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"Die Unvollendete"

Grußwort von Vizepräses Petra Bosse-Huber

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich grüße Sie herzlich im Namen der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Die Einladung zum heutigen Tag war sehr musikalisch gestimmt, in Bild und Wort, und sprach von Takten und Tonarten und legte schon im Titel eine Bewertung der Prozesse der letzten zwanzig Jahre fest: „Die Unvollendete“.

In meinem Ohr klingen zu diesem Thema zwei Pop-Songs aus neuerer Zeit. Zum einen höre ich Herbert Grönemeyer singen: „Es könnte alles so einfach sein - isses aber nicht!“
und zum anderen höre ich Xavier Naidoo mit einer der Hymnen der letzten Fußball-WM der Männer: „Dieser Weg wird kein leichter sein; dieser Weg wird steinig und schwer.“

Viele von uns hier gehen diesen steinigen und schweren Weg seit Jahren, schon seit Jahrzehnten. Viele hier haben die Evangelische Kirche im Rheinland auf dem Weg hin zur Gerechtigkeit für Frauen und Männer begleitet, synodale Prozesse unterstützt und sich für deren Umsetzung auf verschiedenen Ebenen der kirchlichen Arbeit eingesetzt -
sei es in Presbyterien und Kreissynoden, in der Frauen- und Männerarbeit in Gemeinden und Kirchenkreisen, in den Verbänden, in den landeskirchlichen Einrichtungen oder in der Frauen- und Genderforschung in den Hochschulen.

Xavier Naidoos Lied geht weiter: „Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr.“
Auch diese Erfahrung kennen viele von uns: Dass die Diskussion über die damals so genannte „Frauenfrage“ die Gemüter von Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft erhitzte, dass sie spaltete und dass frau als „Emanze“ in etlichen Gruppen und Gremien mit vielen uneins war.
Aber daneben: „dieses Leben bietet so viel mehr“ - der steinige und harte Weg mit dem Ziel der Gerechtigkeit für Männer und Frauen brachte nicht nur Kampf und Verdruss, sondern setzte unwahrscheinlich viel Kraft und Kreativität frei.
Auf diesem Weg gab es dann doch so viele Gleichgesinnte und Mitwandernde. Es wurden neue Sprach- und Lebensformen eingeübt, neue Lieder gesungen, in neuen oder wieder entdeckten Formen Gottesdienst gefeiert, gebetet und getanzt.
Es wurde hart gerungen um theologische Erkenntnisse, um Gottesbilder und Bibeltexte - und das, was errungen wurde, war oft tieferes Verständnis, größere Integration, Aushalten von Spannungen und dort, wo auch tiefe Verletzungen bearbeitet werden konnten, irgendwann Heilung.

Viel hat sich bewegt in der deutschen Gesellschaft und im deutschen Protestantismus in den letzten 100 Jahren, seit der ersten Frauenbewegung um die Jahrhundertwende und der zweiten Frauenbewegung in den 60er und 70er Jahren.
Viel hat sich verändert dank der Anstöße, die durch die Ökumenische Dekade zur Solidarität mit den Frauen (1988-1998), durch die Erhebung „Was Frauen in der Kirche bewegt“ und die EKD-Synode in Bad Krozingen 1989 auch unsere Landeskirche in Bewegung gesetzt haben.
Eine ausführliche Würdigung der Entwicklungen, die angestoßen wurden, hören wir gleich von Herrn Potthoff.

