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Christoph Urban ist Journalist und rheinischer Pfarrer. Seine Doktorarbeit zum Thema Fundamentalismus ist jetzt als Buch erschienen.

Christoph Urban ist Journalist und rheinischer Pfarrer. Seine Doktorarbeit zum Thema Fundamentalismus ist jetzt als Buch erschienen.

Essay

Fundamentalismus – worüber reden wir?

Die evangelische Kirche und Theologie kann dem Fundamentalismus nur etwas entgegensetzen, wenn sie lernt, differenziert von ihm zu sprechen, schreibt Pfarrer Christoph Urban in einem Gastbeitrag.

Der Begriff des Fundamentalismus hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Ursprünglich bezeichnet er streng-konservative Protestanten in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Ajatollah Chomeini 1979 den Schah von Persien stürzt, wenden Beobachter das Schlagwort Fundamentalismus auf einen islamistischen Zusammenhang an. Seitdem nutzen Forscher, Politiker und Feuilletonisten den Begriff, wenn Religion gefährlich wird. Darüber ist der Fundamentalismus zu einem Container geworden, in dem vieles seinen Platz findet: Gewaltbereite Gotteskrieger, militante Abtreibungsgegner, bibelgläubige Kreationisten. Dass sich damit eine Unordnung im Gebrauch des Begriffes eingestellt hat, liegt auf der Hand.

Die ersten Fundamentalisten waren Anhänger eines Endzeitglaubens

Die ersten Fundamentalisten waren Anhänger eines in den Vereinigten Staaten und Großbritannien verbreiteten Endzeitglaubens (Millenarismus) am Ende des 19. Jahrhunderts. Die amerikanische Öffentlichkeit wird in den 1920er Jahren auf den Fundamentalismus aufmerksam, als er sich medienwirksam an der Evolutionslehre von Charles Darwin abarbeitet. Später geht er in einer breiten politisch-religiösen Bewegung auf, der Neuen Christlichen Rechten. Seitdem beeinflusst er in unterschiedlicher Intensität die amerikanische Politik, insbesondere unter republikanischen Präsidenten (Ronald Reagan, George W. Bush, mit Einschränkungen Donald Trump).

Weit über diesen protestantischen Ursprung hinaus kommt der Begriff Fundamentalismus hierzulande mit der Islamischen Revolution von 1979 in Mode. In der Folge wird er auf zahlreiche politische und unpolitische Phänomene angewandt, bei denen sich Religion gefährlich engstirnig zeigt - von A wie Al-Qaida bis Z wie Zeugen Jehovas.

Fundamentalistische Phänomene stehen in drei großen Zusammenhängen

Daher muss man einiges auseinanderhalten bei der Betrachtung fundamentalistischer Phänomene. Ich schlage in meinem Fundamentalismusbuch vor, drei große Zusammenhänge getrennt zu betrachten. In einem modernitätstheoretischen Zusammenhang steht Fundamentalismus für Formen von rückwärtsgewandter Religion. Darunter fällt zum einen die sogenannte Wiederkehr der Religion in globalen Konflikten, oft in Form von religiösem Terrorismus oder Gewalt. Im Hintergrund stehen die Thesen vom Kampf der Kulturen des amerikanischen Politikwissenschaftlers und -beraters Samuel P. Huntington.

Zum anderen der religiös-weltanschauliche Pluralismus westlicher Gesellschaften und der Kampf von Fundamentalisten, die alle gesellschaftlichen Teilbereiche wie das Recht oder die Bildung unter das Joch der Religion zwingen wollen. Letztlich die allzu einfachen Erklärungen von Fundamentalisten auf die Sinnkrisen, die der moderne Individualismus in der Tat hervorruft.

In einem bibelhermeneutischen Zusammenhang benennt Fundamentalismus verschiedene Lehren, die einer wissenschaftlichen Prüfung und aufgeklärten Auslegung der Heiligen Schrift nicht standhalten können. Dabei kommen vor allem drei Lieblingsthemen des Fundamentalismus in den Blick. Erstens die Verbalinspiration, mit welcher der Fundamentalismus den Text der Bibel für unfehlbar erklärt und die historisch-kritische Exegese ablehnt. Zweitens der Kreationismus, der vehement behauptet, dass die Welt wirklich in sechs Tagen geschaffen wurde und eine Evolution leugnet. Drittens der Prämillenarismus, der ein nahes Weltende erwartet und einen Krieg im Nahen Osten herbeisehnt, weil das zur Apokalypse im biblischen Sinne gehört.

An welchen Stellen Kirche Fundamentalismus begegnen muss

In einem kirchenpolitischen Zusammenhang werden die in Teilen extremen Partner der evangelischen Kirche mit Fundamentalismus in Verbindung gebracht. Dazu gehört der Evangelikalismus, der auf besondere Weise in die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eingebunden ist. Die Pfingstbewegung, die einen direkten Draht zum Heiligen Geist vorgibt und den Gläubigen mitunter Krebsheilung und Reichtum verspricht. Der Islamismus, von dem man sich mit aller Klarheit distanziert, während man sich für gute Nachbarschaft mit der Breite der Muslime in Deutschland ausspricht.

Damit ist benannt, an welchen Stellen dem Fundamentalismus begegnet werden muss. Meines Erachtens ist es innerhalb eines modernisierungstheoretischen Zusammenhanges vorrangig, darüber zu reflektieren, welchen Beitrag Religionen für Krieg und Frieden leisten und leisten können. Im bibelhermeneutischen Zusammenhang besteht die primäre Herausforderung, hermeneutisch und fundamentaltheologisch fundiert zu beschreiben, auf welche Fundamente der Glaube gegenwärtig konkret begründet werden kann. Für den kirchenpolitischen Zusammenhang wäre es insbesondere angezeigt, der dringend notwendigen kirchlichen Verhältnisbestimmung gegenüber dem Islam in Deutschland weitere theologische Substanz zuzuführen.

Zur Person
Christoph Urban, Jahrgang 1978, ist Theologe, Journalist, Pfarrer und Landessynodaler der Evangelischen Kirche im Rheinland. Fundamentalismus ist Thema seiner Doktorarbeit, die kürzlich als Buch erschienen ist.

Christoph Urban: Fundamentalismus. Ein Abgrenzungsbegriff in religionspolitischen Debatten, Wiesbaden 2019, Springer VS, 234 Seiten, Hardcover: 59,99 Euro, eBook: 46,99 Euro

ekir.de / 02.10.2019


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