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Kinderzeichnung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt.

Kinderzeichnung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt.

Gedenken Reichspogromnacht

„Wer gegen Juden hetzt, kann kein Christ sein“

Mit Gedichten und jüdischen Liedern eröffnet die Evangelische Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath am Vorabend des Pogromnacht-Gedenkens, eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt. Eine von vielen Initiativen der Gemeinde gegen das Vergessen.

Dass am Vorabend des Pogromnacht-Gedenkens in der Solinger Christuskirche diese Bilder zu sehen, diese Lieder und Gedichte zu hören sind, ist für Pastorin Petra Schelkes „eine Herzensangelegenheit“. Der wieder erstarkte Antisemitismus und die Hetze seitens der Populisten bereitet ihr große Sorgen. „Als Christen sind wir besonders gefordert, rechtzeitig hinzusehen und nicht zu schweigen, wenn unsere jüdischen Geschwister angefeindet werden“, sagt die 52-Jährige.

Bereits vor einem Jahr hat Schelkes mit dem „Elf-Uhr-Team“ der Rupelrather Gemeinde deutlich Stellung bezogen: Der Gottesdienst mit dem Thema „Klare Kante gegen Antisemitismus – was es bedeutet, dass Christen einem Juden folgen“ wurde von rund 250 Menschen besucht. Darunter war auch Leonid Goldberg, der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bergisch Land. „Wir sitzen noch nicht auf gepackten Koffern, aber wir haben die Koffer schon gekauft“, erklärte der Träger des Bundesverdienstkreuzes damals.

Mehr als 100 Interessierte beim Rundgang zu den Stätten der Reichspogromnacht

Auch etliche Rupelrather Gemeindemitglieder (Mitte: Pastorin Petra Schelkes mit Schild) schlossen sich im Oktober nach dem mörderischen Anschlag auf die Synagoge in Halle einer Kundgebung vor dem Solinger Rathaus an.

Auch etliche Rupelrather Gemeindemitglieder (Mitte: Pastorin Petra Schelkes mit Schild) schlossen sich im Oktober nach dem mörderischen Anschlag auf die Synagoge in Halle einer Kundgebung vor dem Solinger Rathaus an.

Mehr als 100 Interessierte der Rupelrather Kirchengemeinde wurden in den folgenden Wochen von Goldberg durch „seine“ Synagoge in Wuppertal-Barmen geführt. Ebenso viele nahmen an einem Rundgang zu den Stätten der Reichspogromnacht in Solingen teil, zu der Daniela Tobias vom „Unterstützerkreis Stolpersteine“ auch in diesem Jahr wieder einlädt.

„Mit Entsetzen“ habe sie vor wenigen Wochen die Nachricht vom Angriff auf die Synagoge in Halle vernommen – und sofort an Leonid Goldberg geschrieben, erinnert sich Pastorin Schelkes. „Ich habe ihm, auch im Namen unserer Gemeinde, mein Mitgefühl und unsere Solidarität bekundet.“ Rund 30 Gemeindemitglieder folgten ihrem Aufruf, sich am nächsten Tag bei einer Kundgebung am Rathaus einzufinden, wo rund 400 Menschen das Banner „Solingen gegen Antisemitismus“ unterschrieben.

„Wer gegen Juden hetzt, kann kein Christ sein“, findet die Pastorin – und weiß sich mit dieser Position in ihrer Gemeinde nicht allein. Für viele sei es „selbstverständlich, uns an die Seite unserer jüdischen Geschwister zu stellen und ihnen zu zeigen, dass wir nicht wegsehen werden, wenn wieder gehetzt wird“. Auch die Veranstaltung am heutigen Abend „Einen Schmetterling habe ich hier nicht gesehen“ sei eine Initiative gegen das Vergessen.

4000 Zeichnungen und Bilder von Kindern, entstanden zwischen 1941 und 1945

Auslöser war die Reise eines Rupelrather Ehepaares nach Theresienstadt. Heinz und Brigitte Siering sind in Solingen nicht nur durch ihre Swing-Combo „Bobcats“, sondern auch durch ihr vielfältiges gesellschaftspolitisches Engagement bekannt. In der Gedenkstätte des Konzentrationslagers 60 Kilometer nördlich von Prag sind über 4000 Zeichnungen und Bilder von Kindern entstanden, die zwischen 1941 und 1945 in dem vermeintlichen „Vorzeige-Lager“ interniert waren. Die meisten der 15.000 Kinder wurden von Theresienstadt aus in die Gaskammern von Auschwitz deportiert.

Ihnen ein Gesicht und ihren Namen zurückzugeben, ist ein Anliegen der Ausstellung, die am heutigen Freitag um 19 Uhr in der Solinger Christuskirche an der Opladener Straße 5-7  eröffnet wird. Mit drei Musiker-Kollegen interpretieren Heinz und Brigitte Siering zudem Lieder jüdischer Komponisten. Und Petra Schelkes rezitiert nicht nur Gedichte von Kindern aus Theresienstadt, sondern stellt auch die deutsch-tschechische Schriftstellerin Ilse Weber vor, deren Biografie „Wann wohl das Leid ein Ende hat“ exemplarisch ist für den Schrecken und das Leid, das über jüdische Familien gekommen ist.

Während der ältere Sohn Hanus rechtzeitig mit dem Kindertransport nach England und später nach Schweden emigrieren konnte, wurden die Webers mit dem jüngeren Sohn Tomas 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Ilse als Kinderkrankenschwester arbeitete. Ihre kleinen Patienten begleitete sie mit ihrem zehnjährigen Sohn Tommy am 6. Oktober 1944 in die Gaskammer von Auschwitz.

Rechtzeitig hinsehen und nicht schweigen, wenn Menschen angefeindet werden

Gezeigt werden überdies Ausschnitte aus dem zynischen NS-Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“, an deren Kulissen Ilses Mann Willi Weber mitbauen musste. Kontrastiert werden die gestellten Szenen spielender Kinder sowie sportlich und kulturell aktiver KZ-Insassen mit tatsächlichen – heimlich gefilmten – Einblicken in den Alltag des vermeintlichen Muster-Lagers, in dem quälender Hunger, sadistische Folter und willkürliche Morde an der Tagesordnung waren.

Ein Film, der wie Gedichte, Lieder und Bilder emotional berühren soll. Petra Schelkes: „Durch die Erinnerung an die Dimension des Verbrechens und das menschliche Leid wollen wir bewusst machen, dass es Zeit ist, dieses Mal rechtzeitig hinzusehen und nicht zu schweigen, wenn unsere Nachbarn und Mitbürger angefeindet werden.“ Egal, ob sie jüdisch, geflüchtet oder anders „anders“ sind.

ekir.de / Text und Foto: Stefanie Mergehenn / 08.11.2019


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