemessen bezahlt wird, oder mangelnde Angebote der Betreuung und Begleitung. Doch der Mensch hat einen Wert an sich, unabhängig von dem, was er für die Gesellschaft leisten kann. Das Recht auf Würde, Selbstbestimmung und respektvollen Umgang steht daher auch dementiell erkrankten Menschen zu.

Nicht nur als Christinnen und Christen haben wir dabei die Möglichkeit, den Schwachen eine Stimme zu geben und uns wie Bonhoeffer für ihren Wert einzusetzen, als Dienstgeberin hat Kirche außerdem sogar die Pflicht, sich für sie einzusetzen. Denn wie Bonhoeffers Leben zeigt: Glaube bewahrheitet sich immer in einem konsequenten Handeln. Diakonische Einrichtungen könnten somit bei der Betreuung dementiell erkrankter Menschen nicht nur den vorgeschriebenen Personalschlüssel bieten, sondern dank Spenden und Kirchensteuern sogar noch zusätzliche Fachkräfte bereithalten.

Ist unsere Gesellschaft anfällig für das Ausgrenzen von Menschen?

Schutte: Das befürchte ich, denn ich sehe heutzutage noch in einem anderen gesellschaftlichen Bereich eine menschenverachtende Denkweise: Rechtsextremes Gedankengut, dem Bonhoeffers Widerspruch damals galt, macht sich in Deutschland wieder breit. Dazu gehört der Wunsch, Menschen auszugrenzen, weil sie anders sind, anders aussehen oder eine andere Religion haben.

Hier sind wir meiner Meinung nach als Christinnen und Christen gefragt, deutliche Worte gegen völkisch-rassistisches oder biologisch-rassistisches Denken zu finden. Unser Widerspruch gegen die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Religion und Kultur ist nötig, denn sie stößt leider auch unter Christinnen und Christen auf immer mehr Zustimmung. Wir sollten jedoch in unseren Kirchengemeinden diese Menschen nicht abwerten und isolieren, sondern mit ihnen im Dialog bleiben und dabei deutlich machen: Ausgrenzung ist nicht christlich.

Dazu gehört neben der Gesprächsbereitschaft auch heute noch Mut?

Schutte: Sich gegen rassistisches und menschenverachtendes Gedankengut einzusetzen, ist heute natürlich nicht so riskant wie zu Bonhoeffers Zeiten. Doch ja, es erfordert auch derzeit Mut. Denn Menschen, die sich für Ausgegrenzte engagieren, werden vor allem in den Sozialen Medien bedroht, beschimpft und eingeschüchtert. Dennoch ist dieses Engagement unsere Pflicht, wie es Dietrich Bonhoeffer in seiner Predigt 1934 in London betonte: „Das Christentum steht und fällt mit seinem revolutionären Protest gegen Gewalt, Willkür und Machtstolz und mit seiner Verteidigung der Schwachen.“

Dissertation: „Der leidende Mensch ist Gottes Ebenbild“, Dietrich Bonhoeffers Widerspruch gegen den Sozialdarwinismus und seine Relevanz für den Lebensschutz und die Selbstbestimmung von Menschen mit Demenz, Beate M. Schutte, Shaker Verlag, 2019. ISBN 978-3-8440-6855-9, 49,80 Euro

ekir.de / Sabine Eisenhauer, Foto: Meike Böschemeyer / 09.01.2020


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