In den 80er Jahren ging es darum, die Rolle der Frauen in Kirche und Theologie wahrzunehmen und die Forderungen nach „voller Teilhabe der Frauen an allen Diensten und Ämtern der Kirche und nach gleichberechtigter Teilhabe von Frauen und Männern am Ehrenamt“ zu formulieren und durchzusetzen. (zweiter Teil des Satzes Zitat aus der EKD-Auswertung der Dekade in Solidarität mit den Frauen)

In den 90er Jahren ergab sich, auch im Zusammenhang mit neuen Ansätzen in der soziologischen und theologischen Feminismus-Diskussion, eine Öffnung hin zu der Frage nach Männerarbeit und Männerforschung und zur Entwicklung von Gender-Forschung.
Die Erkenntnis begann sich durchzusetzen, dass traditionelle patriarchial geprägte Strukturen im privaten und politischen Umfeld nicht nur Mädchen und Frauen in ihrer Entwicklung und Selbstbestimmung beschränken, sondern auch Jungen und Männer.
In vielen Gebieten stehen wir sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche noch am Anfang damit, diese Erkenntnis umzusetzen und daraus strukturelle und praktische Konsequenzen zu ziehen.

In der Genderarbeit ist es notwendig, sowohl geschlechtsspezifisch zu arbeiten als auch integrativ.
Viele Themen in der Männer-, Frauen- und Genderarbeit brauchen sowohl die differenzierende Analyse und Wertschätzung geschlechtsspezifischer Erfahrungen als auch die Infragestellung und Dekonstruktion überkommener Muster und Rollen, um dann gemeinsam neue Strukturen und Handlungsweisen zu entwickeln.
Zu diesen Themen gehören für mich insbesondere „Theologie und Spiritualität“ und „Erziehung und Bildung“, aber auch genderspezifische Fragestellungen in Seelsorge und Diakonie. Von großer Wichtigkeit ist die Genderperspektive ebenso in der Diskussion um das Pfarrbild wie in den Fragen von Qualitätsentwicklung, Personalmix, Leitung und Konfliktmanagement in der Kirche.

Neben den Errungenschaften der letzten drei Jahrzehnte gibt es gerade im gesamtgesellschaftlichen Kontext, aber auch in der evangelischen Kirche die Beobachtung, dass es zu einer Stagnation auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit gekommen ist oder sogar zu dem Phänomen, das im Englischen als „back lash“, als Rückschlag bezeichnet wird.
Aus kirchenleitender Sicht gibt es die Notwendigkeit, den Weg zur Geschlechtergerechtigkeit weiter zu gehen und der Rücknahme von Errungenschaften zu wehren.
Schritte auf diesem Weg betreffen sowohl innerkirchliche Überlegungen als auch das kirchliche Engagement in der Gesellschaft.
Nur ein paar wichtige Themenfelder möchte ich hier nennen:

Ist die Forderung nach voller Teilhabe von Frauen an allen Diensten und Ämtern der Kirche erfüllt worden, z.B. auch die Forderung der EKD-Synode von Bad Krozingen nach einem Frauenanteil von 40% auch in den höheren und höchsten Leitungsämtern der Kirche?
Und wie sieht es mit der gerechten Teilhabe von Frauen und Männern am Ehrenamt aus?

Beide Themen haben nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine gesellschaftspolitische Dimension, nämlich in der Frage nach der geschlechtsspezifischen Verteilung von Erwerbsarbeit und Familienarbeit und den zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, sich ehrenamtlich und bürgerschaftlich zu engagieren.
Auch innerkirchlich ist damit das Verhältnis beruflicher und nebenamtlicher Arbeit angesprochen ebenso wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

Unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtergerechtigkeit muss die Kirche fragen, inwiefern Armut und Reichtum in unserem Land auch geschlechtsspezifisch verteilt sind, wie es sein kann, dass Kinder für junge Paare und Alleinerziehende zum Armutsrisiko werden und warum Altersarmut überwiegend ein weibliches Gesicht hat.
Diese strukturelle Analyse wird sich dann auch auf unser Engagement im ökumenischen und globalen Kontext ausdehnen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitwandernde,
ich wünsche uns eine gute Zeit im Rückblick auf den Weg, den wir schon gegangen sind, und im Vorblick auf die Ziele, die noch auf uns warten.
Vielen Dank.

ekir.de / 27.04.2010